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Sich gesehen fühlen
Gastbeitrag Interview

Sich gesehen fühlen

Im Gespräch mit Charlotte Prokop, Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ)

veröffentlicht:
Thema
Prävention und Kindeswohl
Schlagworte
Kinderrechte

Charlotte Prokop arbeitet als Referentin für Kinderrechte bei der BKJ und ist insbesondere Ansprechpartnerin für das Projekt MindCare.

Kann Kulturelle Bildung die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen unterstützen?

Ja, indem sie Gemeinschaft erlebbar macht, Selbstwirksamkeitserfahrungen bietet, Resilienz stärkt und sozioemotionale Entwicklung unterstützt. Es entstehen Räume, in denen Kinder und Jugendliche sich anerkannt und zugehörig fühlen. In unserer BKJ-Umfrage beschrieben sie, dass sie ihre Gefühle in ihren kreativen Aktivitäten besser verstehen, ausdrücken und verarbeiten können. Kunst, Kultur und Spiel bieten auch die Möglichkeit, sich schwierigen Themen zu nähern, die im Alltag nicht immer Platz haben oder für die Worte noch fehlen.

Was kann Kulturelle Bildung leisten, das andere Ansätze nicht leisten können?

Kulturelle Bildung kann therapeutische Unterstützungsangebote nicht ersetzen. Ich betone die Grenzen Kultureller Bildung immer wieder auch, damit Fachkräfte wiederum ihre persönlichen Grenzen wahren können: Diagnostik, Einzelfallhilfe oder psychologische Beratung sind nicht Teil ihrer Aufgaben. Die Potenziale der Kulturellen Bildung liegen vielmehr in der Destigmatisierung psychischer Belastungen und der Prävention – durch Selbstwirksamkeit, Partizipation, Gemeinschaft und „sich gesehen fühlen“. Kreativer Ausdruck kann im Umgang mit Belastungen und sogar psychischen Erkrankungen sehr hilfreich sein.

Welche Bedingungen braucht es dafür?

Angebote müssen langfristig, regelmäßig und niedrigschwellig zur Verfügung stehen. Fachkräfte brauchen sichere, faire Arbeitsbedingungen, damit sie Beziehungsarbeit leisten, sichere Räume aufbauen und junge Menschen in ihrer Entwicklung und durch Herausforderungen begleiten können. Das ist nur durch verlässliche Finanzierung möglich. Darüber hinaus: Partizipation, Inklusion, und Empathie. Wo junge Menschen Angebote altersgerecht (mit-)gestalten können, beginnt Selbstwirksamkeit und Persönlichkeitsentwicklung. Eine inklusive und diskriminierungskritische Haltung ist ebenso zentral.

Was ist der größte Veränderungsbedarf?

Fachkräfte leisten jeden Tag großartige, kreative, anstrengende Arbeit. Ich könnte viele Positivbeispiele aufzählen. Aber natürlich wirken sich gesamtgesellschaftliche Probleme auch auf die Kulturelle Bildung aus. Junge Menschen befürchten noch immer Stigmatisierung oder negative Konsequenzen, wenn sie ehrlich über Belastungen oder Erkrankungen sprechen. Informationen zu Neurodivergenz, Social Media und „Doomscrolling“ und psychischer erster Hilfe, aber auch zu Umgang mit Stress oder Selbstfürsorge sind essenziell, um Wohlbefinden zu stärken, Warnzeichen zu erkennen und junge Menschen darin zu unterstützen, gesundheitsfördernde Routinen aufzubauen. Ich wünschte, es gäbe Zeit und Geld, regelmäßig fundierte Fortbildungen anzubieten, die Fachkräften Handlungssicherheit geben. 

Wie kann MindCare dabei helfen?

MindCare ist ein Projekt, das von der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ) gemeinsam mit dem LKCA (dem Kompetenzzentrum Kulturelle Bildung und Amateurkunst der Niederlande) umgesetzt wird. Wir bieten kostenfreie Fortbildungen und Fachveranstaltungen für Fachkräfte an. Zudem veröffentlichen wir Praxisreportagen, Interviews und Fachbeiträge. Aktuell entsteht in einem partizipativen Prozess eine „Toolbox“, die Methoden, Selbstreflexionsübungen, „best practices“ und zugänglich aufbereitete wissenschaftliche Grundlagen enthalten wird. Diese Übungen können Fachkräfte in ihre Praxis mitnehmen, wenn sie Tipps zum Umgang mit psychisch belasteten Teilnehmenden suchen oder wenn sie an Projektanträgen tüfteln.

Wer ist die Zielgruppe?

In erster Linie richten wir uns an Einrichtungen und Fachkräfte der Kulturellen Bildung. Wir kümmern uns aber auch um einen internationalen und sektorübergreifenden Austausch, zum Beispiel mit Lehrer*innen, Fachkräften in anderen europäischen Ländern oder dem Gesundheitssektor. Auch mit politischen Entscheidungsträger*innen sprechen wir über die Wichtigkeit der Kulturellen Bildung für die Prävention und die Persönlichkeits- und sozioemotionale Entwicklung junger Menschen.

Welches konkrete Problem soll MindCare lösen?

Kinder und Jugendliche sind zunehmend belastet. Weltweite Krisen, Kriege und die Nachwirkungen der Pandemie tragen zu angestiegenen Zukunftsängsten, psychischen Erkrankungen, Leistungsdruck und Einsamkeit bei. In unserer Umfrage unter 14- bis 17-Jährigen gaben zwei Drittel von ihnen an, sich in den vergangenen 12 Monaten stark belastet gefühlt zu haben. Gleichzeitig erleben sie Orte der Kulturellen Bildung als sicher und finden dort Gemeinschaft – vor allem dann, wenn sie in die Umsetzung von Angeboten einbezogen werden. 

Text: Maria Preuß

Das Interview wird hier mit freundlicher Genehmigung der Landesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendkultur Hamburg (LAG) veröffentlicht. Der Text wurde erstveröffentlicht im kju-Magazin „Mentale Gesundheit“, Heft 83, Sommer 2026, S. 4–5.

Ein Beitrag von BKJ-Mitglied:

Logo mit dem Text lag kinder- und jugendkultur in rot und landesarbeitsgemeinschaft kinder- und jugendkultur e.v. in grau darunter.

Mit über 60 Mitgliedern aus allen Bereichen der Kinder- und Jugendkultur fördert die Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Kinder- und Jugendkultur die infrastrukturelle Vernetzung sowie den fachlichen Austausch und vertritt die Interessen ihrer Mitglieder gegenüber Politik und Verwaltung. Mitstreiter*innen sind die in Hamburg vertretenen Fachverbände ebenso wie einzelne Kulturakteur*innen, die großen, bekannten Institutionen genauso wie unabhängige, kleinere Einrichtungen, Projekte und Festivals. Diese Vielfalt trägt zur Kraft des Vereins bei. Die LAG arbeitet daran, dass Hamburg seine Position als Stadt der Kinder- und Jugendkultur wertschätzt, ausbaut und absichert. Die Kinder- und Jugendkultur in Hamburg muss verlässlich, langfristig und gezielt gefördert und weiterentwickelt werden – kleine und große Institutionen wie die freie Szene gleichermaßen.

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