Scheuklappen verlieren, Unerwartetes gewinnen
Im Gespräch mit Manuel Peitzker, Leiter der Musikschule Nienberge e. V.
Im Gespräch mit Manuel Peitzker, Leiter der Musikschule Nienberge e. V.
Manuel Peitzker leitet die Musikschule Nienberge e. V. und ist zudem Vorstandsmitglied des Landesverbands der Musikschulen in Nordrhein-Westfalen. Im Rahmen seiner ehrenamtlichen Vorstandsarbeit berät er Musikschulen zum Thema Schutzkonzept.
Beim Thema sexualisierte Gewalt neigen viele dazu, zu denken: „Gibt’s bei uns nicht“. Es ist nicht einfach, sich diesem belastenden Thema zu stellen. Wir wissen aber: Instrumentalunterricht, ob Geige, Posaune oder Klavier, findet meist in 1:1-Situationen statt, in denen es auch Machtgefälle zwischen Lehrkräften und Schüler*innen geben kann.
Viel entscheidender ist aber, dass sich Schüler*innen in diesen vertrauensvollen Situationen emotional öffnen und Signale senden, wenn bei ihnen im Sportverein, im Elternhaus oder an anderer Stelle Dinge passieren, die nicht passieren dürften. Es geht darum, in diesen Situationen nicht wegzuschauen, sondern aktiv zu werden.
Unabhängig vom organisatorischen Rahmen entstehen im gemeinsamen Musizieren rasch sogenannte Gelegenheitsstrukturen. Wenn wir diese thematisieren, heißt das nicht, dass wir unterstellen, sie auszunutzen. Wir denken aber, dass es unsere Aufgabe ist, Verantwortung zu übernehmen, damit ein angemessener Umgang mit Nähe und Distanz im Unterricht gelingen kann und jede Grenzverletzung von vornherein verhindert wird. Kinderschutz ist uns ein großes Anliegen. Dazu gehört nicht nur die Sensibilität unserer Lehrkräfte zu schulen, sondern auch, dass wir den Kindern und Jugendlichen ein Bewusstsein für ihre eigenen Grenzen vermitteln. Mit dem Schutzkonzept gewinnen unsere Lehrkräfte hierfür Handlungssicherheit.
Wenn man es ernst nimmt und wenn man will, dass alle das Schutzkonzept mittragen, schon. Alle müssen mit ins Boot: der Vereinsvorstand, die Lehrkräfte, die Schülerschaft, die Eltern. Alle brauchen schon zu Beginn Informationen, um was es geht. Begrifflichkeiten müssen geklärt werden. Was ist überhaupt sexualisierte Gewalt? Was ist eine Grenzverletzung? Was ist ein Übergriff? Partizipation war uns von Anfang an wichtig. Deshalb haben wir eine Projektgruppe mit freiwilligen Vertreter*innen aller Interessengruppen der Musikschule gegründet.
Schnell haben wir festgestellt, dass es ohne externe Beratung nicht so leicht geht, wie wir das gedacht haben. Mit deren Hilfe sind wir draufgekommen, wie wir es am besten angehen: Zunächst haben wir eine Risikoanalyse mithilfe einer anonymisierten Umfrage gemacht, mit Fragebögen jeweils für die jüngeren Schüler*innen und deren Eltern, die älteren Schüler*innen und für die Kolleg*innen. Die Ergebnisse waren die Grundlage für eine Risikobewertung: Wo sind wir schon gut? Wo haben wir Schwachstellen? Daraus ist anschließend eine umfangreiche Maßnahmenplanung entstanden. Es sind interessante Dinge dabei herausgekommen, die wir sonst vielleicht nur zufällig erfahren hätten. Zum Beispiel fürchten sich manche Schüler*innen im Winter an bestimmten Unterrichtsorten, weil der Weg schlecht beleuchtet ist.
Nicht jede*r hat zu Beginn verstanden, wozu so ein Schutzkonzept gut sein soll. Manche fühlten sich sogar unter Generalverdacht gestellt. Es ist und bleibt ein sensibles Thema, weshalb es umso wichtiger ist, alle Kreise anzusprechen, sowie offene und verdeckte Widerstände ernst zu nehmen.
Manuel Peitzker
Nicht nur solche räumlichen Aspekte finden sich im Maßnahmenplan wieder, sondern auch eine ganztägige Basisschulung für alle 37 Mitarbeiter*innen, spezielle Fortbildungen für Lehrkräfte von Vorschulkindern, die oft ein stärkeres körperliches Nähebedürfnis als ältere Schüler*innen haben. Die Kolleg*innen selbst haben unter Beteiligung aller in einem aufwendigen Feedbackprozess einen verbindlichen Verhaltenskodex für das Kollegium erarbeitet. Genauso haben es die Schüler*innen gemacht. Es gibt Handlungsleitfäden für Verdachtsfälle oder für die Frage, wie man eine Person rehabilitiert, die zu Unrecht beschuldigt wurde. Schließlich mussten die Maßnahmen an alle Mitwirkenden der Musikschule kommuniziert werden. Auch hier haben wir jede Lehrkraft gebeten, unsere Broschüre zum Schutzkonzept persönlich an Schüler*innen und Eltern zu übergeben. Dabei sind wichtige Tür- und Angel-Gespräche entstanden, die für das Thema sensibilisieren.
Nicht jede*r hat zu Beginn verstanden, wozu so ein Schutzkonzept gut sein soll. Manche fühlten sich sogar unter Generalverdacht gestellt. Es ist und bleibt ein sensibles Thema, weshalb es umso wichtiger ist, alle Kreise anzusprechen, sowie offene und verdeckte Widerstände ernst zu nehmen. Auch hier war die Fachberatung hilfreich: Sie hat in der Schulung viele partizipative Methoden eingesetzt und so Interaktivität geschaffen.
Gleichzeitig ist dieser Prozess nie abgeschlossen. Wir lassen niemanden aus der Verantwortung: Wir haben deshalb die Schulung für jede*n Mitarbeiter*in verpflichtend gemacht und auch in Zukunft sind weitere Fortbildungen und Workshops rund um das Thema vorgesehen.
Das Thema ist jetzt bei uns präsent, auch wenn nicht ständig darüber gesprochen wird. Etwa Schüler*innen im Einzelunterricht nicht einfach anzufassen, um sie zu bewegen, die richtige Körperhaltung einzunehmen, sondern sie mit Worten dazu anzuleiten. Die Achtsamkeit für Situationen, in denen man hin- und nicht wegschauen sollte, ist gewachsen genauso wie die Handlungssicherheit, wie man mit schwierigen Situationen umgehen soll.
Dann lohnt sich der Arbeitsaufwand: Um das wichtige und sensible Thema sexualisierte Gewalt ins Bewusstsein zu rücken, weil der Prozess der gemeinsamen Erarbeitung eines Schutzkonzeptes so viel zusätzlichen Nutzen für das Miteinander bringt, indem er dazu beiträgt, dass alle sich mit dem Verhaltenskodex identifizieren und hinter dem Schutzkonzept stehen.
Manuel Peitzker
Die Kolleg*innen spiegeln mir außerdem, dass sie im Umgang untereinander eine andere Art des achtsamen Miteinanders erleben, etwa in Konflikten. Allesamt positive Nebeneffekte, mit denen wir nicht gerechnet haben. Unsere Kommunikationskultur hat sich insgesamt verbessert.
Der Arbeitsaufwand für ein passendes Schutzkonzept ist ziemlich hoch, sowohl zeitlich als auch personell: Konzeption, Planung, Umsetzung, Evaluierung und die dazugehörigen Kommunikationsmaßnahmen sind aufwendig. Auch, wenn 70 Planungspunkte zunächst viel erscheinen: Es lohnt sich, einen detaillierten Projektablaufplan zu erstellen, weil man dann mehr Orientierung während des Prozesses hat. Eine passende externe Beratung zu finden, ist Gold wert. Vor allem aber würde ich jeder Einrichtung empfehlen, den Prozess partizipativ anzulegen. Dann lohnt sich der Arbeitsaufwand: Um das wichtige und sensible Thema sexualisierte Gewalt ins Bewusstsein zu rücken, weil der Prozess der gemeinsamen Erarbeitung eines Schutzkonzeptes so viel zusätzlichen Nutzen für das Miteinander bringt, indem er dazu beiträgt, dass alle sich mit dem Verhaltenskodex identifizieren und hinter dem Schutzkonzept stehen.
Interview und Text: Christina Budde