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Übergänge im Leben junger Menschen verlangen Orientierung und Selbstvertrauen. Der Kompetenznachweis Kultur setzt genau hier an: Er macht Lernerfahrungen aus kulturellen Bildungsangeboten sichtbar, indem er die individuellen Kompetenzen junger Menschen anerkennt, dokumentiert und wertschätzend rückmeldet.
Von Dr.in Kathrin Ehrlich
Dr.in Katrin Ehrlich war bis 2025 Referentin bei der BKJ und mit dem Projektmanagement des Komptenznachweis Kultur betraut.
Übergänge sind herausfordernde Momente in der Biografie junger Menschen. Die Wechsel von der Grund- in die weiterführende Schule, der Übergang in Ausbildung oder Beruf markieren nicht nur strukturelle Veränderungen, sondern auch tiefgreifende Entwicklungsphasen – sie verlangen nach Orientierung, Selbstpositionierung und Selbstvertrauen. Gerade hier kann Kulturelle Bildung wertvolle Impulse geben: Sie eröffnet Räume, in denen junge Menschen ihre Interessen erkunden, Stärken erproben und Erfahrungen der Selbstwirksamkeit machen können. Nicht selten zeigen sich dabei Kompetenzen, die in weniger personalisierten schulischen Lernkontexten kaum sichtbar werden (können). Doch gerade die Gewissheit über die eigenen Fähigkeiten und das Gefühl dafür, was einen antreibt, begeistert und auszeichnet, sind für die Identitätsbildung und selbstbestimmte Lebensgestaltung junger Menschen essenziell.
An dieser Schnittstelle zwischen Potenzialentfaltung und biografischer Orientierung setzt der Kompetenznachweis Kultur an: Er macht die Lernerfahrungen junger Menschen in kulturellen Bildungsangeboten sichtbar, indem er ihre Kompetenzen anerkennt, dokumentiert und in einem dialogischen Verfahren wertschätzend rückmeldet.
Der Kompetenznachweis Kultur
Der gesamte Prozess bis zur Fertigstellung des Kompetenznachweises Kultur (KNK) lebt von der Partizipation und – durchaus kritischen – Reflexion der*des Jugendlichen. Hierin unterscheidet sich der KNK von einem Zeugnis oder einer Teilnahmebescheinigung: Er entsteht durch den engen Austausch zwischen den Fachkräften (z.B. Kulturpädagog*innen und Künstler*innen) und den Jugendlichen. Dieser persönliche Dialog über die künstlerischen Aktivitäten und dabei sichtbar gewordenen individuellen Kompetenzen machen den KNK für Jugendliche wertvoll, da sie aktiv in die Erarbeitung eingebunden werden. Der KNK verfolgt dabei das Ziel, junge Menschen für ihre eigenen Kompetenzen zu sensibilisieren, die positiven Wirkungen kultureller Bildungsangebote zu belegen und eine Anerkennung der in kulturellen Bildungsangeboten erworbenen Kompetenzen zu erreichen. Doch wie genau läuft die Erstellung eines Kompetenznachweises Kultur ab?
Das Nachweisverfahren für den Kompetenznachweis Kultur umfasst fünf Schritte, die Fachkräfte der Kulturellen Kinder- und Jugendbildung im Rahmen einer Fortbildung erlernen. Die Jugendlichen entscheiden selbst, ob sie einen Kompetenznachweis Kultur erarbeiten möchten; das Angebot ist immer freiwillig.
Die (1) Praxisanalyse wird vor Beginn eines kulturpädagogischen Angebots durchgeführt und bildet die Grundlage für die Erstellung der KNKs. Hier analysiert die Fachkraft zunächst, welche unterschiedlichen Aktivitäten Teil des geplanten Projekts sein werden und welche Herausforderungen damit einher gehen könnten. In einem zweiten Schritt listet die Fachkraft fachliche, methodische, soziale und persönliche Kompetenzen auf, die im Rahmen der Aktivitäten durch die Jugendlichen gezeigt werden könnten. Dabei können sich die später beobachteten Kompetenzen durchaus von den vorab vermuteten Kompetenzen unterscheiden.
Während des Projekts nimmt sich die Fachkraft Zeit für die (2) Beobachtung der einzelnen Jugendlichen, ihrer Möglichkeiten, Fähigkeiten, Stärken und die Vielfalt ihrer Handlungen, Ideen, Werke, Problemlösungen. Aus dieser möglichst objektiven, stärkenorientierten Wahrnehmung individueller Handlungsprozesse lassen sich Rückschlüsse auf zugrundeliegende Kompetenzen ziehen. Diese notiert sich die Fachkraft; sie bilden die Grundlage für das persönliche Gespräch mit der*dem Jugendlichen. Auch die Jugendlichen werden anhand von Leitfragen animiert, sich selbst in ihrem Handeln zu beobachten.
Der sich anschließende (3) Dialog bildet das Herzstück des Nachweisverfahrens. Jugendliche und Fachkräfte sprechen gemeinsam über die künstlerisch-kulturelle Aktivität, über ihre Beobachtungen und die Erfahrungen mit den eigenen Fähigkeiten und Kompetenzen. Dabei begegnen sie sich auf Augenhöhe; die Sichtweise der Fachkraft muss von den Jugendlichen nicht geteilt werden und es besteht kein Einigungszwang. Und auch hier sind es die Stärken der Jugendlichen, die im Fokus stehen. Das Gespräch schließt mit einer Bilanzierung: Welche drei bis vier Kompetenzen sollen im KNK vorkommen? Welche Aspekte dieser Kompetenzen sollen dokumentiert werden? Die finale Entscheidung trifft die*der Jugendliche.
Nachdem sich Fachkraft und Jugendliche*r auf die Aspekte, die im Kompetenznachweis Kultur aufgeführt werden sollen, geeinigt haben, folgt die Formulierung des Nachweises, die (4) Beschreibung der Kompetenzen. Als Grundlage hierfür dienen die in den Protokollen der Beobachtung und des Dialogs schriftlich festgehaltenen Eindrücke, sodass im KNK nicht nur Kompetenzen genannt, sondern auch anhand konkreter Handlungen und Zitate der*des Jugendlichen nachgewiesen werden. So entstehen für Dritte nachvollziehbare und seriöse Einblicke in die Fähigkeiten der*des Jugendlichen.
Die (5) Vergabe der Kompetenznachweise Kultur schließt das Verfahren ab. Oft wird sie zu etwas Besonderem gemacht, etwa als öffentliche Vergabefeier im Rathaus. Für Familienmitglieder und Freund*innen ist dies eine wunderbare Gelegenheit zu sehen, was die Jugendlichen im Projekt erlebt und geleistet haben – und eine besondere Form der gesellschaftlichen Anerkennung für die Jugendlichen.
Selbstreflexion stärken – Übergänge gestalten
Durch die stärkenorientierte, partizipative Dokumentation von Lernerfahrungen ist der Kompetenznachweis Kultur ein wirkungsvolles Instrument zur Unterstützung junger Menschen, vor allem in Übergangsphasen. Dabei ist es insbesondere die wertschätzende, angeleitete Art der Selbstreflexion, die das Selbstwertgefühl und die Selbstwirksamkeit der Jugendlichen stärkt und ihnen Orientierung bietet bei der Frage, wer sie sind, was sie auszeichnet und was sie können – richtungsweisende Fragen, die die Berufswahl maßgeblich beeinflussen können.
Der Kompetenznachweis Kultur unterstützt Jugendliche auch ganz konkret beim Einstieg in das Berufsleben: Als schriftlicher Nachweis über ihre Kompetenzen erweitert er die Möglichkeiten der persönlichen Darstellung, die oftmals bereits mit dem Beilegen des Schulzeugnisses zu den Bewerbungsunterlagen enden. Aus vielen Gesprächen wissen wir, dass der Kompetenznachweis Kultur Anlass für die Einladung zu einem Bewerbungsgespräch war – mindestens jedoch als Impuls dient, über die eigenen, besonderen Fähigkeiten zu sprechen. Da die Jugendlichen an der Erstellung des KNKs in hohem Maß beteiligt waren, können sie in Bewerbungsgesprächen glaubhaft widerspiegeln, was im Dokument beschrieben wird und selbstbewusst von ihren Lernerfahrungen und ihrer persönlichen Entwicklung im Projekt erzählen. Personalverantwortliche hingegen können sich anhand des KNKs ein Bild von den Stärken und Kenntnissen eines Bewerbers oder einer Bewerberin machen, ohne sich allein auf das Schulzeugnis verlassen zu müssen.
Wenngleich das Nachweisverfahren von Fachkräften und Jugendlichen viel Engagement erfordert, ist der hohe Nutzen des Kompetenznachweises Kultur für die beteiligten Jugendlichen nicht von der Hand zu weisen: Er fördert ihr Selbstbewusstsein, eröffnet Reflexionsräume über die eigenen Stärken und Fähigkeiten und bietet eine Orientierungshilfe, die gerade in biographischen Übergangsphasen von essenzieller Bedeutung sein kann.
Mehr über den Kompetenznachweis Kultur erfahren:
Dieser Beitrag ist erstmalig im infodienst – Das Magazin für kulturelle Bildung, Juli 2025, erschienen. Gemeinsam mit der Landesarbeitsgemeinschaft Kulturpädagogische Dienste/Jugendkunstschulen NRW e. V. (LKD) gibt der Bundesverband der Jugendkunstschulen und kulturpädagogischen Einrichtungen (bjke) vierteljährlich das Magazin infodienst für Kulturelle Bildung heraus.