Niemand muss kommen und es entsteht ganz viel
Projekt „Wie in diesen Zeiten noch tanzen“, Pink Future Gremium, Trier
Projekt „Wie in diesen Zeiten noch tanzen“, Pink Future Gremium, Trier
Was passiert, wenn Jugendliche Gelegenheit erhalten, ein Kunstprojekt zum Thema Tod umzusetzen? Erst einmal: gar nichts. So begann das Projekt „Wie in diesen Zeiten noch tanzen“ beim Pink Future Gremium in Trier. Die Triennale Trier war mit der Anfrage an Till Thurner herangetreten, ob das Jugendgremium im Rahmen der Ausstellung ein eigenes Projekt umsetzen wolle. Till Thurner leitet die Jugendkunstschule Trier – le filou, hat das Jugendgremium mitinitiiert und begleitet es koordinierend und beratend. Er brachte die Anfrage in die Gruppe – und einen Themenvorschlag: Tod. Ein ungewöhnliches Thema, so seine Überlegung, mit dem sich vielleicht neue und weniger ausgetretene Wege beschreiten ließen.
Die Jugendlichen im Pink Future Gremium reagierten zunächst kaum. Rückmeldungen blieben aus, ein Treffen kam nicht zustande. Als sie schließlich zusammenkamen, war die Botschaft eindeutig: Dieses Thema passt nicht zu ihnen. „Mir ging es um das Existenzielle“, sagt Till Thurner. „Die Jugendlichen haben darin nur die Krisen gesehen.“ Während er an die Vergänglichkeit, an Todesfälle in der Familie oder die eigene Sterblichkeit gedacht hatte, verbanden die Jugendlichen das Thema vor allem mit Krieg, Vertreibung und der permanenten Krisenberichterstattung in ihren Feeds. Tod war für sie kein ungewöhnliches Thema, sondern Teil einer Welt, mit der sie sich täglich auseinandersetzen müssen. Es wurde klar: Die Jugendlichen lassen sich ein Thema nicht einfach vorgeben. Ein Impuls von außen kann den Prozess zwar anstoßen, relevant wird er aber erst, wenn die Gruppe eigene Bezüge dazu findet. Das Projekt nahm eine andere Richtung.
Das Pink Future Gremium hat sich 2023 gegründet und organisiert seither zusammen mit den Trägern der Kunstflotte Trier und der Jugendkunstschule sowie mit den Kooperationspartnern Kulturkarawane und der Servicestelle Kulturelle Bildung Rheinland-Pfalz das Pink Future Festival. Einen wichtigen Anstoß dafür gab die Festivalförderung im Rahmen der BKJ-Kampagne „Machmamit! – Finde, was deins ist“, unter deren Dach bundesweit 15 Festivals für Kinder und Jugendliche stattfanden. Nach drei Jahren wird das Festival ab sofort im zweijährigen Turnus stattfinden. So bleibt mehr Zeit für thematische Auseinandersetzung und für Projekte wie dieses.
Das Pink Future Gremium soll Jugendlichen ermöglichen, eigene Themen zu setzen, Projekte zu entwickeln und Verantwortung zu übernehmen. Das Gremium besteht aus Jugendlichen, die sich je nach Jahr und persönlicher Möglichkeit in wechselnder Zusammensetzung engagieren; der harte Kern umfasst etwa zehn Jugendliche im Alter von 14 bis 20 Jahren. Auf dem Papier ist das Gremium offen: Die Treffen werden öffentlich angekündigt, neue Jugendliche können dazukommen.
Doch eine offene Einladung bedeutet noch nicht, dass ein Angebot leicht zugänglich ist. Jugendliche müssen wissen, was sie erwartet, ob ihre Perspektive gefragt ist, und ob sie in der Gruppe einen Platz finden. Deshalb erfordert gerade diese Offenheit viel Kommunikations- und Vermittlungsarbeit. Beim Aufbau des Festivals tingelte Thurner lange durch Schulen und Jugendzentren, um auf das Projekt aufmerksam zu machen – bis sich schließlich genug Interessierte fanden, vor allem über Kontakte und Peergroups der Jugendlichen selbst.
Freiwilligkeit ist eines der Grundprinzipien in der Arbeit des Gremiums. Niemand muss kommen, niemand muss eine bestimmte Rolle übernehmen. Jugendliche entscheiden selbst, ob und wie oft sie sich beteiligen, welche Themen sie bearbeiten und was am Ende daraus entsteht. Gleichzeitig braucht das Projekt Verbindlichkeit: Treffen müssen organisiert, Aufgaben erledigt und Termine eingehalten werden. Genau in diesem Spannungsfeld bewegt sich die Arbeit. „Wenn man im strengeren Sinne mit Freiwilligkeit arbeitet, muss man die intrinsische Motivation der Jugendlichen kriegen“, sagt Till Thurner. „Und das ist extrem schwer und extrem arbeitsintensiv.“ Anders als bei einem Kurs, zu dem ein Kind von den Eltern gebracht wird, kann die Teilnahme hier nicht einfach vorausgesetzt werden. Wenn Jugendliche freiwillig kommen sollen, muss das Angebot für sie relevant sein.
Wenn man im strengeren Sinne mit Freiwilligkeit arbeitet, muss man die intrinsische Motivation der Jugendlichen kriegen. Und das ist extrem schwer und extrem arbeitsintensiv.
Till Thurner, Jugendkunstschule Trier
Und relevant waren in diesem Fall Fragen direkt aus ihrer Lebensrealität. Wann hatten sie ihr erstes Smartphone bekommen? Was bedeutet es, ständig Bilder von Krieg und Gewalt zu sehen? Wie fühlt es sich an, wenn Krisenmeldungen, Memes, Brainrot und Reels ohne Pause aufeinanderfolgen? Zwei thematische Achsen kristallisierten sich heraus: mediale und technologische Beschleunigung auf der einen Seite, die Abfolge von Krisen auf der anderen.
Aus diesen Themen formte sich schließlich das Projekt für die Triennale. Beim letzten Pink-Future-Festival hatten die Jugendlichen in Zusammenarbeit mit dem Starkmacher e. V. aus Mannheim bereits ein „Silent Lab“ entwickelt, eine Form des kollektiven Zuhörens mit Kopfhörern. Dieses Konzept wurde nun weiterentwickelt. Es entstand eine audiovisuelle Installation mit Bildern, Videos und den Stimmen der Jugendlichen. Der Titel „Wie in diesen Zeiten noch tanzen“, die Zusammenstellung der Clips und Bilder sowie die Aufnahme der Stimmen entstanden in Eigenregie.
Besucher*innen konnten die Installation mit Kopfhörern durchqueren, begleitet von den Stimmen der Jugendlichen. Sie begegneten einer visuellen Welt aus Social-Media-Clips, Meme-Kultur und Bildern von Protest, Krieg und Gewalt, die miteinander verschränkt waren. Am Ende gab es einen Reflexionsraum, in dem das Gehörte nachklingen und die Besucher*innen ins Gespräch mit den Jugendlichen kommen konnten.
Manche blieben deutlich länger als erwartet. Mehrfach hörte Till Thurner von Besucher*innen, sie hätten das Gefühl, nach den persönlichen Einblicken der Jugendlichen selbst etwas zurückgeben zu wollen. So wurde genau das erreicht, was das Projekt wollte: Ältere Generationen für die Lebensrealitäten junger Menschen zu sensibilisieren.
Dass Jugendliche freiwillig teilnehmen, bedeutet nicht, dass sie dauerhaft motiviert sind. Auch bei diesem Projekt gab es Phasen, in denen Treffen ausfielen, die Kommunikation abriss und aktiv nachgehakt werden musste. Jugendliche haben Schule, haben eigene Leben, haben viel um die Ohren. Das muss einkalkuliert werden, und es bedeutet nicht, dass Fachkräfte sich einfach zurückziehen können. „Es ist ganz viel Beziehungsarbeit notwendig“, sagt Thurner. Jugendliche müssen darauf vertrauen können, dass ihre Ideen tatsächlich Platz haben. Und bei Termindruck stellt sich die Frage, wann Erwachsene eingreifen sollten. Till Thurner ist überzeugt, dass es manchmal richtig ist, zu unterstützen: Denn Jugendliche sollen Selbstwirksamkeit erfahren, und dafür brauchen sie die Erfahrung, dass ihre Vorhaben tatsächlich Realität werden.
Was motiviert Jugendliche, über Monate dranzubleiben? „Dass es die eigenen Themen sind und die eigene Umsetzung“, sagt Till Thurner. „Und dass man sich später präsentieren kann – dass andere dann wirklich was von dir verstanden haben. Es ist eine Form des Ernstgenommen werden, sowohl im Ergebnis als auch im Prozess.“ Manchmal sind es aber auch die profanen Dinge: Jugendliche kommen hungrig aus der Schule und freuen sich über Pizza beim Gremiumstreffen.
Es ist eine Form des Ernstgenommen werden, sowohl im Ergebnis als auch im Prozess.
Till Thurner, Jugendkunstschule Trier
Die Ausstellung wurde inzwischen mit einem Preis ausgezeichnet und soll erneut aufgebaut werden. Was als nächstes daraus wird, wissen weder Till Thurner noch die Jugendlichen des Pink-Future-Gremiums. In jedem Fall braucht es Ressourcen, um nach wie vor Präsenz und einen Rahmen für das Gremium bieten zu können. Freiwilligkeit braucht mehr als Offenheit, sondern auch Zeit, und die Bereitschaft auszuhalten, nicht zu wissen, was am Ende herauskommt.
Text: Ann-Christine Pilder