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Aus der Praxis

Mehr als nur eine Finanzspritze

Projekt „Kulturpass Stuttgart“, KUBI-S Netzwerk Kulturelle Bildung Stuttgart/Kulturamt, Landeshauptstadt Stuttgart

06.01.23

2023 bekommen alle 16-Jährigen in Stuttgart einmalig einen Kulturpass mit 100 Euro Guthaben für Kulturangebote. Die Idee, Kultur für junge Menschen mit dem Kulturpass zugänglicher zu machen, entwickelte ein Team Jugendlicher im Alter von 14 bis 19 Jahren – das Kulturpass-Team.

Von Georgia Rauer

Jugendliche hält Kulturpass Stuttgart

Eine kommunale Idee, ein Beschluss des Gemeinderats und die Umsetzung entwickelt von Jugendlichen: So wurde der Kulturpass Stuttgart mit 100 Euro Guthaben möglich. Darüber können sich zunächst Jugendliche in Stuttgart freuen, die 2023 ihren 16. Geburtstag feiern. Zwei Jahre haben sie dann Zeit, das Geld für Theater, Kino, Konzerte und Museen auszugeben oder auch Bücher zu kaufen. Rund 80 kulturelle Einrichtungen werden den Kulturpass akzeptieren. „Das Geld soll es Jugendlichen ermöglichen, Kultur auch außerhalb von Familie und Schule zu erleben“, sagt die Projektmanagerin Rosalie Möller von KUBI-S, Netzwerk Kulturelle Bildung Stuttgart. „Gleichzeitig wollen wir die Stuttgarter Kunst- und Kulturszene anregen, Angebote für junge Menschen zu entwickeln und sie stärker in die Stuttgarter Kulturlandschaft zu integrieren.“ 

Das Geld soll es Jugendlichen ermöglichen, Kultur auch außerhalb von Familie und Schule zu erleben. Gleichzeitig wollen wir die Stuttgarter Kunst- und Kulturszene anregen, Angebote für junge Menschen zu entwickeln und sie stärker in die Stuttgarter Kulturlandschaft zu integrieren.

Rosalie Möller, KUBI-S Netzwerk Kulturelle Bildung Stuttgart

Kulturelle Angebote für Jugendliche ausbauen

Denn in Stuttgart – wie auch in vielen anderen Städten – gibt es zwar zahlreiche Angebote für Kinder und für Erwachsene. Aber Jugendliche fallen häufig durchs Raster. Hier sieht Rosalie Möller die Chance, dass die Kultureinrichtungen durch den Kulturpass aufmerksam werden, Jugendliche stärker wahrnehmen und neue Angebote für sie entwickeln. Letzten Endes wird der Kulturpass mehr als nur eine Finanzspritze sein. Nach den Vorstellungen des Kulturpass-Teams soll er auch Angebote schaffen und als Plattform darüber informieren, was wo stattfindet – gerne auch kostenlos. Dem Netzwerk Kulturelle Bildung war es insbesondere wichtig, dass Jugendliche von Anfang einbezogen sind und mitbestimmen.

150 Jugendliche stimmten ab, was Kultur für sie bedeutet

In diesem Sinne lud KUBI-S junge Menschen zu einer Online-Befragung ein. 150 folgten einem Aufruf über Schulen, Jugendeinrichtungen und soziale Medien und gaben unter anderem Rückmeldung darüber, was Kultur für sie bedeutet und welche Barrieren sie bisher davon abhalten, Kulturangebote zu nutzen. Das Ergebnis: Der Kulturbegriff ist offen und das Verständnis von Kultur vielfältig – wie die Jugendlichen selbst. Die Vorstellung, was Kultur ist, reicht von Theater, Oper und Ballett bis hin zum Gaming. Diese Ergebnisse spiegelten sich auch in der Diskussion mit dem Kulturpass-Team wider. Besonders wichtig war allen Beteiligten, dass die Angebote des Kulturpasses den Bedürfnissen möglichst vieler Jugendlichen gerecht werden sollten. Egal ob laut oder leise, mit Freund*innen oder alleine, ob Konzertbesuch oder mit Pinsel und Farben zuhause kreativ sein – all das kann Kultur sein. 

Seit Oktober 2022 treffen sich Stuttgarter Jugendliche im Alter von 14 bis 19 Jahren und arbeiten intensiv daran, den Kulturpass 2023  zu realisieren. „Spannenderweise waren auch die klassischen Kulturangebote Oper und Ballett im Kulturpass-Team besonders wichtig“, sagt Rosalie Möller. Sie wurden im Vergleich zu anderen Angeboten aber als zu teuer empfunden – was nicht immer stimmt. Gerade das Argument aber greift nun der Kulturpass auf: Denn er soll nicht nur finanziell helfen, sondern zugleich vernetzen und darüber informieren, welche Angebote es für Jugendliche gibt und wo und wann man günstig Tickets bekommt. Gleichzeitig zeichnete sich ab, dass die Teilnehmer*innen ein großes Interesse daran haben, die lokale Kultureinrichtungen und -akteur*innen zu fördern.

Kollaborative Zusammenarbeit

Alle zwei bis drei Wochen traf sich das Team zuletzt in mehrstündigen Workshops. Die Teilnehmer*innen verständigten sich darauf, bei diesen Treffen sensibel für die Interessen möglichst vieler Jugendlichen in Stuttgart zu sein und reflektiert zu entscheiden. Die Jugendlichen haben unter anderem darüber gesprochen, welche Orte, Anbieter*innen und Angebote unbedingt beim Kulturpass dabei sein sollten. 

Sie sprachen über gute und schlechte Erfahrungen und entwickelten einen Bewerbungsbogen für die sogenannten Akzeptanzstellen, also für Kulturorte und -akteur*innen, die den Kulturpass als Zahlungsmittel akzeptieren. Darin fragen sie, was die Einrichtungen jungen Menschen bieten, wie zugänglich sie sind, was die Tickets kosten und ob es auch kostenfreie Angebote gibt.

Bis Mitte Januar 2023 läuft das Bewerbungsverfahren, an dem sich Kultureinrichtungen beteiligen können. Aus den Bewerbungen wählen die Jugendlichen dann für die Pilotphase 80 Einrichtungen aus. KUBI-S wird die Akzeptanzstellen des Kulturpasses nicht nur technisch ausstatten, sondern möchte diese auch dabei unterstützen, neue Angebote für junge Menschen zu entwickeln. Außerdem wird das Netzwerk alle Einrichtungen und Angebote über die Kanäle des Kulturpasses bewerben. Das bietet den Kulturorten auch die Möglichkeit, sich miteinander auszutauschen und zu vernetzen. 

Mitten im Prozess

Wie geht es weiter? „Wir befinden uns mitten im Prozess. Aktuell arbeiten wir an der technischen und organisatorischen Umsetzung“, so die Projektmanagerin. Alle in Stuttgart gemeldeten Jugendlichen, die 2023 16 Jahre alt werden, erhalten den Kulturpass als Scheckkarte, die mit 100 Euro aufgeladen ist, per Post. Geplanter Start ist April 2023 – ab diesem Zeitpunkt wird es dann möglich sein, mit dieser Karte bei den ausgewählten Akzeptanzstellen zu bezahlen und sich auf der Website des Kulturpasses über alle Angebote zu informieren. Auch das Kulturpass-Team arbeitet weiter und beschäftigt sich bis zur Einführung des Kulturpasses neben der Auswahl der Akzeptanzstellen auch mit der Entwicklung eigener Veranstaltungsformate, Werbemaßnahmen oder der Produktion von Erklärvideos.

„Wir sind gespannt wie der Kulturpass von den Jugendlichen aus Stuttgart genutzt werden wird und sind natürlich auch nach April offen für Rückmeldungen und Ideen der Nutzer*innen. Schon jetzt freuen wir uns über die positive Resonanz aus dem Bereich der Jugendarbeit und von Kulturakteur*innen. Wir sind davon überzeugt, dass der Stuttgarter Kulturpass und die Beteiligung Jugendlicher an seiner Konzeption eine große Chance darstellt, Jugendliche neugierig zu machen und sie dabei zu unterstützen Kultur auf ihre eigene Art und Weise zu nutzen und zu entdecken.“

Das Projekt „Kulturpass Stuttgart“ ist eines von vier Modellvorhaben im Rahmen von „KulturKarte: Gemeinsam Zugänge für junge Menschen öffnen“ der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ). Es wird gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen der Jugendstrategie der Bundesregierung – Nationaler Aktionsplan für Kinder- und Jugendbeteiligung. www.bkj.de/kulturkarte

(c) (BKJ-Standard für geschütze WB-Inhalte)

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Zitiervorschlag

BKJ: Mehr als nur eine Finanzspritze
https://www.bkj.de/weitere-themen/wissensbasis/beitrag/mehr-als-nur-eine-finanzspritze/
Remscheid und Berlin, .

Typo: 276

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