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Kulturelle Bildung als Heilung
Gastbeitrag Interview

Kulturelle Bildung als Heilung

veröffentlicht:
Thema
Teilhabe
Schlagworte
Diversität • Kinderrechte • Partizipation

Kann Kulturelle Bildung ein Mittel für soziale Gerechtigkeit sein? Damit Kulturelle Bildung gegen Ungleichheit wirken kann, muss ein Wille zur Veränderung da sein. Es braucht selbstkritische Reflexion in der Institution.

Saman A. Sarabi lebt in Hamburg und arbeitet als Wissenschaftler*in, Kunst- und Kulturvermittler*in, Kurator*in sowie Erwachsenenbildner*in. Der wissenschaftliche und künstlerisch-vermittelnde Schwerpunkt liegt auf queer- und trans*feministischen sowie dekolonialen und transformativen Ansätzen. 

Kann Kulturelle Bildung ein Mittel für soziale Gerechtigkeit sein?

Auf jeden Fall! In den letzten zehn Jahren hat sich einiges getan. Ungleichheitsverhältnisse wurden analysiert, Hierarchien hinterfragt, Programme ins Leben gerufen. Es wurde viel gelernt, gesprochen, gemacht – verlernt. Aber wir sind damit noch am Anfang. Es gibt ja die Idee von „Kultur für alle“, sowas wie der Selbstanspruch Kultureller Bildung. Unabhängig allerdings von den aktuellen Rückschritten ist dieser noch nicht auf allen Ebenen umgesetzt worden und es bleibt oft bei Lippenbekenntnissen. Viele haben das Selbstverständnis, dass wirklich alle Zugang erhalten sollen, aber das trifft auf Zeit- und Finanzdruck, den Habitus von vielen Kulturinstitutionen wie ein konservatives Verständnis von Kuration. Damit Kulturelle Bildung gegen Ungleichheit wirken kann, muss ein Wille zur Veränderung im Querschnitt einer Institution da sein. 

Wie erleben marginalisierte Kinder und Jugendliche kulturelle Bildungsräume – und was brauchen sie?

Bisher kommen marginalisierte Kids und Jugendliche vor allem in der Hochkultur oft kaum vor. Was sie bräuchten, ist mehr Diversität im Programm, im Personal und im Publikum – dann würden sich viele ganz anders angesprochen und wohlfühlen. Sie fehlen, weil sie Rassismus, Antisemitismus, Ableismus und Klassismus erleben, zum Beispiel über paternalistische Ansprache oder sehr wenig Selbstbestimmungsrechte. Sie brauchen sicher gestaltete Räume und Zeit ohne Hochkulturhabitus. Mit Joona Wirth und QueerSchool habe ich ein Weiterbildungsprogramm für Kulturvermittler*innen konzipiert und unter anderem mit dem MARKK durchgeführt. Ziel ist es, gute Ausgangsbedingungen zu schaffen: sich diskriminierungskritisch und inklusiv aufzustellen, um intersektionale und transformative Formate stimmig zu gestalten. 

Kulturelle Bildung hat das Potenzial, Heilung, Emanzipation und gesellschaftliche Transformation anzustoßen. Dafür braucht es ein machtkritisches Bewusstsein und Willen zur Veränderung. 

Saman A. Sarabi, Kulturvermittler*in

Welche Rolle spielt die Repräsentation von diversen Vermittler*innen für das Wohlbefinden marginalisierter Jugendlicher?

Die drei genannten Ps (Programm, Personal, Publikum) müssen diversitätsöffnend bearbeitet werden, sie sind sozusagen die Gelingensbedingungen für das Wohlbefinden unterschiedlicher Teilnehmender. Dann sind Bündnisse zwischen sehr verschiedenen Gruppen und Institutionen denkbar: Es gibt Ansätze unter anderem aus der Black Lives Matter-Bewegung, die kulturelle und somatische Praxis verbinden – körperbasierte Arbeit, bei der Habitus, Denken und Fühlen machtkritisch gestaltet werden. So können Erfahrungen bearbeitet werden, die gesellschaftlich gerade sehr spürbar sind: Nationalsozialismus, Kolonialismus, patriarchale Strukturen. In der Schule ist dafür kaum Raum. Kulturelle Bildung kann das leisten, vor allem durch transdisziplinäre Bündnisse.

Inwiefern kann Kulturelle Bildung dazu beitragen, Kindern und Jugendlichen eine Sprache für das zu geben, was sie belastet?

Indem gesellschaftliche Themen bearbeitet werden – aber auch persönliche Themen wie Freund*innenschaft in künstlerischen und kunsttherapeutischen Formaten wie Schreib- oder Performanceworkshops. Das öffnet Gesprächs- und Gestaltungsräume im Sinne von „healing justice“.

Was meinst du mit Healing – und wie unterscheidet sich das von Wellness?

Der Begriff Healing geht auf das Konzept „healing justice“ vom Kindred Southern Healing Justice Collective zurück, kommt also aus der Schwarzfeministischen Theorie und Praxis und ist verortet in Fragen wie: In welcher Zeit leben wir? Wie ist sie geprägt von Ungleichheit? In Deutschland also von Nationalsozialismus, Kolonialismus und Heteronormativität. Kulturinstitutionen sind davon durchzogen – nicht nur in dem, was gesammelt und gezeigt wird, sondern woher es kommt, von wem und wie es bezahlt wird. Die Menschen, die entscheiden, schreiben und lehren, sind meistens nicht repräsentativ für unsere Gesellschaft. Ich verstehe Well-Being und Healing als etwas gesellschaftlich Verflochtenes – angelehnt an die Healing Justice-Bewegung, in der Menschen nicht nur protestieren, sondern sich gegenseitig um sich selbst als Protestierende kümmern und Methoden aus der somatischen Praxis einüben. Das inspiriert mich in meiner Arbeit sehr und gibt mir Mut und Zuversicht.

Was brauchen Menschen, die Kulturelle Bildung anbieten wollen?

Du kannst keine emanzipatorische Pädagogik betreiben, wenn du dich selbst nicht emanzipiert hast oder um dein Wohlbefinden kümmerst. Es braucht selbstkritische Reflexion in der Institution – und darin eine Fürsorge für sich selbst und andere, die verbunden ist mit der Welt und sozialer und historischer Ungerechtigkeit.

Interview und Text: Maria Preuß

Das Interview wird hier mit freundlicher Genehmigung der Landesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendkultur Hamburg (LAG) veröffentlicht. Der Text wurde erstveröffentlicht im kju-Magazin „Mentale Gesundheit“, Heft 83, Sommer 2026, S. 14 ‒ 15.

Ein Beitrag von BKJ-Mitglied:

Logo mit dem Text lag kinder- und jugendkultur in rot und landesarbeitsgemeinschaft kinder- und jugendkultur e.v. in grau darunter.

Mit über 60 Mitgliedern aus allen Bereichen der Kinder- und Jugendkultur fördert die Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Kinder- und Jugendkultur die infrastrukturelle Vernetzung sowie den fachlichen Austausch und vertritt die Interessen ihrer Mitglieder gegenüber Politik und Verwaltung. Mitstreiter*innen sind die in Hamburg vertretenen Fachverbände ebenso wie einzelne Kulturakteur*innen, die großen, bekannten Institutionen genauso wie unabhängige, kleinere Einrichtungen, Projekte und Festivals. Diese Vielfalt trägt zur Kraft des Vereins bei. Die LAG arbeitet daran, dass Hamburg seine Position als Stadt der Kinder- und Jugendkultur wertschätzt, ausbaut und absichert. Die Kinder- und Jugendkultur in Hamburg muss verlässlich, langfristig und gezielt gefördert und weiterentwickelt werden – kleine und große Institutionen wie die freie Szene gleichermaßen.

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