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Für ein paar Stunden die Welt vergessen
Aus der Praxis

Für ein paar Stunden die Welt vergessen

Interkultureller Treffpunkt Paula e.V., Unterkunft für Geflüchtete, Lückerath

veröffentlicht:
Thema
Teilhabe
Schlagworte
Demokratie • Diversität • Kinderrechte • Prävention und Kindeswohl
An einer Wand hängen mehrere gezeichnete und gemalte Selbstportraits der Kinder nebeneinander.
Interkultureller Treffpunkt Paula | Judith Ganz

Ein Containerdorf als Kunstraum: In Lückerath malen geflüchtete Kinder, erzählen ohne Worte und finden Halt. Kunst ist hier mehr als Ablenkung oder ein schönes Extra – sie schafft Platz für Gefühle und Selbstvertrauen.

Jeden Dienstag um halb drei, wenn die Kunst ins Containerdorf kommt, ist das ein Highlight. Dann laufen die Kinder durch die Anlage und klopfen an Türen. Dann steht der Mitarbeiter vom Sicherheitsdienst am Spielplatz und sagt: „Kommt. Malen ist wichtig!“

Das ist nicht selbstverständlich. In der DRK-Unterkunft für Geflüchtete in Lückerath stehen, wie in anderen Unterkünften auch, zunächst organisatorische Fragen des Alltags im Vordergrund: Behördengänge und Anträge ausfüllen für Asylverfahren, Wohnen, Kita, Schule und Sprachkurs. Da denkt man nicht sofort an die Kunst. Dass die beiden Kunstpädagog*innen Judith Ganz und Peter Halves vom Interkulturellen Treffpunkt Paula  mit ihrem wöchentlichen Kunst-Kurs für Kinder und Jugendliche trotzdem gern gesehen sind und nicht als Störfaktor empfunden werden, hat viel mit der engen Zusammenarbeit mit dem Träger der DRK-Unterkunft, beziehungsweise den Mitarbeiter*innen vor Ort zu tun. Sie schaffen Vertrauen und vermitteln den Menschen in der Unterkunft, dass die Kunst eine gute Sache ist. Die Kunstkurse sind dank der gelungenen Kooperation inzwischen eine feste Institution vor Ort – und mittlerweile in einem eigenem Container untergebracht, berichten Kursleiterin Judith Ganz und Projektleiterin Paula Schäfer vom Interkulturellen Treffpunkt.

Kunst im Container

Eigentlich liegen die Räumlichkeiten des Treffpunkts, in denen ebenfalls etliche Kurse stattfinden, gar nicht so weit entfernt. Aber die Kinder müssten – oft mit kleinen Geschwisterkindern an der Hand – den Bus oder einen längeren Fußweg in Kauf nehmen. Eine Hürde, die gleich wieder ausschließen würde. Und auch für die Eltern ist es leichter, ihre Kinder guten Gewissens ziehen zu lassen, wenn sie wissen, es ist nur um die Ecke, ich kann da auch selbst mal vorbeischauen oder die Nachbarin bringt sie später wieder mit. Kursleiterin Judith Ganz ergänzt: „Manche Mütter bleiben auch. Als Familie zu fünft in einem Container ist es sehr, sehr eng und laut. Da sind die Mütter froh, wenn die Kinder auch mal etwas ganz Anderes erleben und nur ein paar Meter entfernt, für ein paar Stunden die Welt vergessen.“

Umgangssprache Kunst

Wer am Dienstag zum Kunst-Container kommt, steht nie genau fest. Auch die Altersspanne variiert aufgrund des Faktors Geschwisterkinder. Judith Ganz und Peter Halves wissen damit umzugehen. Auch ansonsten erfordert ihre Arbeit viel Flexibilität. „Die Kinder kommen aus ganz verschiedenen Ländern,“ erzählt die Kursleiterin. „Es gibt sehr viel ukrainische Kinder, und manchmal sind auch Kinder aus Syrien, dem Irak oder afrikanischen Ländern dabei. Da ist die Kunst eine Sprache, die keine Sprache braucht. Auch wenn man mit einer gemeinsamen Sprache ganz anders über Kunst sprechen kann. Aber es funktioniert auch so. Manchmal benutzen wir Google Translate, vieles läuft nonverbal und die Kinder lernen ja auch schnell, ein paar Wörter Deutsch zu sprechen.“

Da ist die Kunst eine Sprache, die keine Sprache braucht.

Judith Ganz, Bildende Künstlerin

Die Kursleiter*innen arbeiten viel mit Projektionen. Fotos werden an die Wand geworfen und wenn die Kinder möchten, dürfen die auch von ihren Handys stammen. Daraus entwickelt der Kurs dann eigene Porträts und Stillleben. Mit Acryl, Pastell und Tuschkästen, Blei- und Buntstiften arbeiten die Kinder ihre Bilder aus. Und dann tauchen da am Anfang auch manchmal Bilder von Menschen auf, die waagerecht auf dem Boden liegen. Die Toten. Ein Junge hat das Porträt seines erschossenen Bruders gemalt, erzählt Judith Ganz. Er wollte darüber nicht reden, aber er kam jede Woche ganz zuverlässig. Und ganz bald malte er Rennwagen, zwar immer in schwarz, aber es schien ihm zu gefallen, berichtet die Kursleiterin. Und Paula Schäfer ergänzt: „Wir wollen einen Ort schaffen, an dem die Kinder und Jugendlichen ihre Gedanken und Gefühle künstlerisch verarbeiten können. Sie sollen das ausdrücken können, was sie beschäftigt, wobei wir vorsichtig sind mit allem, was eine therapeutische Annäherung bedeuten würde. Die Kinder dürfen erst mal sein und alles platzieren und wenn Redebedarf besteht, sind die Kursleitungen natürlich da.“

Ablenkung und Ankommen

Kulturelle Bildung als Möglichkeit des Gefühlsausdrucks und der Verarbeitung auch schwieriger Erlebnisse, das spielt für die geflüchteten Kinder sicherlich eine große Rolle. Wobei es der Kursleiterin wichtig ist zu betonen, dass Kunst auch Ablenkung sein darf und dass das gerade für diese Kindergruppe völlig legitim ist und wohltuend sein kann. „Geflüchtet zu sein, ist ja eine ganz existentielle Erfahrung, alles zu verlieren und dann mit den Eltern auf diesem begrenzten Raum zu wohnen.“

Wir wollen einen Ort schaffen, an dem die Kinder und Jugendlichen ihre Gedanken und Gefühle künstlerisch verarbeiten können.

Paula Schäfer, Projektleiterin Interkultureller Treffpunkt Paula

Die künstlerische Betätigung ermöglicht den Kindern für einen Moment aus dem Stress, der Angst und der Anspannung auszusteigen. Und noch einen weiteren Effekt des künstlerischen Tuns hat Judith Ganz beobachtet: Es erleichtert das Ankommen in der neuen Welt. Die eigenen Bilder sind erste Erfahrungen von Selbstwirksamkeit, von Erfolgserlebnissen in einer Zeit, wo man erst mal viel damit konfrontiert ist, nicht so viel zu können. Sie berichtet von zwei Mädchen, die riesige Bilder gemalt haben und anschließend in der Schule großes Lob bekamen. „Dieses Malen hat ihnen Selbstvertrauen gegeben, ein Selbstverständnis, dass sie etwas können. Vielleicht auch dadurch, dass sie bei uns schon mit den Materialien gearbeitet haben und keine Angst vor Porträts hatten. Das, was man in der Kulturellen Bildung gelernt hat, ist also schon mal etwas, worüber man Wertschätzung in der Schule erfährt und wovon man dann weiter profitiert.“

Soziale Gerechtigkeit und Zukunft

Projektleiterin Paula Schäfer betont außerdem die gesellschaftliche Bedeutung von Kultureller Bildung, gerade für die Kinder Geflüchteter und hält Kürzungen für völlig unverantwortlich. „Da geht es um soziale Gerechtigkeit, um Chancengleichheit, vor allem um niedrigschwellige Angebote, die einen Zugang ermöglichen für Menschen, bei denen beispielsweise Sprachbarrieren eine Rolle spielen. Wenn Menschen neu in Deutschland sind, wissen sie ja überhaupt noch nicht, wo was stattfindet. Und gerade Kunstkurse sind sonst oft superteuer. Es befördert soziale Ungerechtigkeit, wenn das weggekürzt wird und dadurch Menschen ausgeschlossen werden.“ Sie wünscht sich im Gegenteil mehr Kontinuität in der Förderung der Kulturellen Bildung. Und ein Bekenntnis zu „ihren Kindern“. Schließlich sind auch sie die Zukunft dieses Landes. Fürs Erste plant sie eine neue Ausstellung mit den Arbeiten der Kinder aus dem Containerdorf. Und sie hofft, dass ganz viele Menschen kommen und stolz sind auf das, was Kinder und Kursleitung hier geschaffen haben.

Text: Kathrin Köller