Gleiche Chancen für alle? Was der Ganztag zur Bildungsgerechtigkeit beitragen kann
Im Gespräch mit Dr.in Anna-Maria Seemann, Akademie für Ganztagspädagogik
Im Gespräch mit Dr.in Anna-Maria Seemann, Akademie für Ganztagspädagogik
Dr.in Anna-Maria Seemann ist Vorstandsmitglied, Fortbildungsleitung und Dozentin in der Akademie für Ganztagspädagogik und 2. Bundesvorsitzende im Ganztagsschulverband e. V.
Foto: privat
Das lässt sich schwer zusammenfassen, weil die Verhältnisse sehr unterschiedlich waren und weiterhin sind: zwischen östlichen und westlichen Bundesländern, zwischen Stadtstaaten und großen Flächenländern. Wir haben das Thema des Kulturföderalismus – jedes Bundesland entwickelt eigene Modelle und arbeitet in unterschiedlichem Tempo. In ostdeutschen Bundesländern sind wir bei der Bereitstellung von Plätzen ganz gut aufgestellt. In Hamburg gibt es seit 2012 ohnehin bereits einen Rechtsanspruch. Aber es sind weiterhin die großen Flächenländer – Nordrhein-Westfalen, Bayern, Schleswig-Holstein –, in denen man noch schauen muss, wie gut das gelingt. Die eine Frage ist, ob genug Plätze zur Verfügung gestellt werden können. Die andere ist, wie gut das Angebot dann sein wird.
Das ist relativ komplex, und jeder Beteiligte wird vermutlich unterschiedliche Antworten geben, je nachdem, ob man Kinder, Eltern, Lehrkräfte oder das Ganztagspersonal befragt. Einig sind wir uns aber sicherlich darin: Von gutem Ganztag können wir dann sprechen, wenn sich die Kinder wohlfühlen, wenn sie gerne da sind – aber wenn zugleich eine gute Begleitung und Förderung im Sinne von Bildung und Erziehung erfolgt. Wichtig ist dabei, dass vor Ort die Ziele für den Ganztag geklärt werden, also: Was wollen wir eigentlich? Wer hat welche Rolle, welche Verantwortung? Wie arbeiten wir zusammen? Man sollte Unterricht und außerunterrichtliche Zeit zusammen denken: Was soll in diesen acht Stunden passieren, die der Rechtsanspruch umfasst? Das klingt selbstverständlich, ist es in der Praxis aber noch nicht überall.
Von gutem Ganztag können wir dann sprechen, wenn sich die Kinder wohlfühlen, wenn sie gerne da sind – aber wenn zugleich eine gute Begleitung und Förderung im Sinne von Bildung und Erziehung erfolgt.
Dr.in Anna-Maria Seemann
Zum einen ist da natürlich das, was auch hinter dem Rechtsanspruch steht: Den Eltern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu ermöglichen. Das ist ein wichtiges und richtiges Ziel. Aber dabei allein darf es nicht bleiben. Mit dem Ganztag waren von Anfang an auch pädagogische und bildungspolitische Ziele verknüpft: individuelle Förderung, Verbesserung von schulischen Leistungen und Sozialkompetenzen, Erhöhung der Chancen- und Bildungsgerechtigkeit. Aber auch die Ermöglichung von Teilhabe, an Kulturangeboten, an Sport, Demokratiebildung, Partizipation – das ist eine ganze Palette von Zielstellungen.
Durch die zusätzliche Zeit ist mehr individuelle Förderung möglich. Es geht aber auch um den Zugang zu Bildungsangeboten, die für manche sonst nicht erreichbar wären: ein Instrument erlernen, an Theaterprojekten teilnehmen, kulturelle Orte besuchen. Auch das sind Potenziale des Ganztags beim Thema Bildungsgerechtigkeit. Und die zu nutzen, ist eine echte Chance, denn: Studien haben in den letzten Jahren immer wieder gezeigt, dass Kinder aus bildungsbenachteiligten Familien seltener an Ganztagsangeboten teilnehmen. Die Hoffnung ist, dass mit dem Rechtsanspruch zumindest im Grundschulalter die Plätze tatsächlich zur Verfügung stehen und alle Kinder wirklich die Möglichkeit haben, daran teilzunehmen.
Das Ganztagspersonal ist sehr heterogen: Wir haben sozialpädagogische Fachkräfte und Assistenzkräfte, aber auch viele Quereinsteiger ohne pädagogische Formalqualifikation – oft aber mit Berufserfahrung im Feld. Ohne die Quereinsteiger ließe sich das gar nicht machen, und sie bringen durchaus Chancen mit, weil sie eine positive Heterogenität im Sinne von unterschiedlichen Lebenswelten einbringen. Aber ein Problem ist: Diese Quereinsteiger müssen nicht zwingend Qualifikationen durchlaufen. Das wäre aus meiner Sicht aber dringend geboten – eine Verpflichtung zu Weiterbildungen, um sich mit den Themen Pädagogik, Kommunikation, Qualität, Zielstellungen und Kooperation auseinanderzusetzen.
Es gibt bereits Programme und Konzepte, wie „Kultur macht stark“, oder Modelle wie Kulturschulen. Trotzdem ist es oft eine Ressourcenfrage: Stehen Mittel zur Verfügung, um Akteure aus der Kulturellen Bildung angemessen bezahlen zu können? An Schulen, die zunächst schauen müssen, wie sie den Ganztag personell und räumlich überhaupt hinkriegen, steht das oft nicht oben auf der Agenda. Nichtsdestotrotz besteht an vielen Schulen das Bewusstsein, dass man Kooperationspartner braucht. Für den Bereich der Kulturellen Bildung gilt das natürlich genauso.
Kinder verbringen einen Großteil des Tages im Ganztag. Das heißt, dass es zwingend notwendig ist, außerschulische Aktivitäten auch stärker an die Schule zu holen, für die sonst keine Zeit mehr bliebe. Ein Vorteil davon ist, dass mehr Kinder mit Angeboten erreicht werden können, zu denen sie von ihrem Elternhaus aus vielleicht keinen Zugang hätten. Grundsätzlich ist es wünschenswert, Kinder im Ganztag mit möglichst vielen verschiedenen Angeboten und Themen in Berührung zu bringen und ihnen damit eine Weltaneignung zu ermöglichen, zum Beispiel durch Theaterprojekte, museumspädagogische Angebote. Das ist eine sehr große Chance: Im Ganztag kann man viel mehr präsentieren, von dem, was die Welt so bereithält und was für Kinder interessant und anregend sein kann.
Das ist eine Befürchtung, die man immer wieder hört. Ich denke aber, es hängt stark davon ab, wie man es gestaltet. Wenn ich den Tag sehr streng durchtakte, kann das schnell dazu führen, dass Kinder das Gefühl haben, durchorganisiert zu werden. Das sollte nicht sein. Es muss Räume und Möglichkeiten für Rückzug geben. Kinder sollten auch mitgestalten können: Partizipation ist hier das wichtige Stichwort. Was wünscht ihr euch? Was möchtet ihr selbst machen, wen möchtet ihr einladen? Darüber kann man viel auffangen. Und natürlich: freies Spielen. Es ist wichtig, dass Kinder Zeiten haben, in denen sie wirklich selbstorganisiert dem nachgehen können, worauf sie Lust haben.
Es ist wichtig, dass Kinder Zeiten haben, in denen sie wirklich selbstorganisiert dem nachgehen können, worauf sie Lust haben.
Dr.in Anna-Maria Seemann
Ich habe manchmal das Gefühl, dass gar nicht so richtig klar ist – weder an einzelnen Standorten noch gesamtgesellschaftlich –, was für große Chancen der Ganztag bietet. Da wünsche ich mir bessere und stärkere Kommunikation. Oft begegnen wir noch dieser Idee, dass der Ganztag vor allem dazu da ist, den Eltern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu ermöglichen. Es wird dabei gar nicht richtig gesehen, welche Möglichkeiten im Ganztag stecken. Und es muss noch klarer in die Köpfe hinein, dass es nur gemeinsam gelingen kann. Das betrifft auch Schulleitungen, Lehrkräfte, das Personal selbst– alle müssen die Entwicklung des Ganztags als Anlass sehen, zusammenzuarbeiten und für die Kinder vor Ort wirklich etwas Gutes zu schaffen.
Interview: Ann-Christine Pilder