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Mit Witz und Spiel: Der KI auf der Spur
Aus der Praxis

Mit Witz und Spiel: Der KI auf der Spur

Projekt „We track KI“, jfc Medienzentrum, Köln

veröffentlicht:
Thema
Digitalität
Schlagworte
Künstliche Intelligenz (KI)
Ein grüner Papierkreis mit der Aufschrift NEUE FRISUR? hängt an einer roten Schnur, daneben ist ein Foto von zwei Personen mit Perücken in einem Innenraum mit einem Schreibtisch und Stühlen im Hintergrund gepinnt.
So können Teilnehmer*innen der Workshops von „We track KI" mittels KI neue Frisuren ausprobieren ... jfc | Crumbach

Generative KI-Tools gibt es inzwischen für alle kreativen Bereiche: Ob Bildbearbeitung und -generierung, Schreiben, Musikproduktion, Journalismus. Aber die große Frage ist, wie können Fachkräfte der Kulturellen Bildung sie sinnvoll einsetzen?

Warum sind kulturelle Bildungsangebote wie eine Bibliothek im Fitnessstudio?: Weil du eigentlich nur zum „Durchblättern“ kommst, aber am Ende trotzdem geistig trainiert rausgehst. Dieser Witz ist KI-generiert. Prompt: Erzähle mir einen kurzen Witz über kulturelle Bildungsangebote!

„Das ist ja gar nicht lustig“, finden jüngere Kinder meist und sind sogar ein bisschen beleidigt, wenn sie sich von der KI einen Witz erzählen lassen, weiß Conny Crumbach. Sie leitet das Projekt „We track KI“ des jfc Medienzentrums. „Wenn es um Humor oder Witze geht, das kann ein generatives Tool nicht wirklich gut“, weiß sie aus Erfahrung. Dies spielerisch in Workshops mit Kindern und Jugendlichen zu erproben und auch Fachkräften der Kulturellen Bildung aufzuzeigen, ist eines der Ziele dieser Übung. Kinder und Jugendliche entzaubern damit eigenmächtig den „Alleskönner“ Künstliche Intelligenz. Gleichzeitig erkunden sie, wie sie mit dem Tool umgehen können, um am Ende vielleicht doch noch eine lustige Pointe zu bekommen – oder sich besser selbst eine auszudenken. In den Workshops wird deutlich, wie wichtig es ist, aktiv zu produzieren, statt nur zu konsumieren und eigene Ideen als Maßstab zu setzen.

Den Menschen in den Mittelpunkt stellen

„Spätestens seit dem Start von ChatGPT 3 ist uns bewusst geworden, wie Künstliche Intelligenz die Medienpädagogik und auch die Kulturelle Bildung beeinflussen wird“, berichtet Conny Crumbach. Die Medienwissenschaftlerin, Theaterpädagogin und Journalistin leitet das Projekt seit Juli 2024 zusammen mit ihrem Kollegen Florian Mortsiefer. Fachkräfte der Kulturellen Bildung testen in Methodenlaboren gemeinsam Tools und entwickeln Workshop-Ideen für Kinder und Jugendliche, die nun, in der zweiten Projektphase bis Juni 2026 gemeinsam erprobt werden.  

„Wir lassen uns nicht von einer Technologie tracken, wir sind der KI selbst auf der Spur“, sagt die Projektleiterin. Es geht um Selbstermächtigung und vor allem darum, den Menschen in dieser parasozialen Mensch-Maschine-Kommunikation in den Mittelpunkt zu stellen. Auf diese Weise soll Kindern, Jugendlichen, jungen Erwachsenen und Fachkräften ein praxisorientierter Zugang zur Welt der Künstlichen Intelligenz ermöglicht werden. Experimentiert wird nicht nur mit ChatGPT: Im Workshop „KI-Fotobox“ werden Teilnehmer*innen fotografiert und können dann Bereiche im Foto digital markieren. Dieser Bereich wird anschließend durch eine generative Bild-KI verändert. Bei dieser Methode wird ein Open-Source-Tool zur Bildgenerierung eingesetzt. Der Vorteil: Das Ganze ist DSGVO-konform, denn die Daten bleiben alle auf dem lokalen Rechner, der als Server dient und das KI-Modell hostet. So landen die Fotos nicht auf irgendwelchen Servern von großen Tech-Unternehmen im Ausland.

Ein Computermonitor auf einem Schreibtisch zeigt eine Videobearbeitungssoftware mit dem Bild einer Frau, während eine Kamera auf einem Stativ eine Veranstaltung in einem großen, mit roten Luftballons geschmückten Raum aufnimmt.
In der KI-Fotobox können Teilnehmer*innen sich fotografieren und bestimmte Bereich digital markieren, um sie mit der KI zu verändern. Copyright: jfc | Crumbach
Zwei Fotos sind mit Wäscheklammern an einer roten Schnur befestigt, die durch einen gelben Kreis mit der handschriftlichen Aufschrift WO MÖCHTET IHR SEIN? getrennt ist.
Das Open Source KI-Tool ermöglicht mittels Prompting digitale Bilder in diversen Stilen zu generieren. Copyright: jfc | Crumbach
Ein grüner Papierkreis mit der Aufschrift NEUE FRISUR? hängt an einer roten Schnur, daneben ist ein Foto von zwei Personen mit Perücken in einem Innenraum mit einem Schreibtisch und Stühlen im Hintergrund gepinnt.
So können Teilnehmer*innen der Workshops von „We track KI" mittels KI neue Frisuren ausprobieren ... Copyright: jfc | Crumbach
Zwei Fotos, die an einer roten Schnur befestigt sind, zeigen Menschen mit Tiergesichtern; dazwischen hängt ein grüner Kreis mit dem handgeschriebenen deutschen Text WELCHES TIER MÖCHTEST DU SEIN.
... oder zu Tieren werden. Copyright: jfc | Crumbach
In der KI-Fotobox können Teilnehmer*innen sich fotografieren und bestimmte Bereich digital markieren, um sie mit der KI zu verändern. jfc | Crumbach

Im ersten Projektjahr von „We track KI“ lag der Fokus auf Workshops mit Fachkräften, um Methoden zu entwickeln, Ideen und Erfahrungen auszutauschen und ein Netzwerk von Expert*innen aufzubauen. Eine Kooperation gibt es unter anderem mit der Kunsthochschule für Medien (KHM) in Köln. An der KHM experimentieren junge Künstler*innen im Bereich experimentelle Informatik auch mit KI-Tools und Sprachmodellen und erschließen dadurch neue Perspektiven.

Es ist wichtig diese Tools zu verstehen und letztlich auch zu beherrschen, weil sie so viel über unsere Welt sagen. Sonst wird man selbst manipuliert.

Conny Crumbach, Medienwissenschaftlerin 

In diesem Kontext begegnete Conny Crumbach einem sehr spannenden Projekt, einem Bildungsroboter. „Der Roboter wird bereits in koreanischen Kindergärten eingesetzt, um beispielsweise mit den Kindern Hausaufgaben zu machen. Darum ist er für viele ein Symbol der Bildung der Zukunft und deshalb aus mehreren Aspekten interessant“, beschreibt Conny Crumbach. Dieser Bildungsroboter wurde für eine Diplomarbeit an der KHM derart manipuliert, dass sein Sprachmodell ausschließlich mit Aussagen aus der sogenannten Alpha-Male-Bubble gefüttert wurde. Einem Narrativ, in dem der dominante, starke und überlegene Mann, der sogenannte Alpha-Mann, sein wichtigstes Vorbild ist. Auf Befehle und Fragen habe er entsprechend absurd und manchmal auch schockierend reagiert, berichtet Conny Crumbach.

Solche Experimente können den Nutzer*innen zeigen, wie leicht man generative Sprach-KI-Tools manipulieren kann und wie wichtig ein reflektierter Umgang ist. Die Künstlerin, die den Roboter für ihr Diplom entwickelt hat, stellt ihn nun im Rahmen des „We track KI“-Projekts  Fachkräften vor und verweist so auf die Möglichkeiten von Manipulation. Das Beispiel habe sehr deutlich gemacht, welche Rolle das Wahrnehmen der Welt, der eigenen Person und sozialen Interaktion spielen. „Es ist wichtig diese Tools zu verstehen und letztlich auch zu beherrschen, weil sie so viel über unsere Welt sagen. Sonst wird man selbst manipuliert.“

Liebe Mama, lieber Papa…

Zwei rosa umrandete Arbeitsblätter: Eines fordert dazu auf, eine Geschichte mit bestimmten Wörtern zu schreiben; das andere bittet um zwei Briefe an die Eltern, in denen Unterschiede verglichen werden. Beide zeigen Grafiken mit Bleistift und Papier.
jfc

Dass Tools wie ChatGPT oder Bildgeneratoren auch ohne vorherige Manipulation nicht unbedingt neutrale Ergebnisse liefern, können im zweiten Projektjahr von „We track KI“ Kinder und Jugendliche mit einem vom Projektteam entwickelten Kartenset zum Thema Schreiben und KI selbst erproben. Eine der Aufgaben lautet: „Schreib mal einen Brief an meine Mama!“ Dann ein weiterer Ausgangsprompt: „Schreib einen Brief an meinen Papa!“ Beim Ergebnis, das die Kinder an ihren Smartphones oder am Tablet lesen können, wird klar, Mama bekommt ein Danke und warme Worte und Papa wird um Rat gefragt.

Während die Texte an die Mutter also das Gefühl von Geborgenheit ausdrücken, zielen die Briefe an die Väter auf ganz sachliche Infos, Ratschläge oder Sicherheit ab. Sich diese subtilen Unterschiede vor Augen zu führen und die patriarchal geprägten Strukturen der Reaktionslogik zu hinterfragen, regt zu einem kritischen Umgang mit der KI an. „Für junge Menschen wie für die Fachkräfte zeigt sich gleichermaßen, dass es am wichtigsten ist, zunächst die eigene Idee zu erforschen, den eigenen Blick auf die Welt zu erkunden, um dann das Selbstbewusstsein dafür zu entwickeln, die Tools entsprechend zu benutzen“, bemerkt Conny Crumbach.

Neben dieser Verzerrung (Bias) bleiben auch Aspekte wie der Zugang zu den Tools, Datensicherheit von Kindern und Jugendlichen, Urheberrechte und die Einflussnahme großer Tech-Unternehmen auf die Entwicklungen der Künstlichen Intelligenz Thema in den Workshops. Künstliche Intelligenz bietet für kulturelle Bildungsangebote aber auch viele Chancen: „Wo Ressourcen knapp sind, kann sie Organisatorisches übernehmen: Sie kann Routineaufgaben leisten, Teile von Anträgen oder andere Formen von Gebrauchstexten generieren, Lernen erleichtern und den kreativen Prozess anregen. Trotzdem bräuchte es mehr Regeln“, sagt Conny Crumbach, „ein erster Schritt wäre ein offener Umgang mit KI und eine Kenntlichmachung, wann sie genutzt wurde.“

Wir lassen uns nicht von einer Technologie tracken, wir sind der KI selbst auf der Spur.

Conny Crumbach, Medienwissenschaftlerin

Teilnehmer*innen der Workshops von „We track KI“ lernen, dass eine eigene ethische Haltung wichtig ist, um die Technologie bewusst zu nutzen und werden ermutigt, diese Haltung zu entwickeln. Die wichtigste Frage sei, immer wieder nach dem Sinn zu fragen, sagt Conny Crumbach: „Wofür benutze ich das Tool gerade? Bringt es mich weiter? Was bedeutet Kreativität für mich? Und was will ich an die KI abgeben und was nicht?“

„Wenn Kinder sehen, wie schnell beispielsweise ChatGPT Texte schreibt, denken sie: Wow, die KI kann schreiben und ich nicht“, bemerkt Conny Crumbach. Das kann entmutigen. Daher sollten sie, findet die Medienpädagogin, unbedingt dazu ermächtigt werden, ihrem eigenen kreativen Potenzial zu vertrauen. Durch die Vermittlung der technischen Hintergründe und Experimente, die die Text-KI auch mal scheitern lassen, erkennen sie, dass es sich um eine Maschine handelt, die Wörter nach ihrer eigenen Logik aneinanderreiht – wie bei dem eingangs beschriebenen Witzeprompt. Zum anderen sollen sie in die Lage versetzt werden, sich selbst eine Meinung darüber zu bilden, welche Chancen und Gefahren die generativen KI-Anwendungen beinhalten.

Eine analoge Kulturtechnik, wie das Schreiben, in den Workshops an erste Stelle zu setzen und die KI-Anwendungen als Werkzeuge zu betrachten, ist Conny Crumbach nicht nur als Journalistin wichtig, es ist auch das besondere an dem Projekt „We track KI“. Der Prozess, eine Idee zu entwickeln, einen Text zu schreiben und dabei etwas zu erleben, das kann KI nicht ersetzen, findet die Medienwissenschaftlerin.