Von der Esche ins Museum: Wie Mangas Altona erobern
Künstlerin Sohyun Jung begeistert Jugendliche im Jugendkunsthaus fürs Zeichnen
Künstlerin Sohyun Jung begeistert Jugendliche im Jugendkunsthaus fürs Zeichnen
Aliki ist ein bisschen aufgeregt. Sie ist neu im Manga-Kurs in der Esche. Die Elfjährige zeichnet gern. Vor ihr liegt das Cover eines Magazins, darauf das Gesicht eines Mädchens, lachend, mit großen Augen und verstrubbelten Haaren. Sohyun Jung sieht zu, wie Aliki routiniert mit Bleistift arbeitet, Linien zieht und Proportionen richtig einschätzt. Die Kursleiterin lobt und schlägt vor, dass sich Aliki als nächstes selbst ein Motiv überlegt.
Nach und nach füllt sich das Atelier des Jugendkunsthauses in Altona und bald sitzen 15 Jugendliche mit Block und Bleistift um einen großen Tisch. Die Atmosphäre ist locker, die meisten kennen sich, viele kommen seit Jahren regelmäßig. So wie Miraj. „Ich mag Computerspiele und würde später selbst einmal gern welche entwickeln. Bis es so weit ist, halte ich meine Ideen beim Zeichnen fest“, sagt der 18-Jährige, während er durch sein dickes Skizzenbuch blättert. Auch Pablo, 16 Jahre alt, ist seit drei Jahren jeden Donnerstag dabei. Seine Zeichnungen sind unglaublich detailliert, aufwendig geschuppte Drachen, imposante Fabelwesen im Weltraum und Helden in an Rüstungen erinnernde Kampfmonturen.
Sohyun Jung, die seit mehr als vier Jahren diesen Kurs leitet, hat Neuigkeiten. Das Kinderbuchhaus, das unter dem Dach des Altonaer Museums der jüngsten Leserschaft Literatur und Illustration zugänglich macht, hat in der Esche angefragt, ob die Nachwuchskünstler*innen aus dem Manga-Kurs Lust hätten, sich an einer Ausstellung zu beteiligen. Unter dem Titel „Zusammen“ sollen ihre Arbeiten dann neben anderen Kunstwerken zu sehen sein. Sohyun Jungs Idee: Die Jugendlichen übersetzen das Ausstellungsmotto jeweils in ein Manga-Cover.
Längst Teil der internationalen Popkultur, decken Mangas heute alle möglichen Themenfelder und -nischen ab. Auch in Deutschland steigt die Zahl der Fans stetig. Auf den ersten Blick unterscheiden sich Mangas von Comics vor allem durch die andere Leserichtung: Sie werden von hinten nach vorn und von rechts oben nach links unten gelesen. Außerdem verzichten die meisten Manga-Künstler* innen in ihren Bildergeschichten auf Farben, die Mehrzahl erscheint traditionell in Schwarz-Weiß, während Comics häufig bunt sind.
Das hat etwas mit den unterschiedlichen Ursprüngen von Comics und Mangas zu tun, erklärt Sohyun Jung. „Als eigenständige Erzählformen entstanden Manga und Comic im 19. Jahrhundert. Die Unterschiede in ihrer Linienführung lassen sich jedoch auf frühere Material- und Werkzeugtraditionen in Europa und Asien zurückführen“, so die Illustratorin und Grafikerin, die in Seoul und in Hamburg Kunst studiert hat.
Für die 43-Jährige, die mehrfach Preise und Stipendien für ihre künstlerische Arbeit erhalten hat, steckt vor allem im stark reglementierten Aufbau von Mangas
viel Gestaltungsfreiheit. „Es gibt einen strengen Rahmen, den man einhalten muss, etwa wie die Panels angeordnet sind und verschiedene formale und
ästhetische Anforderungen“, sagt Sohyun Jung. Dazu zählen die Reduktion der Szenen, starke Kontraste und etwa der Fokus auf Mimik. Diese Vorgaben erlauben es Jugendlichen, sich ohne komplexe Geschichte direkt auszuprobieren. Nicht zuletzt können Mangas aus Sicht von Sohyun Jung Kindern und Jugendlichen den Einstieg in die Welt der Kunst erleichtern. Perspektiven, Kompositionen, Ästhetik – nicht nur das Vokabular, auch Auge und Geist wird beim Zeichnen geschult.
Nil, die vor zwei Jahren auf Empfehlung einer Freundin erstmals am Manga- Kurs teilgenommen hat, hat schon eine Idee für ein Cover. „Ich denke an vier Hände über Kreuz. Das passt gut zum Thema.“ Man muss wissen, dass Hände zu den besonders schwierig zu zeichnenden Körperteilen gehören. Das sieht auch Sohyun Jung so. „Was man zeichnet, ist das, was man sieht. Damit uns das Zeichnen gelingt, müssen wir die Augen trainieren, das Sehen lernen. Wir schauen gemeinsam, wir vergleichen, holen uns voneinander Feedback und probieren aus“, sagt Sohyun Jung, die auf jede Frage individuell Anregungen und Feedbackn gibt, wie es kein YouTube-Tutorial könnte.
„Ich kann mir vorstellen, dass ich die Hände verschieden gestalte, vielleicht eine mit einem Armband, unterschiedlichen Hautfarben, eine mit Pigmentstörungen, mal sehen“, sagt Nil. Neben ihr arbeitet Mia. Die 16-Jährige hat ein paar Kekse zum Knabbern neben Bleistift, Radiergummi und ihrem Zeichenblock liegen. Auf dem Bildschirm ihres Smartphones ist ein typischer Manga-Charakter zu sehen. Der soll später aus der Bildmitte springen, die bisher das riesige Ziffernblatt einer Uhr füllt.
Darüber, wie ihr Cover aussehen könnte, will sich Aliki bis zum nächsten Mal Gedanken machen. Dass es vielleicht bald im Museum hängt, ist ein guter Ansporn.
Dieser Text wird hier mit freundlicher Genehmigung der Landesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendkultur Hamburg (LAG) veröffentlicht. Der Text wurde erstveröffentlicht im kju-Magazin „Comic“, Heft 82, Frühjahr 2026 [LINK: https://www.kinderundjugendkultur.info/aktuelle-infos/magazin-kju/archiv/].
Text von Christine Weiser
Mit über 60 Mitgliedern aus allen Bereichen der Kinder- und Jugendkultur fördert die Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Kinder- und Jugendkultur die infrastrukturelle Vernetzung sowie den fachlichen Austausch und vertritt die Interessen ihrer Mitglieder gegenüber Politik und Verwaltung. Mitstreiter*innen sind die in Hamburg vertretenen Fachverbände ebenso wie einzelne Kulturakteur*innen, die großen, bekannten Institutionen genauso wie unabhängige, kleinere Einrichtungen, Projekte und Festivals. Diese Vielfalt trägt zur Kraft des Vereins bei. Die LAG arbeitet daran, dass Hamburg seine Position als Stadt der Kinder- und Jugendkultur wertschätzt, ausbaut und absichert. Die Kinder- und Jugendkultur in Hamburg muss verlässlich, langfristig und gezielt gefördert und weiterentwickelt werden – kleine und große Institutionen wie die freie Szene gleichermaßen.
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