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Zum Tod von Wolfgang Zacharias (28.10.1941 bis 26.04.2018)

Der Kunst- und Kulturpädagoge Dr. Wolfgang Zacharias ist am 26. April 2018 in München nach einer kurzen schweren Erkrankung im Alter von 76 Jahren verstorben. Damit verlieren alle diejenigen, die sich für Kunst, Kultur, Pädagogik und Medien interessieren, einen überaus produktiven, kreativen und einflussreichen Theoretiker, Praktiker und Kollegen. Ihm sind nicht nur zahlreiche innovative und konzeptionelle Impulse in den verschiedensten kulturpädagogischen Arbeitsfeldern zu verdanken, sondern er hat wesentlich eine zeitgemäße Kulturpädagogik in Theorie und Praxis mit entwickelt. In unvergleichlicher Weise hat es Wolfgang Zacharias verstanden, theoretische Reflexionen, ideenreiche Praxisprojekte und wirkungsvolle politische Interventionen zu vereinigen.

Er stammt aus einer traditionsreichen Münchner Künstler*innen-Familie und hat selbst zunächst ein künstlerisches und kulturpädagogisches Studium in Stuttgart, Paris und München absolviert. Allerdings wurden ihm die schulischen Kontexte der Kunstvermittlung nach seiner Ausbildung schnell zu eng, sodass er zusammen mit damals jungen und heute namhaften Kolleg*innen eine andere Form von Kunst- und Kunstvermittlung entwickelte, erprobte und in vielen Jahren einer geschickten fachlichen, politischen und organisatorischen Praxis nicht bloß in Nürnberg und München, sondern bundesweit und mit weltweiter Ausstrahlung erfolgreich etablierte. Ein Grundzug dieser Arbeit besteht darin, dass die Grenzen zwischen künstlerischer, pädagogischer und politischer Intervention aufgehoben wurden.

Dabei war Wolfgang Zacharias nicht bloß ein visionärer konzeptioneller Denker, der sich immer auch um die theoretische Fundierung der praktischen Arbeit gekümmert hat, sondern er hatte zusammen mit Freunden und Kolleg*innen stets die Notwendigkeit im Blick, nachhaltige Strukturen zu schaffen.

Ein erster organisatorischer Zusammenschluss war die Gruppe KEKS (Kunst, Erziehung, Kybernetik und Soziologie) als Zusammenschluss kritischer Kunstpädagoge*innen Ende der 1960 er Jahre, die in München und später auch in Nürnberg ästhetische Aktionen im öffentlichen Raum durchführten. Es ging um eine „aktivistische Kunstpädagogik“, die eingebettet war in die gesellschaftspolitischen Debatten dieser Zeit. Obwohl sie alle ausgebildete Kunsterzieher waren, entsprach die Schule ihrer Zeit aufgrund ihrer curricularen Enge nicht ihren künstlerisch-pädagogischen Vorstellungen. Es ging um Aktivitäten und Aktionen im außerschulischen Raum, weswegen sich Akteure der Gruppe KEKS im Jahre 1974 zu dem Verein „Pädagogische Aktion“ zusammenschlossen, der sich aufgrund einer dynamischen Ausdifferenzierung der Handlungsfelder später in die Pädagogische Aktion/Spielkultur, Spielen in der Stadt, Kultur- und Spielraum und das Kinder- und Jugendmuseum München aufteilte.

Das professionelle Handlungsfeld hat dabei von Anfang an den traditionellen Bereich einer (schulischen) Kunstpädagogik überschritten. Es ging um eine andere Form der Museumspädagogik, es ging um den zentralen Begriff des Spiels, es ging um die Einbeziehung des städtischen Raumes und – in den letzten Jahren immer wichtiger – um die Berücksichtigung und pädagogische Nutzung der modernen technischen Medien („Kulturelle Bildung 2.0“).

In geschickter Weise haben wichtige Akteure dieser Initiative (neben Wolfgang Zacharias etwa Haimo Liebich, Hans Mayrhofer und Gerd Grüneisl) gemeinsame Konzepte diskutiert und entwickelt, dann aber innerhalb ihrer Gruppe spezielle Zuständigkeiten übernommen. Wolfgang Zacharias hat dabei schwerpunktmäßig die Aufgabe der Außenvertretung wahrgenommen.

Auf diese Weise wurde das Münchner kulturpädagogische Konzept – und in der Tat hat die heutige erziehungswissenschaftliche Teildisziplin Kulturpädagogik in den Münchner Aktivitäten ihren Ursprung – bundesweit und auch international bekannt.

Wolfgang Zacharias war in besonderer Weise für diese Aufgabe geeignet, weil er nicht nur eine hohe künstlerische und pädagogische Kreativität und Kompetenz verbunden mit einer großen Lust an Theorien besaß, sondern auch auf unvergleichliche Weise Beziehungen, vor allem tragfähige und dauerhafte Beziehungen zu Menschen herstellen konnte. Es machte schlicht und einfach in jeder Hinsicht Freude, mit Wolfgang zu diskutieren, Erfahrungen auszutauschen und neue Ideen zu entwickeln.

Es können an dieser Stelle nur wenige Hinweise auf die Innovativität und die Lust am Netzwerken gegeben werden. Innovationen, immer auch im kollegialen Austausch mit Freunden und Kollegen entwickelt, finden sich natürlich in seinem genuinen Bereich der Kunstpädagogik, aber auch in einer zeitgemäßen Museumspädagogik, so wie sie etwa in einem frühen Handbuch der Museumspädagogik vorgestellt wurden. Später rückte ein innovativer Umgang mit den neuen technischen Medien immer mehr in den Mittelpunkt, sodass man heute im Anschluss an Wolfgang Zacharias von einer Kulturellen Bildung 2.0 spricht.

Eine, vielleicht die zentrale Kategorie, mit der man den Ansatz von Wolfgang Zacharias‘ Kulturpädagogik beschreiben kann, ist die Kategorie des Spiels. Spiel ist in diesem Verständnis eine soziale und bisweilen auch eine politische Aktivität, weswegen etwa die Ansätze von Urie Bronfenbrenner und Dieter Baacke eine wichtige Rolle in seinem Denken spielte.

Kulturelle Bildung und eine zeitgemäße Spiel- und Kulturpädagogik, so wie sie in München und Nürnberg unter wesentlicher Mitwirkung von Wolfgang Zacharias entwickelt worden ist, braucht geeignete politische Rahmenbedingungen. Hierbei geht es insbesondere um eine Kommunalpolitik, in der kulturelle Bildung eine wichtige Rolle spielt. Das erste „Kommunale Gesamtkonzept kulturelle Bildung“ ist in München unter wesentlicher Mitarbeit der Akteure der Pädagogischen Aktion und insbesondere von Wolfgang Zacharias entstanden und diente als mustergültige Vorlage für entsprechende Entwicklungen in anderen Kommunen.

Man kann die innovativen praktischen Konzepte an dieser Stelle gar nicht alle aufzählen, die in München entwickelt wurden. Zu nennen ist etwa „Mini München“, eine aufwändige spielerische Simulation eines städtischen Lebens, das viele Jahre lang im Münchner Olympiastadion in der Ferienzeit durchgeführt wurde und inzwischen in anderen Städten nachgeahmt wird. In konzeptioneller Hinsicht hat die Gruppe um Wolfgang Zacharias immer wieder die Kooperation mit den großen Kulturakteuren in der Stadt gesucht. Es geht um ein Konzept urbanen ästhetischen Lernens, in dem die Interessen der Heranwachsenden eine zentrale Rolle spielen. Dabei wird immer wieder die Grenze zwischen Kunst, Pädagogik und Politik überschritten, denn um geeignete Bedingungen des Aufwachsens zu schaffen, müssen Pädagog*innen sich immer wieder auch in die politische Gestaltung einmischen.

Im Jahre 1995 hat Wolfgang Zacharias seine Dissertation bei dem renommierten Kunsterzieher Gunter Otto abgeschlossen, in der er seine theoretischen und praktischen Erfahrungen unter der Überschrift einer „lebensweltlichen Didaktik“ zusammenfasst. Nach der deutschen Einigung konnte Wolfgang seine vielfältigen Erfahrungen als Honorarprofessor in die akademische Lehre an der Hochschule Merseburg einbringen.

In politischer Hinsicht war die Kulturpolitische Gesellschaft seine Heimat, in der er die Gelegenheit hatte, die bekannten kulturpolitischen Slogans von Hilmar Hoffmann („Kultur für alle“) und Hermann Glaser („Bürgerrecht Kultur“) im Hinblick auf eine zeitgemäße kommunale kulturelle Bildungsarbeit auszuformulieren.

Er war wesentlicher Initiator und Mitgestalter der großen kulturpolitischen und kulturpädagogischen Tagungen in Loccum, Unna, München und anderswo, bei denen die Konzeptionen der Neuen Kulturpolitik und Kulturpädagogik ausformuliert und präzisiert wurden und bei denen sich Kulturpädagogik als eigenständiges Forschungs- und Arbeitsfeld konstituierte. Großen Einfluss hatte zu Recht seine „Einführung in die Kulturpädagogik“, die 2001 im Verlag Leske und Budrich erschien, mehrere Auflagen erzielte und bis heute mit großem Gewinn gelesen werden kann (und muss).

Ein Meilenstein in der Professionalisierung der kulturpädagogischen Theorie und Praxis war das von ihm initiierte, wesentlich mitgestaltete und dann auch herausgegebene „Handbuch Kulturelle Bildung“ im Kopaed-Verlag, das heute wesentlich ausgedehnt in digitaler Form (www.kubi-online.de) als maßgebliche kulturpädagogische Wissensplattform zur Verfügung steht. Er selbst hat die Entstehung und Entwicklung der Neuen Kulturpädagogik in Theorie und Praxis in dem von ihm mit herausgegebenen Buch „Theorien der Kulturpädagogik“ (Juventa-Beltz 2015) umfassend dargestellt.

Neben Impulsen in Theorie und Praxis müssen die Verdienste von Wolfgang Zacharias im Hinblick auf die Bildung nachhaltiger Strukturen genannt werden. Er war wesentlich beteiligt an der Gründung des Bundesverbandes der Jugendkunstschulen und kulturpädagogischen Einrichtungen (bjke) und der Landesvereinigung Kulturelle Bildung Bayern (LKB:BY). Er war auf kompetente Weise präsent in den Kontexten der Kunsterziehung, der Museums-, der Spiel- und der Medienpädagogik. Er war lange Jahre im Vorstand der Kulturpolitischen Gesellschaft und nicht zuletzt war er von 1994 bis 2009 Mitglied des Vorstands der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ) und hat hierbei wesentliche Impulse für die Konzeptentwicklung dieses Dachverbands gegeben (etwa die Konzepte der Lebenskunst, der Kulturschule, des Freiwilligen Sozialen Jahres Kultur, der kulturellen Medienbildung und viele mehr). Bis zum Ende des Jahres 2017 hat er wesentlich die Arbeit des Beirats der Wissensplattform „kubi-online“ mitgestaltet.

Ohne Wolfgang Zacharias gäbe es das heutige Konzept der Kulturellen Bildung, gäbe es eine zeitgemäße Kultur- und Medienpädagogik nicht. Die BKJ weiß das und wird deshalb Wolfgang Zacharias als wichtigen Theoretiker, als einflussreichen und kreativen Praktiker, als konzeptionellen Vordenker und nicht zuletzt als liebenswerten Menschen und guten Kollegen in Ehren halten.

Prof. Dr. Gerd Taube, Vorsitzender der BKJ

Prof. Dr. Max Fuchs, Ehrenvorsitzender

Tom Braun, Geschäftsführer


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