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Viele Likes ≠ stabile Psyche – Kritisch, konstruktiv und selbstbestimmt in digitalen Räumen
Interview

Viele Likes ≠ stabile Psyche – Kritisch, konstruktiv und selbstbestimmt in digitalen Räumen

Im Gespräch mit Nadia Boltes und Tobias Hennigs, LKJ Sachsen-Anhalt

veröffentlicht:
Thema
Prävention und Kindeswohl
Schlagworte
Digitalität
Ein Tablet liegt auf dem Tisch, daneben sind Stifte und Würfel zu sehen.
Katharina Remiorz

Mediennutzung beginnt immer früher und wirkt immer tiefer. Im Interview zeigen Nadia Boltes und Tobias Hennigs von der LKJ Sachsen-Anhalt wie sich Likes, Vergleichsdruck und Doomscrolling auf die mentale Gesundheit junger Menschen auswirken und wie Kulturelle Bildung Orientierung und Resilienz fördern kann.

Portraitfoto von Nadia Boltes, LKJ Sachsen-Anhalt

Nadia Boltes leitet die Servicestelle für digitale Kulturelle Bildung der Landesvereinigung kulturelle Kinder- und Jugendbildung Sachsen-Anhalt e. V. und ist dort stellvertretende Geschäftsführung.

Portraitfoto von Tobias Hennigs

Tobias Hennigs ist Jugendbildungsreferent bei der der Landesvereinigung kulturelle Kinder- und Jugendbildung Sachsen-Anhalt e. V.

Wie hat sich der Umgang von jungen Menschen mit digitalen Medien, Social Media und KI in den vergangenen Jahren verändert?

Nadia Boltes: Studien, wie die KIM– und JIM-Studie, sowie die miniKIM-Studie zeigen sehr deutlich, dass die Mediennutzung bei jungen Menschen zunimmt. Schon ein Fünftel der 2- bis 5-Jährigen besitzt zum Beispiel ein eigenes Tablet. Gleichzeitig ist es so, dass fast alle 12- bis 19-Jährigen ein eigenes Smartphone haben. Insgesamt stellen wir auch in der Praxis fest, dass Mediennutzung immer früher beginnt, der Umgang mit Medien komplexer wird und digitale Medien zunehmend sehr stark in alle Lebensbereiche eingreifen.

Tobias Hennigs: Ich finde die aktuelle Entwicklung um Social Media, etwa Diskussionen um ein Verbot, wie in Australien, zeigt sehr deutlich, wie sehr sich die Nutzung in den vergangenen Jahren verändert hat. Für junge Menschen gibt es keine klare Trennung zwischen analoger und digitaler Welt mehr. Sie wachsen ganz selbstverständlich mit diesen Medien auf, die für ältere Generationen technische Meilensteine waren. Dieses Spannungsfeld zwischen kritischem Konsum und der digitalen Lebensrealität junger Menschen muss gemeinsam betrachtet werden. Digitale Medien beeinflussen heute nahezu alle Lebensbereiche und ist in den Lebensrealitäten junger Menschen umfassender und stärker integriert als noch vor einigen Jahren.

Wenn wir darüber sprechen, dass ein Großteil der Lebensrealitäten junger Menschen in der digitalen Welt stattfindet: Wie kann Kulturelle Bildung sie hier erreichen?

Nadia Boltes: Kulturelle Bildung setzt bewusst auf ästhetische und künstlerische Prozesse, Kooperation und gemeinsames Erleben statt auf Likes und Reichweite und fördert damit Partizipation. Egal ob in analogen, digitalen oder hybriden Räumen, Kulturelle Bildung erweitert Kommunikationsmöglichkeiten, stärkt das Selbstbewusstsein und die Selbstwirksamkeit und fördert so Resilienz. In Bezug auf Social Media können wir uns beispielsweise kritisch mit Körperbildern oder Schönheitsnormen auseinandersetzen und auf dieser Grundlage ein Tanz- oder Fotoprojekt entwickeln. Dabei können kulturelle Bildungsangebote Medienkompetenz als zentralen Hebel nutzen und dafür sorgen, dass junge Menschen nicht nur Konsument*innen von digitalen Angeboten sind, sondern sie dazu befähigen aktive Gestalter*innen zu sein. Diese Erfahrungen helfen Jugendlichen, sich auch in digitalen Räumen sicherer zu bewegen und mit belastenden Situationen umzugehen, wenn sie zum Beispiel in einem Game angequatscht werden, von irgendeinem Menschen, der bestimmte Gadgets für das Spiel gegen Fotos anbietet.

Kulturelle Bildungsangebote können Medienkompetenz als zentralen Hebel nutzen und dafür sorgen, dass junge Menschen nicht nur Konsument*innen von digitalen Angeboten sind, sondern sie dazu befähigen aktive Gestalter*innen zu sein.

Nadia Boltes, LKJ Sachsen-Anhalt

Tobias Hennigs: Die Kulturelle Bildung bietet so viele Möglichkeiten. Wir müssen nur genau hinschauen, welche Methode für welche Zielgruppe geeignet ist. Wir dürfen experimentieren und scheitern, solange wir darüber im Gespräch bleiben.

Nadia Boltes: Auf der Methodenseite der Servicestelle für digitale Kulturelle Bildung der LKJ können Fachkräfte zum Beispiel kostenfrei erprobte Methoden nutzen, um Themen aufzugreifen, die jungen Menschen im digitalen Raum eher begegnen, wie zum Beipiel die Rolle von KI.

Welche Rolle spielt Social Media für das psychische Wohlergehen von jungen Menschen?

Tobias Hennigs: Die Forschung zur mentalen Gesundheit ist in diesem Zusammenhang noch recht jung, aber es zeigt sich, dass der Einfluss von Social Media auf die psychische Gesundheit erschreckend groß ist. Vergleichbarkeit spielt dabei eine große Rolle, ebenso Phänomene wie das unaufhörliche Scrolling (Anm. d. Red.: Das ständige Durchsehen von Inhalten auf Social Media). Das betrifft nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern geht über alle Altersgrenzen hinweg. In den sozialen Netzwerken wird selten gezeigt, wenn man mal einen schlechten Tag hat. Inhalte werden positiv dargestellt oder mit zusätzlichen Filtern versehen. Dadurch entsteht eine verzerrte Scheinwelt, mit der man sich vergleicht. Das kann mental stark belasten und insbesondere Jugendliche in ihrer psychischen Gesundheit beeinträchtigen. Deshalb ist es aus unserer Perspektive wichtiger, einen bewussten und reflektierten Umgang mit Social Media zu fördern und über Risiken aufzuklären.

Nadia Boltes: Wenn junge Menschen soziale Medien kreativ nutzen, sich ermutigt fühlen, Verbindungen schaffen und Freundschaften knüpfen können, kann dies auch einen sehr positiven Einfluss auf ihre psychische Gesundheit haben. Problematisch wird es, wenn zum Beispiel durch den ständigen Vergleich mit anderen, das Gefühl entsteht, performen zu müssen oder sich mit anderen messen. Soziale Medien beeinflussen das psychische Wohlergehen nicht neutral, sondern abhängig davon, ob Jugendliche sich gesehen und wertgeschätzt fühlen.

In manchen dokumentierten Fällen, haben neue Medien, wie KI, suizidale Gedanken der Nutzer*innen verstärkt. Warum sind gerade junge Menschen eine vulnerable Zielgruppe?

Nadia Boltes: Junge Menschen befinden sich in einer sehr sensiblen Entwicklungsphase: Seien es die Fragen nach der eigenen Identität, dem Selbstwert oder emotionaler Stabilität. Anerkennung , insbesondere von Gleichaltrigen in Form von Likes, Ablehnung oder Kritik haben im Jugendalter ein größeres Gewicht als bei Erwachsenen. Deshalb halten wir es für sehr wichtig, dass die Kulturelle Bildung diese Realität junger Menschen ernst nimmt und sich aktiv damit beschäftigt. Es geht aus unserer Sicht nicht darum, Mediennutzung zu problematisieren, sondern darum, eine eigene Haltung zu entwickeln und diese dann auch konsequent in die pädagogische Praxis zu tragen.

Tobias Hennigs: Gerade, weil junge Menschen sich in einer Phase der Entwicklung befinden, ist Aufklärung zentral. Jungen Menschen wird oft pauschal eine geringere Kompetenz zugeschrieben. Diese Sichtweise teile ich nicht. Aus der Perspektive der Kinderrechtsbildung ist es wichtig, Kinder und Jugendliche als Expert*innen ihrer eigenen Lebenswelt anzuerkennen. Information und Orientierung ermöglichen es ihnen, selbst einzuschätzen, wo Gefahren lauern und wie sie mit digitalen Räumen umgehen wollen. Entscheidend ist, sie dabei zu begleiten und frühzeitig zu befähigen, statt sie auszuschließen oder ihnen den Zugang abrupt und unvorbereitet zu überlassen.

Gibt es Warnzeichen, an denen Fachkräfte problematische Medien-Nutzung erkennen können?

Nadia Boltes: Wir Fachkräfte begleiten junge Menschen meist über einen längeren Zeitraum hinweg und natürlich können wir auch gewisse Veränderungen wahrnehmen. Das fängt an, wenn eine Person gereizt ist oder unruhig wird, wenn sie ihr Handy weglegt und geht bis zum Abbruch von Hobbys, Freundschaften oder schulischem Engagement. Diese Warnzeichen können wir zum Anlass nehmen, Gespräche und Unterstützung anzubieten: ohne moralische Beurteilung. Gute Qualifizierungsangebote, wie eine Ausbildung zur Ersthelfer*in für psychische Gesundheit schaffen hierfür zentrale Grundlagen.

Wie kann die emotionale und psychische Resilienz von Jugendlichen in digitalen Räumen gestärkt werden?

Nadia Boltes: Kulturelle Bildung ersetzt keine Therapie, aber sie kann einen wichtigen Beitrag zur emotionalen und psychischen Resilienz von Jugendlichen leisten. Sie stärkt Schutzfaktoren, ohne dabei strikt zwischen analogen oder digitalen Räumen zu unterscheiden. Gerade im Kontext unserer Arbeit in Sachsen-Anhalt, einem Bundesland mit teilweise wenig Angeboten für junge Menschen in ländlichen Räumen, beobachten wir, dass digitale Räume einen wichtigen Ausgleich darstellen. Für Jugendliche, die ländlich isoliert aufwachsen, queere Jugendliche oder junge Menschen, die Rassismuserfahrungen gemacht haben, bieten digitale Räume die Möglichkeit, Vorbilder zu finden, Gemeinschaften aufzubauen und in der Phase des Aufwachsens und der Identitätsfindung Verbündete zu finden.

Text und Interview: Nina Hennecken

Das Interview ist entstanden im Rahmen von „MindCare − Mentale Gesundheit in der Kulturellen Bildung, Förderung von Achtsamkeit, Resilienz und Empowerment“ (2025−2026). „MindCare“ ist ein Kooperationsprojekt der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ) und des „Kenniscentrum voor cultuureducatie en amateurkunst (LKCA)“, Niederlande. Es wird gefördert von der Europäischen Union.

Ein Interview mit BKJ-Mitglied:

Logo Landesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung Sachsen-Anhalt

Die Landesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (LKJ) Sachsen-Anhalt ist der Dach- und Fachverband im Land Sachsen-Anhalt für kulturelle Kinder- und Jugendbildung, kulturelle Freiwilligendienste im In- und Ausland sowie Breitenkulturarbeit und Soziokultur. In der LKJ sind landesweite Fachverbände der Kinder- und Jugendkulturarbeit sowie kulturelle Einrichtungen mit landesweiter Bedeutung als Mitglieder organisiert.

Die LKJ will die Interessen ihrer Mitglieder auf politischer und fachlicher Ebene vertreten und die Förderung der Kulturellen Bildung und soziokulturellen Angebote sichern und verbessern. Neue Impulse für die fachspezifische Arbeit werden entwickelt und mit internationalen Jugendkultur-Projekten ein Beitrag für Weltoffenheit und Toleranz, gegen Rassismus und Rechtsextremismus in Sachsen-Anhalt geleistet.

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