KOOPERATIONEN UND
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/// „Einfach mutig sein!“: Kooperationen für Kulturelle Bildung in der Kita



Für das gemeinsame Projekt „Das Papperlapapp leiht Kunstwerke aus“ erhalten der Kinderladen Papperlapapp und die artothek Köln den diesjährigen MIXED UP Preis in der Kategorie KitaPLUS. Im Interview erzählen Renate Willmes vom Kinderladen Papperlapapp und Astrid Bardenheuer von der artothek Köln, wie es zu der Kooperation kam und was die besondere Wirkung für die Kinder ist, sich an einem dritten Lernort mit Kunstwerken auseinanderzusetzen.

Die beiden Projektleiterinnen nehmen den Preis am 22. November 2018 bei der Preisverleihung des MIXED UP Bundeswettbewerbs für kulturelle Partnerschaften in Kiel entgegen. Der Preis wird in diesem Jahr erstmalig auch in der Kategorie KitaPLUS vergeben und zeichnet die langfristige Zusammenarbeit für eine frühkindliche Kulturelle Bildung an und mit einem dritten Lernort aus.

Interview mit Renate Willmes vom Kinderladen Papperlapapp und Astrid Bardenheuer von der artothek Köln

Das Papperlapapp leiht Kunstwerke aus, Foto: Renate Willmes Das Papperlapapp leiht Kunstwerke aus, Foto: Renate Willmes

Frage: Wie ist es zur Zusammenarbeit des Kinderladen Papperlapapp mit der artothek Köln gekommen?

Renate Willmes: Als ich im Herbst 2013 meine Arbeit im Kinderladen Papperlapapp aufnahm, war der Ausbau des kunstpädagogischen Bereiches erwünscht. Glücklicherweise war zu der Zeit eine Mutter im Papperlapapp, die gleichzeitig Künstlerin ist und eine Ausstellung in der artothek hatte. Es war schnell klar, dass wir diese Ausstellung besuchen und sofort ein Bild mitnehmen. Die Kinder leihen regelmäßig Bücher in der Stadtbibliothek aus. Das kennen sie also schon. Und so war die Ausleihe von Kunstwerken eigentlich eine Fortsetzung.

Frage: Warum ist es gut an einen sogenannten dritten Lernort zu gehen?

Astrid Bardenheuer: Die artothek ist wie Museum und Galerie, aber man geht nicht mit leeren Händen, sondern man nimmt einen Teil von dieser Institution mit, etwas Greifbares. Dafür ist es wichtig, dorthin zu gehen. Die artothek macht Kunst real erfahrbar und dazu gehört es mit den Kindern den Ort der Ausleihe aufzusuchen.

Frage: Welche Herausforderungen gibt es, an einen solchen dritten Lernort mit den Kindern zu gehen?

Renate Willmes: Die Kinder lieben es grundsätzlich den Kindergarten zu verlassen. Auch die Eltern sind demgegenüber sehr aufgeschlossen und begleiten uns in die artothek, weil wir personell sonst nicht immer so aufgestellt sind, dass zwei Erzieher*innen mitkommen können. Die Eltern lernen so auch die artothek kennen, die für uns von Anfang an ein Wohlfühlort war – ganz anders, als im Museum, wo man darauf achten muss, dass die Kinder nichts anfassen.

Astrid Bardenheuer: Die artothek ist räumlich übersichtlicher. Die Kinder können nicht um die Ecke verschwinden und den Picasso zerlegen. Wir, von der artothek, sind auch immer zu zweit vor Ort. Die Kinder dürfen auch gerne Krach machen, denn man muss nicht auf unzählige andere Besucher*innen Rücksicht nehmen.

Frage: Wie beteiligen Sie die Kinder im Projekt? Mit welchem Interesse sind sie dabei?

Renate Willmes: Die Kinder treffen vor Ort in der artothek eine Entscheidung. Sie stimmen anhand eines Stimmzettels darüber ab, welches Bild mitgenommen wird. Ich zeichne ihnen die Bilder als Piktogramme auf und dann kreuzen sie auf dem Stimmzettel ihre Meinung an. Das findet ganz geheim statt, jedes Kind verschwindet in einer Ecke und macht sein Kreuzchen. Es gefällt ihnen, dass sie das Bild holen und wir Erwachsenen eher als Begleitpersonen fungieren. Zurück im Kindergarten erzählen sie den anderen von der Ausstellung, die sie gesehen haben, wie das andere Bild aussah und in welchem Verhältnis die Entscheidung ausfiel. Sie lernen dabei das Grundprinzip der Demokratie kennen. Ich erlebe die Kinder als sehr interessiert und kompetent. Sie sind in der Lage, sich eine Meinung zu bilden und sich für eins der Bilder zu entscheiden.

Astrid Bardenheuer: Und sie können diese Meinung auch vertreten. Das ist der Einstieg in eine Auseinandersetzung mit Kunst ohne Steuerung von außen.

Frage: Die artothek Köln arbeitet auch mit anderen Partnern zusammen. Wie ist Ihre Erfahrung mit Kooperationen?

Astrid Bardenheuer: Die Kooperationen baue ich seit drei bis vier Jahren kontinuierlich auf. Die Kitas und Schulen, die es einmal gemacht haben, machen es immer weiter und es kommen einzelne Schulen und Lehrkräfte dazu, die ein Projekt in ihrem Unterricht machen. Als artothek kooperieren wir auch mit der Uni und dem Fachbereich Kunstpädagogik. Die angehenden Kunstpädagog*innen lernen so früh unseren Ansatz kennen. Mit unseren Projekten stellen wir ein Gegenwicht her zu einer Schulpädagogik, die immer stärker wissensbasiert ist, also reinen Wissenskonsum beinhaltet, und wo die pädagogischen Werte wie Selbstbewusstsein, Wahrnehmungsstärkung, kreatives Denken und logisches Denken in den Hintergrund geraten. Denn bei unserer Arbeit ist ganz klar, dass es uns nicht um das künstlerische Ergebnis geht, sondern um den Weg. Das erfordert eine Selbstständigkeit, die zum Beispiel im Studium vorausgesetzt ist.

Frage: Was hat Sie dazu bewogen Ihr Programm auszubauen?

Astrid Bardenheuer: Mehrere Gründe. Zum einen ist die artothek von der Idee an sich eine Einrichtung der Kulturellen Bildung, deren Ziel es ist, Kunst einer breiten Bevölkerungsschicht zugänglich zu machen unabhängig vom Geld. Zum anderen sehen wir in den Kindern und Jugendlichen unsere zukünftige Zielgruppe. Wer als Kind einen Zugang zur Kunst erhalten hat, wird diesen behalten.

Frage: Haben Sie sich durch die Zusammenarbeit mit dem Kinderladen eine für Sie neue Zielgruppe erschlossen, nämlich die der Allerjüngsten? Was sind die Besonderheiten in der Arbeit mit so jungen Kindern?

Astrid Bardenheuer: Die Kinder vom Papperlapapp waren die erste Gruppe, mit der ich zusammengearbeitet habe, und erst in der Zusammenarbeit habe ich dieses Konzept auf andere Zielgruppen angepasst und tue dies auch immer noch. Was ich an der Arbeit mit den Kindergartenkindern besonders schätze, ist, dass die Kinder völlig unvoreingenommen und frei mit den Werken umgehen. Es ist ihnen nicht peinlich zu sagen, wenn ihnen etwas gefällt, wie das unter Umständen bei Jugendlichen in der Pubertät der Fall sein kann. Aus dieser Freiheit kommt auch eine Freiheit in der Bearbeitung, die für mich sehr spannend ist. Auch das Feedback der Künstler*innen, die wir ausstellen, auf die Reaktionen der Kinder ist wahnsinnig positiv. Dieses kreative Potenzial, mit dem man als Künstler*in arbeitet und von dem man versucht es sich zu bewahren, ist bei den Kindern total unverbildet vorhanden.

Frage: Wie würden sie im Idealfall gern mit Kindern und Jugendlichen arbeiten?

Astrid Bardenheuer: Meine Idealvorstellung für die Schule wäre, dass man da zu Kunstwerken und den Anlässen, die sie bieten, fachübergreifend arbeitet, also in Philosophie, in Ethik, in Deutsch, in Kunst. Und es müsste für mich nicht wieder ein Kunstprojekt werden.

Renate Willmes: Das sehe ich im Kindergarten genauso. In meinem Wunschkindergarten würde ich einige Programmpunkte herausnehmen. Beispielsweise ein Sommerfest oder Basteleien zu Nikolaus oder Ostern – man hat oft viele Dinge abzuarbeiten. Ich finde es sinnvoller, Freiräume zu schaffen, um forschenden Methoden und sich weiterentwickelnden Lernfeldern mehr Raum zu geben. Es sind ja nicht die Kinder, sondern die Erwachsenen, die wieder lernen müssen von dem ergebnisorientierten Projektgedanken wegzukommen. Einfach einen Weg einschlagen und schauen, wohin man gerät – das ist spannend.

Frage: Welche Rahmenbedingungen braucht es, um diesen Ansatz umsetzen zu können? Wo muss man ansetzen?

Renate Willmes: Es hat sicher viel mit personeller Besetzung zu tun. Ich bin mir durchaus bewusst, dass wir in unserer Elterninitiative sehr gute Bedingungen haben und dass diese nicht überall so sind. Aber ich glaube, wichtiger ist ein größerer Handlungsspielraum für Erzieher*innen. In den Fortbildungen, die wir in der artothek Köln geben, berichten Kolleg*innen beispielswiese, dass sie nicht direkt ein Bild aus der artothek mitnehmen können, ohne vorher abzusprechen, ob sie die sechs Euro ausgeben dürfen. Das finde ich sehr schade. Immer wieder hört man „die Kinder stark machen“. Ich denke, wichtig ist, die Erzieher*innen zu stärken. In den Fortbildungen werden Ideen aus der Praxis ausgetauscht und direkt für die Praxis wieder bereitgestellt. Ich erkläre an einigen Beispielen, wie man mit Bildern arbeiten kann, und die Teilnehmer*innen erkennen übertragbare Methoden. Ich würde mir wünschen, dass es mehr Fortbildungsprogramme gibt, in denen Fachkräfte die Möglichkeit haben, sich auszutauschen und gegenseitig weiterzubilden.

Frage: Was würden Sie umsetzen, wenn Sie politisch verantwortlich für die frühkindliche Bildung wären?

Astrid Bardenheuer: Es wäre schön, wenn mehr Leute erkennen würden, welchen Wert Kulturelle Bildung darstellt, ohne dabei ergebnisorientiert zu denken, sondern einfach als Prozess zu einem freien Denken. Das halte ich gesellschaftspolitisch für extrem wichtig. Außerdem gibt es ganz viele Artotheken in Deutschland, die sich alle gerne mehr in dem Bereich engagieren würden, wenn sie könnten.

Frage: Wie finden Sie die Auszeichnung als Gewinnerprojekt im MIXED UP Bundeswettbewerb für kulturelle Bildungspartnerschaften?

Astrid Bardenheuer: Es ist einfach ein schönes Gefühl nach vier Jahren nun so ein positives Feedback zu bekommen. Es steckt so viel Engagement dahinter, nicht nur von Renate Willmes persönlich, sondern auch von vielen anderen Erzieher*innen und von vielen Eltern.

Renate Willmes: Das Tolle ist, dass wir die Kunstausleihe nicht begonnen haben, um damit einen Preis zu gewinnen, sondern weil es sich ergeben hat und eine Bereicherung ist. Wir haben die Kooperation in unsere Konzeption aufgenommen und damit die fortlaufende Zusammenarbeit festgelegt. Dass das jetzt von außen so positiv wahrgenommen und ausgezeichnet wird, ist für uns zusätzlich eine sehr große Freude.

Fotos: Renate Willmes

Weitere Informationen

Porträt über den MIXED UP Preisträger 2018 in der Kategorie KitaPlus „Das Papperlapapp leiht Kunstwerke aus“

Beitrag „Kooperieren mit der artothek – Raum für junge Kunst: Gelungene Vernetzung im Sozialraum“ im Fachmagazin für Frühpädagogik „Kindergarten heute“

Website der artothek - Raum für junge Kunst, Köln

Website des Kinderladen Papperlapapp Köln

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