Sichere Räume, auch in der Kulturellen Bildung, zu schaffen, ist essenziell, damit Kinder und Jugendliche Kreativität leben, Selbstwirksamkeit und Miteinander erfahren können, und sich mit den Künsten, mit Medien und im Spiel selbst bilden können. Bei der dreitägigen europäischen Fachtagung im BKJ-Programm „Start2Act“ wurde sichtbar, wie wichtig es ist, dass die Praxis Unterstützung erfährt, Schutzkonzepte und Präventionsmaßnahmen zu etablieren – sei es durch Förderung, um Zeit und Raum für die Entwicklung und Auseinandersetzung zu schaffen, sei es für Wissensvermittlung und Beratung.
Mit dem Programm „Start2Act“ haben wir viel erreicht. In der Breite der Kulturellen Bildung konnten wir den Kinderschutz thematisch verankern und die Dringlichkeit zu handeln, sichtbar machen. Der Bedarf ist weiterhin groß, denn gesetzlich verbriefte Schutzkonzepte vorzuhalten, benötigt vielfältige Ressourcen: Personal, Finanzen und Wissen. Wir setzen uns dafür ein, dass die Strukturen der Kulturellen Bildung diese Ressourcen erhalten, ausbauen und für einen ganzheitlichen Kinderschutz stehen.
Ute Handwerg, BKJ-Vorstand
„Start2Act“ – mehr als ein Titel
Mit der Förderung von „Start2Act“ konnten in den vergangenen zwei Jahren über 250 Projekte dabei unterstützt werden, Schutzstrukturen aufzubauen und weiterzuentwickeln. Staatssekretärin Dr.in Petra Bahr, Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend übermittelte ihr Grußwort und stellte heraus, dass Orte, an denen sich Kinder und Jugendliche aufhalten, sichere Orte werden müssen.
„Start2Act“ – der Name des Projektes ist Programm: Es ist an der Zeit zu handeln und konkrete Schritte zu unternehmen, um Orte der Kulturellen Bildung zu Räumen der Sicherheit, des Respekts und der Selbstermächtigung zu machen.
Staatssekretärin Dr. Petra Bahr, Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Bei der Fachtagung berichtete die 16jährige Mathilda von dem Sensibilisierungsprojekt „Wir lesen und schreiben KINDERSCHUTZ“ des Bundesverbandes der Friedrich Bödecker Kreise im Rahmen von „Start2Act“. Die hierbei erlebte partizipative Einbindung füllte genau die Lücke, die sie immer gespürt hat. Mathilda hat das Projekt nachhaltig geprägt und dazu motiviert, sich weiterhin für die Beteiligung junger Menschen einzusetzen.
Ich habe mich zum ersten Mal auf diese Weise tief in das Thema Kinderschutz reingedacht. Ich habe dadurch erst gelernt, dass diese Dinge wirklich passieren. Es wäre toll, wenn junge Menschen noch mehr integriert werden würden. Ich möchte mich dafür engagieren, dass Kinder wirklich beteiligt werden und geschützt sind, denn ich habe gemerkt, dass es im Schulsystem diese große Lücke gibt. Kinder sind dort zwar das Hauptthema, sie werden aber nicht ernst genommen, über sie wird oft hinweg entschieden. Daran möchte ich etwas ändern.
Mathilda, Jugendliche, aktiv im Start2Act-Projekt des Bundesverbandes der Friedrich-Bödecker-Kreise
„Krig is ein Scheis“
CircO Hannover gab einen Einblick darin, was Kinderschutz im Rahmen von zirkuspädagogischen Projekten bedeutet, und das Junge Ensemble Stuttgart hat die vielfältigen künstlerischen Projekte gezeigt, die im Schutzentwicklungskonzept zusammen mit den Kindern und Jugendlichen und u. a. mit den Slogans „Hört uns zu!“ oder „Krig is ein Scheis“ entstanden sind. Eingängig hat Lina Höhne beschrieben, dass die Arbeit bei den Bedarfen der Kinder anfängt, auch wenn diese erst zwei Jahre alt sind.
Tag 1 gab darüber hinaus einen Überblick über das gesamte Themenfeld, wie es nicht nur in Deutschland betrachtet wird, sondern auch international. Prof.in Mechthild Wolff von der Hochschule Landshut hat mit ihrer Keynote kritisch betont, dass das Vorhandensein von Schutzkonzepten der Gradmesser dafür sei, wie ernst tatsächlich die Rechte junger Menschen genommen werden.
Emilia Popovych von der National Ukrainian Youth Association (NUMO) berichtete über die aktuelle Situation von Kinderschutz-Strategien in der Ukraine, insbesondere unter den Bedingungen des Krieges, und wie NUMO fordert, dass jede Kommune einen Jugendclub haben sollte, um ein sicherer Ort für Kinder und Jugendliche zu sein. Zusammen mit Kerstin Claus, der Unabhängigen Bundesbeauftragten gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen (UBSKM), und Henrike Schauerte von der Deutschen Chorjugend betonte sie auf der Paneldiskussion, wie dringlich es geboten sei, den Kinderschutz strategisch und kooperativ voranzubringen.
Auch in der Kulturellen Bildung gilt: Schutzkonzepte schaffen einen verlässlichen Rahmen, stärken die Prävention und geben Handlungssicherheit und sind damit eine wesentliche Voraussetzung, die Kreativität und Teilhabe überhaupt erst möglich machen. Gerade für ehrenamtliche und kleinere Strukturen braucht es bei der Entwicklung und Umsetzung gezielte Unterstützung, damit solche Prozesse nicht überfordernd erlebt werden. Programme wie „Start2Act“ sind hier entscheidend, weil sie Beratung, Praxiswissen und finanzielle Mittel dorthin bringen, wo sie gebraucht werden. So wird Kinderschutz in der Fläche konkret umsetzbar.
Kerstin Claus, Unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen
Henrike Schauerte setzte das Augenmerk auf „Partizipation“ als Schlüssel für gelingenden Kinderschutz. Aber auch die Arbeit mit partizipativen Methoden müsste vermittelt werden, in der Kulturellen Bildung nicht nur auf der Ebene von Wissen, sondern auch in einer künstlerischen Perspektive, zum Beispiel dabei, wie eine Gruppe dirigiert wird oder das Repertoire gemeinsam bestimmt werden kann. Dafür bräuchte es auch finanzielle Ressourcen, wie das nun auslaufende Programm „Start2Act“, von dem Kinder- und Jugendchöre stark profitiert hätten: Wenn Schutzkonzepte gewollt sind, müssen Ressourcen zur Verfügung gestellt werden, so das einhellige Fazit.
Inspiration und Konzentration
Tag 2 startete mit einem Überblick über die Erfolge des BKJ-Programms „Start2Act“: Mit einer Gesamtfördersumme von rund 1,5 Millionen Euro sind mit „Start2Act“ über 250 Projekte zur Prävention (sexualisierter) Gewalt in der Kulturellen Bildung deutschlandweit gefördert worden. Über 30.000 Menschen wurden dadurch mit den Inhalten rund um Kinderschutz und Prävention erreicht, in Fortbildungen wurden 40 Multiplikator*innen zu Fachkräften für Kinderschutz in der Kulturellen Bildung ausgebildet und weitere 300 Fachkräfte in verschiedenen Aspekten des Themas Kinderschutz geschult. Die Arbeitshilfe „Partizipation und Prävention. Gemeinsam Kinderschutz stärken“ in deutscher und englischer Sprache unterstützt Fachkräfte dabei, tragfähige Schutzkonzepte in der Kulturellen Bildung auf Basis von Partizipation zu entwickeln. Das im Programm entstandene Materialpaket mit Plakaten für mehr Handlungssicherheit unterstützt in der täglichen Arbeit vor Ort: Wo finden Fachkräfte Unterstützung im Falle des Falles und auf welche grundlegenden Haltungen können sich Kinder und Jugendliche an den Orten der Kulturellen Bildung verlassen.
Darüber hinaus stand der Tag ganz im Zeichen einer großen Bandbreite an Workshops und Präsentationen, die die praktische kulturelle Bildungsarbeit an Kinderschutzkonzepten beispielsweise in Albanien, Rumänien, der Ukraine und Deutschland vorgestellt haben – mit künstlerischen Methoden, die die Teilnehmer*innen selbst hat fühlen lassen: Emotionen, Grenzen, Räume.
„Participation is key“
Zum Abschluss der dreitägigen Fachtagung unter der Moderation von Prasanna Oommen diskutierten Ciaran O’Donell von Eurochild, Valerie Eichmann von ASSITEJ Deutschland sowie Georgi Elenkov vom National Network for Children Bulgaria mit allen Teilnehmer*innen in einer Fishbowl-Runde nicht nur die Notwendigkeit von Schutzkonzepten. Vielmehr setzten sie sich damit auseinander, welche spezifischen Aspekte und Prinzipien aus der Kulturellen Bildung tatsächlich einen großen Beitrag zum Kinderschutz leisten.
Das wichtige Grundprinzip der „Partizipation“ stand dabei im Vordergrund, denn nur wer junge Menschen beteiligt, ihnen zuhört und bei ihren Bedarfen ansetzt (Stichwort: Lebensweltorientierung), kann passende Präventionsmaßnahmen entwickeln und wirklich sichere Räume schaffen. Denn, welche Kultur und welche Gesellschaft wollen wir leben, wenn Schutz nicht in deren Mittelpunkt steht?
Cultural education, as represented by the BKJ, can be such a powerful way to help children’s rights, during activities and beyond in their day-to-day lives. Cultural education can help improve children’s mental health and well-being, can address loneliess, create lasting connections with children and adults alike, and empower children to really express themselves during a really important part of their development. But for that to happen, children need to be safe during their participation. That’s why BKJ’s work to strengthen safeguarding in cultural education across Germany is so important ‒ we are so happy to have BKJ as a member of the Eurochild network.
Ciaran O’Donell, Eurochild
Künstlerische Beiträge von The Vocals Berlin/Vokalhelden e. V., deren Schutzkonzeptprozess ebenfalls im Programm „Start2Act“ gefördert wurde, Auszüge aus dem Stück „Artikel 1“ der Campus Company und das Präventions-Theater-Stück von der LAG Spiel und Theater NRW „Hinterm Vorhang“ rahmten das gesamte dreitägige Programm.
Wie weiter?
Viel ist erreicht, doch was ist noch zu tun? Christine Eichholz, theaterpädagogische werkstatt und Weiterbildnerin zum Themenfeld (sexualisierte) Gewalt in Schule und Jugendhilfe, fasste ihre Beobachtungen der Fachtagung zusammen. Sie machte Mut, indem sie die nachhaltigen Effekte von positiven Erfahrungen mit Hilfesystemen für Kinder und Jugendliche anhand von Beispielen aus ihrer langjährigen Präventionsarbeit anschaulich darstellte. Sie zeigte jedoch auch die Leerstellen sehr klar auf. So gelten Glaubenssätze wie „große Kunst erfordert Leiden“ oftmals als Legitimation, die persönlichen Grenzen von (jungen) Menschen nicht zu respektieren.
Schutzkonzeptprozesse seien ein fortwährender Prozess, der auch ausreichende Ressourcen benötige. Doch wie Christine Eichholz betonte, sind es manchmal die kleinsten Schritte, die eine große Wirkung erzielen. So wie ein Kind, das sich viele Jahre nach einem Präventions-Theaterworkshop an eine Liedzeile erinnert und ermutigt wird, für seine Rechte einzustehen.
Und das Fazit? „Wir werden weiter lernen. Wir werden weiter zuhören. Wir werden weiter handeln.“
Über die Fachtagung
Die Fachtagung ermöglichte den europäischen Austausch über die Prävention (sexualisierter) Gewalt in der kulturellen Bildungsarbeit und die Relevanz und Potenziale partizipativer Ansätze, Methoden und Prozesse. Eingeladen waren Kulturschaffende, Pädagog*innen, Kinder- und Jugendschutzexpert*innen, Forscher*innen und politische Entscheidungsträger*innen, um eine sicherere und unterstützende Zukunft für Kinder und Jugendliche in ganz Europa mitzugestalten.
Die Veranstaltung fand im Rahmen des Programms „Start2Act − Safer Spaces and Participation in the Arts– Creating and Promoting Child Safeguarding Policies“ der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ) statt.
„Start2Act“ ist das bisher einzige bundesweite Förderprogramm für den Schutz vor (sexualisierter) Gewalt in der Kulturellen Bildung. Es wird von der Europäischen Union gefördert (2024−2026).