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08.11.2018 /// Freier Eintritt in Kultureinrichtungen: Sinnvoll, aber nicht ausreichend

Finanzielle Hürden wie der Eintrittspreis seien zwar ein relevanter Faktor für die Nutzung oder Nicht-Nutzung von Kulturangeboten, jedoch nicht der einzige, betonte die stellvertretende BKJ-Geschäftsführerin Kirsten Witt bei einem Fachgespräch im Kultur- und Medienausschuss des Deutschen Bundestags am 7. November 2018.

Kirsten Witt führte an, dass kulturelle Teilhabe ein Menschenrecht sei. Deshalb gehe jedem staatlichen kulturpolitischen Handeln die Notwendigkeit voraus, öffentlich geförderte Kulturangebote und Gelegenheiten Kultureller Bildung allen Menschen zugänglich zu machen. Freier Eintritt bzw. kostenfreie Angebote können, wie Erfahrungen in Deutschland und anderen Ländern zeigten, dazu beitragen, Schwellen abzubauen und Kulturnutzung Teil des Alltags werden zu lassen. Allerdings würden viele Menschen nicht nur aus ökonomischen Gründen von Kultureinrichtungen ferngehalten. Bildungserfahrungen, sozioökonomische Faktoren und Sozialisation spielten eine oftmals größere Rolle. Ein freier Eintritt müsste deshalb auch durch flankierende Maßnahmen ergänzt werden.

Mit Blick auf Kulturvermittlung als begleitende Maßnahme gab Kirsten Witt zu bedenken, dass diese Angebote, so sinnvoll und notwendig sie grundsätzlich sind, ungewollt suggerieren könnten, dass ästhetische Erfahrungen nur „mit Hilfe“ möglich seien. Dies könne dazu beitragen, dass sich der Eindruck verfestige, dass Kunst- und Kulturgenuss eine exklusive, voraussetzungsvolle Angelegenheit sei. Nötig seien deshalb Angebote und Praxisformen Kultureller Bildung, in denen Menschen die Erfahrung machen, dass Kunst und Kultur ihr Leben bereichern und dass sie selbst ein Teil von Kultur sind, die sie fortwährend mitgestalten.

Brücken, die Vertrauen schaffen

Kulturelle Bildung finde auch nicht nur in Kultureinrichtungen statt, betonte Witt.

„Wir brauchen guten Kunst-, Musik- und Theaterunterricht in der formalen Bildung. Wir brauchen in der Fläche ein breites Angebot an Kultureller Bildung für Kinder-, Jugendliche und Erwachsene im außerschulischen Bereich in verschiedenen Sparten und an verschiedenen Orten. Menschen, die es nicht gewohnt sind, Kulturangebote zu nutzen oder Kultureinrichtungen zu besuchen, benötigen Brücken, die Vertrauen schaffen. Dies kann durch Kooperationen und sozialräumliches Agieren von Kulturinstitutionen ermöglicht werden, ebenso durch die Nutzung ungewöhnlicher Orte und partizipativer Ansätze.“

Entscheidend dafür, dass Menschen sich von Kultureinrichtungen angesprochen fühlen, sind nach Ansicht der BKJ-Grundsatzreferentin zudem Angebote, welche die Vielfalt der Lebenslagen berücksichtigen und Diversität anerkennen. Eine zentrale Rolle spielten auch Kommunikationskonzepte:

„Bilder, Sprache, Formate und Kommunikationskanäle vermitteln: Für wen ist dieser Kulturort gedacht? Welche Personen sind hier repräsentiert? Wer fühlt sich willkommen?“

Freier Eintritt kein Allheilmittel

Die weiteren Sachverständigen betonten in dem Fachgespräch mit den Mitgliedern des Kulturausschusses, dass freier Eintritt etwa in Museen nicht automatisch zu dauerhaft höheren Besucherzahlen führe. So verwies der Kulturjournalist Peter Grabowski darauf, dass etwa 50 Prozent der Deutschen so gut wie nie ein Museum besuchen. Die Bereitschaft für den Besuch von Kultureinrichtungen steige zwar mit dem Haushaltseinkommen und dem Bildungsgrad, bei der Entscheidung spiele der Eintrittspreis allerdings eher eine sekundäre Rolle. Primär würden die Menschen nach dem persönlichen Mehrwert eines solchen Besuchs fragen.

Der freie Unternehmensberater Martin Dumbs und der ehemalige Geschäftsführende Direktor der Kulturbetriebe Dortmund und Vorsitzende der LKJ NRW, Kurt Eichler, führten unter Berufung auf Erfahrungen in England und Dortmund aus, dass sich durch freie Eintrittspreise zwar oftmals die Besucherzahlen kurz- und mittelfristig steigern ließen, sie aber langfristig wieder auf das Ursprungsniveau zurückgingen. Zu beobachten sei aber, dass Museumsbesucher den freien Eintritt für Mehrfachbesuche nutzen. Von ähnlichen Erfahrungen aus Frankreich berichtete Mona Guichard, Kulturattachée an der französischen Botschaft. Auch sie verwies darauf, dass sich bildungsferne Bevölkerungsschichten auch über einen freien Eintritt nicht automatisch erreicht lassen.

Claus Rokahr, Verwaltungsdirektor der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, sprach sich dezidiert gegen einen prinzipiell freien Eintritt aus. Er sprach sich aber für sozial gestaffelte Eintrittspreise und den freien Eintritt für Kinder und Jugendliche aus. Der Kaufmännische Geschäftsführer der Kunsthalle Karlsruhe, Philipp Stanehl, plädierte dafür, die Kultureinrichtungen bei der Frage nach einem freien Eintritt sehr differenziert zu betrachten. Es ließen sich kaum verbindliche Aussagen über die Auswirkungen treffen. Auch Markus Walz, Professor für theoretische und historische Museologie an der Universität Leipzig, warnte vor überzogenen Erwartungen an einen freien Eintritt. Er verwies darauf, dass bereits viele Museen den kostenfreien Zugang bieten, umgekehrt aber auch viele Museen nicht auf die Einnahmen aus den Eintrittsgeldern verzichten können.

Von abweichenden Erfahrungen berichtete Janina Benduski, Vorstandsvorsitzende des Bundesverbandes Freie Darstellende Künste. In der freien Theaterszene habe man durch verschiedene Modellversuche zum Beispiel mit frei wählbaren oder gestaffelten Eintrittspreisen sehr wohl neue Publikumsschichten erreichen können, für die ein Theaterbesuch vorher nicht erschwinglich gewesen sei.


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