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- Prävention und Kindeswohl
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- Kinderrechte • Partizipation • Schutzkonzept
Partizipation ist nicht nur eine wesentliche Grundlage der Kulturellen Bildung, sondern ebenso wichtig für die Präventionsarbeit mit Kindern und Jugendlichen. Welche konkreten Beteiligungsmöglichkeiten gibt es und wie können typische Herausforderungen praxisnah bewältigt werden?
Von Vera Sadowksi
Vera Sadowski ist Erziehungswissenschaftlerin und unterstützt mit „Sicher(l)Ich“ Vereine, Organisationen und Unternehmen bei der Entwicklung von Schutzmaßnahmen und -konzepten sowie Awarenesskonzepten. Sie gibt Seminare und Schulungen zu den Themen Prävention von Gewalt, Antidiskriminierung und Schutz vor sexueller Belästigung am Arbeitsplatz.
Partizipation ist ein wichtiger Bestandteil der Kulturellen Bildung. Auch in der Präventionsarbeit ist sie nicht wegzudenken und muss daher immer auch ein Teil von Schutzkonzepten sein. Die systematische Beteiligung von Kindern und Jugendlichen verringert Machtgefälle zwischen den Kindern und Jugendlichen und den Erwachsenen, die für sie Verantwortung haben. Kinder und Jugendliche bereits partizipativ in die Entwicklung von Schutzkonzepten einzubinden, ist nicht erst als Teil des Schutzkonzepts, sondern aus mehreren Gründen sinnvoll:
Kinder und Jugendliche sind Expert*innen für sich selbst und ihre eigene Lebenswelt
Kinder und Jugendliche wissen am besten, in welchen Situationen sie sich unsicher fühlen und was sie brauchen, um sich wohlzufühlen. Sie haben einen anderen Blick auf Räume und Räumlichkeiten. Sie wissen außerdem, welche Umgangsformen sie von anderen – und nicht zuletzt von den Erwachsenen – erwarten. Die Beteiligung am Entwicklungsprozess eines Schutzkonzepts führt also in erster Linie zu einem realistischeren, an die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen orientierten Schutzkonzept.
Stärkung von Selbstwirksamkeit und Empowerment
Die aktive Beteiligung der Kinder und Jugendlichen stärkt das Selbstbewusstsein junger Menschen und erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sie selbst Grenzen setzen, sich Hilfe holen und über problematische Situationen sprechen können. Sie kennen ihre Rechte und sind eher in der Lage, für diese einzustehen. Kinder und Jugendliche, die aktiv beteiligt werden, erfahren, dass ihre Stimme und ihre Meinung Gewicht hat und dass es wichtig ist, wie es ihnen geht.
Akzeptanz und Wirksamkeit der Schutzmaßnahmen
Schutzkonzepte sind nur dann wirksam, wenn sie von allen Beteiligten verstanden und mitgetragen werden. Wenn Kinder und Jugendliche bereits an der Entwicklung der Schutzkonzepte beteiligt werden, ist sichergestellt, dass sie die für sie relevanten Inhalte auch verstehen und gut finden. Gleichzeitig können sie sich mit den Inhalten besser identifizieren und tragen so dazu bei, dass das Schutzkonzept auch gelebt wird.
Förderung einer grenzachtenden und vertrauensvollen Kultur
Kinder und Jugendliche, die am Entwicklungsprozess beteiligt sind, lernen, dass der Einrichtung bzw. dem Verband wichtig ist, wie es ihnen geht. Sie erkennen, dass die Erwachsenen, die für sie Verantwortung haben, sensibel sind für die Grenzen und die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen. Das führt dazu, dass Kinder und Jugendliche auch im Alltag besser ansprechen können, wenn ihre individuellen Grenzen überschritten werden.
Die aktive Beteiligung der Kinder und Jugendlichen stärkt das Selbstbewusstsein junger Menschen und erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass sie selbst Grenzen setzen, sich Hilfe holen und über problematische Situationen sprechen können.
Möglichkeiten zur Beteiligung von Kindern und Jugendlichen
Partizipation ist eine wichtige Grundlage für Präventionsarbeit. Nehmen wir diesen Grundsatz ernst, kann Partizipation nicht nur ein Baustein und Inhalt eines Schutzkonzepts sein, sondern muss als Prinzip durchgängig berücksichtigt werden. Dementsprechend müssen Kinder und Jugendliche bereits in die Entwicklung eines Schutzkonzepts eingebunden werden. Die Gründe hierfür wurden oben erklärt.
Nachfolgend sind beispielhaft Möglichkeiten benannt, wie Kinder und Jugendliche bereits am Entwicklungsprozess beteiligt werden sollten.
Durchführung der Risiko- und Potenzialanalyse
Die Risiko- und Potenzialanalyse bildet die Grundlage der Schutzkonzeptentwicklung und hat zum Ziel, sowohl vorhandene Risikofaktoren und Gefährdungsmomente zu identifizieren als auch bereits vorhandene Schutzmaßnahmen zu erkennen. Anhand der Ergebnisse der Risiko- und Potenzialanalyse werden die Schutzmaßnahmen (weiter)entwickelt, die schließlich als Bestandteile in das spätere Schutzkonzept aufgenommen werden.
Gerade bei der Durchführung der Risiko- und Potenzialanalyse ist die Sichtweise der Kinder und Jugendlichen erheblich. Denn Kinder und Jugendliche blicken ganz anders auf die Strukturen der Einrichtung oder des Verbands. Strukturen, die für Erwachsene selbstverständlich vorhanden sind, sind für Kinder und Jugendliche nicht in gleicher Weise erkennbar.
Im Rahmen der Risiko- und Potenzialanalyse bekommen die Kinder und Jugendlichen die Möglichkeit, Rückmeldungen zu geben. Diese Rückmeldungen müssen mit Grundlage sein für die Entwicklung des späteren Schutzkonzepts. Und: Die Durchführung einer Risiko- und Potenzialanalyse mit Kindern und Jugendlichen zeigt nicht nur auf, welche Schutzmaßnahmen noch entwickelt werden müssen. Es zeigt auch, welche Maßnahmen noch nicht kinder- und jugendgerecht kommuniziert werden und weswegen Kinder und Jugendliche diese Maßnahmen, wie zum Beispiel ein vorhandenes Beschwerdemanagement, nicht kennen.
Entwicklung eines gemeinsamen Verhaltenskodexes
Der Verhaltenskodex hat zum Ziel, einen grenzachtenden und professionellen Umgang zu sichern und bildet den Orientierungsrahmen für den Umgang mit Kindern und Jugendlichen. Er richtet sich in der Regel an die Verantwortlichen der Einrichtung oder des Verbands sowie an alle, die mit den Kindern und Jugendlichen unmittelbar arbeiten.
Dementsprechend wird der Verhaltenskodex idealerweise mit diesen Personen gemeinsam entwickelt. Im Verhaltenskodex finden sich unter anderem Vereinbarungen zum Umgang mit Nähe und Distanz oder zum Schutz der Privatsphäre. Der Verhaltenskodex erschwert die Anbahnung von Gewalt, gibt Erwachsenen Handlungssicherheit und schützt gleichzeitig vor falschem Verdacht.
Neben der Einbindung der Erwachsenen, die mit den Kindern und Jugendlichen arbeiten, ist es ebenso sinnvoll, die Kinder und Jugendlichen der Einrichtung oder des Verbands einzubinden. Sie wissen am besten, was sie von den Erwachsenen erwarten, die mit ihnen arbeiten. Wird der Verhaltenskodex mit den Kindern und Jugendlichen entwickelt, wird nicht nur ihre Sichtweise berücksichtigt. Die Regeln der Erwachsenen sind gleichzeitig die Rechte der Kinder und Jugendlichen. Die gemeinsame Entwicklung stellt sicher, dass die Kinder und Jugendlichen um ihre Rechte wissen.
Geeignete Ansprechpersonen und Beschwerdewege für Kinder und Jugendliche mit Kindern und Jugendlichen identifizieren
Damit sich Kinder und Jugendliche an eine erwachsene Person wenden und sich Hilfe holen können, wenn ihnen etwas widerfährt, was ihnen nicht gefällt und was ihnen nicht guttut, ist nicht nur wichtig, dass sie wissen, wer Ansprechperson ist. Ebenso wichtig ist, dass sie die Ansprechpersonen kennen und dass sie Vertrauen in diese Ansprechpersonen haben. Daher ist es sinnvoll, bei der Überlegung, wer geeignete Ansprechpersonen sind, die Kinder und Jugendlichen hinzuzuziehen.
Neben der Frage, wer Ansprechperson sein kann, ist es darüber hinaus wichtig, dass diese Ansprechpersonen und Beschwerdewege auf Kommunikationskanälen erreicht werden können, die Kinder und Jugendliche auch nutzen. Auch hierfür ist es daher sinnvoll, Kinder und Jugendliche einzubinden, da sie selbst am besten wissen, wie sie kommunizieren.
Entwicklung von gemeinsamen Regeln für Veranstaltungen
Viele Verbände und Einrichtungen der Kulturellen Bildung führen verschiedene Veranstaltungen, wie Workshops, Kurse, Fahrten oder Feste, mit und für Kinder und Jugendliche durch. Für diese Veranstaltungen braucht es nicht nur die Regeln für die Erwachsenen, die sich im Verhaltenskodex wiederfinden, wie sie mit Kindern und Jugendlichen umgehen.
Ebenso wichtig sind Regeln, die für alle Personen gelten, die an diesen Veranstaltungen teilnehmen. Diese Regeln nicht nur im Rahmen der Vorbereitung für die Kinder und Jugendlichen festzulegen, sondern sie gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen zu entwickeln, sichert nicht nur, dass sie die Regeln kennen. Werden Regeln gemeinsam entwickelt, ist es auch wahrscheinlicher, dass sich Kinder, Jugendliche und Erwachsene an diese Regeln halten.
Echte Partizipation: Herausforderungen in der Schutzkonzeptentwicklung
So wertvoll es ist, Kinder und Jugendliche am Entwicklungsprozess zu beteiligen: Wie echte Partizipation gelingen kann und welche Methoden sinnvoll sind, ist abhängig von verschiedenen Faktoren. Nachfolgend sind einige skizziert, die sich im Rahmen der Schutzkonzeptentwicklungen verschiedener Verbände und Einrichtungen der Kulturellen Bildung gezeigt haben und die Möglichkeiten, mit den damit verbundenen Herausforderungen umzugehen.
Entwicklung des Schutzkonzepts durch den Dachverband
Oftmals sind Verbände und Einrichtungen der Kulturellen Bildung in einem Dachverband organisiert. Es kann sinnvoll sein, dass der Dachverband ein Schutzkonzept entwickelt, an dem sich die Mitgliedsverbände und -einrichtungen orientieren. Insbesondere kann der Dachverband so eine Grundhaltung und grundlegende Anforderungen definieren, die für alle Mitgliedsverbände und -einrichtungen gelten. Auch ist – je nach personellen und finanziellen Ressourcen der Mitgliedsverbände und -einrichtungen – die Unterstützung durch den Dachverband notwendig, um überhaupt die Möglichkeit zu schaffen, ein Schutzkonzept entwickeln zu können.
Der Dachverband selbst ist aber häufig nicht die strukturelle Einheit, die unmittelbar mit Kindern und Jugendlichen in Kontakt kommt, dementsprechend ist die partizipative Einbindung von Kindern und Jugendlichen häufig schwierig.
Eine Möglichkeit, Kinder und Jugendliche dennoch einzubinden, ist, beispielhaft mit einzelnen Mitgliedsverbänden und -einrichtungen zu arbeiten. Kinder und Jugendliche, die an den Veranstaltungen und Angeboten der Mitgliedsverbände und -einrichtungen teilnehmen, können so in die verschiedenen Partizipationsprozesse eingebunden werden. Damit die Ergebnisse für den Gesamtverband genutzt werden können, muss darauf geachtet werden, dass die Strukturen, Angebote und Veranstaltungen möglichst repräsentativ für den Gesamtverband sind.
Damit das Schutzkonzept des Dachverbands auch für die Mitgliedsverbände und -einrichtungen genutzt werden kann, ist eine eigene inhaltliche Auseinandersetzung durch die Einrichtungen und Verbände notwendig. Das Schutzkonzept des Dachverbands kann dabei lediglich als Orientierung und Hilfestellung dienen.
Kein intensiver persönlicher Kontakt mit Kindern und Jugendlichen
Verbände und Einrichtungen, die keinen intensiven persönlichen Kontakt mit Kindern und Jugendlichen haben und beispielsweise nur für kurze Projekte und Angebote mit Kindern und Jugendlichen in Kontakt treten, stehen ebenfalls vor der Herausforderung, Kinder und Jugendliche partizipativ in die Schutzkonzeptentwicklung einzubinden. In diesem Fall kann eine gute Möglichkeit sein, zunächst zu prüfen, welche Möglichkeiten zur Partizipation grundsätzlich in den Angeboten und Projekten vorliegen und inwiefern diese auch für die Schutzkonzeptentwicklung genutzt werden können. Im Prozess muss darauf geachtet werden, dass er zeitlich so gestaltet wird, dass diese Möglichkeiten auch genutzt werden können.
Im Sinne der Nachhaltigkeit ist im Entwicklungsprozess, zu reflektieren, welche dieser Partizipationsmöglichkeiten auch langfristig umgesetzt werden können. Diese sollten sinnvollerweise im Schutzkonzept aufgenommen werden.
Partizipation ist nicht eingeübt
Auch wenn wir wissen, dass Partizipation eine wichtige Methode für die Persönlichkeitsentwicklung ist, kann es vorkommen, dass sie (noch) keinen selbstverständlichen Teil in der pädagogischen Arbeit darstellt. Partizipation muss eingeübt werden, damit sich Kinder und Jugendliche auch wirklich beteiligen können und im Entwicklungsprozess wirken können.
Verbände und Einrichtungen, die Kinder und Jugendliche bisher noch nicht aktiv beteiligen, stehen entsprechend vor der Herausforderung, wie sie junge Menschen dennoch erfolgreich am Entwicklungsprozess beteiligen können. Notwendig hierfür sind niedrigschwellige Methoden zur Partizipation.
Wichtig ist, weder die Erwachsenen, die für Kinder und Jugendliche Verantwortung haben, noch die Kinder und Jugendlichen selbst zu überfordern. Wichtig ist auch, im Rahmen der Schutzkonzeptentwicklung die Tatsache, dass Kinder und Jugendliche bisher noch nicht regelmäßig beteiligt werden, zu reflektieren und zu prüfen, welche Möglichkeiten zur Partizipation dauerhaft in die Strukturen verankert werden sollen.
Partizipation muss eingeübt werden, damit sich Kinder und Jugendliche auch wirklich beteiligen können und im Entwicklungsprozess wirken können.
Kinder und Jugendliche nehmen das Angebot, sich zu beteiligen, nicht wahr
Nicht alle Kinder und Jugendlichen nehmen das Angebot, sich aktiv zu beteiligen, auch an. Dies hat unterschiedliche Gründe, manche Kinder und Jugendliche haben schlicht kein Interesse daran. Andere Kinder und Jugendliche wiederum trauen sich möglicherweise nicht, ihre Meinung offen zu äußern. Und wiederum bei anderen Kindern und Jugendlichen können soziale oder auch sprachliche Barrieren Hintergrund sein.
Möglich ist auch, dass die gewählten Beteiligungsmöglichkeiten nicht dem Alter oder dem individuellen Entwicklungsstand der Kinder und Jugendlichen entsprechend. Sinnvoll ist es, verschiedene Beteiligungsformate anzubieten. So kann man den unterschiedlichen Bedarfen und Ressourcen der Kinder und Jugendlichen gerecht werden.