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Aus der Praxis

Beziehung und Kooperation: Das A und O

Preisträgerprojekt „Schule ist Lebenswelt“ im MIXED UP Wettbewerb 2022, Stuttgarter Jugendhaus Gesellschaft (stjg), Stuttgart

21.10.22

Aufwachsen bedeutet mehr als Lesen, Schreiben und Rechnen lernen. Der Ganztag an der Altenburg-Gemeinschaftsschule in Stuttgart-Hallschlag versteht sich als Lebensraum. Und zu dem gehören auch viele Partner aus dem Stadtteil.

Von Kristina Simons

Mathias Klotzbücher kennt den Stuttgarter Stadtteil Hallschlag wie seine Westentasche. Der 54-Jährige wohnt schon fast sein ganzes Leben lang hier und ist deshalb gut vernetzt. Für die Stuttgarter Jugendhaus Gesellschaft, einen freien Träger der offenen Kinder- und Jugendarbeit, koordiniert er als pädagogische Fachkraft das Ganztagsangebot an der Altenburg-Gemeinschaftsschule in Hallschlag. Mathias Klotzbücher ist vor mehr als 40 Jahren selbst auf diese Schule gegangen, damals im Halbtag. Das teilgebundene Ganztagsangebot gibt es für die Primarstufe erst seit dem Schuljahr 2013/2014. Ein Jahr später wurde die Schule dann zur Gemeinschaftsschule für die Klassen 1 bis 10. Es gibt momentan in jedem Jahrgang drei Ganztagsklassen und eine Halbtagsklasse im Primarbereich und zweizügig im Sekundarbereich.

Die jungen Menschen verbringen hier bis zu zehn Stunden. Diese können nicht nur mit Unterrichtsstoff gefüllt sein. Deshalb integrieren wir in den Alltag sportliche, künstlerische und soziale Angebote, die die Schüler*innen auf ihr Leben vorbereiten sollen.

Mathias Klotzbücher

Herausforderndes Umfeld

„Ich weiß um die Probleme der Kinder und Jugendlichen, die hier leben“, sagt der Pädagoge. Hallschlag war noch vor einigen Jahren ein sozialer Brennpunkt, im Zuge des Programms Soziale Stadt hat sich inzwischen einiges verändert. Doch das soziale Umfeld ist nach wie vor herausfordernd und viele Kinder und Jugendliche dort haben es in ihrem Leben nicht einfach. Mit ihrem gemeinsamen Ganztagskonzept wollen Stuttgarter Jugendhaus Gesellschaft und Schule gerade Kindern aus bildungsfernen Familien ein längeres Lernangebot anbieten und ihnen darüber hinaus außerhalb der Schule sinnvolle Beschäftigungsmöglichkeiten aufzeigen. Mathias Klotzbücher und Silke Scheunemann sind mit 18 weiteren pädagogischen Fachkräften für Konzeption und Umsetzung des Ganztags an der Altenburg-Schule verantwortlich. „Schule ist Lebenswelt“ ist ihr Motto. „Die jungen Menschen verbringen hier bis zu zehn Stunden. Diese können nicht nur mit Unterrichtsstoff gefüllt sein. Deshalb integrieren wir in den Alltag sportliche, künstlerische und soziale Angebote, die die Schüler*innen auf ihr Leben vorbereiten sollen“, betont Mathias Klotzbücher, der als Mitarbeiter der Stuttgarter Jugendhaus Gesellschaft zudem weiß, wie notwendig es ist, Kindern und Jugendlichen lebensweltbezogene Angebote zu unterbreiten. „Uns ist wichtig, zusammen mit der Schule und den außerschulischen Partnern aus dem Sozialraum der Kinder und Jugendlichen einen abwechslungsreichen, spannenden und rhythmisierten Ganztag zu gestalten.“ Das alles gehe nur gemeinsam und lebe maßgeblich durch die hervorragende Arbeit aller Kooperationspartner.

Gut vernetzt

Drei- bis viermal in der Woche nutzen die Kinder und ein- bis zweimal die Jugendlichen vor- oder nachmittags für jeweils eineinhalb Stunden die Bildungsangebote: Je ein Semester bzw. Trimester lang spielen sie Theater, machen Musik, nehmen an Graffiti- oder Skate-Workshops teil, üben bestimmte Sportarten. Zwischendurch besuchen sie Abenteuerspielplätze oder lernen einfach den Stadtteil kennen. „Wir nehmen den Kindern und Jugendlichen durch den Ganztag einen Teil ihrer Freiheit und wollen ihnen so ein Stück davon wieder zurückgeben“, sagt Mathias Klotzbücher. Um ihnen diese Vielfalt anbieten zu können, hat die Stuttgarter Jugendhaus Gesellschaft sukzessive ein breites Netzwerk an Kooperationspartnern aufgebaut. Mit dabei sind z. B. das Theaterhaus Stuttgart, die Jugendkunstschule Stuttgart, das Junge Ensemble Stuttgart, die Mobile Jugendarbeit Hallschlag und zwei Sportvereine. So haben Leute vom Theaterhaus ein Jahr lang wöchentlich mit 15 Schüler*innen ein Stück geprobt, das diese dann mehrfach unter großem Applaus im Theaterhaus aufgeführt haben. Eine freie Künstlerin hat zusammen mit Schüler*innen eine Wohnung in einem Haus gestaltet, das später abgerissen werden sollte. Aus einem Zimmer haben sie einen Comic-Raum gemacht, in einem anderen ging es um das Thema „Arm und Reich“.

Dass Mathias Klotzbücher so stark in Hallschlag verwurzelt ist, hat beim Aufbau des Netzwerks geholfen. „Es ist nicht immer so leicht, außerschulische Partner zu finden, die bereit sind und außerdem die Ressourcen und das Know-how haben, um eineinhalb Stunden in der Woche mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten.“ Das Team der Stuttgarter Jugendhaus Gesellschaft bereitet sie deshalb immer gut vor und zumindest in der Anfangsphase ist eine pädagogische Fachkraft in dieser Zeit dabei. Denn neben den eigenen Bildungsangeboten, die sie unterbreiten, managen und moderieren sie auch das Ganze und vermitteln in Konflikten. „Man kann nicht einfach einen Verein oder einen freien Künstler mit 15 Kindern und Jugendlichen ins kalte Wasser werfen“, weiß Mathias Klotzbücher. „Es schreien auch nicht immer alle gleich Hurra, wenn sie zum Themenunterricht kommen. Sie verbinden ihn automatisch mit Schule und manche würden in der Zeit vielleicht lieber am Handy rumdaddeln.“

Verbindung zum Alltag

Dass viele Angebote an Bildungsorten außerhalb der Schule stattfinden, schlägt eine Brücke in den Alltag der Schüler*innen. „Sie können den Sozialraum erkunden, begreifen und erfahren“, erläutert Mathias Klotzbücher. Für die jüngeren Kinder sei besonders wichtig, dass sie auf diese Weise den Stadtteil und Orte kennenlernen, wo sie am Wochenende oder in den Ferien hingehen können, z. B. zum Abenteuerspielplatz. „In den Ferien fahren wir mit ihnen auch mal nach Stuttgart rein, besuchen das Alte Schloss, gehen in Oper oder Theater, auf den Fernsehturm, zum Klettern oder auf die Eisbahn. Viele der 1.- bis 4.-Klässler waren bis dahin noch nie in der Stuttgarter City“, berichtet der Pädagoge. Für die älteren Schüler*innen sei beispielsweise der Kontakt zu den Jugendhäusern und der mobilen Jugendarbeit wichtig. „Die können mitunter besser auf die oder den Einzelne*n eingehen als wir, die wir ja immer viele Schüler*innen gleichzeitig um uns haben. Hier können die Jugendlichen auch Bewerbungen schreiben oder persönliche Probleme in den Familien besprechen.“

Sowohl bei ihren eigenen Angeboten als auch bei denen der Kooperationspartner gehe es darum, mit den Kindern und Jugendlichen in Kontakt zu kommen. „Beziehungsarbeit ist für uns das A und O“, betont Mathias Klotzbücher, und weiter: „Keine Erziehung ohne Beziehung und keine Bildung ohne Bindung.“

Interessen und Talente entdecken

Die Vielfalt an Angeboten soll es den Kindern und Jugendlichen der Altenburg-Gemeinschaftsschule ermöglichen, ihre Interessen und ihre Begabungen kennenzulernen. Die wenigsten von ihnen hätten sonst die Möglichkeit, sich am Cello oder an der Trompete zu versuchen oder ganz verschiedene Sportarten auszuprobieren. „Manchmal ist das ein Anstoß und außerhalb der Schule machen sie dann weiter“, sagt Mathias Klotzbücher und erzählt von einem Schüler, der mit Wasserball angefangen hat und heute in der Jugendnationalmannschaft spielt. „Die Angebote sollen die Kinder auf ihr Leben vorbereiten. Schule allein reicht dafür nicht aus“, ist Mathias Klotzbücher überzeugt. „Wenn sie später wissen, wo ihre Interessen und Talente liegen, wenn sie selbst reflektieren können, in welche Richtung es für sie gehen soll, dann ist das Lernen im Ganztag gelungen.“

„Schule ist Lebenswelt“ ist Preisträger im MIXED UP Wettbewerb für kreative Kooperationen 2022 in der Kategorie „Kooperation und Sozialraum“.

Die MIXED UP Jury ist beeindruckt:

Zusammenarbeit wird hier großgeschrieben: Entstanden ist ein großes Netzwerk, das dauerhaft, spartenübergreifend und nachhaltig miteinander arbeitet. Die gemeinsame Konzeption ist grundlegend, gefolgt von einer kontinuierlichen Prozessbegleitung, um die gemeinsame Arbeit zu reflektieren und anzupassen. Durch die Zusammenarbeit können formale, non-formale und informelle Angebote über den Tag gestaltet und verbunden werden. Schule gehört zur Lebenswelt und gleichzeitig wird diese erweitert: Vieles findet an dritten Bildungsorten statt und schlägt somit besondere Brücken in den Alltag der jungen Menschen. Alle Angebote entstehen aus der Perspektive von Kindern und Jugendlichen, die explizit als Mitgestalter*innen und Expert*innen einbezogen sind.

MIXED UP Jury

Der MIXED UP Preis wird seit 2005 gemeinsam vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung ausgelobt. Er zeichnet kreative Projekte und regelmäßige Angebote Kultureller Bildung für Kinder und Jugendliche aus, die durch ein Kooperationsteam umgesetzt werden. Kulturelle Bildungseinrichtungen, Schulen, Kulturinstitutionen, Kindertagesstätten, Jugendgruppen, Künstler*innen, Kulturvereine, Elterninitiativen, Kommunalverwaltungen etc. eröffnen zusammen Räume oder finden neue Wege, um sich mit den Fragen und Interessen der jungen Generation auseinanderzusetzen. Der Wettbewerb zeigt damit auch, wie Kunst, Kultur, Spiel oder Medien das kinder- und jugendgerechte Aufwachsen unterstützen. Dotiert ist der Preis mit einem Preisgeld in Höhe von je 5.000 Euro. www.mixed-up-wettbewerb.de

Zitiervorschlag

BKJ: Beziehung und Kooperation: Das A und O
https://www.bkj.de/bildungslandschaften-und-kultur/wissensbasis/beitrag/beziehung-und-kooperation-das-a-und-o-1/
Remscheid und Berlin, .

  • Diversität
  • Schule
  • Geflüchtete

BKJ-Inhalt

Typo: 367

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