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Fachbeitrag

Qualitätsmerkmale für die Kulturelle Bildung

Aufwachsen mit Kunst, Kultur und Spiel

05.07.17

Dieser Qualitätsrahmen beschreibt die Grundlagen und Merkmale gelingender Angebote und Praxisformen Kultureller Bildung. Das geschieht auf der Basis einer jahrzehntelangen Praxis und Reflexion.

Mit diesen Qualitätsmerkmalen beschreiben die bundesweiten Fachorganisationen und Landesdachverbände der Kulturellen Bildung, die in der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder und Jugendbildung (BKJ) e. V. zusammengeschlossen sind, die Grundlagen gelingender Angebote und Praxisformen Kultureller Bildung. Sie tun dies auf der Basis einer jahrzehntelangen Praxis und Reflexion in den jeweiligen Sparten und Angebotsformen Kultureller Bildung, im spartenübergreifenden Fachaustausch und unter Berücksichtigung der fachwissenschaftlichen Diskurse.

Kulturelle Bildung: Was, wie, wo und mit wem …?

Die Praxis der Kulturellen Bildung umfasst alle künstlerischen Sparten und kulturellen Ausdrucksformen; auch Spielkultur gehört dazu. Die Angebote und Projekte sind zum Beispiel in den folgenden Bereichen zu finden: Musik und Rhythmik, Theater und Tanz, Spiel und Zirkus, Bildende Kunst, Design und Architektur, Kunst mit digitalen Medien, Computerspiele, Fotografie, Film, Erzählkunst, Kreatives Schreiben und Literatur.

Auch die Form der Angebote ist vielfältig. So gibt es kurzfristige Workshops oder langfristige Kurse, intensive Projekte über einen oder mehrere Tagen oder Wochen, Angebote in der Schule oder im Freizeitbereich, Ferienfreizeiten oder internationale Jugendbegegnungen. Auch der Besuch von Aufführungen, Konzerten, Lesungen und Ausstellungen gehört zur Praxis Kultureller Bildung dazu.

Dementsprechend unterschiedlich sind die Orte der Kulturellen Bildung. Das Angebot bzw. die Praxis findet statt in Institutionen mit eigenen Räumen (z. B. in Museen, Theatern, Musikschulen, Jugendkunstschulen, Bibliotheken, Opern- und Konzerthäusern), in Vereinen und Initiativen, im öffentlichen Raum, in Einrichtungen der Jugendarbeit, in Schulen und Kindertageseinrichtungen. Weitere Orte Kultureller Bildung sind kultur- bzw. medienpädagogische Einrichtungen; Soziokulturelle Zentren und Bürgerhäuser. Auch selbstorganisierte Praxis und kulturelle Aktivitäten in der Familie und im Freundeskreis gehören zum Spektrum Kultureller Bildung.

Die Praxis Kultureller Bildung wird von unterschiedlichen Professionen und Akteuren angeboten bzw. unterstützt: Kultur- und Medienpädagog*innen, Kulturvermittler*innen und -manager*innen; Lehrer*innen und Erzieher*innen; Jugend- und Sozialarbeiter*innen; Künstler*innen und Kunstschaffende; Ehren- und Hauptamtliche, Freischaffende und Selbstständige sowie Freunde und Familienmitglieder. Die Angebote werden im Rahmen verschiedener Strukturen ermöglicht: Es gibt öffentliche, freie und private Akteure.

Persönlichkeitsbildung und Lebenskunst

Die Angebote in den verschiedenen Kultursparten können Kinder und Jugendliche1 in ihrer Persönlichkeitsentwicklung unterstützen. Auch das Miteinander spielt eine zentrale Rolle: Kulturelle Projekte bieten die Chance zu lernen, mit Verschiedenheit gut umzugehen lernen und sie als Bereicherung zu erleben.

Kunst kann ein Weg sein, sich die Welt zu erschließen und anzueignen, sich mit widersprüchlichen Fragen und Erlebnissen individuell und gemeinsam mit anderen auseinanderzusetzen. Dabei kann sowohl die aktive als auch die rezeptive Beschäftigung wertvoll sein. Beides ermöglicht die konstruktive Auseinandersetzung mit dem Unbekannten ebenso wie mit dem subjektiv Erlebten und mit eigenen Gedanken und Gefühlen. Deshalb können Kulturprojekte auch dabei helfen, sich eine eigene Meinung zu bilden. Auf künstlerischem Wege können junge Menschen sich auf einer anderen Ebene mit ihrer Lebenswelt auseinandersetzen und zum Ausdruck bringen, wofür sonst vielleicht die Worte fehlen. Sie beziehen Positionen und lernen, diese mit anderen zu verhandeln.

Damit Kulturelle Bildung für junge Menschen diese Potenziale entfalten kann, müssen jedoch grundlegende Bedingungen erfüllt sein, die sich auf pädagogisch-künstlerische und strukturelle Qualitätsdimensionen beziehen. Diese werden im Folgenden beschrieben.

Pädagogisch-künstlerische Prinzipien Kultureller Bildung

Kulturelle Bildungsangebote sollten auf der Basis folgender Prinzipien geplant und realisiert werden:

Künste und kulturelle Ausdrucksformen als Ausgangspunkt und Bezugsrahmen

Kunstwerke, künstlerische Prozesse und Methoden bilden den Ausgangspunkt für Selbstbildungsprozesse, die auf ästhetischer Wahrnehmung und Erfahrung basieren. Dabei wird nicht streng getrennt zwischen Rezeption und eigener künstlerischer Tätigkeit. Beide Elemente bedingen sich wechselseitig und treten in einen Dialog; wichtig ist zudem der Prozess der Reflexion. Kunst, Kultur und Spiel sollen für Kinder in ihrer ganzen Vielfalt erlebbar werden. Denn im Erleben künstlerischer Ereignisse, in der praktischen Auseinandersetzung mit Kunst und mit früheren wie heutigen kulturellen Ausdrucksformen können Kinder spielerisch ihr Imaginations- und Ausdrucksvermögen erweitern, ihre Wahrnehmungs-fähigkeit schulen und (nicht nur) künstlerische Fähigkeiten erwerben.

Orientierung an Stärken, Talenten und Interessen

In der kulturellen Bildungspraxis stehen die Stärken und Talente der Beteiligten im Fokus und bilden die Grundlage des gemeinsamen (künstlerischen) Prozesses. Es geht also nicht darum, was jemand (noch) nicht gut kann, sondern darum, wohin er/sie sich ausgehend von seinen Potenzialen entwickeln möchte. Kinder und Jugendliche sollen die Möglichkeit erhalten, sich mit Inhalten und künstlerischen Ausdrucksformen zu beschäftigen, die sie besonders interessieren, bewegen oder faszinieren. Das bedeutet auch, aktuell relevante Themen aufzugreifen. Denn die Neugier und der Forscherdrang von Kindern und Jugendlichen sind zentrale Ressourcen für den Prozess. Dasselbe gilt für die Wahl der Arbeitsformen und künstlerischen Mittel, wobei hier insbesondere auch eigene kulturelle Ausdrucksformen der Beteiligten einbezogen werden sollten. Auch die Einbeziehung eigenständiger Jugendkulturen ist grundlegend.

Partizipation und Selbstbestimmung zur Grundlage machen

Die teilnehmenden Kinder und Jugendlichen sollten als Expert*innen ihrer Bildungsprozesse und Interessen viele und umfassende Gelegenheiten bekommen, das Projektkonzept, den Projektverlauf, die konkreten Themen, Fragestellungen und die künstlerische Arbeit im Projekt mitzugestalten. Sie entscheiden sich, ggf. in einer Wahl aus unterschiedlichen Angeboten und Beteiligungsformen, freiwillig zur Teilnahme. Kulturelle/künstlerische Prozesse sollten so gestaltet werden, dass sie die Teilnehmenden dazu anregen, Positionen zu entwickeln und zu artikulieren. Ziel sollte sein, unterschiedliche Perspektiven in einen Dialog zu bringen. Die Praxis der Kulturellen Bildung soll einen Beitrag leisten, Entscheidungsprozesse, die Kinder und Jugendliche betreffen, wirksam (mit) zu gestalten. Dafür ist wichtig, dass das gemeinsame künstlerische Schaffen bzw. das kulturelle Angebot die Erfahrung von Selbstwirksamkeit ermöglicht: Die Teilnehmer*innen erleben, dass ihr Dazutun wirkt und sinnvoll ist. Kinder und Jugendliche werden in ihrer jeweiligen Rolle als Partner*innen im künstlerischen/kulturellen Prozess sowie als Gestalter*innen ihres Bildungsprozesses gestärkt. Schein-Partizipation oder Mitentscheidungsmöglichkeiten mit Alibifunktion, die ohne Folgen bleiben, sind kontra-produktiv und unbedingt zu vermeiden.

Selbst-Bildung – nicht nur für den Kopf

Kulturelle Bildungspraxis ermöglicht Erfahrungen, die emotional-affektive, kognitiv-intellektuelle, körperlich-sinnliche und sozial-kulturelle Prozesse umfassen und verbinden. Sie greift den umfassenden Charakter künstlerischer Auseinandersetzung auf, der sich auszeichnet durch einen dynamischen Wechsel von z. B. geistiger und körperlicher Aktivität, von sprachlicher und nicht-sprachlicher Interaktion, von Sinneseindrücken auf der einen und analytischer Durchdringung auf der anderen Seite.

Diversität und Inklusion

Die Individualität und die Unterschiedlichkeit der beteiligten Kinder und Jugendlichen bildet eine Grundlage des gemeinsamen künstlerischen Prozesses. Die Vielfalt der Persönlichkeiten ist eine Bereicherung der kulturellen Bildungsarbeit und Voraussetzung für mehrperspektivischen Dialog sowie gemeinsame Aushandlungsprozesse. Eine Kultur der Offenheit und Wertschätzung für unterschiedliche z. B. kulturelle, soziale und religiöse Hintergründe, für die Bedürfnisse der Geschlechter und unterschiedlicher Altersgruppen sollte gepflegt werden. Kulturelle Bildungsarbeit berücksichtigt damit nicht nur die individuellen Bedürfnisse jede*r Einzelnen, sondern lässt ein neues gemeinsames Ganzes entstehen.

Strukturelle Qualitätsmerkmale

Vielseitige Zugangswege, Orte, Sparten und Angebotsformen

Das Ziel von mehr Teilhabe und Bildungsgerechtigkeit mittels Kultureller Bildung erfordert vielfältige Zugänge an unter-schiedlichen – informellen, non-formalen und formalen – Orten und über ganz verschiedene Menschen. Kultur- und Bildungsorte sind nicht austauschbar, ebenso wenig ihre Akteure. Der Grundsatz der Stärken- und Interessenorientierung erfordert zudem die ganze Sparten- und Angebotsvielfalt Kultureller Bildung mit ihren unterschiedlichen Formaten.

Die richtigen Fachkräfte

Insbesondere fachkundiges Personal mit künstlerischer und (kultur-)pädagogischer Qualifikation gewährleistet die Qualität kultureller Bildungsangebote. Die unterschiedlichen Fachkräfte haben jeweils spezifische Potenziale und Kompetenzen, um bestimmte Zielgruppen ansprechen, sie zur Teilnahme motivieren und sie in ihrem kulturellen Bildungsprozess begleiten zu können.

Stimmige Rahmenbedingungen: Orte, Räume, Zeiten, Materialien, Technik

Inhalt/Thema, Ort, Zeitstruktur, künstlerische/kulturpädagogische Expertise und weitere Rahmenbedingungen, wie Räume, Materialien und Technik sollten ein schlüssiges Gesamtkonzept bilden. Diese strukturellen Bedingungen sind Voraussetzungen, damit künstlerische Prozesse ihre je eigene Dynamik entfalten und Kulturelle Bildung gelingt.


1 Dieses Konzept nennt Kinder und Jugendliche als Adressaten kultureller Bildungsangebote. Die hier beschriebenen Grundlagen sind jedoch übertragbar auf Kulturelle Bildung im Allgemeinen.

Ansprechpartnerin

Kirsten Witt

Stellvertretende Geschäftsführerin / Leitung Grundsatz und Kommunikation

Fon: +49 (0) 21 91 - 794 - 380Mail: witt@bkj.de

CC BY 4.0 (BKJ-Standard)

Dieser Text ist lizensiert unter der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung - 4.0 International Lizenz und darf unter den Bedingungen dieser Lizenz vervielfältigen und weiterverbreiten werden. Bitte geben Sie als Quelle www.bkj.de an und nennen den Namen des*der Autor*in, falls dieser hier genannt wird.

Zitiervorschlag

BKJ: Qualitätsmerkmale für die Kulturelle Bildung
https://www.bkj.de/weitere-themen/wissensbasis/beitrag/?tx_wissensbasis_wissensbasis[fachbeitraege]=135&cHash=2092873080b973f2ff3b7e2d9b362dd7
Remscheid und Berlin, .

  • Kulturelle Bildung/Grundlagen

BKJ-Inhalt

Typo: 276

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