KOOPERATIONEN UND
BILDUNGSLANDSCHAFTEN

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/// Mehr Kollaboration! – Kulturelle Teilhabe gemeinsam verantworten



Der Migrationsforscher und Autor Mark Terkessidis macht sich Gedanken, über uns, die Gesellschaft, darüber wie Kultur stark macht und über Kollaboration. Gerne stellt er seine Gedanken auch zur Diskussion. Zum Beispiel in diesem Interview.

In Ihren Büchern „Interkultur“ und „Kollaboration“ verwenden Sie den Begriff der „Vielheit“, die es zu gestalten gilt. Was braucht es dafür – mit Blick auf Institutionen und Individuen?

Zunächst ein Wort zum Begriff der Vielheit. Ich wollte einen etwas stärkeren, philosophischen Begriff, weil mir die Rede von der Vielfalt in den letzten Jahren, nun ja, zu niedlich geworden ist. Wenn ich so Motti höre wie „Vielfalt tut gut“ oder „Vielfalt – das Beste gegen Einfalt“, dann scheint es so, als wäre Vielfalt immer eine tolle Sache. Das ist sie möglicherweise aber gar nicht, sie zerstört manchmal auch Vertrauen, sie bringt eine Reihe neuer Konfliktlinien, sie kann einem total auf die Nerven gehen ...

Mit Vielheit will ich klarmachen, dass es ja zumal in Bezug auf die Veränderungen, die durch die Migration ausgelöst worden sind, längst nicht mehr darum geht, wie wir das bewerten – es ist einfach so. Und es geht darum, das anzuerkennen und zum Ausgangspunkt von Handeln zu machen. Wenn in einer Stadt wie Frankfurt am Main zwei Drittel der unter 6-Jährigen Migrationshintergrund haben, dann ist die Forderung der Bundesbildungsministerin nach einer „Migrantenquote“ in Grundschulklassen völlig realitätsfremd – oder werden wir die anderen Kinder dann aufs Land schicken?
Im Vordergrund steht daher nicht die „Integration“ der „Anderen“, der „Problemkinder“, sondern ein Perspektivwechsel. Die Frage lautet, ob „unsere“ Institutionen, Organisationen, Einrichtungen „fit“ sind für die Vielheit. Es braucht also einen „Vielheitsplan“ – einen Plan für die Weiterentwicklung. Es gibt ein starkes Netz von Institutionen in Deutschland und deren Neuausrichtung liegt im Interesse aller. Für die Individuen bedeutet das, anzuerkennen, was ist und nicht was aus irgendeinem Grund sein sollte. Gerade die Mittelschicht in Deutschland hat so eine leicht apokalyptische Einstellung, dass Wandel bedeutet, dass alles immer schlechter wird. Aber Angst ist ein schlechter Ratgeber. Die Welt ist oft einfach grau – wichtig ist, dass die Gestaltungsaufgabe angenommen wird.

Ihr Buch „Kollaboration“, so schreiben Sie, „handelt wieder von dem Erlernen einer neuen Sprache – jener der Kollaboration“. Was ist das für eine Sprache?

In einer Welt der Vielheit ist Kollaboration, also Zusammenarbeit, unabdingbar. Es gibt ja in Deutschland in der Arbeitskultur eher eine Tradition von Autorität und Hierarchie. Wir müssen heute alle davon ausgehen, dass wir die Gesellschaft, in der wir leben, nicht mehr kennen, aber dringend „kennen-lernen“ müssen. Dazu müssen wir viele Stimmen hören und darüber nachdenken, wie Zusammenarbeit lebbar gemacht wird. Das kann sehr unterschiedlich sein. Es hilft nicht weiter, wenn ich Deutscher ohne Migrationshintergrund bin und behaupte, „mein“ Projekt mit Geflüchteten finde „auf Augenhöhe“ statt. Das kann gar nicht sein, weil die Voraussetzungen so unterschiedlich sind. Ich sollte also Autorität nicht verleugnen, sondern mir etwa überlegen, welche spezifischen Wissensbestände die Geflüchteten haben, die sie in eine Position der Autorität versetzen können. Ich muss es dabei zulassen, dass meine Sprache nicht die einzige ist, dass meine Problemagenda nicht die einzige ist – ich muss bereit sein, im Austausch etwas zu lernen.

Was unterscheidet Kollaboration von Kooperation?

So wie ich das verstehe, geht es eben um den zuletzt genannten Aspekt. Kooperation, da machen meiner Meinung nach zwei Einheiten, sagen wir eine Schule und ein Museum, etwas zusammen. Und wenn sie fertig sind, dann trennen sie sich wieder in zwei Einheiten. Interessanter wäre, sie würden sich fragen, wie sie sich verändern sollten, damit die Zusammenarbeit ausgebaut werden kann. Kollaboration beinhaltet die Bereitschaft und das Risiko, sich selbst im Prozess zu verändern.

Richten wir den Blick in Richtung Bildung: Eine kollaborativ organisierte Schule bzw. Bildungseinrichtung – wie sollte sie aussehen?

Darüber halte ich normalerweise ganze Vorträge... Sagen wir mal so: An vielen Schulen in Deutschland ist das längst gängige Praxis: Jahrgangsübergreifendes Lernen, Auflösung der Homogenitätsvorstellungen, mehr nicht-frontale Lernformen, die Konzentration auf Kompetenzen, Kritikfähigkeit und die Fähigkeit zu Verhandeln etc. Und vieles heute ist eben auch Verhandlungssache, etwa was der „Stoff“ ist, den es zu lernen gilt. Den „Kanon“ dessen, was wir weitergeben wollen, der kann nur in Zusammenarbeit festgelegt werden.

Die Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung sieht in der Zusammenarbeit und in gemeinsamen Bildungskonzepten von außerschulischen Jugend- und Kulturpartnern, Familien und Schulen eine Voraussetzung für das chancen- und teilhabegerechte Aufwachsen aller Kinder und Jugendlichen*. Wie könnte hier ein kollaborativer Ansatz weiterhelfen?

Vor allen Dingen muss die Stimme von Jugendlichen selbst stärker gehört werden. Ich war kürzlich auf einer großen Veranstaltung zum Thema „Kulturelle Bildung“, auf der etwa 400 Teilnehmer waren, fast alle über 50 und ohne Migrationshintergrund. Im Vergleich zur Zusammensetzung einer aktuellen Schulklasse war das eine regelrechte Parallelgesellschaft. Wie würden all diese Leute sprechen, wenn Jugendliche auch auf der Konferenz gewesen wären? Warum haben sie so wenig Bereitschaft, auch etwas von Jugendlichen zu lernen? Nicht einmal die einzelnen Projekte wurden von Jugendlichen präsentiert. Aber das ist doch ganz oft immer noch die Haltung: „Wir“ machen was mit „den“ Jugendlichen, „wir“ führen die an irgendwas heran, zum Beispiel „Kultur“...

Kulturelle Bildung und „Gesellschaft der Vielheit“ – welche Herausforderungen sehen Sie?

Ich mag den Begriff „Kulturelle Bildung“ nicht – ich weiß nicht, was das sein soll. Wenn es um Kunst geht, dann doch um das, was gemeinsam erreicht werden soll – daher sollten die entsprechenden Programme auch so etwas fördern wie „künstlerische Prozesse“. Der Begriff Kulturelle Bildung beinhaltet aus meiner Sicht eine Hierarchie – als hätten Jugendliche keine Kultur, als müsste sie ihnen gebracht werden. Kinder und Jugendliche sind aber polyglott, flexibel, technikaffin. Es braucht also noch stärker die Bereitschaft, sich selbst mal an die Hand nehmen zu lassen und etwas zu lernen.

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