Die Kürzungen in Kinder- und Jugendarbeit, Jugendhilfe und demokratischer Bildungsarbeit in Deutschland sind vielerorts bereits spürbar. Besonders unter Druck geraten jene Räume, deren Wert sich nicht primär in kurzfristigen Output-Logiken messen lässt – darunter auch die Kulturelle Bildung. Europäische Förderprogramme wie Erasmus+ und das Europäische Solidaritätskorps (ESK) gewinnen deshalb für viele Träger an Bedeutung. Umso relevanter ist die Frage, ob diese Programme in Zukunft Zugänge ermöglichen – oder neue Hürden schaffen.
Von Kathrin König
Kathrin König ist Referentin für Kulturelle Bildung International bei der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ). Sie arbeitet seit vielen Jahren im Bereich internationaler Jugend- und Kulturarbeit. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind gesellschaftliche Teilhabe, Engagementförderung und internationale Zusammenarbeit.
Die Europäische Union stellt derzeit die Weichen für ihre Förderprogramme ab 2028. Das aktuelle Programm Erasmus+ läuft noch bis Ende 2027; seit dem Vorschlag der Europäischen Kommission vom 16. Juli 2025 wird über die Ausgestaltung der nächsten Programmgeneration für den Zeitraum 2028–2034 verhandelt. Während der Kommissionsvorschlag und die Verhandlungsposition des Rates öffentlich vorliegen, befinden sich viele Positionierungen des Europäischen Parlaments derzeit noch im politischen Aushandlungsprozess. Zahlreiche Debatten werden bislang vor allem in Ausschüssen, Fachgesprächen und informellen Verhandlungsrunden geführt. Der interinstitutionelle Trilog zwischen Kommission, Rat und Parlament startet voraussichtlich im Herbst. Eine erste Konsolidierung der neuen Verordnung könnte bis Ende des Jahres 2026 vorliegen.
Besonders der bisherige Vorschlag der Europäischen Kommission lässt aufhorchen: Jugend erscheint darin weniger als eigenständiger politischer Handlungsbereich; stattdessen rücken Begriffe wie Wettbewerbsfähigkeit, Skills und „Preparedness“ stärker in den Vordergrund. Für Akteur*innen der Kulturellen Bildung ist das hoch relevant. Denn die Entscheidungen der kommenden Monate beeinflussen maßgeblich, welche Bildungsansätze künftig politisch sichtbar, finanziell förderbar und strukturell abgesichert bleiben. Warum diese Entwicklungen Anlass zur Sorge geben – und warum gerade jetzt fachpolitische Einmischung wichtig ist – skizziert dieser Beitrag.
Ein Förderprogramm im Wandel
Ein Blick auf die Geschichte von ERASMUS+ zeigt, warum die aktuellen Verschiebungen so bedeutsam sind. Als das Förderprogramm 2014 eingeführt wurde, wurden Hochschulbildung, Schule, Berufsbildung und non-formale Jugendbildung erstmals unter einem gemeinsamen Dach zusammengeführt. Leitidee war, europäische Verständigung durch Begegnung, Mobilität und zivilgesellschaftliches Engagement zu stärken.
Im aktuellen Vorschlag der EU-Kommission für die Programmgeneration 2028–2034 sind 40,8 Milliarden Euro vorgesehen. Die Verhandlungen sind Teil des Mehrjährigen Finanzrahmens (MFR) der Europäischen Union – also jener Haushaltsverhandlungen, in denen politische Prioritäten der kommenden Jahre festgelegt werden. Die bekannten Formate – Jugendbegegnungen, Freiwilligendienste, Fachkräfteaustausch oder DiscoverEU – sollen grundsätzlich erhalten bleiben. Auch das Europäische Solidaritätskorps könnte wieder in Erasmus+ integriert werden, nachdem es in der laufenden Programmgeneration organisatorisch eigenständig wurde. Entscheidend ist daher weniger, ob die Formate bleiben, sondern mit welchen Zielsetzungen sie künftig gefüllt werden.
Die Verschiebung der Förderlogik
Der Vorschlag der Europäischen Kommission setzt deutliche neue Akzente. Auffällig ist die starke Orientierung an Wettbewerbsfähigkeit, Arbeitsmarktintegration und „Preparedness“. Gerade letzteres soll als gesamtgesellschaftliche Strategie in Europa etabliert werden, die konkrete Ausformung im Jugendbereich bleibt jedoch bisher unklar. Der Begriff verweist auf mehr als Resilienz: Er transportiert auch sicherheits- und verteidigungspolitische Denkweisen. Gesellschaften sollen auf Krisen, geopolitische Spannungen und Unvorhergesehenes besser vorbereitet sein – eine Perspektive, die durch Pandemie, Energiekrise und den Krieg in der Ukraine an Bedeutung gewonnen hat.
Ziviles Engagement und Freiwilligenarbeit erhalten in diesem Kontext eine neue politische Dimension – etwa in Bereichen wie Katastrophenschutz, Pflege oder Sanitätswesen. Das sind zweifellos wichtige gesellschaftliche Aufgaben. Die entscheidende Frage lautet jedoch: Sind Erasmus+ und ESK die richtigen Instrumente, um diese Ziele zu verfolgen? Hier liegt der eigentliche Konflikt. Internationale Jugend- und Kulturarbeit versteht sich nicht als Instrument gesellschaftlicher Krisenvorsorge. Freiwilligendienste, Jugendbegegnungen und internationale Kulturprojekte öffnen Räume des Ausprobierens, der Persönlichkeitsentwicklung und demokratischen Erfahrung – sie ermöglichen Begegnung der jungen Menschen mit sich selbst und anderen, ohne damit einem Zweck gerecht werden zu müssen.
Was steht auf dem Spiel?
Besonders deutlich wird die Verschiebung in der geplanten Programmarchitektur. Im Vorschlag der Kommission ist kein eigenständiges Kapitel für Jugend vorgesehen. Auch feste sektorale Budgets für Jugend, Sport oder Bildung sollen entfallen. Stattdessen möchte sich die Kommission größere Flexibilität bei der Mittelverteilung vorbehalten.
Ohne klare Budgetlinien würde non-formale Bildung künftig stärker mit Schule, Hochschule und Berufsbildung um dieselben Mittel konkurrieren. Kleinere zivilgesellschaftliche Träger verfügen jedoch nicht über dieselben Ressourcen und Antragserfahrungen wie große Bildungsinstitutionen. Die Sorge vieler Akteur*innen könnte deshalb berechtigt sein: Wenn Jugend nicht mehr als eigenständiger Politikbereich sichtbar bleibt, verliert auch non-formale Bildung an politischem Gewicht.
Ebenso umstritten ist das Budget. Während die Kommission 40,8 Milliarden Euro vorsieht, fordert der CULT-Ausschuss des Europäischen Parlaments in seinem Draft Report rund 47 Milliarden. Selbst das wäre jedoch kaum ein echter Ausbau. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) weist in einer Pressemitteilung vom 8. Juni 2026 darauf hin, dass die vorgeschlagene Aufstockung angesichts von Inflation und gestiegenen Mobilitätskosten bestenfalls einem Inflationsausgleich entspricht. Ein ambitioniertes Programm würde nach DAAD-Berechnungen eher ein Volumen von rund 60 Milliarden Euro benötigen.
Kulturelle Bildung unter dem Zwang der Nützlichkeit?
Für die Kulturelle Bildung ist die zentrale Frage deshalb nicht nur finanzieller Natur. Sie lautet: Wird Kulturelle Bildung weiterhin als eigenständiger Bildungs- und Kulturraum verstanden – oder nur noch dort legitimiert, wo sie gesellschaftliche Nützlichkeit nachweisen kann?
Dies wird künftig mit darüber entscheiden, welche Projektanträge als besonders förderwürdig gelten, und welche nicht. Wenn Programme stärker an Employability, Skill-Development oder Preparedness ausgerichtet werden, geraten Projekte unter Legitimationsdruck, deren Mehrwert gerade in offenen, prozessorientierten und künstlerischen Erfahrungsräumen liegt.
Natürlich lassen sich Wirkungen Kultureller Bildung mit Begriffen wie Resilienz, Demokratieförderung oder gesellschaftlichem Zusammenhalt beschreiben. Ihre Stärke liegt jedoch in Bereichen, die sich nicht vollständig in Output-Logiken übersetzen lassen. nternationale Kulturelle Bildung schafft Räume für ästhetische Erfahrung, Ambiguitätstoleranz und kreative Praxis – jenseits unmittelbarer Verwertbarkeit. Ihr Wert liegt darin, jungen Menschen Freiräume zur Selbst- und Welterfahrung zu eröffnen, nicht primär darin, sie resilienter oder arbeitsmarktfähiger zu machen.
Wenn Förderpolitik jedoch zunehmend an Krisenfähigkeit, Arbeitsmarktintegration und strategischen Interessen ausgerichtet wird, gerät genau dieser Freiraum unter Druck. Damit droht mehr als eine technische Programmreform. Es droht eine politische Verschiebung im Verständnis dessen, wofür Jugend-, Bildungs- und Kulturprogramme überhaupt da sind.
Diese Tendenz zeigt sich nicht nur in der Jugendpolitik. Auch aktuelle europäische kulturpolitische Projekte wie der EU-Kulturkompass rahmen Kultur zunehmend entlang ihres Beitrags zu gesellschaftlicher Resilienz, Innovation, wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit und strategischer Souveränität. Kulturelle Bildung erscheint darin zwar als relevantes Handlungsfeld, bleibt jedoch randständig und wird eher über ihre funktionalen Effekte legitimiert – weniger als eigenständiger Raum ästhetischer Erfahrung und kritischer Reflexion.
Warum Einmischung jetzt wichtig ist
Noch sind die Verhandlungen nicht abgeschlossen. Parallel zur Programmreform wird auch die EU-Jugendstrategie für die Zeit nach 2027 vorbereitet. Beide Prozesse sind eng verknüpft: Während Erasmus+ und ESK die Förderinstrumente definieren, setzt die Jugendstrategie den politischen Rahmen für das Verständnis von Jugend, Bildung und Beteiligung in Europa.
Gerade hier zeigt sich ein mögliches Spannungsverhältnis. Wenn Jugendpolitik offiziell weiterhin auf Partizipation, Inklusion und Empowerment setzt, die Förderlogik europäischer Programme jedoch zunehmend von Wettbewerbsfähigkeit, Skills und Preparedness geprägt wird, stellt sich die Frage, welches Verständnis von Jugend sich langfristig durchsetzt. Die aktuellen Entscheidungen beeinflussen damit unmittelbar, welche Projekte künftig förderfähig sind, welche Bildungsansätze politisch sichtbar bleiben und welche Räume jungen Menschen offenstehen.
Gerade jetzt ist Einmischung wichtig – etwa durch Beteiligung an der öffentlichen Konsultation zur EU-Jugendstrategie, Gespräche mit politischen Entscheidungsträger*innen oder gemeinsame Positionierungen in Verbänden. Die BKJ bringt diese Perspektiven bereits in politische Austausch- und Beratungsprozesse ein, unter anderem im Nationalen Beirat Erasmus+ Jugend und ESK ein.
Doch es braucht mehr: die Stimme der Praxis. Denn die kommenden Monate entscheiden nicht nur über Budgets, sondern darüber, ob europäische Förderpolitik Freiräume für Kulturelle Bildung schützt oder zunehmend unter Nützlichkeitsdruck stellt.