Mit Empathie und Fingerspitzengefühl
„My, me, mine“, Märchenkoffer e. V., Hannover
„My, me, mine“, Märchenkoffer e. V., Hannover
Auf dem Schulhof haben sie eine Art Wahrheit oder Pflicht-Spielewürfel gebastelt. Hüpfe auf einem Bein zum Klettergerüst steht auf einer Würfelseite. Zeig deine Unterhose und was du drunter hast auf der anderen. Einige Kinder sind der zweiten Aufforderung gefolgt, andere wollen nicht, werden aber gedrängt. Schließlich steht das ja da. Ein paar der Kinder erzählen dieses Erlebnis im Märchenkoffer e.V. – einer Hannoveraner Anlaufstelle für Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund oder Fluchtgeschichte.
Dort findet das Präventionsprojekt „My, me, mine“ statt. In vier verschiedenen Gruppen arbeiten die 7- bis 14-Jährigen mit künstlerischen Mitteln zum Thema Schutz vor Gewalt. Die Theatergruppe greift die Würfelgeschichte aus dem Schulalltag auf. Mit theaterpädagogischen Übungen geht es erst einmal darum, dass die Kinder ein Gefühl für sich selbst entwickeln.
„Bei Kindern, die eine Fluchterfahrung hinter sich haben, sind die eigenen Gefühle oft ein bisschen unterdrückt. Sie müssen sich ja sehr schnell an neue Dinge gewöhnen und vernachlässigen sich selbst dabei. Sie wissen, dass sie zum Beispiel schnell Deutsch lernen, gut in der Schule sein und am besten nicht die Mama stören müssen“, berichtet Diplom-Psychologin Alexandra Konopleva, die das Präventionsprojekt mit ihren Kolleg*innen entwickelt hat. „Deswegen achten die Kinder weniger auf sich selbst. Sie werden dann oft viel zu schnell erwachsen und ihre Gefühle bleiben so ein bisschen gefroren. Das ist nicht gut“, weiß die Kinderschutz-Expertin. Denn wer seine eigenen Gefühle und Präferenzen nicht kennt, dem fällt es schwerer, Grenzen zu setzen und für sich einzustehen.
In der Theatergruppe fragen sie daher: Was mag ich und was mag ich nicht? Was habe ich früher gemocht? Was hat sich vielleicht ein bisschen verändert? Und dann spielen sie „ja“ oder „nein“-Situationen. Fragen, was geht und was gar nicht? Wo sage ich vielleicht? Wann melde ich mich bei einem Erwachsenen? Und bei welchem Erwachsenen? Zu wem habe ich Vertrauen? Und darf ich einfach Nein-sagen? Ja.
In der Filmgruppe geht es um häusliche Gewalt. Auch hier sind es die Kinder selbst, die Beispiele aus ihrem eigenen Alltag mitbringen. Mal ganz offen: „Meine Mutter hat mich gehauen“, mal über Bande: „Also, mir ist das nicht passiert, aber einem Freund“, mal mit Handbremse und doppelter Rückversicherung: „Wenn ich euch das jetzt erzähle, was passiert dann? Werde ich meine Familie verlassen müssen oder wie ist das geregelt?“
Alexandra Konopleva und ihre Kolleg*innen sorgen dafür, dass nichts auf der Filmrolle landet, was die Kinder auf irgendeine Art in Schwierigkeiten bringen könnte. Es erfordert viel Sensibilität, ihnen zu vermitteln, dass Hauen nicht okay ist und sie gleichzeitig keine Angst haben müssen, aus ihrer Familie gerissen zu werden. Gemeinsam spielen sie, wie es besser wäre, oder auch die Rollen einfach mal umzudrehen: „Wenn du deine Mama wärst, was hättest du anders gemacht?“
Alexandra Konopleva hat überdies die Langzeitwirkung im Blick. „Irgendwann sind diese Kinder erwachsen. Dann sollten sie nicht die gewaltvollen Familienszenarien nachspielen.“ Gleichzeitig braucht es Sicherheit und Verständnis im Hier und Jetzt. Wenn es bei dir ein bisschen anders ist, heißt es nicht, dass deine Mama schlecht ist, heißt es nicht, dass du schlecht bist.“
Das Filmprojekt erarbeitet gewaltfreie Modelle und bietet einen Raum, um angstfrei über häusliche Gewalt zu sprechen und den Mut zu finden, für sich einzustehen.
Projekte wie „My, me, mine“ bedeuten für die Fachkräfte immer auch Elternarbeit mit viel Fingerspitzengefühl. Wenn am Ende die Ergebnisse aus der Theater-, der Film- und der Kunstgruppe vorgestellt werden, machen Alexandra Konopleva und ihre Kolleg*innen deutlich, dass sie nicht die Geschichte eines einzelnen konkreten Kindes erzählen, sondern sie sich gemeinsam etwas ausgedacht haben.
Bereits während des Projekts suchen die Workshopleiter*innen das Gespräch mit den Familien. Sie beraten zu Erziehungsfragen und Konfliktthemen. „Also so wäre es okay, so vielleicht nicht ganz. Bei dieser Art Fragen gibt es Beratungsstellen, bei derart Fragen kommt gerne zu uns.“ Was theoretisch einfach klingen mag ist selbst für erfahrene Fachkräfte nicht immer ganz leicht, weiß Alexandra Konopleva.
Da hilft es, Zeit für Alltagsgespräche und sensibilisierende Beratungen einzuplanen. Und sogar in informellen Situationen auf der Hut zu bleiben. Insbesondere was Queerfeindlichkeit betrifft. Lacht man mit, wenn nebenbei ein „Schwulenwitz“ gerissen wird? Oder beim Verabschieden erzählt wird, dass man dem Sohn verklickert hat, egal was sie in der Schule über unterschiedliche Familien lernen: Bei uns ist das nicht so. Du darfst als Junge keinen Jungen mögen. Je nach Situation reagieren die Fachkräfte unterschiedlich. Mal mit Fragen, die zum Nachdenken anregen. „Würdest du dein Kind wirklich weniger lieben?“ Mal mit klarem Widerspruch, mal mit Sensibilisierung und Humor, immer mit der Haltung: Respekt gilt für alle und niemand darf für das, was er fühlt oder wen er liebt, beleidigt werden.
Der künstlerische Zugang des Präventionsprojekts ermöglicht es den Kindern, über sensible Themen zu reden, ein Gefühl für die eigenen Bedürfnisse zu entwickeln, sich gehört zu fühlen, Wissen zu erlangen, an wen man sich wann wenden kann und Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Möglich wird das alles durch Start2Act, das Förderprogramm der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ). „Wenn es diese Förderung nicht gäbe, könnten wir das Projekt gar nicht durchführen“, sagt Alexandra Konopleva.
Der Verein, den monatlich circa 600 Kinder besuchen, die türkisch, polnisch, arabisch, portugiesisch und russisch sprechen, ist überwiegend ehrenamtlich organisiert. „Weil wir Gewaltprävention extrem wichtig finden und das Thema in der offenen Jugendarbeit immer wieder auftaucht, haben wir uns für das Programm beworben. So können wir uns gezielt Gewalt in ihren verschiedenen Facetten widmen.“
Wie erfolgreich der Verein in seiner Präventionsarbeit ist, zeigt sich auch daran, dass hier Russisch zur verbindenden Sprache für ukrainische, belarussische und russische Familien geworden ist. Die russischstämmigen Kinder, die schon länger in Deutschland leben, haben den ukrainischen Geflüchteten bei der Ankunft in Deutschland geholfen. Gleichzeitig haben die ukrainischen Jugendlichen ihnen im Gegenzug geholfen, wieder besser Russisch zu sprechen.
Weil wir Gewaltprävention extrem wichtig finden und das Thema in der offenen Jugendarbeit immer wieder auftaucht, haben wir uns für das Programm beworben.
Alexandra Konopleva
Das Präventionsprojekt „My, me, mine“ wurde im Rahmen des Förderprogramms „Start2Act“ der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ) durchgeführt. „Start2Act“ unterstützt lokale Träger und Verbände der Kulturellen Bildung dabei sichere Orte zu sein, in denen Kinder umfassend vor (sexualisierter) Gewalt geschützt sind.
Das Programm „Start2Act“ wird von der Europäischen Union gefördert. Die geäußerten Ansichten und Meinungen entsprechen jedoch ausschließlich denen der Autor*innen und spiegeln nicht zwingend die der Europäischen Union oder der Europäischen Kommission wider. Weder die Europäische Union noch die Europäische Kommission können dafür verantwortlich gemacht werden.
Interview und Text von Kathrin Köller