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Aus der Praxis

„Wir sind alle gleich anders und sehr besonders“

Ein Freiwilligendienst im Zirkus

19.12.19

In ihrem Freiwilligendienst ist Soledad Trainerin und Teil des inklusiven Leitungsteams im Zentrum für bewegte Kunst (ZBK) in Berlin. Diabolo, Rola-Bola, Trapez und Akrobatik hat sie sich angeeignet in den letzten acht Jahren als Artistin im Circus Sonnenstich.

In ihrer ehemaligen Grundschule leitet Soledad in ihrem Freiwilligendienst gemeinsam mit ihrem Kollegen Jannick Golm und Trainer*innen des Zentrums für bewegte Kunst einen Zirkuskurs für Schüler*innen. Soledad lebt mit einer Trisomie 21, wie die meisten der Artist*innen im Circus Sonnenstich. Dass sie nicht nur auf der Bühne steht, sondern auch anleitet, andere trainiert und das Drumherum mitorganisiert, ist Teil der „inklusiven Lebensidee“ des ZBK. Es bietet den Rahmen, in dem alle Beteiligten für sich künstlerische Formen des Lebens und Arbeitens sowie gesellschaftliche Wirksamkeit erfahren können.

Freiwilligendienst für alle!

Für die Tätigkeit im Zentrum für bewegte Kunst, bei Weiterbildungen, die Soledad mit begleitet oder bei den Bildungstagen während des Freiwilligendienstes braucht Soledad eine Arbeitsassistenz. Diese begleitet sie beispielweise auf den teils langen Wegen zu Bildungsseminaren während des BFD. Bisher wurden Soledad und ihrer Familie aber keine finanziellen Mittel bewilligt. Das für Freiwilligendienste und freiwilliges Engagement zuständige Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) wies die Forderung mit dem Hinweis auf fehlende Mittel zurück. Ob eine Assistenzleistung im Freiwilligendienst gefördert wird, ist immer noch eine Einzelfallentscheidung. Unglaublich, aber wahr: Die Zuständigkeiten sind nicht eindeutig geklärt. Solange das so bleibt, tragen oft Familienmitglieder, die Trägerorganisationen oder Einsatzstellen die Kosten. Im Fall von Soledad haben sich Eltern, Spender*innen und das ZBK organisiert, um die Arbeitsassistenz bezahlen zu können.

Michael Pigl-Andrees vom ZBK steht in engem Austausch mit dem Freiwilligendienst-Träger, dem Bund Deutscher Amateurtheater e. V. (BDAT). Gemeinsam machen sie immer wieder bei Ministerien und Ämtern auf diese unzureichende Situation aufmerksam und setzen sich für die Teilhabe aller Menschen an einem Freiwilligendienst ein.

Warum das Zentrum für bewegte Kunst mit dem Circus Sonnenstich und der Freiwilligendienst für Soledad wichtig sind erzählt sie im Interview mit Michael Pigl-Andrees, Gründer des Circus Sonnenstich und Co-Leiter des Zentrums für bewegte Kunst e. V.

Stolz, Können, Lernen, Bundesfreiwilligendienst und Ziele

1. Stolz

Es macht mich stolz, dass ich Zirkus mache. Es macht mich stolz, weil ich mit meinem Körper viele gute Sachen machen kann. Und ich kann bei allen Dingen immer besser werden. Deswegen bin ich auch in der Ausbildung beim ZBK.
Was mich besonders stolz macht ist: Dass ich ganz viel Geduld haben kann und dass ich sehr hilfsbereit sein kann. Und Durchhaltevermögen habe. Das gehört ja auch dazu: Nicht aufgeben. Immer weitermachen.

Das gehört ja auch dazu: Nicht aufgeben. Immer weitermachen.

Soledad, Freiwillige im Zentrum für bewegte Kunst

2. Können

Mein Körper macht alles mit. Ich habe Schwung und Kraft für Akrobatik und Trapez.
Ich übe. Mit meiner Gelenkigkeit und Kraft. Und Entspannungsmomenten. Also, dass ich immer locker bleibe. Und einatme und ausatme. Aber man braucht auch logisches Denken. Das habe ich mit meinem Körper gelernt. Und das hilft.

Wichtig ist immer, Fragen zu stellen. Auch wenn man schon Artist ist. Ich bin das ja schon seit acht Jahren. Auch als Trainerin ist es wichtig, Fragen zu stellen. Ich will das gut schaffen. Es gibt gewisse Sachen, wie die Artisten umgehen sollen. Miteinander. Ich suche dafür Unterstützung bei anderen Trainern. Viele Kinder und Jugendliche nehmen schon gut an, wenn ich Tipps gebe. Was sie besser machen können. Ich schaue mir das auch von anderen Trainern ab. Ich schaue genau, wie sie alles erklären. Ich brauche das für alles, was im Zirkus wichtig ist.

3. Lernen

Ich lerne im Zirkus die Techniken. Mut ist auch wichtig. Mut habe ich dazu gelernt. Durch meine Beweglichkeit ist mein Mut größer geworden. Wenn ich etwas noch nicht kann, übe ich solange, bis ich es kann. Leicht ist das bei Diabolo und Rola-Bola. Schwerer war für mich Kugel und Akrobatik.

Ich begleite auch gerne andere Artisten bei Tricks. Das muss man alles sehr gut erklären. Und dass man weiß, wie man bei Bewegungen Verbesserungsvorschläge machen kann. Und auch die Körper von anderen Personen gut begleiten. Bei Tricks. Ich fühle mich durch die Ausbildung schon viel sicherer.

Was ich noch lerne?

Gefühle zeigen. Den Personen gegenüber, die ich gut begleite. Durch meine Ausbildung funktioniert das jetzt. Super. Die Ausstrahlung gibt es und Körperkontrolle.
Körperkontrolle ist auch Kopfsache. Der Kopf steuert ja den Körper. Also kein Stress. Lass es raus vor allem. Immer wieder ein- und ausatmen. Und weiter machen. Man braucht auch Selbstvertrauen. Das kommt von der Zeit. Und man braucht auch Kraft. Und wissen wie man das macht. Logisches Denken. Mein Körper hat das Wissen bekommen. Von Menschen gegenüber. Und das habe ich angenommen. Total.

Organisation ist meine Stärke. Es gibt ja gefährliche Bewegungen im Zirkus. Da muss man verantwortlich sein für die Sicherheit. Bei den Übungen. Man muss viele Dinge besprechen.

Soledad, Freiwillige im Zentrum für bewegte Kunst

4. Arbeit / Bundesfreiwilligendienst

Man muss da sehr ernst sein vor den Kollegen. Und auch lachen und witzig sein. Lachen ist ja sehr gesund. Das ist ja dann logisch, dass das dazu gehört. Und witzig sein. Und mit den Artisten mitspielen. Einfach mitspielen.

Ernst gehört einfach dazu. Und einen genauen Plan machen. So lerne ich das in der Ausbildung. Organisation ist meine Stärke. Es gibt ja gefährliche Bewegungen im Zirkus. Da muss man verantwortlich sein für die Sicherheit. Bei den Übungen. Man muss viele Dinge besprechen.

Wichtig ist: Einfach mitspielen und mitmachen, was die anderen machen. Und unterstützen. Wir sind alle gleich anders und sehr besonders. Und haben auch Schwierigkeiten. Das muss man alles sehr gut verstehen und nachvollziehen. Konflikte gehören auch einfach dazu. Und Schwierigkeiten, wenn man was noch nicht schafft. Oder kann. Das haben alle.

Man muss auch laut sein und streng. Liebevolle Strenge. So sagt man das. Man ist lieb und ist auch streng. Weil alle die Regeln beachten müssen. Und die Regeln auch verstehen können. Das braucht man für die Sicherheit. Und für gut Lernen.

5. Ziele

Mein Ziel für die Zukunft ist: Ich möchte sehr Vieles schaffen. Für Diabolo. Rola-Bola, Kugel. Akrobatik und Handstand. Ich habe Durchhaltekraft. Hilfsbereitschaft. Und Geduld. Schnelligkeit. Ausdauer. Sprungkraft. Und Gelenkigkeit. Das hilft mir um das alles zu schaffen.

Tanzen ist ja meine neue Leidenschaft. Die ist ja durch den Zirkus entstanden. Ich erfinde immer neue Bewegungen. In alle Richtungen. Zum Boden und zum Himmel. Das Tolle ist ja: Tanzen ist mit den Gefühlen verbunden. Wenn man tanzt, dann tanzt man alle Gefühle. Wie Traurigkeit, Glück und Schwerelosigkeit.

Radio Eins sprach mit Soledad und ihrer Mutter über die Hindernisse auf dem Weg zur Ausbildung und zu einer Assistenzleistung während des Freiwilligendienstes. Die Sendung vom 8. Januar 2019 nachhören in der Mediathek des RBB.

Mehr über die Freiwilligendienste Kultur und Bildung auf der Website erfahren.

Das „IN.ZIRQUE – Netzwerk Zukunft“ vom Zentrum für bewegte Kunst e. V., an dem sich Soledad in ihrem Freiwilligendienst beteiligt hat, ist eines von acht Praxisprojekten, die erproben, wie Kulturelle Bildung einen Beitrag dazu leisten kann, das gesellschaftliche Zusammenleben für alle Menschen ohne Ausgrenzungen und Diskriminierungen zu gestalten und die von der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ) über zwei Jahre im Rahmen des „Innovationsfonds Kulturelle Bildung – Inklusion“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und
Jugend (BMFSFJ) fachlich begleitet wurden. Die Praxiserfahrungen bei „IN.ZIRQUE – Netzwerk Zukunft“, u. a. aus dem Freiwilligendienst von Soledad, sind in der Studie „Kinder- und Jugendkulturarbeit inklusiv. Praxis, Reflexion, Haltungen“ der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung e. V. (BKJ) aufgearbeitet:

 

Zitiervorschlag

BKJ: „Wir sind alle gleich anders und sehr besonders“
https://www.bkj.de/weitere-themen/wissensbasis/beitrag/wir-sind-alle-gleich-anders-und-sehr-besonders/
Remscheid und Berlin, .

Soledad macht ihren Freiwilligendienst über den Träger und BKJ-Mitglied:

Bund Deutscher Amateurtheater

Der Bund Deutscher Amateurtheater (BDAT) vertritt als öffentlich anerkannter und geförderter Dachverband das deutsche Amateurtheater auf nationaler und internationaler Ebene in Kunst, Kultur, Politik und Gesellschaft. Der BDAT versteht sich als Repräsentant und Förderer der vielfältigen Ausdrucksformen der Darstellenden Künste und seiner unterschiedlichen Zielgruppen.

Den Mitgliedsverbänden und angeschlossenen Mitgliedsbühnen werden zahlreiche Fort- und Weiterbildungsprogramme, ein breites Serviceangebot sowie Fördermöglichkeiten für internationale Spielbegegnungen im In- und Ausland offeriert. Der BDAT ist Träger des BFD Kultur.

Kontakt

Bund Deutscher Amateurtheater
Bundesgeschäftsstelle
Lützowplatz 9
10785 Berlin
Telefon +49 (0) 30 - 26 39 859 - 0
Fax +49 (0) 30 - 26 39 859 - 19
Mail berlin(at)bdat.info
Web www.bdat.info

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