KOOPERATIONEN UND
BILDUNGSLANDSCHAFTEN

 BKJ    Weitere Aktivitäten im Fachbereich Kooperationen und Bildungslandschaften



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/// Zukunftsaufgabe: Kooperation Ganztagsbildung 2.0 – Kritisches zur Zukunft



Jugendgerechtigkeit ist ein eher abstrakter Begriff und Kooperation in Sachen Ganztagsbildung braucht wieder mehr Einsatz für die Rechte und Freiräume der Jugendlichen – so Prof. Dr. Gunda Voigts. Sie war Mitglied der Sachverständigenkommission des 15. Kinder- und Jugendberichts.

An der HAW Hamburg ist sie zuständig für Theorie und Praxis der Kinder und Jugendarbeit sowie für die Wissenschaft und Theorien Sozialer Arbeit. Zu den Ideen und Forderungen, die sich aus Gunda Voigts Blickwinkel durch den Bericht ergeben, hat das Onlinemagazin sie interviewt.

12 Fachleute aus Wissenschaft und Praxis haben als Sachverständige am 15. Kinder- und Jugendbericht mitgearbeitet. Soll der mehr Jugendgerechtigkeit bringen?

Der Bericht dient zuerst der Beratung der Bundesregierung. Der 15. Kinder- und Jugendbericht ist der erste Bericht, der sich mit dem Schwerpunkt Jugend beschäftigt. Unter dem vorgegebenen Titel „Zwischen Freiräumen, Familie, Ganztagsschule und virtuellen Welten – Persönlichkeitsentwicklung und Bildungsanspruch im Jugendalter“ werden im Bericht die Kernherausforderungen der Jugendphase heute beschrieben. Unser Zugang sind z. B. die Fragen danach gewesen, was die Jugendphase heute kennzeichnet und wie Gesellschaft und Staat sie dabei unterstützen können. Dabei haben wir drei Kernherausforderungen des Jugendalters formuliert: die Qualifizierung, die Verselbstständigung und die Selbstpositionierung. Unsere Grundidee ist, danach zu fragen, wie Jugend heute ermöglicht werden kann und sollte. Der von Ihnen genannte Begriff „Jugendgerechtigkeit“ ist ein eher abstrakter Begriff, der sich im Bericht nicht findet. Der Bericht stellt die jungen Menschen in den Vordergrund und analysiert, wie der Lebensalltag, die Lebenslagen und die Handlungsräume Jugendlicher heute aussehen.

Was meinen Sie mit Qualifizierung, der Verselbständigung und der Selbstpositionierung?

Die Kernherausforderung „Qualifizierung“ meint, dass Jugendliche eine soziale und berufliche Handlungsfähigkeit erlangen sollen.

Mit „Verselbständigung“ meinen wir den Anspruch an junge Menschen, eine individuelle Verantwortung übernehmen zu können, also einen eigenen Lebensentwurf zu entwickeln, der z. B. Unabhängigkeit im ökonomischen Sinne oder im privaten Kontext ermöglicht.

Die dritte Kernherausforderung ist für uns die Selbstpositionierung: Jugendliche müssen eine Balance zwischen subjektiver Freiheit und sozialer Zugehörigkeit für sich ausloten.

Was fordert der Bericht also?

Der Bericht ist ein Plädoyer für eine neue Jugendorientierung. Das Jugendalter darf nicht als eine Phase verstanden werden, in der junge Menschen in festgeschriebene gesellschaftliche Strukturen und Institutionen integriert werden. Unser Grundansatz ist, dass die Lebensphase Jugend die Option eröffnen muss, Bestehendes in Frage zu stellen. Nur so werden Veränderungsimpulse ermöglicht. Das setzt voraus, dass junge Menschen in unserer Gesellschaft als kompetente Akteure und Akteurinnen akzeptiert werden.

Im 15. Kinder- und Jugendbericht wird auch die Ganztagsbildung unter die Lupe genommen. Welche Beobachtungen haben Sie denn in diesem Bereich gemacht?

In einem Satz gesagt: Der Ganztagsschule des Jugendalters fehlt eine jugendorientierte Konzeption.

Bedauerlicherweise wissen wir wenig darüber, was Jugendliche über Ganztagsschule denken, was sie sich konkret wünschen. Wir befragen sie nicht. Ganztagsschule wird von Erwachsenen gemacht. Aber eines wissen wir aus Nutzungsstatistiken: Je älter Jugendliche werden, desto weniger sind sie dabei. Und wenn sie die Möglichkeit und die Wahl haben, wählen sie den Ganztag ab. Das muss uns nachdenklich stimmen.

Können Kooperationen, z. B. zwischen Trägern der Jugendhilfe und Schulen, aber auch Bildungslandschaften da nicht helfen?

Ganztagschule in der Sek. I benötigt einen Handlungsansatz, der Jugendliche anspricht und ihre Bedürfnisse mit den schulischen Belangen in einen konstruktiven Zusammenhang bringt. Das gelingt bisher nicht. Ich gehöre nicht zu denen, die die Hoffnung haben, dass die Träger der Kinder- und Jugendhilfe das Schulsystem reformieren könnten. Das ist auch nicht ihr Job. Wenn Schulen neben den unterrichtsbezogenen Pflichtanteilen Jugendliche auch für außerunterrichtliche Ganztagsangebote gewinnen wollen, müssen sie sich als Lebensort von Jugendlichen verstehen, an dem „Jugend ermöglicht“ wird. Bisher werden junge Menschen in der Schule aber fast ausschließlich als Schüler und Schülerinnen adressiert. Jugendliche haben dafür ein feines Gespür. Alles, was Schule anfasst, ist für sie Schule.

Ganztagschule als Institution muss sich den Kernherausforderungen des Jugendalters hinwenden und eine daran orientierte pädagogische Konzeptionierung entwickeln. Die Kristallisationspunkte des „Jugend ermöglichen“, wie wir sie als Kommission des 15. Kinder- und Jugendberichts entwerfen, sind Freiräume für und Beteiligung von Jugendlichen. Beide finden in der Ganztagsschule des Jugendalters kaum einen Platz. Ich persönlich halte es für eine Illusion, dass die Träger der Kinder- und Jugendhilfe diesen Grundkonflikt durch Kooperationen lösen können.

Wie kommen Sie zu dem Schluss?

Ich mache es einmal an einem Beispiel konkret: Die Basis der Kinder- und Jugendarbeit ist §11 des SGB VIII. Hieraus leiten sich die Maximen Freiwilligkeit, Subjekt- und Interessenorientierung ab. Die Jugendlichen stehen im Mittelpunkt. Diese Maximen rücken in der Zusammenarbeit mit Schule nach hinten. Angebote der kulturellen Jugendbildung oder anderer Bereiche der Jugendarbeit an Schule sind für Jugendliche selten ein freiwilliges Angebot. Sie können nicht kommen und gehen, wann sie wollen. Sie können nicht frei entscheiden. Die Realität sieht meistens anders aus: Am Anfang des Schuljahres können sie aus einer Angebotspalette wählen. Wenn sie Glück haben, bekommen sie ihre erste Wahl. Wenn sie Pech haben, kriegen sie die zweite, dritte oder vierte Wahl. Dann sind sie verpflichtet, das ganze Schulhalbjahr daran teilzunehmen. Die Idee der Kinder- und Jugendarbeit ist eine andere: Wenn mir ein Angebot nicht gefällt, kann ich gehen – und wiederkommen, wenn ich wieder Interesse daran habe oder ich mit meinen Freunden und Freundinnen mitgehen möchte. Ich kann selber mitbestimmen und gestalten, welche Angebote es gibt und was in ihnen passiert und wann ich mitmache.

Und was machen wir jetzt vor diesem Hintergrund in Bezug auf Kooperation zwischen Trägern der Jugendhilfe, Kulturpartnern und Schule?

Ich bin der Meinung, dass sich Träger der Kinder und Jugendarbeit wieder viel mehr für die Rechte und Freiräume der Jugendlichen einsetzen müssen, sich auf ihre Seite stellen, für eine wirkliche Jugendorientierung eintreten sollten.

Es hat große Erwartungen an die Kooperation von Schule und außerschulischen Partnern gegeben. Es hat sich gezeigt, dass diese nur gelingt, wenn es eine Partnerschaft auf Augenhöhe gibt. Diese ist strukturell bisher kaum möglich. Wir sollten keinen Beitrag dazu leisten, die letzten Freiräume von Jugendlichen zu verspielen. Bei allem, sollte die erste Frage sein: Trägt das, was wir tun, zu einer Jugendorientierung bei? Erweitern wir damit die Freiräume von jungen Menschen und machen wir sie noch enger?

Aber haben wir es denn nicht gerade geschafft, dass sich Lehrer*innen und die Kulturpartner zwar am Anfang sehr fremd gegenüberstehen, sich jetzt aber eher gegenseitig verstehen – auch das Schulsystem und das System der freien Träger?

Eine spannende Frage. Diplomatisch darauf antwortend würde ich sagen: Ja eigentlich ist es jetzt Aufgabe der Träger sich wieder mehr der Jugendorientierung zuzuwenden. Das ist ein ständiges Ausloten von dem, was in dieser Struktur Schule geht und was mit Blick auf die Interessen von Jugendlichen nicht richtig ist.

Da könnte man sagen: Das Leben ist kein Wunschkonzert …

Das Leben von jungen Menschen ist heute generell weit davon entfernt ein „Wunschkonzert“ zu sein. Wir haben Kindheit und Jugend institutionalisiert. Wir sprechen von einer Generation, die einen großen Teil ihres Lebens in Institutionen aufwächst.

Es ist und wird berechtigtes gesellschaftliches Ziel für die Jugendphase sein, junge Menschen so gut wie möglich zu qualifizieren. Wir wollten mit der Einführung der Ganztagsschule bestimmte gesellschaftliche Fragen beantworten. Wir wollten z. B. herkunftsbedingte Ungleichheiten abbauen. Bisher können wir keine positiven Effekte in diesem Sinne nachweisen. Die Erwartungen an die Kooperationen im Sinne einer Ausgestaltung von „Bildungslandschaften“ vor Ort haben sich nur ansatzweise erfüllt. Die Ganztagsschule der Zukunft im Jugendalter benötigt Räume zur Selbstgestaltung, eine institutionelle Öffnung nach innen und außen, eine differenzierte jugendgerechte Raumgestaltung, eine andere Rhythmisierung von Zeit und vieles mehr. Der 15. Kinder- und Jugendbericht begründet das sehr differenziert. Es lohnt sich, dort in die Details der Analyse zu schauen. Immer das Ziel im Kopf: allen Jugendlichen Jugend zu ermöglichen!

Weitere Informationen

15. Kinder- und Jugendbericht. Bericht über die Lebenssituation junger Menschen und die Leistungen der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland (BMFSFJ, 2017)

Jugend ermöglichen! Die Jugendbroschüre zum 15. Kinder- und Jugendbericht (BMFSFJ, 2017)

Das Interview führte Babette Braun im Auftrag der BKJ für das Onlinemagazin Kooperationen und Bildungslandschaften, Ausgabe Januar 2018.

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