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  5. Freiwilligendienste als Orte politischer Bildung

Position

Freiwilligendienste als Orte politischer Bildung

Erkenntnisse aus dem 16. Kinder und Jugendbericht

26.03.21

Welche Potenziale haben Freiwilligendienste als demokratische Übungsräume? Der 16. Kinder- und Jugendbericht befasst sich mit der demokratischen Bildung im Kindes- und Jugendalter. Ein ganzes Kapitel ist den Freiwilligendiensten gewidmet und zeigt damit ihre Bedeutung für die politische Bildung.

von: Jens Maedler und Dr.in Julia Schlicht

Jens Maedler leitet den Fachbereich Freiwilliges Engagement und Ehrenamt bei der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ) und ist freiberuflich als Supervisor unterwegs.

Dr.in Julia Schlicht ist Referentin für den Bundesfreiwilligendienst beim Paritätischen Gesamtverband. Ihre Dissertation schrieb sie über Einflussfaktoren des freiwilligen Engagements.

Freiwilligendienste seien ein wichtiger „Ermöglichungsraum für politische Bildung“ (Deutscher Bundestag 2020: 458). An dieser Aussage wird ihre Bedeutung für die politische Bildung deutlich.

Nachfolgend wird skizziert, was Freiwilligendienste sind und welches Verständnis die verbandlichen Freiwilligendienstakteure von politischer Bildung haben. Danach geht der Beitrag auf das Demokratieverständnis des Kinder- und Jugendberichts ein und nennt Konsequenzen für die praktische Umsetzung der Freiwilligendienste.

1. Politische Bildung und die Bedeutung für Freiwilligendienste im Verständnis der Verbände

Die Freiwilligendienste, das sind hier das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) und der Bundesfreiwilligendienst (BFD), sind ein Bildungs- und Orientierungsangebot, in dem Freiwilligen in gemeinwohlorientierten Einrichtungen Übungs- und Tätigkeitsfelder eröffnet werden. Der spezifische Kontext der Freiwilligendienste in Verbindung von praktischem Einsatz in einer Einrichtung und der pädagogischen Begleitung durch Freiwilligendienst-Träger eignet sich in besonderer Weise für politische Bildung (AWO 2013).

In den Bildungstagen wird mit den Freiwilligen der praktische Einsatz reflektiert und in Zusammenhang mit gesellschaftlichen Fragen kontextualisiert. So können Fragen aufgegriffen werden, die durch ihren praktischen Bezug direkt an die Lebens- und Erfahrungswelten junger Menschen anknüpfen. Politische Bildung in den pädagogischen Begleitangeboten ist also immer eng verzahnt mit der Persönlichkeitsbildung und der Lebensweltorientierung. Sie findet explizit statt oder wird als Querschnittsthema im Kontext prozesshafter Demokratiebildung integriert. Freiwillige werden für politische Fragen und Zusammenhänge sensibilisiert, im Prozess der eigenen Meinungsbildung ermutigt und unterstützt, bekommen verschiedene politische Beteiligungs- und Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt und werden zu aktiver Mitgestaltung ihres Dienstes angeregt (AWO 2020, Paritätischer Gesamtverband 2017: 1).

Unter politischer Bildung verstehen die verbandlichen Anbieter von Freiwilligendiensten somit nicht nur das explizit als „politisch“ firmierende Bildungsangebot, sondern diejenigen Bildungsprozesse, die dazu dienen, dass Freiwillige Wissen über politische Strukturen, gesellschaftliche Prozesse und sozioökonomische Entwicklungen erwerben und die Zusammenhänge zwischen diesen drei Ebenen erkennen. „Ziel der politischen Bildung in Freiwilligendiensten ist die Analysefähigkeit (verstehen), die Urteilsfähigkeit (eine eigene Meinung bilden) und die Mündigkeit (Verantwortung übernehmen).“ (AWO 2020: 8). Politische Bildung muss Fragen hervorrufen und darf nicht durch vorgegebene Antworten Interessen ersticken und eigenständiges Denken erschweren. Politische Bildung ist nicht belehrend, sie soll vielmehr Menschen in die Lage versetzen, eine politische Situation und die eigene Interessenslage zu analysieren und demokratische Handlungs- und Beteiligungsmöglichkeiten aufzeigen. Bei der Ausgestaltung politischer Bildungsangebote sind die Freiwilligendienste von ihrem Selbstverständnis, aber auch per rechtlichen Rahmungen dem Beutelsbacher Konsens (Überwältigungsverbot, Kontroversität, Aktivierung) verpflichtet. Wie der Kinder- und Jugendbricht noch einmal deutlich aufzeigt, bedeutet dies nicht eine neutrale Darstellung von politischen Zusammenhängen. „Er betont mit allen drei Punkten vielmehr, dass politische Kontroversen auch kontrovers in der politischen Bildung angesprochen werden müssen.“ (Deutscher Bundestag 2020: 121). Unter Zugrundelegung dieses Ansatzes politischer Bildung und dem Selbstverständnis der Freiwilligendienstakteure bieten Freiwilligendienste eine große Chance für die Weiterentwicklung der Demokratiefähigkeit und die Engagementbereitschaft in der Gesellschaft.

Dieses Verständnis von politischer Bildung teilen die verbandlichen Anbieter von Freiwilligendiensten. Eine auf eine Wissensvermittlung beschränkte Form politischer Bildung prägt dagegen das Verständnis von politischer Bildung im BFD seitens des Bundes. Hier wurde eine Auslagerung der Seminare zur politischen Bildung an die Bildungszentren des Bundes vorgenommen. Das hier zugrundeliegende Verständnis von politischer Bildung als neutralisierte Lehrstoffsammlung kritisieren die verbandlichen Anbieter scharf. Mit Blick auf die aktuellen Erkenntnisse des Kinder- und Jugendberichts soll daher auch der Frage nachgegangen werden, wie zeitgemäß dieses abgegrenzte Verständnis noch ist.

2. Politische Bildung und Demokratiebildung – Verständnis im Kinder- und Jugendbericht

Die erste wichtige Erkenntnis, die im Bericht anhand aktueller gesellschaftlicher, aber auch politischer Wandelprozesse und Herausforderungen herausgearbeitet wird, ist die direkte Verknüpfung von Demokratiebildung und politischer Bildung. Beides ist heutzutage unmittelbar miteinander verbunden. Politische Bildung ist daher immer auch Demokratiebildung. „Dieses [demokratische] Lernen ist im Kern ein politisches Lernen, denn demokratiefähige Menschen sind ‚politische Menschen‘ (Deutscher Bundestag 2020: 118). In der Konsequenz legt die Kommission eine Arbeitsdefinition zugrunde, die sich auf „politische Bildung ist Demokratiebildung“ verkürzen lässt.

Zur weiteren Untersuchung der sozialen Räume, wie es die Freiwilligendienste sind, zieht die Kommission drei Schwerpunkte der politischen Bildung heran:

  • Demokratie als Bildungsgegenstand, d. h. hier wird untersucht, inwiefern Wissensvermittlung erfolgt.
  • Demokratie als Bildungsstruktur, d. h. hier wird untersucht, inwiefern die Räume selbst demokratisch ausgestaltet sind.
  • Demokratie als Erfahrung, d. h. hier wird u. a. untersucht, inwiefern Kinder und Jugendliche selbst zu politischen Akteuer*innen werden.

Weiterhin werden die analytischen Kategorien der Demokratiedimensionen herangezogen:

  • Die formale Dimension beschreibt, dass Demokratie immer wieder neu ausgehandelt werden muss.
  • Die substanzielle Dimension beschreibt, dass Demokratie einen unhintergehbaren Kern besitzt.
  • Die prozesshafte Dimension beschreibt, dass Demokratie eine kollektive Gestaltungsaufgabe ist.

Diese Arbeitsschwerpunkte und Definition samt -dimensionen sind maßgeblich, wenn die Freiwilligendienste und deren Rolle als Räume politischer Bildung betrachtet werden und sind daher hier explizit genannt.

3. Demokratiebildung ist politische Bildung – Erkenntnisse für die Freiwilligendienste

Welche Erkenntnis kann bereits nach dieser zugrunde gelegten Arbeitsdefinition für die Freiwilligendienste generiert werden? Das Verständnis der verbandlichen Anbieter von Freiwilligendiensten zur politischen Bildung ist im Schulterschluss mit der Arbeitsdefinition der Kommission des Kinder- und Jugendberichts zu sehen.

Freiwilligendienste sind zudem nur im Bezugsrahmen einer demokratisch verfassten Gesellschaft vorstellbar. Dies beginnt bereits beim Zugang zu Freiwilligendiensten, der eine freiwillige Entscheidung für oder gegen einen Freiwilligendienst jedem Individuum obliegt. Diese Entscheidung bedeutet bereits die Teilnahme des*der Einzelnen an einem politischen Diskurs. Denn Freiwilligendienste sind ein Angebot, welches durch einen Aushandlungsprozess und das Zusammenwirken insbesondere der Sektoren Staat und Zivilgesellschaft existieren. Zusammen sind Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft in Demokratien für die Gestaltung eines Gemeinwesens verantwortlich, welches für die soziale, kulturelle und ökonomische Teilhabe ihrer Mitglieder Sorge trägt.

Freiwillige sind also nicht nur in soziale Prozesse integriert, sondern in einer politischen Struktur eingewoben. Außerdem fallen in Freiwilligendiensten Lernen durch Handeln und Handeln durch Lernen – also Bildung und Praxis – zusammen. Auch das ist der speziellen Struktur der Freiwilligendienste geschuldet, die im Zusammenspiel von Einsatz in Einsatzstellen, Reflexion und Bildung in Seminaren sowie Formen der Mitgestaltung in beiden Kontexten ermöglicht wird. Spielen diese drei Aspekte ineinander, werden Freiwilligendienste zu Räumen, die Bildungsgegenstand, Bildungsstruktur und Demokratieerfahrung verbinden (BKJ 2020). Diese besondere Funktion und das Zusammenwirken wird in den Bildungskonzepten der verbandlichen Zentralstellen manifestiert und somit politische Bildung als elementarer Bestandteil von Freiwilligendiensten hervorgehoben.

Politische Bildung kann vor diesem Hintergrund nicht in einem gesonderten Bildungsblock absolviert werden, sondern ist im Verständnis der Demokratiebildung nur als ganzheitliche Lebenserfahrung umsetzbar. Insofern gibt der Kinder- und Jugendbericht Argumente dafür, dass in den Bildungszentren des Bundes zwar Wissensvermittlung, nicht aber Demokratiebildung stattfindet. Mit Blick auf die Arbeitsdefinition der Kommission werden die Bildungsangebote des Bundes im BFD ihrem Namen – politische Bildung – nicht gerecht.

4. Empfehlungen des Kinder- und Jugendberichts und Umsetzung in der Praxis

Aufgrund der elementaren Funktion von Freiwilligendiensten als soziale Räume politischer Bildung sollte sichergestellt sein, dass die Nachfrage nach Plätzen dem Angebot entspricht, so die Kommission. Dies knüpft an die Idee des Familienministeriums zum Jugendfreiwilligenjahr an. Hier ist von einem sogenannten Rechtsanspruch die Rede. Das heißt, wenn Freiwillige, Einsatzstelle und Träger einen Freiwilligendienst umsetzen wollen, dann darf dies nicht an den Fördermitteln scheitern (BMFSFJ 2018: 5).

Um diese Räume möglichst allen jungen Interessierten unabhängig von Herkunfts- und Bildungsbiografien bzw. Diskriminierungserfahrungen zu ermöglichen, müssen die Anbieter von Freiwilligendiensten eine inklusive Ausgestaltung der Dienste ermöglichen. Gerade auch mit Blick auf junge Menschen, die negative Erfahrungen im formalisierten System Schule gemacht haben, können Freiwilligendienste ganz neue Räume demokratischer Bildung ermöglichen, da Lernen hier lebensweltlich orientiert ist und somit an den Erfahrungsschatz und an die Erfahrbarkeit der einzelnen anknüpft. Die verbandlichen Akteure haben das Thema Inklusion und Diversität in Freiwilligendiensten als zentrales Thema, auch mit Blick auf die Ausgestaltung politischer Bildung (Stichwort Demokratie als Bildungsstruktur), erkannt.

Hier könnte auch ein Hebel ansetzen, der zu einem gezielten Ausbau von Freiwilligendiensten in politisch konstituierten Kontexten führt. Jenseits von Fraktionen, Abgeordnetenbüros, Stiftungen, politischen Parteien oder Bildungsträgern böten sich z. B. Jugendverbände, Jugendbüros, Jugendräte und -parlamente sowie Organe der Schülerselbst- und -mitverwaltung, mit einigen konzeptionellen Überlegungen, als Übungs- und Erprobungsräume an, wenn es darum gehen sollte, eine nicht parteipolitisch affine bzw. bereits umfassend politisierte Zielgruppe für demokratische Prozesse der Mitwirkung und Mitgestaltung zu gewinnen.

Die Bearbeitung von inklusiven Zugängen und die inklusive Ausgestaltung kann nur in Kooperation mit den Fördermittelgebern gelingen. Hier steht die Freiwilligendienstlandschaft sicher noch am Anfang und muss weitere Schritte gehen, die über Diskussionen von Förderfähigkeiten hinausgehen.

Jugendliche müssen zudem ganz grundsätzlich zunächst über die Angebote von Freiwilligendiensten informiert werden. Verbände und Träger, die Freiwilligendienste anbieten, haben sich daher zusammengetan, um entsprechende Informationsangebote zielgruppenadäquat aufzubereiten, so z. B. in dem Projekt „Freiwilliges Ja“.

Die meisten jungen Menschen finden allerdings noch immer über persönliche Kontakte und die direkte Ansprache zu den Freiwilligendiensten. Vor diesem Hintergrund ist es notwendig, dass Aktivitäten der Öffentlichkeitsarbeit für Träger als zuwendungsfähig anerkannt werden. Nur so können die Träger Informationen im Sozialraum aktiv verbreiten und junge Menschen ansprechen. Viele Träger nutzen zu diesem Zweck auch die Plattform Schule. Hier sind alle jungen Menschen grundsätzlich gut zu erreichen. Der Aufbau von Kontakten und Netzwerken mit Schulen ist allerdings mühsam und eine Aufgabe, die die Träger ohne Refinanzierungsmöglichkeiten übernehmen. Vor diesem Hintergrund und mit Blick auf andere Angebotsdarbietung kommt die Kommission zu folgendem Schluss: „Wenn die Bundeswehr an Schulen informiert, liegt es besonders nahe, dass dies entweder durch ein friedenspädagogisches Bildungsangebot zur zivilen Konfliktbearbeitung oder zum Beispiel auch um ein Informationsangebot zum Jugendfreiwilligendienst ergänzt wird“ (Deutscher Bundestag 2020: 459).

Neben den Zugängen braucht es, so der Kinder- und Jugendbericht, empirische Evidenz, inwiefern ein breites Verständnis von politischer Bildung in unterschiedlichen Bereichen der Freiwilligendienste gelebt und ermöglicht wird. „Die Praxisforschung zu den Freiwilligendiensten für junge Menschen sollte in ihren Erhebungen die Potenziale politischer Bildung im Rahmen der pädagogischen Begleitung sowie durch die Erfahrungen in den Einsatzstellen in den Blick nehmen“ (Deutscher Bundestag 2020: 459). Die Auseinandersetzung mit politischer Bildung finde zwar im Rahmen pädagogischer Konzepte und Bildungsangebote der Träger statt, darüber hinaus solle aber die analytische Auseinandersetzung im Zusammenspiel zwischen Bildungs- und Begleitangeboten und dem Einsatz in den Einsatzstellen zwingend betrachtet werden, so die Kommission. Die Besonderheit politischer Prozesse, die aufgrund ihrer ideologischen, programmatischen und/oder weltanschaulichen Aufladung hochsensibel sind, setzt bei den Einsatzstellen voraus, dass diese

  • grundsätzlich demokratische Werte vertreten;
  • sich für ein reflektiertes politisches Bewusstsein einsetzen und Kritikfähigkeit fördern;
  • die Freiwilligen nicht für parteipolitische Zwecke oder anderweitig ideologisch vereinnahmen;
  • die Meinung Andersdenkender (sofern diese keine rassistische, sexistische oder allgemein diskriminierende Weltanschauung vertreten) achten und vermitteln (BKJ 2020).

Hinter diese Aussagen wird sich das Gros der Einsatzstellen mittels des eigenen Leitbilds oder Selbstverständnisses stellen. Inwiefern die Ansprüche den alltäglichen Herausforderungen standhalten, müsste allerdings untersucht werden. Zudem wäre zu ermitteln, unter welchen Rahmenbedingungen dem hier aufgeführten Ideal politischer Bildung als Demokratiebildung nachgekommen werden kann. Denn wahr ist auch, dass die Freiwilligendienste als eine besonders zeitintensive Form des Engagements in den meisten Fällen in einen Bezugsrahmen betrieblicher Arbeit eingebettet sind. Entsprechend orientieren sich Entscheidungsprozesse oftmals weniger an Formen demokratischer Aushandlung denn an betriebswirtschaftlichen Vorgaben und Hierarchien.

Die Kommission empfiehlt daher auch eine Analyse der Beteiligungsrechte von Freiwilligen in den Einsatzstellen. Die Partizipation lohnt einer intensiven Betrachtung, weil sie Aufschluss darüber geben kann, welches Selbstverständnis den Freiwilligendiensten und ihren Anbietern zu eigen ist und sein sollte. In welcher Rolle sehen Einsatzstellen die Freiwilligen, inwieweit sind sie in Teamprozesse und Entscheidungs- und Mitsprachestrukturen eingebunden, welche Rückschlüsse ergeben sich daraus in Hinblick auf die Zufriedenheit der Freiwilligen und die grundsätzliche Eignung von Einsatzstellen. Auf Basis der Ergebnisse könnten weitere Räume des demokratischen Mitgestaltens ermöglicht werden.

In ihrer eigenen Praxis ermöglichen die verbandlichen Anbieter eine Reihe von Mitbestimmungsräumen und evaluieren sie auch. So haben einige Verbände Sprechersysteme, andere Qualitätsstandards, die zur Einbeziehung und Mitbestimmung in den Einsatzstellen verpflichten. Durch Zufriedenheitsabfragen am Ende der Freiwilligenjahre wird häufig eine Evaluation auf Trägerebene vorgenommen. Auf Basis dieser Ergebnisse stehen Träger in der Pflicht Einsatzstellen auf deren Mitwirkungspflicht zur demokratischen Bildung hinzuweisen.

Große Informationsdefizite bestehen mit Blick auf das im Block stattfindende Seminar zur politischen Bildung im BFD. Der Kinder- und Jugendbericht schafft die theoretische Grundlage das Bildungskonzept im BFD in Frage zu stellen. Die reine Wissensvermittlung politischer Inhalte losgelöst von den Lebens- und Erfahrungsrealitäten sowie den weiteren Seminarangeboten entspricht einem veralteten Verständnis von politischer Bildung und kommt dem Anspruch von Demokratiebildung nicht nach. Diese Erkenntnis besteht allerdings nicht erst durch die Ergebnisse des Kinder- und Jugendberichts. Bereits seit Einführung des BFD 2011 erheben Verbände und Träger die Forderung, die politische Bildung im BFD als Verständnis demokratischer Bildung in Form der pädagogischen Begleitung in Trägerhand umzusetzen und sie nicht als exkludierendes Angebot an den Bildungszentren des Bundes auszulagern.

Der Bund argumentiert, dass politische Bildung aufgrund der vermeintlich neutralen Rolle des Bundes vorgenommen werden muss und daher exklusiv durch seine Bildungszentren angeboten werden muss. Diese Argumentation greift alleine deshalb nicht, da Freiwilligendienste dem Beutelsbacher Konsens, also dem Überwältigungsverbot, der Kontroversität und der Aktivierung, verpflichtet sind. Im aktuellen Kinder- und Jugendbericht wurde noch einmal deutlich herausgestellt, dass politische Bildung nie neutral sein kann, stattdessen geht es um die Eröffnung eines Debattenraums, in dem politische Bildung erfolgen kann (Deutscher Bundestag 2020: 121).

Politische Bildung ist nicht durch Neutralität, sondern durch die Ausrichtung an demokratischen Werten und der Ausrichtung an der Mündigkeit des einzelnen gekennzeichnet. Um nicht zuletzt auch dem Subsidiaritätsprinzip gerecht zu werden und die pädagogische Begleitung aus einer Hand zu gestalten, müssen den Trägern und verbandlichen Zentralstellen auch im Bundesfreiwilligendienst die Kompetenzen für die politische Bildungsarbeit vollumfänglich übertragen werden.

5. Zusammenfassung

Politische Bildung hat einen hohen Stellenwert in den Freiwilligendiensten. Dies wird v. a. im Kontext der begleitenden Bildungs- und Mitwirkungsangebote der Träger sichtbar. Freiwilligendienste sind gut geeignet, demokratische Gepflogenheiten einzuüben, zu erproben und altersgerecht dynamisch weiterzuentwickeln.

Um mehr junge Menschen zu erreichen, müssten die Freiwilligendienste qualitativ unter den Gesichtspunkten von Diversität und Inklusion sowie quantitativ ausgebaut werden. Dies erfordert den Einsatz von weiteren staatlichen Ressourcen, die auch darauf verwandt werden sollten, den Bekanntheitsgrad der Freiwilligendienste zu erhöhen.

Die Potenziale von Freiwilligendiensten als demokratische Übungsräume insbesondere in Hinblick auf das Engagement in den Einsatzstellen müssten eingehender untersucht werden. Gemäß der Prämisse subsidiären Handelns setzt der Staat die Rahmenbedingungen für freiwilliges Engagement, während der Zivilgesellschaft die inhaltliche Ausgestaltung obliegt. Trotz ihrer besonderen Engagementform sind auch die Freiwilligendienste nicht dazu geeignet, dieses funktionierende Rollenverständnis ad acta zu legen. Der derzeitige Belegungszwang im BFD an den Bildungszentren des Bundes muss abgeschafft werden.

Literatur

AWO – Arbeiterwohlfahrt (2020): Politische Bildung in den Freiwilligendiensten der Arbeiterwohlfahrt. https://awo-freiwillich.de/wp-content/uploads/2020/10/Politische-Bildung-in-den-Freiwilligendiensten-der-AWO-Web.pdf [Zugriff: 26.03.2021].

BKJ – Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (2020): Rahmenkonzept für die Freiwilligendienste Kultur und Bildung. https://bkj.nu/rahmenkonzeptfwd [Zugriff: 26.03.2021].

BMFSFJ – Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2018): Unser Konzept für ein Jugendfreiwilligenjahr. https://kef-online.org/sites/default/files/datei/bundesjugendministerin-dr-giffey-spd-legt-neues-konzept-fuer-jugendfreiwilligenjahr-vor-474.pdf [Zugriff: 26.03.2021].

Deutscher Bundestag (2020): Bericht über die Lage junger Menschen und die Bestrebungen und Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe – 16. Kinder- und Jugendbericht – Förderung demokratischer Bildung im Kindes- und Jugendalter. Drucksache 19/24200. https://www.bmfsfj.de/resource/blob/162232/27ac76c3f5ca10b0e914700ee54060b2/16-kinder-und-jugendbericht-bundestagsdrucksache-data.pdf [Zugriff: 26.03.2021].

Paritätischer Gesamtverband (2017): Qualitätsstandards der Paritätischen Freiwilligendienste.

http://www.der-paritaetische.de/fileadmin/user_upload/Schwerpunkte/Freiwilligendienste/img/Oeffentlichkeitsarbeit/Qualitaetsstandards/A5_Broschuere_Druck_broschuere_freiwilligendienste-qualitaet_2017_ausdruck_A5.pdf [Zugriff: 26.03.2021].

 

Der Beitrag ist außerdem veröffentlicht in: Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (2021): Newsletter Nr. 12. 17.06.2021.

(c) (BKJ-Standard für geschütze WB-Inhalte)

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Zitiervorschlag

BKJ: Freiwilligendienste als Orte politischer Bildung
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Remscheid und Berlin, .

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