KOOPERATIONEN UND
BILDUNGSLANDSCHAFTEN

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/// Freiraum als Lebenswirklichkeit



14.10.2014 - Die Bildende Künstlerin Marija Falina kennt das Dazwischen von Schule und Kultur. Sie widmet sich seit 2010 der künstlerischen Lehre in Zusammenarbeit mit verschiedenen Bildungs- und Kultureinrichtungen. Hier reflektiert sie darüber, wie alte kulturelle Tugenden zu neuen Freiräumen für die Jugend führen können

Die Bildende Künstlerin Marija Falina kennt das Dazwischen von Schule und Kultur. Sie widmet sich seit 2010 der künstlerischen Lehre in Zusammenarbeit mit verschiedenen Bildungs- und Kultureinrichtungen. Hier reflektiert sie darüber, wie alte kulturelle Tugenden zu neuen Freiräumen für die Jugend führen können.

 

Entgrenzung, Entfaltung, Unabhängigkeit — der Begriff Freiraum erzeugt zunächst ein angenehmes Gefühl, ohne einen klaren Umriss in der Wirklichkeit abzubilden. Die Sehnsucht nach Mitbestimmung und Mitgestaltung ist jedoch geprägt von unserer Lebenswelt, die sich immer mehr zu einer Welt der unbegrenzten Möglichkeiten entwickelt. Gerade als junger Mensch ist man heutzutage von der schier endlosen Vielfalt überfordert, welche uns durch die ständige Präsenz von Informations- und Kommunikationstechnologien ununterbrochen vor Augen geführt wird. Im Kontrast dazu steht ein räumlich und zeitlich durchkonstruiertes Gefüge in Bildung und Beruf — der eigentliche Nährboden für die Sehnsucht nach dem glückverheißenden Freiraum. Wie nehmen heranwachsende Menschen ihre Lebenswelt wahr und was können kulturelle Bildung und Schule dafür tun, damit sich die Idee von Freiraum und Selbstbestimmung in der Lebenswirklichkeit von Kindern und Jugendlichen manifestiert und somit langfristig ihre Wirkung entfaltet?

Es existieren bereits viele gute Ideen, Ansätze und Innovationen in den Bereichen der Kulturellen Bildung. Oft fehlt jedoch eine Art Kompass, welcher den Kindern und Jugendlichen hilft, sich selbstständig in ihrer ganz persönlichen Lebenswirklichkeit zu orientieren, eigene Freiräume zu entdecken und langfristig verstehen zu lernen. Dabei spielen unkonventionelle Herangehensweisen, zeitliches und räumliches Umdenken in Vermittlung und Lehre ebenso eine Rolle, wie die Schaffung von Kontinuität und Ganzheitlichkeit. Die Entdeckung und Erschließung neuer Orte, freie Bewegungs- und Erkundungsmöglichkeiten innerhalb dieser Orte sowie damit verbundenes Ausprobieren und Umsetzen eigener Ideen auf der Grundlage fachkundiger Anleitung nehmen in diesem Zusammenhang einen hohen Stellenwert ein. Darüber hinaus sind es Integration und Gruppendynamik, gegenseitiges Geben und Nehmen von Feedback als auch gegenseitiger Respekt, Ehrlichkeit und Anerkennung, welche nicht nur die Motivation steigern, sondern letztendlich über Qualität und Nachhaltigkeit der vermittelten fachlichen und sozialen Kompetenzen entscheiden.

Rituale, Beständigkeit, Spiel und Dialog, Ruhe, Zeit für sich selbst und andere sind entscheidende Voraussetzungen, welche den Weg zu mehr Selbstbestimmung und Willensstärke ebnen können. Doch gibt es vielleicht eine Vorgehensweise, eine Strategie, ein universelles Prinzip, welches Rhythmus und Freiheit, Struktur und Kreativität miteinander verbindet und in Einklang hält? Tatsächlich gibt es ein solches Prinzip. Es ist vielerorts nur leider in Vergessenheit geraten und findet gegenwärtig kaum noch Platz im Alltag der meisten Menschen beziehungsweise wird es kaum noch praktiziert oder vermittelt: Es ist die regelmäßige Selbsteinkehr, das Innehalten und selbstständige Vor- und Nachdenken — kurzum: die Beschäftigung mit sich selbst. »Diese Praktiken wurden im Griechischen als epimeleisthai sautou bezeichnet, was so viel heißt wie ›auf sich selbst achten‹, ›Sorge um sich selbst‹, ›sich um sich selbst kümmern‹. Die Vorschrift ›auf sich selbst zu achten‹, galt den Griechen als einer der zentralsten Grundsätze der Polis, als Hauptregel für das soziale und persönliche Verhalten und für die Lebenskunst. Für uns heute ist dieser Begriff dunkel und verblasst.«¹ Dabei sind sowohl der Begriff als auch die mit ihm verbundenen Praktiken äußerst wichtig. Denn sie eröffnen Freiraum — Freiraum seine Gedanken zu ordnen, sein Selbst zu formen, Kraft zu schöpfen für neue Ideen, Pläne, Wünsche und Träume. Sie sind das grundlegendste und notwendigste Rüstzeug, denn sie schaffen den Bezug zur Lebenswirklichkeit. Wie sonst lernt ein junger Mensch Situationen einzuschätzen, eigene Ziele zu formulieren, kreative Ideen zu entwickeln und Entscheidungen zu treffen? Nur wer lernt, auf sich selbst zu achten, wird sich — und somit auch andere — verstehen und erkennen lernen. Wer sich selbst erforscht, wird lernen frei und selbstbestimmt zu handeln sowie seine eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. 

Insbesondere in der Kulturellen Bildung ruht enormes Potenzial für die mögliche Anwendung ebensolcher Praktiken. Gleichsam bildet Kultur die Grundlage für eine wirksame Selbstbesinnung. Ebendiese Wirksamkeit kann in Verbindung mit würdigendem Fokus auf die individuelle Persönlichkeit eines jeden Schülers weiterhin zahlreiche Wege in allen Bildungsbereichen eröffnen. Die »Sorge um sich selbst« kann jedoch nur vermittelt werden, indem innerhalb unserer Gesellschaft wieder mehr Bewusststein dafür entsteht und sie in angemessener Weise, vor allem von Lehrenden, selbst praktiziert wird. Zu Zeiten Aristoteles' galt etwa das Zeichnen (graphikḗ), neben der Leibesübung (gymnastikḗ), dem Lesen und Schreiben (grámmata) und der musischen Kunst (musikḗ), zu den Hauptbestandteilen der allgemeinen Bildung.² Auf diese Weise sollte der Blick für den ästhetischen Wert des Lebens geschult sowie die Selbstwahrnehmung mit der Umwelt in Einklang gebracht werden. Die Wiedererkennung der Bedeutung, ferner des Stellenwerts Kultureller Bildung als Hauptbestandteil allgemeiner Bildung ist allerdings Voraussetzung für eine gelungene und ganzheitliche Selbstsorge. Aus diesem Grund ist es unabdingbar, dass wir in Zukunft verstärkt wieder den Blick auf die Tragweite und Kraft Kultureller Bildung richten und zum Wohle des Selbst, des Menschseins sowie unserer Gesellschaft den Weg zurück zu mehr Freiraum finden.

 

¹ Foucault, Michel: »Technologien des Selbst« (1982) in: Ästhetik der Existenz. Schriften zur Lebenskunst. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2007, 290.
² vgl. Aristoteles: »Politik«, Hg. Kullmann, Wolfgang. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2003 (2. Auflage), 342 ff.

Marija Falina, geboren in Woronesh (Russland), ist Bildende Künstlerin und Autorin. Sie studierte Malerei und Grafik an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle. In ihrer Diplomarbeit mit dem Titel »Zum Urgrund – Spiegelungen ins Unbewusste« gestaltet sich ihr grafisches Werk im Zusammenspiel mit Philosophie und Lyrik zu einem Konzept aus ästhetischer Theorie und künstlerischer Praxis. Seit 2005 ist sie freischaffend tätig und realisiert Projekte, Ausstellungen und Publikationen. Zudem widmet sie sich seit 2010 der künstlerischen Lehre in Zusammenarbeit mit verschiedenen Bildungs- und Kultureinrichtungen.

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