Wenn Kinder mitentscheiden: Wie Prävention in Kunstschulen wirken kann
Implementierung eines dachverbandlichen Schutzkonzepts, Kunst & Gut Landesverband der Kunstschulen Niedersachsen e. V. (LVKS), Hannover
Implementierung eines dachverbandlichen Schutzkonzepts, Kunst & Gut Landesverband der Kunstschulen Niedersachsen e. V. (LVKS), Hannover
Die Kinder sitzen am Tisch, lauschen und haben Papier vor sich liegen, um große Seifenblasen auf Papier zu zeichnen. In einer Kunstschule liest Yvonne Sommer den Kindern eine Geschichte vor, in der es um ein Mädchen geht, das in einer Seifenblase Schutz findet. Aber die Kinder kritzeln nur ziellos, rutschen auf den Stühlen herum, plaudern. Yvonne Sommer könnte die Kinder jetzt zur Ruhe ermahnen.
„Was braucht ihr gerade?“, fragt sie stattdessen. „Wir brauchen mehr Platz“, antworten die Kinder. Schnell sind alle auf dem Boden, große Papierrollen werden organisiert und bald sitzen oder stehen die Kinder in ihren selbst gestalteten Schutzblasen. „Wenn ich in meiner Blase stehe, wird alles ruhiger“, berichtet eines der Kinder.
So kann eine vertrauensvolle Atmosphäre aufgebaut werden, die im Sinne von Kinderschutz so wichtig ist, weiß Yvonne Sommer. Die Sozialpädagogin ist beim Landesverband der Kunstschulen Niedersachsen (LVKS) dafür zuständig, Kunstschulen bei der Entwicklung von Kinderschutzkonzepten zu unterstützen. „Es ist nicht nur ein Nebenprodukt, dass sich Kinder und Jugendliche bei den Angeboten wohl und sicher fühlen. Kunstschulen bieten einen wichtigen Schutzraum und dafür brauchen wir Konzepte“, berichtet Yvonne Sommer.
Um die rund 40 Kunstschulen in Niedersachsen zu motivieren, selbst Schutzkonzepte zu entwickeln, startete der Verband mit einer Befragung. „Was ist schon da an Wissen, wo sehen die Schulen die Knackpunkte, was wünschen sich die Teams der Einrichtungen?“, beschreibt die Sozialpädagogin das Vorgehen. Als größte Herausforderung sei das Thema Partizipation genannt worden: „Wie mache ich das überhaupt?“ Für kleinere Einrichtungen sei auch eine Sorge gewesen: „Wie kann ich ein Konzept implementieren, wenn ich gar kein Team habe und meine Honorarkräfte es sich nicht leisten können, unentgeltlich zu arbeiten?“
Der Verband selbst erarbeitete im Anschluss mit der Expertin Vera Sadowski ein Musterschutzkonzept. Dafür wurden in drei Regionen Schulungen zum Thema Kinderschutz durchgeführt. Die Schulungen folgten einem einheitlichen Basiskonzept und orientierten sich an einem in Nordrhein-Westfalen erprobten Regionalkonzept. „Als Veranstaltungsorte haben wir Kunstschulen ausgesucht, an denen es schon Expertise gab“, berichtet Yvonne Sommer. Der LVKS organisierte zudem Projektmittel, die es den Kunstschulen ermöglichten, Honorarkräften eine Aufwandsentschädigung zu zahlen.
Erst wenn Kinder und Jugendliche fühlen, dass sie ernstgenommen werden, können sie Kunstschule auch als Raum nehmen, ungute Erlebnisse, Gefühle, Gedanken auszudrücken.
Yvonne Sommer, Kunst & Gut Landesverband der Kunstschulen Niedersachsen (LVKS)
Alle, die mit den Kindern und Jugendlichen im direkten Kontakt stehen, sollten sich bewusst machen: Die Art und Weise, wie sie mit Kindern und Jugendlichen umgehen, hat auf diese eine Wirkung. Erarbeitet wird dies auch im sogenannten Verhaltenskodex: Wie gehe ich mit Nähe und Distanz um? Welche Glaubenssätze übertrage ich unbewusst?
Es geht um die Frage, ob man auf unangemessene Weise Macht ausübt und Grenzen verletzt. „Zu sagen, ich übe keine Macht aus, funktioniert nicht“, erklärt Yvonne Sommer, „stattdessen kann man fragen, was kann ich tun, um diese Macht nicht auszunutzen oder Macht positiv als Schutzmacht einzusetzen.“ Eine gemeinsame Haltung dazu zu entwickeln, sei ein wichtiger Bestandteil von Schutzkonzepten.
Das ist ja die unfassbare Kraft kultureller Arbeit, dass wir junge Menschen durch das gemeinsame Tun in ihre Selbstwirksamkeit bringen können.
Yvonne Sommer, Kunst & Gut Landesverband der Kunstschulen Niedersachsen (LVKS)
Weitere Bausteine fasst die Sozialpädagogin so zusammen: „Ganz oben steht Partizipation. Diese muss erst erarbeitet werden, damit sie gelebt wird. Vieles andere kann man einfach erledigen: sich Wissen über Kinderrechte aneignen, Kinder darüber aufklären, Verfahrenswege kennen, etwa, nicht entscheiden zu müssen, ob es sich um einen kinderschutzrechtlichen Fall handelt, sondern dass es Fachkräfte gibt, an die man sich wenden kann.“
Um im engeren Sinn Prävention sexualisierter Gewalt in die Kinderschutzkonzepte zu integrieren, gibt es nach Auffassung von Yvonne Sommer „Basics“, die regelmäßig von allen abgeklärt werden müssen. Eine Kunstschule müsse etwa bei der Einstellung von Mitarbeiter*innen, aber auch bei bestehendem Personal immer wieder eruieren: Liegt ein aktuelles erweitertes Führungszeugnis vor? Stimmt die Person dem gemeinsam entwickelten Verhaltenskodex zu?
„Wenn ich höre, dass Mitarbeitende weiter beschäftigt werden, obwohl sie sich weigern, ein erweitertes Führungszeugnis vorzulegen, dann läuten bei mir die Glocken“, ergänzt Yvonne Sommer. Als in der Arbeitsphase die Kunstschulen über Fragebögen Risikoanalysen durchgeführt hätten, sei auch manches aufgefallen, was man vorher nicht im Blick gehabt hätte, etwa wie die Situation nach dem Kurs ist: Stehen die Kinder im Dunkeln? Wer holt sie ab?
„Dann dachten wir: Jetzt schulen wir noch Partizipation“, erzählt Yvonne Sommer, „aber auf einmal kamen Kurse nicht zustande.“ Es bestünde bei einigen Fachkräften Angst vor Anarchie und Chaos, wenn sie sich auf Partizipation einließen. „Dabei ist echte Partizipation die beste Prävention. Durch sie lernen Kinder mit vorhandenen Machtsituationen umzugehen, im Sinne von ‚Ja, ich weiß, dass du mein Lehrer bist, aber das ist trotzdem nicht okay´“, bekräftigt sie.
„Ein Glück hatten wir dann über die BKJ die Möglichkeit, individuell mit den Kunstschulen zu sprechen: Wo steht ihr und was braucht ihr genau?“ Denn „erst wenn Kinder und Jugendliche fühlen, dass sie ernstgenommen werden, können sie Kunstschule auch als Raum nehmen, ungute Erlebnisse, Gefühle, Gedanken auszudrücken. Erst dann können wir von sicheren Räumen sprechen“, ergänzt sie.
Um die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an der Entwicklung von Kunstschulen als Schutzräume auch als Verband konsequent zu verfolgen, hat sich mittlerweile ein „Kinderschutzexpert*innenrat“ aus Kindern und Jugendlichen gegründet. Sie werden den Prozess aus ihrer Sicht begleiten. Die ersten Ideen stehen: Jugendliche entwickeln ein „Exit-Game“ für Erwachsene und die Kinder im Grundschulalter stellen sich als selbsternannte Schutz-Detektive einen „Ermittlungskoffer“ zusammen. Mithilfe seines Inhalts werden sie gemeinsam mit anderen Kindern aus verschiedenen Kunstschulen deren Schutzkonzepte im wahrsten Sinne des Wortes unter die Lupe nehmen.
„Ich bin gespannt, welche Verbesserungsvorschläge der Rat bezüglich unseres bisherigen Unterstützungskonzepts bei der Entwicklung und Implementierung von Kinderschutzkonzepten hat. Denn es geht auch um die Vorbildfunktion: Wir Erwachsene haben genauso Lücken. Diese mit gemeinsamen Lösungsansätzen zu füllen, dabei können mir die Kinder und Jugendliche helfen“, ist Yvonne Sommer überzeugt. „Dabei hilft uns auch die Kunst: Denn das ist ja die unfassbare Kraft kultureller Arbeit, dass wir junge Menschen durch das gemeinsame Tun in ihre Selbstwirksamkeit bringen können.“
Text: Julia Göhring