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Strukturell statt punktuell: Ganztag als strategisches Handlungsfeld
Interview

Strukturell statt punktuell: Ganztag als strategisches Handlungsfeld

Im Gespräch mit Julia Saalman, Nationales MINT Forum e. V.

veröffentlicht:
Thema
Schule
Schlagworte
Ganztag • Schule

Kooperationen im Ganztag funktionieren noch zu oft über Engagement statt über Struktur. Julia Saalman spricht im Interview über die Notwendigkeit von Strategien, um den Ganztag zu gestalten.

Julia Saalmann ist Geschäftsführerin des Nationalen MINT Forum e. V.

Welche Bedeutung geben Sie dem Ganztag?

Der Ganztag ist die logische Weiterentwicklung unserer Bildungsinstitutionen. Eine ganztägige Betreuung bildet die Lebenswirklichkeit vieler Familien ab. Gleichzeitig sollte der Ganztag aber auch stärker als Bildungsort verstanden werden. Er bietet großes Potenzial, Kindern Angebote zu machen, die über die formal-schulische Bildung hinausgehen. Seit Jahrzehnten diskutieren wir mangelnde Teilhabe- und Chancengerechtigkeit. Über den Ganztag bieten sich Möglichkeiten, hier Potenziale zu heben. Der Rechtsanspruch ist ein wichtiger bildungspolitischer Meilenstein für die Verbesserung der Chancen- und Teilhabegerechtigkeit sowie der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dessen Erfolg hängt jedoch massiv von der Umsetzung in den Bundesländern, den Investitionen in Infrastruktur und Personal in den kommenden Jahren und der Gestaltung als echter Bildungsort ab.

Der Rechtsanspruch ist ein wichtiger bildungspolitischer Meilenstein für die Verbesserung der Chancen- und Teilhabegerechtigkeit sowie der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Julia Saalman, Nationales MINT Forum e. V.

Wie trägt der MINT-Bereich zur von Ihnen genannten Chancen- und Teilhabegerechtigkeit bei?

Klimawende, Digitalisierung – alle großen gesellschaftlichen Herausforderungen brauchen Menschen, die in diesem Bereich denken. MINT-Berufe bieten Perspektiven, die häufig mit guten Aufstiegschancen verbunden sind. Naturwissenschaften und Mathematik sind auch weniger sprachlich kodiert. Kinder, die der deutschen Sprache noch nicht mächtig sind, können dort leichter Anschluss finden. Gleichzeitig hat die Stiftung Kinder forschen gezeigt, dass forschendes und entdeckendes Lernen auch die Sprachentwicklung positiv beeinflusst: Wer neugierig ist und wissen will, wie etwas funktioniert, der formuliert Fragen. Es geht darum, Kinder anzuregen, Phänomenen auf den Grund zu gehen: Warum blubbert das Wasser, wenn ich etwas hineingebe? Was machen Vitamine in meinem Körper?

Auch die Geschlechterperspektive spielt eine Rolle. Im Grundschulalter interessieren sich Mädchen und Jungen noch gleichermaßen für alles. Die Delle, bei der sich Mädchen in naturwissenschaftlichen Bereichen nicht mehr zugehörig fühlen, entsteht erst später, oft durch Prägungen aus dem Elternhaus und von Lehrkräften. Wenn Kinder früh positive Erfahrungen machen, kann man das abfedern. Unser Ziel ist nicht, dass jedes Kind Ingenieur werden will. Aber jedes Kind sollte die entsprechenden Chancen und Möglichkeiten erhalten.

Unser Ziel ist nicht, dass jedes Kind Ingenieur werden will. Aber jedes Kind sollte die entsprechenden Chancen und Möglichkeiten erhalten.

Julia Saalman, Nationales MINT Forum e. V.

Wie sieht die außerschulische MINT-Bildungslandschaft aus?

Die außerschulische MINT-Bildungslandschaft ist sehr heterogen: Auf der einen Seite haben wir den pensionierten, passionierten Ingenieur, der seit Jahren immer wieder in das kleine Gymnasium seines Ortes geht und mit den Kindern nachmittags Chemieexperimente durchführt. Auch er gilt als außerschulisches MINT-Bildungsangebot. Auf der anderen Seite steht der von einer großen Stiftung finanzierte, vollausgestattete Bus, der von Schule zu Schule fährt. Dazu kommt ein starkes Stadt-Land-Gefälle: Dort, wo Universitäten sind, ist die MINT-Bildungslandschaft deutlich ausgeprägter und es entstehen Lernorte wie Schülerlabore. Alle diese Angebote weisen häufig eine hohe Qualität auf, weil sie oft von wissenschaftlich qualifiziertem Personal gestaltet werden. Aber sie sind selten strukturell in den Ganztag eingebunden: Häufig handelt es sich um projekt- oder workshopbasierte Formate, die nicht durchgängig stattfinden.

Welche Rolle spielen diese außerschulischen Partner für die Gestaltung des Ganztags?

Außerschulische Angebote können eine große Vielfalt in den Ganztag tragen und zur Entlastung des Personals beitragen. Das forschende und entdeckende Lernen, die Kulturelle Bildung über Theaterangebote oder Musik, aber auch vielfältige sportliche Angebote können ihren Platz im Ganztag finden. Wenn Kooperationen strukturell und nicht nur punktuell angelegt sind, können sie eine echte Wirkung entfalten und auch auf die formale Bildung einzahlen. Gerade im Grundschulalter können Kinder ihre Talente, Fähigkeiten und ihre Selbstwirksamkeit im außerunterrichtlichen Bereich finden und stärken. Noch wird der Nachmittag aber häufig eher als zu betreuende Zeit wahrgenommen und weniger als Zeit, in der man Kindern Bildungsangebote machen kann. Dabei empfinden Kinder das oft gar nicht als Lernen – das ist für sie einfach Ausprobieren, neugierig sein, Dinge erfahren.

Wie entstehen Kooperationen im Ganztag derzeit – und was läuft schief dabei?

Kooperationen entstehen häufig zufällig durch Einzelinitiativen engagierter Personen, nicht durch strukturell verankerte Prozesse. Ich bin mittlerweile vorsichtig damit zu sagen, es sei doch eigentlich ganz einfach – denn es ist wirklich sehr individuell. Es muss erst mal geklärt werden: Wo findet das statt? Wie sieht die Finanzierung aus? Welche Räumlichkeiten stehen zur Verfügung? Es hat auch viel damit zu tun, wie die den Ganztag gestaltenden Personen ihren eigenen Auftrag begreifen. Und es hat mit dem Organisationsgrad zu tun: Musikschulen und Sportvereine sind bekannte, klar organisierte Einheiten, die als Ansprechpartner fungieren können. Andere Bildungsbereiche – auch der MINT-Bereich – haben diesen Grad an Organisation nicht.

Was also ist Ihr Rat, damit Kooperationen gelingen?

Gute Kooperationen gelingen vor allem dann, wenn sie strukturell verankert, gut organisiert und langfristig angelegt sind. Eine zentrale Voraussetzung ist, dass sie nicht zufällig entstehen, sondern bewusst strategisch geplant werden. Die Zusammenarbeit sollte Teil der grundlegenden Ausrichtung der beteiligten Akteure sein – der Ganztag als fester Bestandteil der eigenen Angebotsstruktur, nicht nur als gelegentliche Ergänzung. Wichtig ist: Schulen brauchen feste Ansprechpartner*innen, die organisatorische und finanzielle Fragen koordinieren. Ein schrittweiser Aufbau – zunächst kleinere, qualitativ hochwertige Einzelangebote, die dann ausgebaut werden – kann helfen, nachhaltige Strukturen zu entwickeln.

Wie steht es Ihrer Ansicht nach um die Vernetzung und Zusammenarbeit der außerschulischen Bildungsbereiche? Welche Chancen ergeben sich beim Ausbau des Ganztags?

Eine Chance könnte entstehen, wenn die Menschen, die den Ganztag organisieren, die außerschulischen Bildungsbereiche noch stärker in den Blick nehmen und strukturell Kooperationen etablieren. Unterschiedliche Anbieter aus dem außerschulischen Bereich können sich gemeinsam als Träger zertifizieren, um Angebote gezielt in den Ganztag zu bringen – das könnte vor allem in Regionen eine Chance sein, in denen der Ganztagsausbau nicht voranschreitet. Es liegt auch ein großes Potenzial in interdisziplinärer Bildung. Ich könnte mir vorstellen, dass viele Kinder und Jugendliche, sobald es um die MINT-Fächer geht, eher zurückschrecken. Wenn man diese Inhalte jedoch mit anderen Bereichen verbindet – etwa mit Design, Kunst oder ähnlichen Feldern –, kann man möglicherweise einen ganz anderen Personenkreis ansprechen, begeistern und einbinden.

Interview: Ann-Christine Pilder