Verbundenheit erleben – im Sehen, Hören und Miteinandersein
„Einsamkeit überwinden – Theater als Raum der Geselligkeit“, AWA Theater, Verein Simorgh – Selbsthilfe. Bildung. Gesundheit, Berlin
„Einsamkeit überwinden – Theater als Raum der Geselligkeit“, AWA Theater, Verein Simorgh – Selbsthilfe. Bildung. Gesundheit, Berlin
Die Menschen, die an einem Novemberabend gemeinsam vor dem Eingang des Hoftheaters in Berlin-Kreuzberg stehen, Tee trinken und sich leise murmelnd unterhalten, horchen auf: Klaviermusik ertönt, aus dem Theatereingang weicht Nebel nach draußen. Das Stück geht los!
Deutsche, englische und persische Unterhaltungen sind zu hören, die erst verstummen, als alle ihre Plätze gefunden haben und die jungen Schauspieler*innen die Bühne betreten. Es herrscht gespannte Stille. Der junge Mann am Klavier ist bald nicht mehr allein auf der Bühne: Sieben junge Schauspieler*innen laufen herein, auf ihre Handys starrend und jede*r für sich. Die Jugendlichen sprechen in ihrer Erstsprache Dari, alles Gesprochene wird auf Deutsch übertitelt. Zu Beginn reihen die Schauspieler*innen bruchstückhaft einzelne Beobachtungen und Empfindungen aneinander:
Manchmal will ich einfach nur, dass jemand mich anschaut und sagt: ‚Ich verstehe dich.‘ – ohne zu belehren oder zu bemitleiden.
Schauspieler*in, AWA Theater
oder auch
Immer, wenn ich irgendwo eine Pusteblume sah, habe ich sie losgeschickt – zu meinem Vater, zu meiner Schwester. Sie waren gegangen, und ich war plötzlich für die Familie verantwortlich. Ich war erst zwölf.
Schauspieler*in, AWA Theater
Die folgende Performance enthält neben der musikalischen Begleitung Elemente aus Tanz, Poesie und Theater. Die Emotionen in den Szenen und Choreografien bauen teilweise aufeinander auf, stehen manchmal aber auch für sich, streifen Themen und Geschichten, springen weiter. Das Stück scheut tiefgehende, sensible Themen nicht und lässt die Anwesenden so spürbar nachdenklich werden. Wie jedes Werk des AWA Theaters basiert es auf den Ideen sowie Erfahrungen der Jugendlichen und gibt tiefe Einblicke in ihre Lebenswelten, was sicher einer der Gründe für die bewegende Wirkung ihrer Auftritte ist.
Dass dieses Stück durch aufwendige Übersetzung und Übertitelung auch deutschsprachigem Publikum zugänglich ist, ist der Innovationsförderung des Bundes Deutscher Amateurtheater e. V. (BDAT) und dem Berliner Projektfonds Kulturelle Bildung zu verdanken. Zudem hat das Hoftheater Kreuzberg seine Räumlichkeiten für Proben und Vorstellungen zur Verfügung gestellt. Das Team von „Turning Tables”, das mit jungen Menschen vor allem Musik- und Videoproduktionsworkshops anbietet, unterstützte alle technischen Abläufe. So ermöglichte ein großes Team von Unterstützer*innen das Stück „Einsamkeit überwinden. Theater als Raum der Geselligkeit“.
Das Thema Einsamkeit beschäftigt die Gruppe stark, sagt Freshteh Sadati, Theaterpädagogin und Regisseurin des Stücks. Dabei geht es nicht nur um das unmittelbare Ankommen in Deutschland, sondern vielmehr um den alltäglichen, langfristigen Umgang mit der Einsamkeit, die teilweise jahrelang empfunden wird.
Freshteh Sadati gründete AWA im Jahr 2016 gemeinsam mit Baran Hashemi. Die beiden Frauen hatten bereits in Afghanistan im Bereich Theater zusammengearbeitet und trafen später in Deutschland wieder aufeinander. Durch die Machtübernahme der Taliban waren beide gezwungen, Afghanistan zu verlassen, um ihre feministische Arbeit fortzusetzen, die schon vorher nur schwierig möglich war. Unterstützt werden sie auch von Livia Lück, die administrative und koordinative Aufgaben übernimmt. Sie arbeiten größtenteils ehrenamtlich, haben keinen festen Standort oder Unterstützungsstrukturen. Dennoch schaffen sie Orte, in denen Jugendliche ihre Erfahrungen teilen, sich ausdrücken und gegenseitig stärken können.
Besonders für migrantisierte Jugendliche, die zusätzlich von Rassismus und strukturellen Diskriminierungen betroffen sind, sind solche Räume unverzichtbar. Viele mussten ihr vertrautes Umfeld zurücklassen, haben traumatische Erfahrungen hinter sich und finden sich in einer Gesellschaft wieder, die ihnen häufig mit Sprachbarrieren, Vorurteilen oder schlicht Unwissen begegnet. Einsamkeit, Isolation und Ausgrenzung sind die Folge – und diese belasten die mentale Gesundheit der Betroffenen.
Das Ensemble macht Kunst und Kultur niedrigschwellig, partizipativ und traumasensibel zugänglich. Es geht um Freiräume, die Zugehörigkeit erfahrbar machen, Isolation durchbrechen und Resilienz fördern. Genau diesen Effekt hat auch dieses Projekt, berichtet Freshteh Sadati. Es verläuft in Phasen: Die Gruppe lernt sich zunächst kennen, öffnet sich, wächst zusammen.
Freshteh Sadati begleitet diesen Prozess, stellt Fragen und hält den Raum, in dem auch über schwierige Themen gesprochen werden kann: „Ich nutze verschiedene Methoden und beobachte, wie die Teilnehmer*innen darauf reagieren. Manchmal kommt eine Frau, die viele Ängste hat oder körperlich blockiert ist, manchmal ein Junge, der es nicht gewohnt ist, frei mit einer Frau zu reden. Darauf passe ich die Übungen an und wähle dann die Methode, mit der wir am besten arbeiten können.“
Auf dem Fluchtweg verlieren wir unsere Zeit. Wir wissen gar nicht, welche Interessen wir haben, wir verlieren die Möglichkeit, uns mit 12, 15, oder 16 Jahren auszuprobieren.
Freshteh Sadati, Theaterpädagogin
Aus dem Austausch der Teilnehmer*innen entsteht das Skript. Doch dabei bleibt es nicht, denn eine Vielzahl weiterer Methoden kommen zum Einsatz: Neben Tanzworkshops mit Alejandro Notas gab es ebenfalls Workshops zu Forum Theater mit Franziska Rieger und Brigitte Schröder, sowie Physical Theater mit Catia Gatelli Thauma. Bewegung und Ausdruck dienen dabei immer als Weg, sich selbst und andere zu spüren. Vorkenntnisse sind für die Teilnahme nicht nötig, jede*r ist willkommen. Freshteh Sadati ist es wichtig, dass junge Menschen ihre individuellen Interessen und Fähigkeiten entdecken.
Nicht alle wollen im Scheinwerferlicht stehen: Auch die Aufgaben im Hintergrund wie Licht, Ton und Regieassistenz werden ehrenamtlich von Teilnehmer*innen übernommen. Die Theaterpädagogin ermutigt alle Interessierten, die kommen, sich erstmal Zeit zu nehmen: „Auf dem Fluchtweg verlieren wir unsere Zeit. Wir wissen gar nicht, welche Interessen wir haben, wir verlieren die Möglichkeit, uns mit 12, 15, oder 16 Jahren auszuprobieren.”
Bei AWA gibt es Zeit, das Theater auszuprobieren. Und so geht es auch um das Wiedererleben der eigenen Entscheidung: Wenn eine Person nach einigen Wochen feststellt, dass Theater doch nicht das passende Medium ist, darf sie ganz frei und selbstbestimmt wieder gehen.
Die Erfahrung, gemeinsam ein Stück auf die Bühne zu bringen, sich auf die anderen verlassen zu können und dann vom Publikum Anerkennung und Resonanz für die autobiografisch inspirierten Erzählungen zu bekommen, schweißt zusammen und stärkt Selbstvertrauen sowie Selbstwirksamkeit, die die Mitglieder mit in den Alltag nehmen. Das ist vor allem essenziell für Jugendliche, die gesamtgesellschaftlich sonst wenig Repräsentation, Zuspruch und Beteiligungsmöglichkeiten erfahren.
AWA schafft es, dass das Publikum nach den tiefen, oft traurigen oder sogar traumatischen Geschichten auf der Bühne den Theaterabend doch inspiriert und empowert verlässt. Das ist nicht immer leicht. Das Publikum wird zum Ende des Auftritts eingeladen, eigene Gedanken oder Erfahrungen zu teilen. Eine Frau appelliert an das anwesende Publikum, an Leser*innen dieses Textes, an uns alle: „Schaut hin, wenn jemand allein ist, niemanden hat. Lasst niemanden einsam sein. Sprecht miteinander, egal, wo ihr herkommt, geht doch aufeinander zu.“ Und das passiert auch – noch an dem Abend im Kreuzberger Hinterhof. Die Gespräche sind nicht mehr murmelnd, es scheint, als wären alle befreit. Die Schauspieler*innen strahlen, sind sichtlich stolz und glücklich, und das zurecht. Sie sagen: „Euer Kommen gibt uns die Kraft, weiterzumachen.“ Alireza, der das erste Mal mitgewirkt und als Schauspieler auf der Bühne gestanden hat, sagt: „Für mich war es ein besonderes Erlebnis, durch die Aufführung ein Gefühl ausdrücken zu können, das sich mit Worten nicht beschreiben lässt. Danach blieb ein wunderbares Gefühl zurück – und der Eindruck, dass sich etwas in mir verändert hat.”
Und dann? Dann wird getanzt. Jede AWA-Performance endet nämlich damit, dass alle – Ensemble und Publikum – nicht nur gemeinsam Tee trinken, sondern zu einem DJ-Set, das vorwiegend afghanische Musik spielt, den gelungenen Abend feiern. Stress wird abgeschüttelt. Es ist ein Moment, der durch Leichtigkeit verbindet und spürbar macht, was AWA ermöglicht: Gemeinschaft, Kreativität und das Gefühl, nicht allein zu sein.
Text: Mariella Hettich