Ganztag trifft Stadtteil: Jugendliche erobern ihr Viertel mit Kunst
Projekt „Kunst ins Quartier“, Koblenz-Lützel und Neuendorf
Projekt „Kunst ins Quartier“, Koblenz-Lützel und Neuendorf
Ein Nachmittag im Park in Koblenz-Lützel. An den Bäumen hängen Gedichte, geschrieben von Schüler*innen der Goethe-Realschule plus. Menschen bleiben stehen, lesen, sprechen die Jugendlichen an. Die Jugendlichen bekommen Lob, direkt, spontan, von Fremden. „Das hat ganz ganz viel mit ihnen gemacht“, erinnert sich Schulleiterin Nicole Staehle.
Was bedeutet es, im eigenen Stadtteil sichtbar zu werden? Gerade in Quartieren, die als „herausfordernd“ gelten, sind es oft Zuschreibungen von außen, die das Bild prägen – und nicht die Perspektiven derjenigen, die dort leben. In Koblenz-Lützel und Neuendorf entwickeln Schüler*innen künstlerische Arbeiten, die sie im öffentlichen Raum präsentieren: in Parks, bei Stadtteilfesten oder auf Veranstaltungen. „Die Jugendlichen sind oft stigmatisiert“, sagt Nicole Staehle. „Hier können sie sich anders zeigen, so wie sie sind: nämlich als wunderbare Menschen.“ Die Begegnungen verändern den Blick von außen – und die Selbstwahrnehmung der Jugendlichen dazu. Mit ihren Interventionen zeigen sie ihre Sicht auf den Ort, an dem sie leben, und greifen damit aktiv in dessen Wahrnehmung ein. Sie machen sich selbst sichtbar und erleben, dass ihre Ideen wahrgenommen werden.
Dass ein solches Projekt entstehen konnte, ist kein Zufall. An der Goethe-Realschule plus ist der Ganztag längst mehr als ein verlängertes Angebot. Rund drei Viertel der Schüler*innen nehmen daran teil – und bleiben auch dann, wenn sie älter werden. „Der Ganztag ist ein großes Fundament für uns“, sagt Nicole Staehle. Der klassische Ablauf – Unterricht am Vormittag, Hausaufgaben und AGs am Nachmittag – wurde bewusst aufgebrochen. Lernphasen, Projekte und künstlerische Angebote wechseln sich über den ganzen Tag ab. Die Einheiten wurden von 45 auf 60 Minuten verlängert, was mehr Ruhe, Differenzierung und eine bessere multiprofessionelle Zusammenarbeit, etwa mit Freiberufler*innen, ermöglicht.
Kulturelle Bildung gehört für mich nicht vom Unterricht getrennt – sie weckt Neugier auf eine ganz andere Art und öffnet Zugänge, die sonst verschlossen bleiben.
Nicole Staehle, Schulleiterin, Goethe-Realschule plus
Seit 2017 ist die Schule Kulturschule: das offene Atelier, die kreative Study Hall, Tanz und Trash Drumming, das Trommeln auf Regentonnen, haben seither einen festen Platz im Schulalltag. Der Unterricht wird durch „Learning through the Arts“-Einheiten ergänzt, in denen Schüler*innen auf künstlerische Art und Weise Zugang zu einem Thema finden. „Kulturelle Bildung gehört für mich nicht vom Unterricht getrennt – sie weckt Neugier auf eine ganz andere Art und öffnet Zugänge, die sonst verschlossen bleiben.“, erklärt Nicole Staehle. Unterstützt wird das Schulkollegium dabei durch zwei Künstlerinnen, eine davon Nicole Heidel, die das Projekt eng begleitet. Kulturelle Bildung ist damit Teil eines multiprofessionellen Konzepts, in dem Lehrer*innen, Künstler*innen, Sozialarbeiter*innen und außerschulische Partner, Kulturorganisationen und Quartiersmanagement auf Augenhöhe zusammenarbeiten. Die Zusammenarbeit wird für alle zur Win-win-Situation: „Wir haben alle einen gemeinsamen Mehrwert“, sagt Nicole Staehle. „Wir haben eine gemeinsame Vision, ein gemeinsames Ziel: den Stadtteil aufwerten, in die Öffentlichkeit gehen, Vorurteile aufbrechen.“
Mit der Förderung im BKJ-Programm „Künste öffnen Welten“ konnte Kulturelle Bildung noch stärker im Schulalltag verankert werden: „Durch das Projekt kann das erste Mal eine echte Kontinuität in unsere Arbeit reingebracht werden“, erklärt Nicole Heidel. Die Förderung ermöglicht außerdem eine Öffnung in den Stadtraum: Gemeinsam mit der bildenden Künstlerin Nicole Heidel und der Tanzpädagogin Claudia Lichtwardt, die auch an Produktionen des Koblenzer Jugendtheaters mitwirkt, begeben sich die Jugendlichen auf Streifzüge durch ihren Stadtteil. Sie erkunden Orte, die ihnen vertraut sind, und solche, die sie neu entdecken. Dabei spielen das Quartiersmanagement Stadtgrün Koblenz-Lützel und das Stadtteilmanagement Koblenz-Neuendorf eine große Rolle: Sie öffnen Türen, indem sie Kontakte herstellen und zu Veranstaltungen einladen.
In der schuleigenen Kunstwerkstatt geht es los. Hier treffen Schüler*innen aller Klassenstufen aufeinander. Und die gewohnten Bahnen von Schule und Unterricht bleiben draußen. Der Raum ist offen, prozesshaft, ohne die festen Strukturen eines Klassenzimmers. „Von dort aus entwickeln wir erstmal Zuversicht, indem wir Dinge ausprobieren“, sagt Nicole Heidel. „Die Jugendlichen lernen zu scheitern. Ideen werden verworfen, und dann beginnen sie neu.“ Dabei geht es nicht um konfliktfreie Räume. Kulturelle Prägungen und soziale Erfahrungen bringen Spannungen mit sich, die auch im Schulalltag spürbar sind. Diese Unterschiede werden nicht ausgeblendet, sondern im gemeinsamen Arbeiten sichtbar gemacht und verhandelt. Es entstehen neue Formen des Miteinanders, die im reinen Fachunterricht so kaum möglich wären.
Was in der Kunstwerkstatt entsteht, bleibt nicht dort. Das ist von Anfang an so gedacht. „Präsentation ist immer: mit den eigenen Ideen und der künstlerischen Ausformung sichtbar werden“, sagt Nicole Heidel. Und genau das, das Sichtbarwerden, ist der eigentliche Kern des Projekts. So werden Fundstücke aus dem Viertel zu Kunstwerken verarbeitet und ausgestellt oder Choreografien im Park geprobt.
Daraus wiederum entstand die Idee eines Flashmobs zusammen mit den „Trash Drummern“. Zwei Gruppen, die bisher nebeneinander existiert hatten, begannen gemeinsam zu proben. „Doppelte Kraft“, nennt Nicole Heidel das. Den Höhepunkt erlebten sie bei der Eröffnung des Deutschen Städtebautages, vor Presse, Politik und Bürger*innen. Die Trash Drummer spielten, die Gruppe tanzte, und auf einmal tanzten alle mit.
Für die Jugendlichen ist das mehr als ein schöner Moment, es ist eine neue Erfahrung von sich selbst: dass sie etwas können, das andere bewegt. Und dass ihr Stadtteil ein Ort sein kann, an dem Schönes entsteht und dass sie dazu beitragen, wie er wahrgenommen wird. „Wenn sie ihre Kunst ins Quartier bringen, ist das identitätsbildend für das Quartier. Da verändert sich die Identität des Orts durch das, was die Jugendlichen dort anbieten.“ sagt Nicole Heidel.
Was Kulturelle Bildung im Ganztag bewirken kann, beschreibt Nicole Heidel so: „Sich mit künstlerischen Mitteln ausdrücken zu können – das ist wie eine Sprache, die universell verstanden wird“. In einer Schule mit 33 Herkunftskulturen ist das kein abstraktes Ideal, sondern tägliche Praxis. „Am wichtigsten ist, dass die Jugendlichen begreifen, dass sie Fähigkeiten haben, ein Potenzial, das sie entfalten können.“ Schulleiterin Nicole Staehle ergänzt, was das konkret bedeutet: Ein Schüler gestaltete den Entwurf für die Außenfassade des Schulneubaus, und das Schullogo wurde als Mosaik umgesetzt. Impulse, die so niemand geplant hatte.
Sich mit künstlerischen Mitteln ausdrücken zu können – das ist wie eine Sprache, die universell verstanden wird.
Nicole Heidel, Künstlerin, Goethe-Realschule plus
Hier wird sichtbar, was Ganztag leisten kann, wenn er als mehr verstanden wird als Betreuung: Raum und Zeit, in dem Jugendliche ihre Umwelt erforschen, sich selbst entdecken und beginnen, ihre Umgebung aktiv mitzugestalten.
Text: Ann-Christine Pilder
Das Projekt „Kunst ins Quartier“ wird gefördert im Programm „Künste öffnen Welten“ der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ) im Rahmen des Gesamtprogramms „Kultur macht stark“ des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ)
Förderzeitraum: 1. Februar 2024 bis 31. Dezember 2026
Antragsteller: Freundes- und Förderkreis der Goethe-Schule e. V.
Bündnispartner: Goethe-Realschule plus Koblenz | Koblenzer Jugendtheater e. V. Quartiersmanagement Stadtgrün Koblenz-Lützel