Was Kindern fehlt, wenn das Geld knapp ist
Im Gespräch mit Paula Wenning, Fachreferentin für Kinderarmut und Familienrecht, Der Kinderschutzbund Bundesverband
Im Gespräch mit Paula Wenning, Fachreferentin für Kinderarmut und Familienrecht, Der Kinderschutzbund Bundesverband
Paula Wenning ist Fachreferentin für Kinderarmut und Familienrecht beim Kinderschutzbund Bundesverband.
Kinderarmut in Deutschland bedeutet, dass Kinder in finanziell belasteten Familien aufwachsen. Der finanzielle Spielraum fehlt. Dies betrifft grundsätzlich alle Lebensbereiche von Kindern und Jugendlichen. Kinder, die von Armut betroffen sind, wachsen damit anders auf als andere Gleichaltrige. Dabei ist es wichtig, zu betonen, dass armutsbetroffene Kinder nicht automatisch vernachlässigte Kinder sind.
Es sind viele kleine Dinge im Alltag, bei denen immer wieder das Geld fehlt. Armut ist zusätzlich ein großer Stressfaktor und steht in engem Zusammenhang mit psychischen Problemen, deutlich stärker als Faktoren, wie zum Beispiel der Einfluss von Social Media. Kinderarmut ist damit ein multidimensionales Problem, das den Alltag vom Aufstehen bis zum Zubettgehen prägt.
Kinderrechte bilden die Grundlage dessen, was jedem Kind zusteht: ein gutes Aufwachsen, Teilhabe und ein gesundes Leben, um nur einige zu nennen. Genau diese Basis kann bei Kinderarmut nicht umfassend eingelöst werden. Ein deutliches Beispiel ist das Recht auf gesunde Ernährung. Studien der Bundesregierung zeigen, dass der Bürgergeld-Regelsatz nicht ausreicht, um Kinder angemessen zu ernähren. Ähnliche Defizite finden sich in vielen weiteren Bereichen. Vor allem bedeutet Kinderarmut jedoch einen Mangel an Teilhabe. Armutsbetroffene Kinder können seltener kulturell oder sportlich aktiv sein und auch der Zugang zu guter Bildung ist erschwert.
Kulturelle Teilhabe ist ein besonderer Bereich, weil es mit dem Bildungs- und Teilhabepaket eigentlich bereits ein Instrument gibt, das genau dafür gedacht ist. In der Praxis funktioniert dieses System jedoch sehr schlecht. Es ist größtenteils als Gutscheinsystem aufgebaut, wird nur selten abgerufen und von den Kommunen sehr unterschiedlich umgesetzt.
Ein zentrales Problem ist, dass die Leistungen weder ausreichend hoch sind noch zuverlässig bei den Familien ankommen. So stehen zum Beispiel 15 Euro im Monat für Sportvereine zur Verfügung. Das System müsste dringend vereinfacht, umstrukturiert und stärker an den tatsächlichen Bedürfnissen der Familien ausgerichtet werden. Am niedrigschwelligsten sind kostenfreie Angebote. Kulturelle Teilhabe ist für viele Familien mit hohen Hürden verbunden und oft nicht selbstverständlich. Angebote müssen dort ansetzen, wo Kinder und Jugendliche ohnehin sind, etwa in Jugendzentren, oder als Stadtteilangebote.
Kinderarmut ist ein seit Jahrzehnten verfestigtes Problem, das sich nur punktuell verändert hat. Um hier voranzukommen, braucht es eine umfassende Gesamtstrategie und einen grundlegenden politischen Kurswechsel. Um Kinderarmut wirksam zu bekämpfen, brauchen wir aus meiner Sicht zwei zentrale Ansatzpunkte:
Der erste betrifft die Infrastruktur für Kinder und Jugendliche, also Einrichtungen, Dienste und Angebote. Diese müssen deutlich gestärkt und ausgebaut werden, insbesondere kostenfreie Angebote wie Jugendzentren, gut ausgestattete Schulen und Sozialarbeit in den Quartieren. Das ist entscheidend, um Kindern langfristig Perspektiven zu eröffnen und Wege aus der Armut zu ermöglichen. Derzeit erleben wir intergenerationale Armut, also Armut, die häufig über Generationen hinweg weitergegeben wird. Gerade Bildung und eine unterstützende Infrastruktur sind hier zentral, um diese Verfestigung zu durchbrechen.
Gleichzeitig geht es aber auch um das Hier und Jetzt. Dafür braucht es mehr Geld in den Familien. Notwendig sind höhere monetäre Leistungen, insbesondere beim Bürgergeld und beim Kinderzuschlag, sowie eine Vereinfachung des Systems. Jeder Antrag stellt eine zusätzliche Hürde dar. Viele Eltern haben dafür schlicht nicht die zeitlichen oder organisatorischen Kapazitäten. Leistungen müssen ohne komplizierte Antragsverfahren bei den Familien ankommen und in ihrer Höhe ausreichen, um ein gutes Aufwachsen zu ermöglichen. Genau deshalb braucht es proaktive Ansätze, bei denen gezielt auf die Familien und die Kinder zugegangen wird. Beide Stränge gehören zusammen.
Eine zentrale Verantwortung von Fachkräften liegt darin, armutssensibel zu handeln. Das gilt für hauptamtliche Fachkräfte ebenso wie für Ehrenamtliche. Entscheidend ist zunächst ein grundlegendes Wissen über Armut: Armut ist kein Randphänomen, jedes siebte Kind ist betroffen, knapp 2 Millionen Kinder sind auf Bürgergeld angewiesen. Auch wenn es besonders betroffene Konstellationen gibt, wie alleinerziehende Familien, sind armutsbetroffene Kinder und Familien eine sehr heterogene Gruppe. Die Lebenslagen unterscheiden sich stark, und es gibt nicht „das arme Kind“. Dieses Verständnis ist die Basis.
Darauf aufbauend ist die Reflexion der eigenen Haltung und eigener Vorurteile besonders wichtig. Diese immer wieder zu hinterfragen, ist zentral für eine respektvolle und wirksame Arbeit. Konkret bedeutet das, genau hinzuschauen: Wie spreche ich Kinder, Jugendliche und Familien an? Wie niedrigschwellig sind Angebote wirklich? Werden Betroffene frühzeitig einbezogen? Oft sind es keine großen strukturellen Veränderungen, sondern viele kleine Anpassungen, die einen großen Unterschied machen.
Ich denke, wenn Kulturelle Bildung gezielt dort ansetzt, wo Kinder sonst kaum Berührung damit haben, kann sie besonders wirksam sein.
Paula Wenning, Fachreferentin für Kinderarmut und Familienrecht beim Kinderschutzbund (DKSB)
Ein armutssensibler Ansatz zeigt sich vor allem im Detail. Entscheidend ist, wie Angebote benannt, gestaltet und umgesetzt werden. Stigmatisierung entsteht häufig durch Labels. Viele Maßnahmen lassen sich umsetzen, ohne Armut ausdrücklich zu benennen. Ein Beispiel ist ein Kleider- oder Tauschregal in der Kita, das für alle Kinder offen ist. Auch wenn Fachkräfte wissen, dass einzelne Kinder besonders davon profitieren, muss dies nicht als Angebot „für arme Kinder“ gekennzeichnet werden. Wird es etwa mit Nachhaltigkeit begründet, funktioniert es oft sehr gut und wird von allen Eltern akzeptiert.
Zentral ist außerdem, die Perspektiven der Betroffenen einzubeziehen. Im direkten Kontakt mit Kindern, Jugendlichen und Familien sollte sensibel, wertschätzend und ohne Zuschreibungen kommuniziert werden. Bei der Entwicklung von Angeboten oder in Schulungen sollte die Sicht armutsbetroffener Menschen einfließen oder zumindest bewusst mitgedacht werden. So wird sichergestellt, dass Maßnahmen tatsächlich an den Lebensrealitäten der Kinder und Jugendlichen ansetzen.
Kulturelle Bildung ist ein Baustein, der Teilhabe ermöglichen kann, aber Kinderarmut nicht allein lösen wird. Sie gehört aus meiner Sicht zu einem guten Aufwachsen dazu und sollte für alle Kinder normal sein. Eine wichtige Wirkweise ist, dass Kulturelle Bildung neue Erfahrungen ermöglicht.
Viele Kinder aus armutsbetroffenen Familien haben nur wenige Gelegenheiten, ihr Umfeld zu verlassen oder Neues kennenzulernen. Wenn es zum ersten Mal ins Theater geht oder ein kulturelles Angebot außerhalb des eigenen Viertels stattfindet, kann das den Horizont erweitern und Hemmschwellen abbauen. Kinder erleben, dass sie sich anders ausdrücken können und dass ihre Perspektiven Platz haben. Das ist besonders relevant für Kinder, die sonst wenig Teilhabe erleben. Ich denke, wenn Kulturelle Bildung gezielt dort ansetzt, wo Kinder sonst kaum Berührung damit haben, kann sie besonders wirksam sein.
Interview: Nina Hennecken