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Unübersehbar
Gastbeitrag Aus der Praxis

Unübersehbar

Im Projekt „Comixx mit Klasse“ erzählen Jugendliche mit Flucht- und Migrationserfahrung ihre eigenen Geschichten. Comics ermöglichen jungen Menschen, sich auszudrücken – auch wenn diese (noch) nicht glauben, zeichnen oder schreiben zu können. Zu Besuch in zwei Hamburger Projekten

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Thema
Teilhabe
Im Projekt „Comixx mit Klasse“ erzählen Jugendliche mit Flucht- und Migrationserfahrung ihre eigenen Geschichten. Eine Gruppe junger Leute, die dort sitzen und zeichnen
Literaturhaus Hamburg | Daniel Müller

„Der Krieg nahm die Kindheit zu früh.“ Noura hat den Satz sorgfältig über ihre Zeichnung gesetzt. Schwarze Tinte, die Buchstaben noch etwas wacklig. Darunter steht ein Mädchen vor einer Mauer, über ihr das Wort „PEACE“. Die 15-Jährige lebt seit acht Monaten in Deutschland. Ihr Comic erzählt von Flucht, Olivenbäumen und Koffern voller Stille. Nachts, schreibt sie, sei sie noch immer das Mädchen aus Palästina – aber am Morgen stärker als gestern.

Mit 19 anderen Jugendlichen aus insgesamt 14 Ländern sitzt Noura in einer Internationalen Vorbereitungsklasse (IVK) der Stadtteilschule am Hafen in Hamburg-Neustadt. Seit einigen Tagen zeichnen sie ihre eigenen Comics – im Projekt „Comixx mit Klasse“, einem Angebot des Jungen Literaturhauses Hamburg. Auf den Tischen liegen Skizzen, Bleistifte, Radiergummis, dazwischen stapeln sich verschiedenste Comics zur Inspiration. Darunter auch einer, dessen Autorin jetzt mit den Jugendlichen im Klassenraum steht. Eva Müller geht von Tisch zu Tisch, gestikuliert mit dem ganzen Körper, greift manchmal zum Google Translator, um den Jugendlichen ihre Fragen zu beantworten. „Am Anfang sagen viele, dass sie gar nicht zeichnen können“, erzählt sie. Deshalb beginnen sie spielerisch. In kleinen Übungen zeichnen sich die Jugendlichen selbst – mal als Tier, mal als Obst, mal als Astronaut. Bis schließlich der Mut da ist, mit dem eigenen Comic zu beginnen. „Wir geben nicht vor, worüber sie zeichnen sollen. Aber viele erzählen aus ihrem eigenen Leben.“

Sophie aus der Ukraine zeichnet eine dunkle Gestalt am Bett, über ihr eine Sprechblase: „Ich bereite dich nur darauf vor, was passieren könnte.“ Die Gestalt sei die Angst, sagt Sophie. Am Ende des Comics steht sie kleiner da, als Schatten unter den Füßen. Theresa aus Indien lässt ein Alien in einem fremden Dorf landen. „It is hard to blend in“, sagt sie leise. Ein bisschen fühle sie sich selbst wie dieses Wesen, das alles neu lernen muss. Brian aus Ghana zeichnet einen Jungen, der in einem fremden Körper aufwacht. Später sagt er: „I didn’t know that I could draw.“

Am Ende des Projekts fahren die Jugendlichen ins Literaturhaus an der Alster. Dort, wo sonst Lesungen stattfinden, stehen an diesem Tag ihre Arbeiten im Mittelpunkt. Jede*r stellt den eigenen Comic vor, es gibt Essen, Gespräche, Applaus – und etwas, das bleibt: ein gebundenes Buch mit allen Comics der Klasse. Dr. Sarah Steidl vom Jungen Literaturhaus leitet „Comixx mit Klasse“. Für sie hat das Projekt eine grundsätzliche Dimension: „Demokratie funktioniert nur, wenn man sich ausdrücken kann“, sagt sie. Gerade Jugendliche, die neu in Deutschland sind, bräuchten Räume, in denen ihre Geschichten sichtbar werden. Das sei auch eine Form des Willkommenheißens. Und warum ausgerechnet Comics? „Das ist eine Erzählform, die wenig Sprache erfordert und deshalb inklusiv ist.“

Ein Foto aus einem Comic, das ein Wortspiel auf Englisch enthält: „Peace“ und „Please“.
Drei Mädchen zeichnen einen Comic, während der Lehrer herankommt, um ihnen Feedback zu geben.

Am Ende finden alle gut, was sie gemacht haben 

Dass Bilder im Comic einen Großteil der Erzählung tragen, macht den Einstieg leicht. Eine Figur, ein Blick, eine Bewegung – oft versteht man die Geschichte, auch wenn nicht jedes Wort sofort sitzt. Diese Niedrigschwelligkeit nutzt auch ein anderes Hamburger Projekt: „1 Klasse liest 1 Comic“ wird vom Verein Seiteneinsteiger organisiert, der seit über zwanzig Jahren Literaturangebote für Kinder und Jugendliche in Hamburg entwickelt. Hier bewerben sich Klassen vom dritten bis zum sechsten Jahrgang, aus Stadtteilen mit hoher sozialer Benachteiligung. Bücher spielen in den Elternhäusern der Kinder oft keine große Rolle, gelten als langweilig oder sind ein notwendiges Übel. „Comics nehmen den Druck raus“, sagt Tanja Esch, eine der beteiligten Autor*innen. Viele Bilder, wenig Text –und die meisten merkten schnell: Lesen kann doch Spaß machen.

Zu Beginn erhält jede Klasse ein Paket mit dem Comic einer Autor*in, gelesen wird gemeinsam im Unterricht. Für manche Kinder ist es die erste längere Geschichte, die sie am Stück lesen. Erst danach kommt die Künstlerin in die Schule. Im Auftaktworkshop spricht sie mit der Klasse über Figuren, Perspektiven und Erzählweisen. In den folgenden Wochen arbeiten die Schüler*innen weiter, zeichnen eigene kleine Geschichten und werden unterstützt durch ein begleitendes Arbeitsheft. Tanja Esch schaltet sich digital dazu, gibt Rückmeldungen, beantwortet Fragen. „Am Anfang denken viele, sie können das gar nicht“, sagt sie. Weder zeichnen noch sich etwas ausdenken. Mit der Zeit verändere sich das. „Am Ende finden eigentlich alle gut, was sie gemacht haben.“

Ein Foto von oben, das einen Jungen zeigt, der seine Comics betrachtet – vollständig gezeichnet
Dialog aus einem Comic, erzählt in 5 Bildern
Ein Comic über das „besondere Tier“, erzählt in vier Bildern: von vorne, mit einem riesigen Hut, als Vampir verkleidet und wütend.

Projekte wie dieses finden bewusst in Schulen statt, damit alle Kinder erreicht werden können, unabhängig vom Elternhaus. Eine Lehrerin aus Hamburg-Steilshoop schrieb nach der Teilnahme, dass selbst Kinder, die sonst ungerne schreiben, plötzlich Freude daran haben, leere Sprechblasen mit eigenen Dialogen zu füllen.

Lesen und Schreiben sind keine Nebensächlichkeiten im Schulalltag. Sie entscheiden darüber, wie gut Kinder und Jugendliche sich in dieser Gesellschaft zurechtfinden können. Seiteneinsteiger e.V. verweist auf Zahlen, die den Hintergrund dieser Arbeit deutlich machen: In Hamburg gibt es schätzungsweise 200.000 funktionale Analphabet*innen – etwa jeder siebte Erwachsene. Bundesweit kann jede*r vierte Viertklässler*in nicht richtig lesen. Nach zwei Jahren Pandemie betrug der Rückstand in der Lesefähigkeit von Grundschulkindern rund sechs Monate. „Wenn Kinder nicht lesen, muss später vieles mühsam aufgeholt werden“, sagt Tanja Esch. Lesen schärfe die Vorstellungskraft, erweitere den Wortschatz, ermögliche Perspektivwechsel. „Wer Geschichten kennt, lernt, sich in andere hineinzuversetzen.“

Beide Projekte verbindet, dass der Stift in die Hand des Lesenden wandert. Sarah Steidl vom jungen Literaturhaus hat es im Gespräch so formuliert: „Üblicherweise setzt man Kinder in einen Raum, erzählt ihnen etwas und erwartet, dass sie zuhören. Vielleicht ist es sinnvoller, ihnen die Mittel zu geben, selbst Geschichten zu schreiben – und dann zuzuhören.“

In der IVK-Klasse in der Neustadt bedeutet das, dass eine 15-Jährige aus Palästina ihre Worte auf Papier setzt. Dass sie entscheidet, welche Sätze stehen bleiben. Dass ihre Zeichnung nicht im Heft verschwindet, sondern im Literaturhaus gezeigt und in einem Buch gedruckt wird. Am Ende ihres Comics steht: „Noura überlebte nicht nur, sie wurde selbst zur Heimat.“ In diesem Satz bündelt sich mehr, als die wackligen Buchstaben vermuten lassen – und er ist nicht mehr nur in ihren Gedanken. Er wird gelesen, weitergereicht, vielleicht noch einmal laut ausgesprochen. Und mit ihm eine Perspektive, die sonst leicht übersehen würde.

 

Dieser Text wird hier mit freundlicher Genehmigung der Landesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendkultur Hamburg (LAG) veröffentlicht. Der Text wurde erstveröffentlicht im kju-Magazin „Comic“, Heft 82, Frühjahr 2026 [LINK: https://www.kinderundjugendkultur.info/aktuelle-infos/magazin-kju/archiv/].

Text von Svenja Napp

Ein Beitrag von BKJ-Mitglied:

Logo mit dem Text lag kinder- und jugendkultur in rot und landesarbeitsgemeinschaft kinder- und jugendkultur e.v. in grau darunter.

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