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Aus der Praxis

Reutlinger Rapper*innen

Projekt „TALK“, adis e. V. – Antidiskriminierung, Empowerment, Praxisentwicklung, Reutlingen

29.11.19

Es ist TALK Show-Zeit in Reutlingen. Handys werden in die Höhe gehalten. Die Menge tobt. Oben auf der Bühne rappen und tanzen sich die Teilnehmer*innen des Reutlinger Jugendkulturprojektes TALK den Frust aus dem Leib.

Text: Kathrin Köller

Ihre selbstkomponierten Songs handeln von Alltagsdiskriminierung, Anpassungsdruck und Armut. Ihre Hip-Hop-Kunst sorgt dafür, dass man ihnen endlich zuhört.

Dass die TALK Show inzwischen ein beliebtes Event in Reutlingen ist, hat seinen Ursprung im Widerstand eines einzelnen Jugendlichen, der aufgrund seiner Hautfarbe immer wieder nicht in Clubs hineingelassen wurde. Irgendwann hatte er genug, suchte Hilfe, fand sie erst im weit entfernten Berlin, klagte vor Gericht, gewann und machte deutlich, was im Land Reutlingen fehlte: Anlaufstellen für Jugendliche mit Diskriminierungserfahrungen. Sein „Fall“ bewegte das Reutlinger Land.

Widerstand heißt nicht, sich dauernd dem Kampf auszusetzen, sich dauernd in Gefahr zu begeben, sondern sich gut zu überlegen, welche Kraft setze ich wo ein.

Maria Kechaja, adis e. V.

Verschiedene soziale Träger setzten sich mit Jugendlichen an den runden Tisch und erfuhren, mit welchen Diskriminierungen People of Colour, Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund und Jugendliche mit Behinderungen tagtäglich zu kämpfen haben. Das Netzwerk Antidiskriminierung (heute adis e. V. – Antidiskriminierung, Empowerment, Praxisentwicklung) wurde 2014 gegründet und für rechtliche Beratung müssen Betroffene jetzt nicht mehr bis nach Berlin. Aus den Gesprächen mit den Jugendlichen war auch deutlich geworden, dass es außerdem an diskriminierungskritisch ausgerichteten Projekten der Kulturellen Bildung mangelte. So entstand TALK, eine Anlaufstelle, in der Jugendliche ihre Erfahrungen künstlerisch in Hip-Hop Tanz und Rap verarbeiten. Die Hip-Hop-Tanzworkshops von TALK platzen aus allen Nähten, was einerseits den Erfolg des Projektes und der Jugendkulturarbeit bezeugt, andererseits aber auch deutlich macht, wie viele Jugendliche von Rassismus, Sexismus und Feindlichkeit gegenüber Menschen mit Behinderungen betroffen sind.  

„Jeder akzeptiert dich und das find ich hier halt gut!“

Jeweils ein Jahr lang laufen die Workshops und bieten damit viel Zeit, um Vertrauen und auch eine Community aufzubauen, erklärt Maria Kechaja, die Projektleiterin und Mentorin von TALK. Ein Gemeinschaftsgefühl aufzubauen ist für sie die Grundvoraussetzung dafür, dass Jugendliche das, was sie belastet, verarbeiten können. „Dieses alleine Dastehen ist das, was viele Jugendliche am Anfang erst mal mitbringen. Dem steuert das Projekt stark entgegen. Die TALK-Gruppe wird zu so einer Art TALK-Family, die Teilnehmenden mit verschiedenen Hintergründen lernen sich untereinander besser kennen, tun sich zusammen und unterstützen einander gegenseitig. Dieses Gemeinschaftsgefühl gibt viel Halt und Stärke“, berichtet Maria Kechaja. Der Raum ermöglicht den Jugendlichen, mit anderen über ihre verschiedenen Diskriminierungserfahrungen zu reden, Erlebnisse einordnen zu können, und auch gemeinsam Taktiken und Strategien zu finden, wie sie sich wehren können. Gleichzeitig dienen diese Erfahrungen oft als Ausgangspunkt für die Arbeit an Text und Tanz.

„Was wir nie wieder hören wollen!“

Dabei muss es gar nicht immer ganz furchtbar ernst zugehen. Einmal, als der Frust wieder besonders groß war, haben sie spontan beschlossen, kreativ damit umzugehen und Handyvideos zu machen und die blödesten Fragen zu filmen, die sie nie wieder hören wollen, Fragen, die sie auf eine vermeintliche Herkunft oder Behinderung reduzieren, sexistische Fragen, alles, was sie im Alltag nervt. „Das war total lustig“, erzählt Maria Kechaja, „wir haben uns totgelacht dabei und es war einfach sehr befreiend, diese blöden Fragen in die Kamera zu sagen.“

„Und den Feinden zeigen wir die Zähne!“

Bei TALK wird die Diskriminierungskritik zum Ausgangspunkt des künstlerischen Prozesses. Jeder Workshop beginnt mit einem „Point-Spit“: Alle können sagen, was sie in der letzten Woche genervt hat, was großartig war und was richtig daneben. Vieles von dem, was da „auf den Tisch gespuckt“ wird, findet unmittelbar Eingang in die Tanz-Choreographien und die Rap-Texte. Der Rap-Coach Kaspar „KABU“ Ruegenberg und die Tanzlehrerin Teresa Ceran begleiten das Projekt das ganze Jahr über. Dazu kommen Einzel-Workshops zu Körperhaltung und Bühnenpräsenz oder zu verschiedenen Tanz-Stilen. Künstler*innen mit eigenen Diskriminierungserfahrungen werden eingeladen, um ihre Geschichte zu erzählen und Mut zu machen. Teilweise sind es sehr persönliche Texte, die im Rahmen der Kulturarbeit entstehen. Ein Junge nutzt den Rap für ein Coming-Out auf der Bühne, ein Mädchen setzt sich mit Wünschen und Erwartungen an ihre Community auseinander. Und Maria Kechaja steht Jahr für Jahr da und staunt, wie widerständig „ihre Jugendlichen“ in dem Jahr geworden sind. „Die gewachsene Widerstandskraft durch die Stärkung ihres Selbstbewusstseins und die Vermehrung ihres Wissens über die gesellschaftlichen Umstände, das wird am Ende des Jahres richtig sichtbar – auch in der Körperhaltung und Ausdrucksweise.“

„Denn Idioten muss man nicht seine Freunde nennen!“

Allerdings sind sich die Beteiligten bei TALK bewusst, dass damit nicht alles erledigt ist und mitunter neue Probleme entstehen. Denn mit der gewonnenen Widerständigkeit ecken die Jugendlichen auch an. Sie haben sich weiterentwickelt, aber die Gesellschaft nicht. Oder zumindest nicht im gleichen Tempo. Und das führt zu neuen Konflikten. „Manchmal liegt eine Schülerin dann die ganze Nacht wach, weil sie zu den rassistischen Bemerkungen einer Lehrerin nichts gesagt hat. Dann macht sie sich pausenlos Vorwürfe, dass sie doch hätte reagieren müssen“, erzählt die Mentorin betrübt. Die Jugendlichen werden weiterhin auf der Straße doof angemacht. Wenn sie dann nichts sagen, sind sie im Anschluss nicht auf diejenigen wütend, die sie belästigen, sondern auf sich selbst. Maria Kechaja und ihre Kolleg*innen setzen sich immer wieder damit auseinander, wie sie dafür sorgen können, dass die Widerständigkeit nicht nach hinten losgeht.

Regelmäßig sprechen die TALKer*innen auch darüber mit den Jugendlichen. „Widerstand heißt nicht, sich dauernd dem Kampf auszusetzen, sich dauernd in Gefahr zu begeben, sondern sich gut zu überlegen, welche Kraft setze ich wo ein, welcher Kampf ist überhaupt aussichtsvoll und wo kann ich mir Verbündete suchen“, erklärt Maria Kechaja immer wieder ihren Jugendlichen. Ganz bewusst geht ihr Einsatz über die klassische Jugendkulturarbeit hinaus. Die Jugendlichen kommen nicht nur einmal die Woche zum Rappen und Tanzen. Sie haben die Handynummern der drei Leiter*innen und sie nutzen sie auch. Die Jugendlichen, die nach dem Ende des Jahres weiter die TALK-Community brauchen, werden nicht vor die Tür gesetzt. Selbst wenn es das Team manchmal an die Belastungsgrenze bringt.

Was den drei Coaches und Mentor*innen von TALK selbst Kraft gibt, ist neben der Wichtigkeit ihrer Aufgabe auch der Verein, adis e. V. Der unterstützt sie regelmäßig mit Supervision und Fortbildungen. Es wird dafür gesorgt, dass ein Austausch mit anderen Trägern stattfindet und die Erfahrungen von TALK gehört werden. Nach Jahren der nervenaufreibenden Projektfinanzierung gibt es dem TALK-Team neue Kraft, dass sie endlich auch kommunal gefördert werden.

Der Beitrag ist erstveröffentlicht in: Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung e. V. (2019): Widerstehen – sich selbst positionieren kubi – Magazin für Kulturelle Bildung. No. 17-2019. Berlin. S. 23 – 25.

Zitiervorschlag

BKJ: Reutlinger Rapper*innen
https://www.bkj.de/teilhabe/wissensbasis/beitrag/reutlinger-rapperinnen/
Remscheid und Berlin, .

  • Kulturelle Vielfalt
  • Geflüchtete
Typo: 313

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