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Aus der Praxis

Geschichte trifft Kunst – ein Jugendwettbewerb gegen das Vergessen

„Für die Menschlichkeit/Widerstand im Harz“, Jugendforum Quedlinburg, Quedlinburg, Preisträger im Wettbewerb „Remember Resistance 33-45“ 2022 der Gedenkstätte Deutscher Widerstand und Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V.

03.01.23

Erinnern, aber wie? Collagen, kurze Videos, Zeichnungen – alles war möglich, Hauptsache in 2D. Die besten Beiträge sollen als Public Art an öffentlichen Orten Deutschlands an die Widerstandskämpfer*innen erinnern.

Von Dijana Kolak

Wie kann an Widerstandskämpferinnen im Nationalsozialismus erinnert werden? Die Gedenkstätte Deutscher Widerstand und der Verein „Gegen Vergessen – Für Demokratie“ ermutigten mit ihrem Jugendwettbewerb „Remember Resistance 33-45“ Jugendliche, sich künstlerisch mit Widerstandskämpferinnen in der Zeit des Nationalsozialismus auseinanderzusetzen. „Mit der historisch-politischen und kulturellen Idee hinter dem Wettbewerb konnten wir zahlreiche junge Menschen erreichen, die aktiv einen Teil zur Erinnerungskultur beigetragen haben“, reflektiert die Projektkoordinatorin Marie Basalla von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Trotz erschwerter Bedingungen durch die Corona-Pandemie nahmen 450 Jugendliche teil, die fast 70 Beiträge einreichten. Die prämierten Beiträge sind in der Online-Ausstellung des Wettbewerbs abrufbar.

Ausgezeichnet wurde auch das Video „Für die Menschlichkeit/Widerstand im Harz“ von Adele Probst, Guste Kühne, Klara Neubert, Lisa Lemke, Lucas Habenreich, Merle Kasper, Mia Weberling und Rosa Möhrens − einer Gruppe Jugendlicher aus Quedlinburg (Sachsen-Anhalt). 

Uns war schnell klar, dass wir eine Person nehmen wollen, die hier im Harz Widerstand geleistet hat und somit etwas für unsere Gegend zu schaffen.

Lucas Habenreich


Auf den Wettbewerb aufmerksam geworden sind sie durch den Newsletter der Landesvereinigung kulturelle Kinder- und Jugendbildung Sachsen-Anhalt: „Ich habe letztes Jahr ein FSJ gemacht und dadurch den Newsletter abonniert, in dem ein paar Projekte vorgestellt werden, so auch der Wettbewerb Remember Resistance. Ich dachte, das passt ziemlich gut zu uns“, erzählt die 20-jährige Mia Weberling. Die Gruppe kannte sich schon, bereits 2019 gründete sie gemeinsam mit der Initiative „Demokratie leben“ ein Jugendforum in Quedlinburg und organisierte ehrenamtlich verschiedene Führungen über das jüdische Leben in ihrer Heimat.

Das „Mysterium“ August Wolf

„Uns war schnell klar, dass wir eine Person nehmen wollen, die hier im Harz Widerstand geleistet hat, um somit etwas für unsere Gegend zu schaffen“, erzählt Lucas Habenreich. Durch eine Recherche sind sie auf August Wolf gestoßen. August Wolf war Sozialist und Buchdrucker in Harzgerode, der gemeinsam mit anderen Mitgliedern der Widerstandsgruppe „Waldemar“ Flugblätter druckte. Am 08. März 1945 starb er im Alter von 56 Jahren im Gefängnis von Harzgerode unter ungeklärten Umständen.

Obwohl er nahe an ihrem Heimatort gewirkt hat, war den Jugendlichen der Name kein Begriff. Auch im Internet fanden sie nur wenige und teils widersprüchliche Informationen. In der DDR war eine Straße in Quedlinburg nach ihm benannt, später wurde diese aber wieder umbenannt. „All das hat unser Interesse geweckt. Wir wollten dieses Mysterium um August Wolf lüften“, so Lucas Habenreich. Für die weitere Recherche traten sie in Kontakt mit dem Kultur- und Heimatbund Harzgerode. Harald Koch, der Vorsitzende des Vereins, führte sie durch das erhaltene Gefängnis in Harzgerode, in dem August Wolf gestorben ist. Außerdem konnten sie archivierte Zeitungsartikel lesen, sich Bildmaterial anschauen und das Grab besuchen. „Der Heimatverein hat uns sehr unterstützt! Danach hatten wir alles, was wir brauchten, um mit dem künstlerischen Teil zu starten“, so Adele Probst. 

Die künstlerische Umsetzung

Zwei Monate lang beschäftigten sich die Jugendlichen intensiv mit ihrem Projekt. Wöchentlich trafen sie sich in der Lyonel-Feininger-Galerie Quedlinburg, die ihnen das Arbeitsmaterial zur Verfügung stellte.
„Wir haben uns darauf geeinigt, dass wir verschiedene Drucktechniken verwenden, da August Wolf Buchdrucker war und somit mit verschiedensten Drucktechniken vertraut war. Daher finden sich in unserem Kunstwerk Techniken wie der Linolschnitt, die Kaltnadelradierung und die Monotypie. Unser Kunstwerk soll die verschiedenen Facetten seines Schicksals, aber auch seines Widerstandes widerspiegeln“, schreiben die Jugendlichen in ihrem Arbeitsbericht, in dem sie die Auswahl des Widerstandskämpfers und ihr künstlerisches Vorgehen der Jury begründen. Entstanden ist ein Video mit dem Titel „Für die Menschlichkeit/Widerstand im Harz“, das die Biografie Wolfs mit den einzelnen Kunstwerken der Jugendgruppe nacherzählt. 

Geschichte selbst schreiben 

Von dem Wettbewerb nehmen die Jugendlichen viel mit: „Ich fand die Arbeit an unserem Projekt sehr interessant, vor allem, weil im Unterricht oftmals der lokale Bezug fehlt, über die NS-Diktatur wird eher allgemein gesprochen. Wir haben dann gesehen, dass sich auch hier Geschichte abgespielt hat. Irgendwie war mir das auch bewusst, aber erst mit dem Projekt konnte ich das realisieren“, reflektiert Mia Weberling. Besonders beeindruckt hat Teilnehmerin Guste Kühne, wie sich aus einer anfänglichen Internetrecherche ein fertiges und prämiertes Kunstprojekt entwickelt hat.

„Dieses Abstrakte und das Gefühl, dass der Widerstand weit weg ist, hat uns der Wettbewerb genommen. Vorher fehlte der örtliche Bezug oder etwas Persönliches, womit man relaten kann. In der eigenen Stadt war eine Straße, die nach August Wolf benannt wurde und zwei Orte weiter hat sich alles abgespielt. Das macht einem bewusst, dass der Nationalsozialismus und der Kampf dagegen auch in der eigenen Heimat stattgefunden hat“, findet Lucas Habenreich.

In unserem Kunstwerk finden sich Techniken wie der Linolschnitt, die Kaltnadelradierung und die Monotypie. Unser Kunstwerk soll die verschiedenen Facetten seines Schicksals, aber auch seines Widerstandes widerspiegeln.

Aus dem Arbeitsbericht der Jugendgruppe

Auch die Projektkoordinatorin Marie Basalla zieht ein positives Fazit aus der ersten Wettbewerbsrunde: „Uns hat die Vielfalt der eingereichten Beiträge überrascht: Die Jugendlichen haben verschiedene – meist regionale – Widerstandskämpfer*innen ausgewählt und haben sich mit verschiedenen künstlerischen Methoden mit dem Wirken der Personen auseinandergesetzt. Wie viel sie dabei teilweise über ihre eigene Stadt gelernt haben, hat mich sehr berührt.“ Ob es weitere Wettbewerbsrunden geben wird, sei noch nicht abschließend geklärt. Die vergangene Wettbewerbsrunde wurde vom Bundesprogramm „Jugend erinnert“ der Staatsministerin für Kultur und Medien gefördert.

Ein erfolgreicher Jugendwettbewerb geht zu Ende. Doch für die Gewinnergruppen geht die Arbeit weiter: Das Preisgeld in Höhe von 4.500 Euro steht bereit, damit sie ihre Werke in die Öffentlichkeit bringen. Die Gruppe aus Quedlinburg will eine Art Gedenkstätte in Harzgerode errichten, damit August Wolfs Schicksal in Erinnerung gerufen wird: „Für uns steht fest, dass wir mit dem Heimatverein zusammenarbeiten wollen und aus dem Gefängnis, einen Ort des Erinnerns schaffen wollen,“ erzählt Mia Weberling. 

Zitiervorschlag

BKJ: Geschichte trifft Kunst – ein Jugendwettbewerb gegen das Vergessen
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Remscheid und Berlin, .

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