KOOPERATIONEN UND
BILDUNGSLANDSCHAFTEN

 BKJ    Weitere Aktivitäten im Fachbereich Kooperationen und Bildungslandschaften



Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.


bkj.de
ONLINEMAGAZIN „KOOPERATIONEN UND BILDUNGSLANDSCHAFTEN“ >>
/// Kooperation in einem Dorf von über 3 Millionen – Blick auf Gelungenes



„Um ein Kind aufzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf.“ Den Spruch kennt man mittlerweile. (Angeblich kommt er aus Nigeria). Was aber, wenn das Dorf 3,47 Millionen Einwohner hat? – Dann ist Kooperation eine große Aufgabe. Für Sabine Kallmeyer aus der Berliner Senatsverwaltung eine Herzensangelegenheit, für die sie Fachwissen auf allen Ebenen gesammelt hat. Seit fünf Jahren setzt sie sich in der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie in Berlin für Kulturelle Bildung ein.

Sie kennt aber auch die Perspektive der Berliner Bezirke, denn begonnen hat sie im Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf. Die Bedürfnisse der freien Träger sind Sabine Kallmeyer ebenfalls nicht fremd: vier Jahre war sie Geschäftsführerin der Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung Berlin. Fehlt noch die wichtige Perspektive der Kinder und Jugendlichen*. Daher lautet die erste Frage:

Wie und wo haben Sie selbst als Kind und Jugendliche kulturelle Arbeit oder Einsatz für Sie erlebt?

Ich habe eigentlich schon in der Grundschule die Möglichkeit gehabt, ein Musikinstrument zu lernen und in einem Chor zu singen. Ich habe dann auch das Glück gehabt, dass ich Schülerin der ersten integrierten Gesamtschule in Wolfsburg war. Das war wirklich sehr innovativ und modern und da gab es eben schon einen Ganztag. Dazu gehörte eine Mittagspause und Freizeitangebote: Tanz, Theater, Musikangebote …

Können Sie sich noch an Momente erinnern, in denen Sie als Kind und Jugendliche gemerkt haben, dass Sie hier wachsen können?

Ja, Momente in denen sozusagen das, was eingeübt wurde, präsentiert werden konnte – vor einer größeren Gruppe von Eltern, Freunden, Freundinnen. Diese Momente waren eben auch ganz besonders spannend. Ja, ich erinnere mich: Ich bin ein bisschen ängstlich gewesen, aber das zu überwinden und die Früchte zu ernten … Ich habe das als aktivierend erlebt.

Jugendhilfe, Kulturarbeit und Bildungssystem – alle drei leisten ihren Beitrag in Sachen Kulturelle Bildung und Aufwachsen. Alle drei machen einen guten Job. Manchmal kommen sich die drei Kompetenzbereiche auch so nahe, dass Spannung entsteht. Das kann ein Katalysator sein – nach dem Motto: „Konkurrenz belebt das Geschäft“. Sie finden aber: Kooperation ist die bessere Wahl …

Auf jeden Fall! Uns geht es ja eigentlich allen darum, dass wir die Bildungsbedingungen von Kindern und Jugendlichen verbessern wollen. Wir wollen sie alle ansprechen, wollen sie mitnehmen, Zugang schaffen, ohne soziale Barrieren kulturelle Teilhabe ermöglichen. Es gibt Konkurrenz, das ist richtig, aber ich würde in dem Bereich sagen, dass die Konkurrenz vielleicht darin besteht, dass wir jeweils unsere eigenen Expertisen haben. Wir haben unsere eigene Profession. Wir haben unterschiedliche Perspektiven. Wenn man aber durch diese Konflikte gegangen ist, wird erkennbar, dass eigentlich die Kinder und Jugendlichen davon profitieren – wenn wir diese Potenziale zusammenbringen. Ich kann mich allerdings sehr gut an den Prozess erinnern, als wir mit der Entwicklung des Berliner Rahmenkonzepts Kulturelle Bildung in Berlin begonnen haben: 2006 erzählten mir Kollegen und Kolleginnen, dass sich Vertreter*innen aus Schule, Jugend und Kultur zusammensetzen MUSSTEN. Das war ein Auftrag des Abgeordnetenhauses – da galt es, sich zusammenzuraufen. Die Kommunikation während der Arbeit am Konzept war schwierig, aber mit Unterstützung einer externen Moderation hat es dann geklappt. Denn der Gruppe wurde klar, dass es allen darum geht, gute und wirksame Angebote für die gleichen Kinder und Jugendlichen zu machen!

Wie sieht das „Rahmenkonzept Kulturelle Bildung“ von Berlin denn aus?

Das „Rahmenkonzept Kulturelle Bildung“ gibt es seit 2008. Mit ihm haben wir vom Abgeordnetenhaus praktisch reingeschrieben bekommen, dass es eine ressortübergreifende Arbeitsgruppe geben muss, die für die Umsetzung sorgt: Das sind Menschen im Aufgabenbereich von Jugend, Kultur, Schule, Kita, die auf Landesebene und auch in den Bezirken tätig sind. Die Federführung für das Rahmenkonzept Kulturelle Bildung ist in unserer Verwaltung, also in der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie, im Bereich der Bildungsverwaltung angesiedelt. Seit 2016 gibt es ein weiterentwickeltes Rahmenkonzept Kulturelle Bildung. Die drei wichtigsten strategischen Kernaufgaben des Rahmenkonzeptes sind:

  • Angebote der Kulturellen Bildung erhalten
  • Kooperation und Vernetzung stärken
  • Neue Zielgruppen erschließen

Daraus haben wir dann Handlungsfelder erarbeitet. Das erste Handlungsfeld beschäftigt sich mit Förderformaten, das zweite ist die Qualitätsentwicklung in Kita und Schule. Der dritte Bereich ist die Qualitätsentwicklung der außerschulischen Kulturellen Bildung und bezirklicher Netzwerke, damit ist die Stärkung der Angebote in den Bezirken gemeint. Das vierte und fünfte Handlungsfeld haben wir neu entwickelt: Studium sowie Aus-, Fort- und Weiterbildung; und die Berücksichtigung von Kultureller Bildung in der universitären Forschung.

Welche Rolle spielt das „Rahmenkonzept Kulturelle Bildung“ für die Kooperationspraxis in Berlin?

Also, das „Berliner Rahmenkonzept Kulturelle Bildung“ hat zum großen Erfolg beigetragen. Es hat einfach eine unglaubliche Aktivierungs-Energie entwickelt. Seit 2008 gibt es auch den „Berliner Projektfonds Kulturelle Bildung“, der bei der Kulturprojekte GmbH angesiedelt ist. Die Senatsverwaltung für Kultur und Europa verausgabt darin 2.930.000 Euro im Jahr für Projekte der Kulturellen Bildung mit Kindern und Jugendlichen. Vergeben wird nach dem „Berliner Tandem-Modell“, was ein Struktur- und Qualitätsmodell ist. Es bedeutet, dass in der Antragskonstruktion mindestens zwei Partner einen Antrag stellen, auf der einen Seite Kulturpartner und auf der anderen Seite Schulen oder Partner aus dem Jugendbereich oder der frühkindlichen Bildung.

Seit Bestehen des Projektfonds wurden 2.200 Projekte umgesetzt, in die 120.000 Teilnehmende einbezogen waren.

Auch die Politik- und Verwaltungsebene muss zum Gelingen (von kooperativer kultureller Bildungspraxis) beitragen. Hier müssen Strukturen und Rahmenbedingungen geschaffen werden, die die Kooperation befördern/ermöglichen. Wie schaffen Sie das in Berlin denn?

Auf der Verwaltungsebene sind wir wirklich super vernetzt und der Rahmen ist tatsächlich das „Berliner Rahmenkonzept Kulturelle Bildung“. Wir stimmen uns natürlich auch über Projekte außerhalb des Rahmenkonzepts ab. Das machen wir auf kurzen Wegen. Also „kurze Wege“ sehen so aus, dass die Kollegin aus dem Bildungsbereich, die federführend für das „Rahmenkonzept Kulturelle Bildung“ zuständig ist, bei mir auf dem Flur sitzt. Auch die Kollegin aus dem Kita-Bereich sitzt im selben Gebäude. Mit der Kollegin aus der Kulturverwaltung haben wir einen kurzen Weg übers Telefon oder per E-Mail.

Auf der politischen Ebene gibt es eine gute Zusammenarbeit, denn als Grundlage dient wiederum das „Berliner Rahmenkonzept Kulturelle Bildung“. Ein gutes Beispiel ist der Beirat des Projektfonds Kulturelle Bildung, der für die Beratung der Förderschwerpunkte und die Empfehlung von Projektförderungen mit strukturbildender und stadtweiter Bedeutung zuständig ist. Dort sind sowohl die Staatssekretärin für Jugend und Familie, der Staatssekretär für Bildung als auch der Staatssekretär für Kultur Mitglied und diese wechseln sich jährlich mit der Leitung dieses Gremiums ab.

Wo gelingt die denn nicht so?

Wir haben im Stadtstaat Berlin diese zweigliedrige Verwaltung, einerseits die Landesebene mit den übergeordneten städtischen Aufgaben und andererseits die 12 Bezirke, von denen jeder den Umfang einer Großstadt hat und in denen örtliche, die Bürger*innen direkt betreffende Verwaltungsaufgaben wahrgenommen werden. Da gibt es Prozesse, die parallel laufen, wir wissen schlichtweg manchmal gar nicht von den Aktivitäten der anderen. Da gibt es immer wieder auch Irritationen und da würde ich sagen, dass wir da auf jeden Fall die Kooperation noch stärker ausbauen sollten. Jetzt fangen wir gerade an, Kolleginnen und Kollegen aus den Bezirken anzusprechen, also die Akteure aus der Praxis, um sie zu bitten, sich in die Arbeitsgruppen einzubringen, die dann Vorschläge zur Umsetzung der fünf Handlungsfelder des „Berliner Rahmenkonzepts Kulturelle Bildung“ entwickeln werden.

Ob als Kind, Erwachsener, Fachmensch oder Organisation – wenn man kooperiert, kann sich das ganz schön hakelig anfühlen. Haben Sie schon aus der Praxis Erfahrungen gewonnen, wie man das vermeidet?

Also, meiner Meinung nach kann man das nur vermeiden, indem man immer wieder, egal wie hakelig und schwierig es ist, aufeinander zugeht und versucht die jeweilige Position zu erläutern. Was ich auch wichtig finde ist, dass wir uns besser kennenlernen, indem wir uns auch zeigen was wir tun. Wir haben zum Beispiel auch praxisbezogene Ausflüge mit den Kolleginnen und Kollegen aus der ressortübergreifenden Arbeitsgruppe gemacht. Das hilft, besser zu verstehen, was der jeweils andere Bereich macht.

Weitere Informationen

Berliner Rahmenkonzept Kulturelle Bildung (2016)

Das Interview führte Babette Braun im Auftrag der BKJ für das Onlinemagazin Kooperationen und Bildungslandschaften, Ausgabe Januar 2018.

904 mal gelesen


nach oben | zurück
Diversität anerkennen
Inklusion umsetzen
Zusammenhalt stärken
Seite drucken | PDF der Seite erstellen | Seite empfehlen deliciousWhatsapp | Kontakt | Sitemap | Impressum | Datenschutz