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Zuhören und die Kinder ernst nehmen
Aus der Praxis

Zuhören und die Kinder ernst nehmen

Spielen mit Kindern e. V., Spielmobil, Bielefeld

veröffentlicht:
Thema
Was ist Kulturelle Bildung?
Schlagworte
Diversität • Partizipation
Zwei Kinder drücken Flaschen mit bunter Farbe in kleinen Behältern auf einem Tisch im Freien aus, auf dem Farbflaschen und Becher verstreut sind.
„Machmamit!“, BKJ, Spielen mit Kindern e. V., Bielefeld BKJ | Andi Weiland

Jannes Tölle betreut seit sechs Jahren Spielmobile in Bielefeld. Um mit Kindern in den Kontakt zu treten, spielt er einfach mit. Er weiß, wie wichtig es ist, dass Kinder einen Raum bekommen, der nur ihnen gehört.

Ein Erwachsener und zwei Kinder spielen draußen mit großen ineinander greifenden Plastikblöcken auf einer Wiese, mit Matten und Wohngebäuden im Hintergrund.
„Machmamit!“, BKJ, Spielen mit Kindern e. V., Bielefeld Copyright: BKJ | Andi Weiland
An einer Wand hängt ein Steckbrett mit Kunstzubehör und Werkzeugen, darüber sind die Kunstwerke und Skizzen der Kinder ausgestellt. Verschiedene Pinsel, Marker und Ausschnitte sind ordentlich angeordnet.
„Machmamit!“, BKJ, Spielen mit Kindern e. V., Bielefeld Copyright: BKJ | Andi Weiland
Zwei Personen stehen in einer Wohnstraße vor einem geparkten Lkw mit einem bunten Schild, auf dem "Spielfeld" zu lesen ist und auf dem spielende Kinder abgebildet sind.
„Machmamit!“, BKJ, Spielen mit Kindern e. V., Bielefeld Copyright: BKJ | Andi Weiland
Ein Kind tropft mit einer Pipette Farbe auf ein sich drehendes Papier in einer runden Kunstschleuder, wodurch ein kreisförmiges Farbmuster entsteht.
„Machmamit!“, BKJ, Spielen mit Kindern e. V., Bielefeld Copyright: BKJ | Andi Weiland
Zwei Männer stehen und unterhalten sich an einer Tür in einem bunt geschmückten Flur, über dessen Tür das Wort Spielräume gemalt ist. Einer hält ein Getränk in der Hand.
„Machmamit!“, BKJ, Spielen mit Kindern e. V., Bielefeld Copyright: BKJ | Andi Weiland
Ein farbenfrohes Poster mit dem Titel Kinderrechte mit Illustrationen und Text in deutscher Sprache, das mit roten, gelben und grünen Magneten an eine weiße Wand gepinnt wurde.
„Machmamit!“, BKJ, Spielen mit Kindern e. V., Bielefeld Copyright: BKJ | Andi Weiland
„Machmamit!“, BKJ, Spielen mit Kindern e. V., Bielefeld BKJ | Andi Weiland

Nach dem Motto „Alle Kinder haben ein Recht auf Spiel!“ engagiert sich Spielen mit Kindern e. V. bereits seit 1981 dafür, dieses Recht im öffentlichen Raum durchzusetzen. So steht es im Grundgesetz und so sind Jannes Tölle und sein Team mit ihren Spielmobilen in unterschiedlichen Orten im Raum Bielefeld unterwegs. Die drei Mobile tragen die klangvollen Namen Trolli, Pippo und Rocki – das sind zehn Tonnen Spiel und Spaß auf 12 Rädern. Wo diese drei auftauchen, verwandelt sich grauer Pflasterstein in eine bunte Spielelandschaft.

Expert*innen im eigenen Raum

Jannes Tölle ist verantwortlich für die Spielmobilarbeit. Er fährt mit seinem Team mit den Spielmobilen in verschiedene Stadtteile von Bielefeld und baut dort Spiellandschaften für die Kinder auf. Die Spielmobile gibt es in ganz Deutschland in unterschiedlichen Formen. Spielen mit Kindern e.V. ist im Raum Bielefeld mit mehreren großen Bullis unterwegs. „Die sind randvoll mit Spielen, mit Bällen, mit Bastelsachen“, weiß Jannes Tölle.

Jannes mag seine Arbeit. Einige Kinder hat er über ihre gesamte Kindheit begleitet. „Manchmal kommen noch die 14-und 16-Jährigen vorbei, die schon da waren, als sie noch klein waren. Sie wollen einfach mal wieder quatschen.“ Und es gibt sogar einige, die schon als Kinder an den Spielangeboten teilgenommen haben und jetzt Leitungsfunktionen im Verein übernehmen. „Wir begleiten Kinder wirklich sehr lang“, betont Jannes.

Die Spielmobile sind für alle Kinder ab sechs Jahren. Und genauso bunt wie die Kinder sind auch die Stadtteile, in die die Bullis fahren. Ein besonderer Fokus liege auf Bezirken, wo Kinder und Familien nicht so leicht herauskommen. „Das kann verschiedene Gründe haben“, erklärt Jannes. „Einige haben sprachliche Barrieren oder ihnen fehlen die finanziellen Mittel.“

Es gibt auch eine Spielewohnung, die von den im Haus wohnenden Kindern regelmäßig besucht wird. „Das ist die größte Stärke unserer Arbeit. Wir sind genau da, wo die Kids wohnen.“ Die Kinder können kommen und gehen wann immer sie wollen. So werden sie zu Expert*innen in ihrer eigenen Lebenswelt.

Spielend lernen

Spiel ist eine enorm wichtige Komponente im Leben von Kindern. Kinder spielen dauerhaft. Sie spielen, um zu lernen.

Jannes Tölle, Spielen mit Kindern e. V., Bielefeld

Spielen mit Kindern e. V. ist ein Träger der offenen Kinder- und Jugendarbeit. Ohne Anmeldung können Kinder und Jugendliche an Spielangeboten teilnehmen. In der Bielefelder Innenstadt gibt es das Spielhaus mit drei Etagen, wo Kinder ebenfalls verschiedene Spielangebote nutzen können. Zusätzlich bietet ein Abenteuerspielplatz die Möglichkeit, an der frischen Luft zu bauen oder mit den Schafen und Hühnern zu spielen. Beim freien Spielen kommen Kinder unterschiedlichen Alters zusammen. „Spielen bedeutet auch Lernen“, sagt Jannes Tölle. In einer Gemeinschaft lernt man ebenso das Miteinander. Dazu gehört es, aufeinander Rücksicht zu nehmen, Kompromisse zu finden, und sich für sich selbst und andere einzusetzen. „Spielend setzen sich Kinder mit Sachen auseinander, die sie im echten Leben zu verarbeiten haben.“ Kinder lernen, Respekt füreinander aufzubauen und genauso auch, offen für Neues zu sein.

Beim Spielen entsteht Vertrauen und so gibt es Kinder, die sich bastelnd den betreuenden Personen öffnen. „Manche Kinder warten schon auf uns und winken uns vom Balkon aus zu, wenn wir mit dem Spielmobil um die Ecke biegen.“ Immer wieder sei das ein sehr schöner Moment, sagt Jannes Tölle. Spielen öffnet Türen, so kommt man mit den Kindern ins Gespräch und bekommt mit, was sie bewegt. „Spiel ist eine enorm wichtige Komponente im Leben von Kindern. Kinder spielen dauerhaft. Sie spielen, um zu lernen.“ Es sei ihm ein Bedürfnis, dass zu unterstützen.

Kinderkonferenzen und mitbestimmen

Kommen die Kinder einmal nicht, dann weiß Jannes, das Angebot ist schlecht. Spielen mit Kindern e. V. ist darauf angewiesen, dass die Kinder mitentscheiden. Sie dürfen mitbestimmen, welche neuen Angebote es geben wird. „Manchmal wollen die Kinder etwas bestimmtes basteln oder backen. Dann versuchen wir, uns danach zu richten.“

Für die Ferienspiele gab es vor Kurzem die erste Kinderkonferenz, was zur Vorbereitung auf das Leben in einer demokratischen Gesellschaft ungemein beitrage, freut sich Jannes Tölle. So gab es auch mal ein Kind, das gerne nach Indien fliegen wollte. Da sei es wichtig, Grenzen aufzuzeigen und zu erklären was machbar ist und was nicht. „Schlittschuhlaufen können wir schon eher umsetzen.“ Die Realität spielt beim Spielen eine entscheidende Rolle.

Jannes Tölle ist schon seit sechs Jahren dabei. Jeder Tag mit den Kindern ist für ihn einzigartig: „Wenn die Kinder angelaufen kommen und sich so freuen, dass wir da sind, dann weiß ich, es wird ein guter Tag.“ Schon als Studierender hat er für den Verein gearbeitet und sich direkt verliebt, wie er erzählt. Vorher hat er in der Schule und in der Kita gearbeitet, wo er vor allem das freie Spiel vermisst hat. „Ich finde, das ist das, was unsere Arbeit wirklich so ein bisschen heraushebt von anderen Sachen.“ Die Kinder kommen freiwillig, sind dadurch offener und auch ehrlicher miteinander, so Jannes Tölle.

Chancenausgleich schaffen

Beim Spielen bekommen Kinder einen Raum, unabhängig von ihren Eltern, der Kita und der Schule. Dort können sie sich treffen und spielen oder einfach nur reden. Jannes Tölle weiß, dass manche einfach nur kommen, weil sie zusammen abhängen wollen. Er verfolgt natürlich auch einen pädagogischen Ansatz. Demokratiebildung hat er sich auf die Fahne geschrieben. Hier spielen die Konferenzen der Kinder eine große Rolle. „Gemeinsam mit den Kindern entscheiden wir, was wir als nächstes vorbereiten oder anschaffen für unsere Spielräume.“ Die Kinder handeln nicht nur mit Erwachsenen ihre Standpunkte aus, sondern auch untereinander.

Gerade in Stadtteilen, in denen die soziale Teilhabe schwierig ist, greift das Team Familien unter die Arme. „Wir schaffen einen Chancenausgleich für Kinder, die es sonst schwierig haben, an Angeboten in der Stadt teilzunehmen.“ Spontanität sei hierbei wichtig, und authentisch bleiben. Ein ehrliches Gespräch auf Augenhöhe und den Kindern nicht ständig zeigen, dass Erwachsene allein die Macht haben, das mache den Unterschied. „Das heißt auch, ich darf nicht behaupten, ich weiß, wie du dich fühlst.“ Erwachsen sein bedeute nicht, alles zu wissen: „Wir müssen Kindern wirklich zuhören und sie ernst nehmen.“

Dürfte Jannes Tölle sich etwas wünschen, würde er seine Arbeit genau so weitermachen, wie sie jetzt ist. „Am liebsten noch mit ein paar weiteren Standorten.“ Und einen Rat für die Kinder hat er auch noch: „Seid laut, wenn euch was nicht passt. Sagt das, ihr habt Rechte. Steht dafür ein. Keiner hat das Recht euch irgendwie einzuschränken und: Spielt einfach so viel ihr könnt!“

Text: Helen Arnold