Nähe gestalten und Grenzen definieren: Tipps für die Kulturelle Bildung
Im Gespräch mit Kimberly Alder, Expertin für Prävention und Intervention, inmedio – institut für mediation. beratung. entwicklung
Im Gespräch mit Kimberly Alder, Expertin für Prävention und Intervention, inmedio – institut für mediation. beratung. entwicklung
Kimberly Alder ist Expertin für Prävention und Intervention bei Machtmissbrauch, sexualisierter Belästigung und Gewalt. Für das BKJ-Programm „Start2Act“ führt sie Online-Fortbildungen zum Thema durch und berät Träger der Kulturellen Bildung zu Schutzkonzeptprozessen. Sie selbst hat an ihrem ersten Schutzkonzept mit 18 Jahren für einen Jugendverband mitgewirkt.
Kulturelle Bildung kann ein sehr kreativer, empathischer und offener Ort sein, wenn es um das Thematisieren von Grenzen einer anderen Person geht. Gleichzeitig steckt darin auch eine Schwierigkeit. Beim Miteinander kreativ sein, zum Beispiel beim Tanz und Theater, geht es viel um körperliche Berührung. Das ist Fluch und Segen zugleich. Denn dort gibt es auch die Gefahr, dass eine Grenze überschritten wird. Deshalb ist mir besonders oft die Sorge begegnet, zu viel an der eigenen Arbeit verändern zu müssen und den Kern der Arbeit zu verlieren. Da gibt es ein Gefühl der Unmöglichkeit: „Huch, wie sollen wir das denn machen? Unsere ganze Arbeit basiert doch darauf, mit Menschen in Kontakt zu kommen und Nähe zu schaffen.“
Positiv erlebe ich eine Übung, in der ich eine Situation zum Gebrauch von Macht vorlese. Es funktioniert gut, wenn das Beispiel dicht an der Arbeitsrealität der Teilnehmer*innen ist. Etwa: Eine Theatergruppe führt ein Stück auf, alle haben sich umgezogen, sind bereit auf die Bühne zu gehen. Die Leitung sieht, dass das T-Shirt einer Darstellerin verrutscht ist und rückt es gerade. Die Gruppe im Workshop stellt sich dann entlang einer Skala im Raum zwischen „Dieser Machtgebrauch ist okay“ und „Dieser Machtgebrauch ist nicht okay“ auf. Im Idealfall sieht man, wie unterschiedlich die Wahrnehmung von der Situation ist und lernt darüber zu sprechen und nachzudenken, ab wann man den Gebrauch von Macht in Ordnung findet. Machtgebrauch ist da und muss da sein – es geht um seine Ausgestaltung.
Das ist oft der Blick auf die uns unbekannten Betroffenen. Rein statistisch bedeutet dies, dass von sexualisierter Gewalt betroffene Personen in jedem Workshop sitzen, in dem ich darüber rede. Häufig hole ich das als Info mit in die Gruppe. Dabei geht es weniger darum, sich umzugucken und zu denken: Hier sitzen Betroffene. Klar ist: Wo immer ihr darüber sprecht – sei es unter Mitarbeiter*innen, Honorarkräften oder mit Kindern und Jugendlichen – überall gibt es welche, die Gewalterfahrungen machen mussten. Deshalb macht es einen Unterschied wie ihr über das Thema redet. Wenn in einer Organisation beispielsweise gesagt wird: „Wenn es keine Beweise gibt, dann können wir eh nichts machen.“ Mit Blick auf unbekannte Betroffene sieht man, dass es eine Wirkung hat, wie über sexualisierte Gewalt geredet wird.
Unterschiedliche, je nachdem, wo die Organisationen im Prozess stehen. Oft ist die Frage erstmal „Ist das überhaupt Thema bei uns?“ Manchmal gibt es schon einen Fall, dann sind die Fragen konkreter, etwa „Wie gehe ich mit einer betroffenen Person um?“
Mein Hauptanliegen ist, dass diese Person das Gefühl hat, sie wurde im Gespräch gehört und verstanden. Es geht um diesen Moment, fast alles davor und danach ist erst einmal irrelevant. Es gibt oft den Wunsch, Betroffenen im Gespräch zu versprechen, direkt etwas zu unternehmen und zu sagen „Diese fünf Schritte gehen wir als nächstes.“ Aber im ersten Gespräch ist für Betroffene nur wichtig: „Die Person, der ich mein Vertrauen geschenkt habe, hat mich verstanden, sie nimmt mich ernst, ohne überfordert zu sein.“
Zuerst: Das Erstgespräch darf in Ruhe passieren. Jemand erzählt, jemand hört zu. Als zweites sollten alle in der Organisation wissen, dass wenn jemand Vertrauensperson wird, sich die Person dann mit einer weiteren Person austauschen darf. Wenn ich mich als betroffene Person jemanden anvertraue, weiß ich also, dass diese Person mit jemandem darüber spricht. Wenn beides in einem Konzept festgehalten ist, ist das schon richtig gut. Im Idealfall übt man, in dem man in Fortbildungen ein Gespräch simuliert.
Was Organisationen zunächst oft nicht wahrhaben wollen: Die Gewalt findet so oder so und überall in gleichem Maß statt. Den Unterschied macht, ob es einen offiziellen Weg gibt oder nur inoffizielle Wege , um das zu melden.
Alle Organisationen wünschen sich, das Thema wäre nicht da, das gilt auch für die Kulturelle Bildung. Aber ich erlebe da eher Offenheit. Die Angebote selbst liefern zumindest das Potenzial, das Thema aufzugreifen, etwa im Theater. Natürlich gibt es Hindernisse in der Umsetzung, etwa „Wir haben keine Ressourcen, wir bekommen das strukturell nicht hin.“ Wenn ich zum Beispiel ein Theaterstück zum Thema mache, muss ich ja auch damit umgehen können, wenn Verletzungen aufgedeckt werden. Dann ist schnell die Frage da: „Haben wir die Ressourcen und Expertise, das aufzufangen?“
Für die kleinen Organisationen sind es oft diese thematischen und zeitlichen Überforderungen. Die BKJ etwa versucht immer wieder, Schnittstellen zu finden, um durch Austausch zwischen Organisationen Ressourcen zu schaffen. Leider sind diese Möglichkeiten für kostenlose Schulungen nicht die Regel.
Grundlegender Tipp: Nichts persönlich nehmen! Wir können immer nur überlegen, was gibt uns dieser Widerstand für eine neue Info? Was also können wir verändern, um alle Menschen mitzunehmen? Dazu gehört, gut auf die eigenen Ressourcen zu achten und sich zu fragen „Wen kann ich als Mitstreiter*in gewinnen?“.
Erst einmal ist es gut anzuerkennen, dass es anstrengend und belastend ist so eine Meldung zu begleiten – und das ist okay. Vielleicht kann man ja sogar einen Moment der Wertschätzung spüren, dass es jemand geschafft hat, mich ins Vertrauen zu ziehen. Zum Glück gibt es psychosoziale regionale Beratungsstellen, wo man einfach anrufen und Hilfe suchen kann. Es gibt auch viele Online-Beratungsstellen, wie die Online-Beratung des Hilfetelefons oder über das Hilfeportal Missbrauch.
Dass alle Organisationen eine klare Haltung zum Verhalten bei gemeldeten Fällen von sexualisierten Übergriffen und Grenzverletzungen entwickeln und kommunizieren. Denn wenn eine betroffene Person schon früh weiß, „wenn hier Aussage gegen Aussage steht, dann machen die einfach nichts“, dann kann sie eine gut informierte Entscheidung treffen, woanders hinzugehen.
Text und Interview: Julia Göhring