Kooperationen und Bildungslandschaften (BKJ): Gregor Schulenburg: „Das Teilen und Schenken von Musik macht das Besondere aus“
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/// Gregor Schulenburg: „Das Teilen und Schenken von Musik macht das Besondere aus“



Gregor Schulenburg ist vor Kurzem aus Indien zurückgekommen, wo er als Artistic Leader ein ETHNO-Camp begleitet hat. Als Projektleiter der Fortbildung „ETHNOLeader“ möchte er die Prinzipien und den Geist solcher internationaler Musiktreffen in die musikpädagogische Arbeit in Deutschland tragen.

BKJ: Bitte beschreiben Sie, wie ein ETHNO-Camp abläuft. Was ist für Sie das Besondere daran?

Porträt von Gregor Schulenburg. Foto: Tatjana DachselGregor Schulenburg: Bei einem ETHNO-Camp treffen sich junge Teilnehmer*innen aus unterschiedlichen Ländern und Erdteilen. Jedes Team eines Landes oder auch einzelne Vertreter*innen eines Landes bringen den übrigen Teilnehmer*innen ihre Musik per Gehör bei. Sogenannte Artistic Leader begleiten diesen Prozess und unterstützen die Teilnehmer*innen beim Arrangieren ihrer Musik, so dass alle Teilnehmer*innen im Rahmen der eigenen Fähigkeiten mitmachen können. Die Artistic Leader eines Camps sind meistens eine internationale Besetzung. Es gibt ETHNO-Camps in fast allen Erdteilen und es werden immer mehr. Sie werden von lokalen Teams organisiert, die je nach örtlichen Gegebenheiten über unterschiedliche Finanzierungsrahmen verfügen. ETHNO-Camps leben oft auch von einem großen Anteil an Freiwilligenarbeit.

Während des Camps wird in drei bis vier Workshops pro Tag innerhalb von etwa zehn Tagen gelernt und geprobt. Die durchschnittliche Anzahl von unterschiedlichen Musiken sind ungefähr 15 bis 18 mit ihrem jeweiligen Arrangement. Zwischendurch – auch nachts – gibt es Jam Sessions, bei denen alles gespielt wird, was die Teilnehmer*innen spielen möchten. Es gibt je nach Camp auch weitere Workshops, die von Teilnehmer*innen und Artistic Leadern angeboten werden. Nicht nur hier findet Peer to Peer Learning statt. Das gegenseitige Lernen aller, die in irgendeiner Form am Camp beteiligt sind, macht das Besondere eines ETHNO-Camps aus. Dazu gehört auch das Teilen und Schenken von Musik, die für die „Schenkenden“ oft von großem persönlichen Wert ist. Großartig ist auch, wie die Gruppen in den Camps zusammenwachsen, danach in Verbindung bleiben und sich zum Teil bei folgenden Camps wieder treffen.

Am Ende eines Camps werden alle gelernten Lieder, Stücke und Tänze in einem oder mehreren Konzerten dargeboten. Dabei spielen und singen alle am musikalischen Prozess Beteiligten ohne Noten und unter Anleitung der jeweiligen Workshopleiter*innen bzw. Artistic Leader. Die „Peformance-Energie“ fand ich bei allen Konzerten, die ich miterleben durfte, beeindruckend und mitreißend. Das ging nicht nur mir als Beteiligtem so: Das Publikum war auch jedes Mal echt von den Socken!

BKJ: Durch das gemeinsame Musizieren entstehen Freundschaften über nationale, sprachliche und kulturelle Grenzen hinweg. Doch sind ETHNO-Camps nicht zugleich ein exklusive Veranstaltungen, weil nur diejenigen daran teilnehmen können, die sich Instrumente, Musikunterricht und dazu noch Reisen zu internationalen Begegnungen leisten können?

Gregor Schulenburg: Zunächst einmal die ökonomische Komponente: Es gibt für die Teilnahme an einem ETHNO-Camp Möglichkeiten, Stipendien für Teilnahmegebühren und Reiskosten zu erhalten. Das heißt, auch Menschen, die weniger finanzielle Mittel haben, können an einem ETHNO-Camp teilnehmen.

Die Camps richten sich an junge Amateurmusiker*innen und müssen daher nicht für jeden Menschen funktionieren. Jedoch kann jede*r, der*die singt oder ein Instrument – auch nicht westlichen Kanons – spielt, an einem ETHNO-Camp teilnehmen. Es gibt auch keine Mindestanforderung hinsichtlich des Könnens auf dem Instrument oder im Gesang. Willkommen sind alle jungen Menschen, die zusammen Musik machen wollen. Wenn Spieler*innen noch nicht so fortgeschritten sind, um alle Melodien sofort mitspielen zu können, sorgen wir Artistic Leader dafür, dass sie mit vereinfachten Stimmen oder Riffs mitmachen können. Oder wir finden andere kreative Lösungen: Bei ETHNO India, wo ich gerade war, konnte ein Mann, der diatonisches Akkordeon spielt, nicht alle Melodien auf seinem Instrument spielen. Also spielte er nur die Lieder, die er konnte, und machte ansonsten bei den Sänger*innen mit oder tanzte mit seiner Freundin während des Konzerts. Das bereicherte unsere Performance sehr.

BKJ: Derzeit sind Sie dabei, das internationale ETHNO-Format auf die lokale Ebene in Deutschland zu übertragen. Wie machen Sie das und was möchten Sie damit – im Hinblick auf Diversität und Inklusion – erreichen? Können Sie schon von ersten Erfahrungen berichten, wie die zu ETHNOLeader weitergebildeten Pädgog*innen ETHNO hier umsetzen?

Gregor Schulenburg: Wir möchten das die Prinzipien von Peer to Peer, Per-Gehör-Lernen, Interkulturalität und Musiziergemeinschaft, die in ETHNO wunderbar miteinander verbunden sind, eingehen in den Unterricht an Schulen und Musikschulen, in die soziale Arbeit und als offene „Tune Learning Sessions“ in das Stadtleben. Wir möchten damit erreichen, dass viele Menschen auf diese Art und Weise miteinander Musik machen können und gegenseitig voneinander lernen können.

Die Teilnehmer*innen im Pilot-Durchgang der ETHNO-Leader Fortbildung in Stuttgart sind Musiklehrer*innen an Schulen und Musikschulen, arbeiten freiberuflich, sind Student*innen oder Sozialarbeiter*innen. Eine Teilnehmerin hat in Eltern-Kind-Gruppen Erfahrungen mit dem Anleiten des gegenseitigen Musiklernens der Eltern und der Kinder gesammelt. Ein anderer Teilnehmer hat in seiner Schule den Schüler*innen ein Lied vorgesungen, das er in der Fortbildung gelernt hatte. Er berichtete, dass vor allem die Schüler*innen, die sonst am Unterricht nicht interessiert waren, total engagiert dabei waren. Danach haben sie sogar selbst Musik mitgebracht und den anderen gezeigt.

Weitere Informationen

Von 2017 bis 2019 fördert das Bundesjugendministerium aus dem Innovationsfonds Kulturelle Bildung neun Praxisprojekte, die erproben, wie Kulturelle Bildung einen Beitrag dazu leisten kann, das gesellschaftliche Zusammenleben für alle Menschen ohne Ausgrenzungen und Diskriminierungen zu gestalten. Die BKJ bgeleitet diese neun Projekte fachlich und vernetzt ihre Akteur*innen.

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Jeunesses Musicales: ETHNOLeader – die Fortbildung

Foto: Tatjana Dachsel

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