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Vom Papier in die Probe: Schutzkonzepte im Choralltag
Interview

Vom Papier in die Probe: Schutzkonzepte im Choralltag

Im Gespräch mit Max Guder, Deutsche Chorjugend e. V.  

veröffentlicht:
Thema
Prävention und Kindeswohl
Schlagworte
Prävention und Kindeswohl • Schutzkonzept

Im Chor geht es nicht nur um Musik, sondern auch um Verantwortung und sichere Gemeinschaft. Max Guder gibt Einblicke, wie Schutzkonzepte direkt aus dem Probenalltag entstehen können und was nötig ist, um Kinderschutz dauerhaft im Alltag zu verankern.

Als Vorsitzender der Deutschen Chorjugend e.V. setzt sich Maximilian Guder bundesweit für die Interessen von singenden jungen Menschen in Deutschland ein. Beruflich ist er als stellvertretender Jugendamtsleiter in Essen tätig und unterstützt das Kinderschutz-Projekt ehrenamtlich mit seiner fachlichen Expertise.  

Immer mehr Chöre haben inzwischen Schutzkonzepte – doch der Weg vom Papier in den Probenraum kann herausfordernd sein. Wie begleitet die Deutsche Chorjugend Chöre dabei, Schutzkonzepte wirklich in den Alltag zu bringen?  

Während wir ein Schutzkonzept erarbeiten, fokussieren wir uns weniger auf das Ziel, am Ende ein solches vorweisen zu können, als vielmehr auf die Maßnahmen, die wir partizipativ mit den Choraktiven entwickeln und direkt gemeinsam in der Chorarbeit vor Ort verankern. Diese Maßnahmen fügen sich schließlich zu einem ausführlichen und in der Praxis gelebten Kinderschutzkonzept zusammen.

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es wichtig ist dort anzusetzen, wo die Chorgemeinschaft die positiven Effekte der präventiven Maßnahmen auf ihr Miteinander erlebt. So gibt es Schritte, die partizipativ mit den Kindern und Betreuenden selbst entwickelt werden können und andere, die bei der Projektgruppe und/oder dem Vorstand liegen. Oft können diese Schritte parallel laufen, sodass zum Beispiel die Projektgruppe an den Leitlinien arbeitet und die Kinder selbst einen Kinderchorrat gründen, Vertrauenspersonen wählen oder Verhaltensregeln im Umgang miteinander erarbeiten. Als Hilfestellung entwickeln wir hierzu stetig Materialien, die sichtbar in Probenräumen platziert werden und zum Beispiel Bestärkungsbotschaften oder Ansprechpersonen innerhalb des Chores sichtbar machen.

Zudem denken wir das Thema ganzheitlich: Wir bieten Workshops an, in denen Chorleitende Lieder kennenlernen, die stärken anstatt zu diskriminieren, besprechen Kriterien zur Repertoire- und Methodenauswahl.  

 

Nicht jeder Chor startet mit den gleichen Voraussetzungen. Was braucht es Ihrer Erfahrung nach, damit sich möglichst viele Chöre auf den Weg machen und Kinderschutz dauerhaft verankern?  

Es braucht zum einen viel Sensibilisierung, die wir zum Beispiel durch Bildungsarbeit und in unserer Öffentlichkeitsarbeit machen, Offenheit für unterschiedliche Wissensstände und ein Netzwerk, das Austausch auf Augenhöhe ermöglicht. Zum anderen, und das ist besonders wichtig, benötigt es ressourcenorientierte Prozessgestaltung. Kinderchöre sind meistens ehrenamtlich getragen und vorrangig Orte des gemeinsamen Singens, des kulturellen Selbstausdrucks für Kinder und Jugendliche. Schutzkonzepte schaffen die notwendigen Rahmenbedingungen, damit Chöre langfristig für Kinder und Jugendliche sichere Orte sein können und sind deshalb unerlässlich.

Dennoch ist es wichtig, das Bewusstsein dafür zu behalten, dass die Erarbeitung eine weitere Aufgabe für die meist ehrenamtlich Aktiven vor Ort ist, die sie neben dem Probenalltag bewältigen müssen. Um das leisten zu können, benötigen sie Begleitung in der Schutzkonzeptentwicklung, die ihre verfügbaren Ressourcen im Blick hat. Als Deutsche Chorjugend entwickeln wir deshalb kontinuierlich Arbeitshilfen, bieten individuelle Begleitung in der Schutzkonzeptentwicklung und Workshops an, um die Inhalte verständlich und die Schutzkonzepterarbeitung niedrigschwellig möglich zu machen. Obwohl und weil ein Schutzkonzept ein kontinuierlicher Prozess ist, der nie ganz abgeschlossen ist, ist es wichtig, dass die Etablierung von Maßnahmen für den Kinderschutz Schritt für Schritt geschehen kann.

Die Umsetzung jedes einzelnen Schrittes ist besser, als das Thema auf einen späteren Zeitpunkt zu vertagen. Deshalb feiern wir jeden Schritt, jede Maßnahme, die zum Schutz vor sexualisierter, emotionaler, peer-to-peer-Gewalt und physischer Gewalt umgesetzt wird.  

Implementierung ist ein Prozess, kein einmaliger Schritt. Wie sieht Ihre Begleitung aus, wenn Schutzkonzepte eingeführt, weiterentwickelt und langfristig gelebt werden sollen? 

In der Schutzkonzeptentwicklung begleiten wir die ehrenamtlich Aktiven aus den Vereinen auf unterschiedlichen Wegen. In der 1:1-Begleitung sind wir von der Risiko- und Potenzialanalyse, über die Eltern-Informationsveranstaltung und die einzelnen Schritte der Schutzkonzeptentwicklung bis zum (vorerst) fertigen Konzept dabei. Gruppen, die das Schutzkonzept selbstständig erstellen, haben die Möglichkeit bei Online-Workshops zu den einzelnen Schritten zum Schutzkonzept Methoden an die Hand zu bekommen und Fragen zu stellen.

Damit das Konzept langfristig gelebt und immer wieder aktualisiert wird, initiieren wir gerade die Initiative „Chor-mit Sicherheit!”. Mit einem Logo können die Chöre nach außen sichtbar machen, dass sie Maßnahmen zum Kinderschutz etabliert haben und regelmäßig an Fortbildungen und Netzwerktreffen bei der Deutschen Chorjugend teilnehmen. Durch die Initiative können sich die Aktiven vor Ort regelmäßig mit externen Personen über ihr Schutzkonzept und Fragen zu den Maßnahmen austauschen. Um Teil der Initiative zu bleiben, besuchen sie jährlich zwei Online-Veranstaltungen, beispielsweise zu „Gesprächsführung mit Betroffenen”, „Partizipative Methoden der Chorleitung”, „Umgang mit Mobbing im Kinder- und Jugendchor”, „Kinderschutz auf Veranstaltungen und Reisen” oder „diskriminierungssensibles Kinderchorrepertoire”.  

 

Damit Kinderschutz nicht bei einzelnen Projekten stehen bleibt, muss er in die Breite getragen werden. Welche Rolle spielen dabei Verbandsstrukturen, Multiplikator*innen oder Netzwerke?  

Unserer Ansicht nach spielen Verbandsstrukturen eine maßgebliche Rolle, um Kinderschutz in die Breite zu tragen. Wir sehen uns in der Verantwortung, die Ressourcen und Möglichkeiten zu schaffen um erstens fachliche und inhaltliche Weiterentwicklung speziell für die Räume rund um Kinder- und Jugendchöre zu leisten, hier im Besonderen auch für Konzerte, Kooperationen mit Konzerthäusern oder Theatern, Erwachsenenensembles, Reisen etc., um zweitens Methoden und Wissen so aufzuarbeiten, dass sie für ehrenamtlich Aktive verständlich und umsetzbar sind, um drittens hauptamtliche Unterstützung bei der Schutzkonzepterarbeitung zu geben und um viertens bei der Beantragung von notwendigen Fördermitteln zur individuellen Kinderschutzkonzepterarbeitung zu unterstützen.

Darüber hinaus konnten wir beobachten, dass besonders beim Thema Kinderschutz Vernetzung von ehrenamtlich aktiven Personen eine große Rolle spielt. Oft sind es einzelne Personen in den Gruppen, die eine Kinderschutzkonzeptentwicklung anstoßen und die dann innerhalb der Austausch- und Netzwerkveranstaltungen von dem Kontakt mit Kinderschutzbeauftragten von anderen Chören sehr profitieren. 

 

Und zum Schluss: Woran merken Sie – vielleicht ganz konkret im Choralltag –, dass ein Schutzkonzept angekommen ist und Wirkung entfaltet?  

Im Rahmen von Konzerten und Veranstaltungen wird sichtbar, ob Kinderschutz tatsächlich in der Chorgemeinschaft angekommen ist und gelebt wird. Oft kann man das dann der Atmosphäre entnehmen. Regelungen zu Foto- und Videoaufnahmen werden dann klar kommuniziert und es gibt Personen, die angesprochen werden können, wenn man sich nicht wohlfühlt oder etwas beobachtet, das einem komisch vorkommt.

Besonders merken wir gelebten Kinderschutz daran, wenn es um die Kinder selbst geht, etwa wenn Kinder bei langen Phasen auf der Bühne die Möglichkeit haben, sich hinzusetzen, wenn ein Kind auch mal die Bühne verlässt, weil es weiß, dass es in Ordnung ist, z.B. auf die Toilette zu gehen und anschließend wiederzukommen. Wenn die Chorleitung in Konzerten mit den Kindern und Jugendlichen spricht und wenn Kinder und Jugendliche selbst durchs Programm führen. Daran lässt sich erkennen, dass das Kinder- und Jugendchorleben partizipativ gestaltet wird und das Musizieren miteinander im Mittelpunkt steht. 

Das Gespräch ist im Rahmen des Programms „Start2Act“ der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ) entstanden. Das Programm unterstützt Träger der Kulturellen Bildung bei der Prävention sexualisierter Gewalt. „Start2Act“ wird finanziert von der Europäischen Union.

Im Gespräch mit BKJ-Mitglied:

Logo Deutsche Chorjugend

Rund 100 000 Kinder und Jugendliche in etwa 3500 Chören und Ensembles – die Deutsche Chorjugend (DJC) ist die größte Interessenvertretung junger Sänger*innen in Deutschland. Der Bundesjugendverband macht sich stark für die Belange singender Kinder und Jugendlicher. Unter dem Dach des Deutschen Chorverbands sind die Landesjugendverbände organisiert. Sie fördern die musisch-kulturelle Bildung junger Menschen, die Jugendbeteiligung, ehrenamtliches Engagement und den internationalen Austausch. Die Projekte und Programme reichen von Fort- und Weiterbildungen zum Thema Chormanagement über ein Klima-Projekt bis hin zur aktiven Neugründung von Kinder- und Jugendchören.

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