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Kommunale Bildungslandschaften resilient gestalten
Interview

Kommunale Bildungslandschaften resilient gestalten

Im Gespräch mit Dr.in Nina Stoffers, Landesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung Sachsen e. V., Manja Gruhn, Steinhaus e. V. Bautzen/ Budyšin und Ludwig Henne, Netzwerk für Demokratische Kultur e. V., Wurzen

veröffentlicht:
Thema
Bildungslandschaften
Schlagworte
Demokratie • Teilhabe

Kulturelle Bildung stärkt Demokratie, fördert kommunale Bildungsarbeit durch Kooperation und schafft so einen Mehrwert für resiliente Bildungslandschaften. Im Gespräch erläutern Nina Stoffers, Manja Gruhn und Ludwig Henne, wie das gelingen kann.

Wie hängen Kulturelle Bildung und Demokratiestärkung zusammen?

Nina Stoffers: Als Landesvereinigung haben wir vor allem die Landesebene im Blick, aber die kommunale Ebene spielt in unserer Arbeit eine zentrale Rolle, denn Bildungslandschaften entstehen erst dort, wo Menschen vor Ort miteinander agieren. Kulturelle Bildungsangebote eröffnen Räume, in denen Menschen kritisch denken, Verantwortung übernehmen und sich ausprobieren können. Genau darin liegt ihr Beitrag zur Demokratiestärkung: Sie ermöglichen Teilhabe, Aushandlung und Selbstwirksamkeit – unmittelbar im Alltag der Kommunen.

Manja Gruhn: Demokratiebildung und Kulturelle Bildung spielen bei uns in Bautzen unter anderem in unserem „Happy Monday – Wjesoła póndźela“-Format zusammen. Die Veranstaltungsreihe bringt Kulturelle Bildung in den öffentlichen Raum. Wir wollen damit parallel zu den sogenannten Montagsdemonstrationen ein positives Zeichen für Vielfalt und Engagement setzen. Verschiedene Vereine, Initiativen und Kultureinrichtungen haben das Format gemeinsam initiiert, um Demokratiebildung durch Kultur erfahrbar zu machen, Selbstwirksamkeit zu fördern und Engagement sichtbar zu machen. Gerade in einer mittelgroßen Stadt in ländlicher Umgebung, die wirtschaftlich zwar stark ist, aber in der auch rechtsextreme Strukturen präsent sind, ist es wichtig, dass Menschen erfahren: Wir können etwas verändern.

Ludwig Henne: Die Situation des Netzwerks für Demokratische Kultur (NDK) ist vergleichbar mit der des Steinhauses. Das NDK entstand in den späten 1990er-Jahren als Reaktion auf die rechtsextremen Strukturen vor Ort. Seitdem arbeiten wir daran, kulturelles Leben und demokratische Bildung zu verbinden – sowohl durch Veranstaltungen in unserem Haus, auf öffentlichen Plätzen als auch in Schulen. Dabei geht es immer um Begegnung und Austausch, um Partizipation, und darum, die Menschen in Wurzen zu empowern. Wir schaffen Räume, in denen sie selbst aktiv werden können.

Welche Erfahrungen machen Sie konkret vor Ort, wenn Sie Kulturelle Bildung und Demokratie zusammenbringen?

Manja Gruhn: „Happy Monday“ zeigt sehr deutlich, wie öffentliche Räume transformiert werden können. Wir bringen Kultur an Plätze, die sonst von Konflikten geprägt sind, und ermöglichen Begegnungen zwischen Menschen, die sich sonst nicht treffen würden. Anfangs war die Stadtverwaltung skeptisch: Sie befürchtete geringe Teilnehmendenzahlen oder eine weitere Spaltung der Stadtgesellschaft. Heute unterstützt die Kommune das Format, weil die positiven Effekte sichtbar sind. Gemeinsam geplante Aktionen oder Konzerte und die gegenseitige Unterstützung aller Beteiligten stärken das Zusammengehörigkeitsgefühl. Uns geht es auch darum, Hoffnung zu vermitteln: Wenn Menschen sehen, dass sie etwas bewegen können, entsteht Resilienz – für die Einzelnen, aber auch für die Stadtgesellschaft.

Ludwig Henne: In Wurzen arbeiten wir in einem Umfeld, in dem rechtspopulistische und rechte Kräfte in den vergangenen Jahren stärker geworden sind, auch auf kommunaler Ebene. Fördermittel wurden verweigert, Projekte blockiert. Gleichzeitig gibt es aber eine starke Zivilgesellschaft, die sich organisiert, Spenden sammelt und Netzwerke bildet. Hier erleben wir ähnliche Dynamiken, wie jene, die von Manja Gruhn in der Bautzener Community beschrieben wurden. Wir vom NDK versuchen, die Motivation aufrechtzuerhalten, auch wenn die politische Situation vor Ort oft frustrierend ist. Unsere Erfahrung zeigt: Gerade Kulturelle Bildung hilft hier, weil sie den Menschen ermöglicht, Wirksamkeit und Teilhabe zu erfahren – auch in schwierigen Kontexten.

Nina Stoffers: Da kann ich Ludwig nur zustimmen. Solidarität und Vernetzung sind die Grundlage, um in schwierigen politischen Lagen handlungsfähig zu bleiben. Wir beobachten beispielsweise, dass Projekte der Kulturellen Bildung besonders dann für eine Demokratiebildung wirksam sind, wenn sie Partizipation ermöglichen. Ich denke konkret an ein Fotoprojekt, dass in einer Kleinstadt im Erzgebirge in einem Schulclub umgesetzt wurde. Die Ausgangsfrage war: Was muss passieren, damit ihr euch in eurer Umgebung wohlfühlt? Die Kinder und Jugendlichen fotografierten und gestalteten Plakate dazu. Hier ging es nicht darum, ob das jetzt Kulturelle Bildung oder Politische Bildung ist, sondern um das Machen und die Selbstwirksamkeit, die die Kinder und Jugendlichen erfahren konnten.

Welche konkreten Herausforderungen erleben Sie in Ihrer Arbeit und (wie) hilft die Kommune Ihnen diesen zu begegnen?

Manja Gruhn: Störungen durch rechte Gruppen sind eine Herausforderung, aber auch die anfängliche Skepsis der Kommune war nicht leicht für uns. Mittlerweile ist deutlich, dass unsere Arbeit bereichert, statt zu spalten. Eine weitere Herausforderung ist, dass sehr viele Zeitressourcen gebraucht werden, um die Community gut zu begleiten. Durch Fördermittel des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ können diese Ressourcen aktuell bereitgestellt werden. Denn sie muss stetig umsorgt werden, damit das Engagement sich nicht erschöpft, sondern bestärkt wird.

Nina Stoffers: Gleichzeitig erleben wir zunehmende Bedrohungen, etwa durch politische Veränderungen und durch Kürzungen, wodurch es weniger Angebote gibt. Auf diese veränderte Lage reagieren wir als LKJ, indem wir den Austausch auf allen Ebenen intensivieren: Wir vernetzen Träger, arbeiten mit Verwaltung und Politik enger zusammen und bringen kommunale Perspektiven auch auf Landes- und Bundesebene ein. Dabei beobachten wir, dass Begriffe wie Demokratie oder Diversität mal positive Wirkung entfalten und mal auf Widerstand stoßen. Deshalb überlegen wir pragmatisch, wo wir klare Position beziehen müssen und wo es sinnvoll ist, flexibel zu reagieren, um handlungsfähig zu bleiben.

Ludwig Henne: Bei uns in Wurzen ist eine der größten aktuellen Herausforderungen die politische Blockade unserer Arbeit auf kommunaler Ebene. Ein Beispiel dafür ist der kürzliche Beschluss des Wurzener Stadtrates, private, zweckgebundene Spenden in Höhe von etwa 13.000 Euro für unseren Verein abzulehnen. Diese Mittel hätten einen entscheidenden und notwendigen Anteil an der Kulturraumförderung des Landes Sachsen für unseren Verein im kommenden Jahr ermöglicht – ein Betrag, der die Stadt keinen Cent gekostet hätte. Die Ablehnung war keine finanzielle Entscheidung, sondern eine klare politische Maßnahme, die unsere Arbeit verhindern soll. Trotz unserer langjährigen, nachweislich erfolgreichen Arbeit und zahlreicher Auszeichnungen stoßen wir hier bei den unterschiedlichsten Fraktionen nun auf Mauern.

Welche Auswirkungen hat dies auf die kulturelle Landschaft in Wurzen?

Ludwig Henne: Unsere Angebote – von Kultureller Bildung über Demokratiearbeit bis hin zu offenen Begegnungsräumen – sind einzigartig und ergänzen andere Einrichtungen wie der Joachim-Ringelnatz-Verein, die Bibliothek oder das Schweizerhaus Püchau. Dass unsere Arbeit von Teilen des Stadtrates nicht geschätzt wird, hat sich in den letzten Jahren zunehmend verschärft, während die breite Unterstützung aus der Bevölkerung überwältigend ist: Menschen spenden, unterschreiben Petitionen und zeigen damit, dass sie unsere Arbeit für unverzichtbar halten. Für uns bedeutet das: Trotz dieser politischen Widerstände handlungsfähig bleiben, Netzwerke stärken und die Unterstützung aus der Bevölkerung aktiv einbinden. Gerade das breite Zivilgesellschaftliche Netzwerk in Sachsen hilft uns, demokratische und kulturelle Bildungsangebote auch unter schwierigen Bedingungen aufrecht zu erhalten.

Nina Stoffers: Netzwerke sind extrem wichtig, gerade in der aktuellen Situation, in der sich viele Akteur*innen durch Kürzungen, aber auch durch die politisch geänderte Gesamtlage bedroht fühlen. Jede Form von Zusammenschlüssen ist dabei hilfreich, weil ein geschützter Raum entstehen kann, in dem man sich gegenseitig stärkt. Es kommen Akteur*innen mit ähnlichen Anforderungen zusammen und haben gemeinsam eine lautere Stimme, um Änderungen von Strategien anzudenken und umzusetzen. Als beispielsweise die Förderung eines Mitglieds der LKJ auf Null gesetzt werden sollte, haben wir auf verschiedenen Ebenen reagiert, nicht nur als LKJ, sondern auch mit einem landesweiten Gremium und über den Bundesverband. Und in dem Fall haben die Schreiben sicherlich unterstützt und mitgeholfen, dass die Kürzung zurückgenommen wurde.

Welches Fazit ziehen Sie, damit Kulturelle Bildung und Demokratiebildung sich gegenseitig stützen und bereichern können?

Manja Gruhn: Konkrete gemeinsame Projekte sind zentral. Sie fördern Selbstwirksamkeit, Vertrauen und Zusammenhalt. Wenn Menschen erleben, dass sie etwas bewirken können, stärkt das die ganze Community.

Ludwig Henne: Auch in schwierigen politischen Lagen ist es möglich, aktiv zu bleiben. Netzwerke sind entscheidend, sowohl lokal als auch international. Der Austausch mit Kolleg*innen aus anderen Ländern zeigt, wie Zivilgesellschaft trotz widriger Umstände aktiv sein kann.

Nina Stoffers: Solidarität, Austausch und Rückhalt auf möglichst vielen Ebenen sind das Fundament für resiliente Arbeit. Träger müssen flexibel reagieren, Angebote anpassen und gleichzeitig klare Positionen vertreten.

Über die Interviewpartner*innen

Dr.in Nina Stoffers ist Kulturwissenschaftlerin und seit 2021 Geschäftsführerin der LKJ Sachsen e. V. Zuvor etablierte sie an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig ein Mentoring-Programm, leitete das Projekt „Connect – Kunst im Prozess“ zur inklusiven Öffnung von Kultureinrichtungen und arbeitete am Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim. Sie promovierte zu „Kulturelle Teilhabe im Spannungsfeld von Empowerment und Othering“.

Manja Gruhn ist Dipl.-Sozialpädagogin/Sozialarbeiterin (FH) und arbeitet im Soziokulturellen Zentrum Steinhaus Bautzen/ Budyšin. Sie leitet den Fachbereich Soziales und ist Projektkoordinatorin des Projektes „Demokratisch engagiert in Bautzen/Demokratisce angažowany w Budyšinje“. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in der Demokratiebildung, der Prävention von Rechtsextremismus, der Jugendbeteiligung und der Gemeinwesenarbeit.

Ludwig Henne studierte Kulturwissenschaften in Leipzig mit den Nebenfächern Kommunikations- und Medienwissenschaft sowie Soziologie. Er arbeitete für verschiedene Kulturprojekte in Deutschland und (Ost-)Europa. Seit 2023 ist er beim Netzwerk für Demokratische Kultur e. V. in Wurzen tätig. Zudem ist er Mitglied der Leipziger Kunstgruppe kompliz*.

Das Interview entstand aufbauend auf den Inhalten, die die Gesprächspartner*innen in ihren Impulsen beim digitalen Workshop „Kulturelle Bildung und Demokratiestärkung“ der Fachstelle Kulturelle Bildung im kommunalen Bildungsmanagement der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ) Ende November 2025 eingebracht haben.