Freiwilligkeit und Wirkungsdruck – Wenn die Freiräume internationaler Kultureller Bildung schrumpfen
Im Gespräch mit Kathrin König, Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ)
Im Gespräch mit Kathrin König, Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ)
Kathrin König ist Referentin für Kulturelle Bildung International bei der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ). Sie arbeitet seit vielen Jahren im Bereich internationaler Jugend- und Kulturarbeit. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind gesellschaftliche Teilhabe, Engagementförderung und internationale Zusammenarbeit.
Foto: BKJ | Paula G. Vidal
Kulturelle Bildung versteht junge Menschen nicht primär als Adressat*innen, sondern als eigenständige Akteur*innen. Sie setzt an ihren Interessen und Lebenslagen an und eröffnet ihnen Räume, eigene Themen und Haltungen einzubringen. Für die internationalen Begegnungen ist das zentral: Nur wenn sich junge Menschen aus eigener Motivation auf eine Begegnung einlassen und auch ‚Nein‘ sagen können, entsteht die Offenheit, Fremdes auszuhalten, eigene Selbstverständlichkeiten infrage zu stellen und aus teilweise auch irritierenden interkulturellen Erfahrungen zu lernen.
Internationale Kulturelle Bildung ermöglicht Perspektivwechsel und fördert Ambiguitätstoleranz – also die Fähigkeit, unterschiedliche Sichtweisen auszuhalten, ohne sie sofort auflösen zu müssen. Ein besonderer Vorteil liegt darin, dass nicht die interkulturelle Verständigung selbst im Mittelpunkt stehen muss, sondern ein gemeinsames künstlerisches Interesse. Tanz, Musik, Theater oder andere Ausdrucksformen eröffnen auch nonverbale Wege der Verständigung. So können sich junge Menschen jenseits von Sprachbarrieren und vorgeprägten Bildern auf Augenhöhe begegnen. Dass solche Räume heute weithin als gegeben erscheinen, ist eine große kultur- und bildungspolitische Errungenschaft – und keineswegs selbstverständlich.
Erasmus+ war nie zweckfrei. Seit seiner Einführung 2014 ging es um europäische Verständigung, Begegnung, Mobilität, Teilhabe und Kompetenzerwerb. Im aktuellen Verhandlungs- und Gesetzgebungsprozess um die nächste Programmgeneration verschieben sich die Akzente jedoch deutlich: Wettbewerbsfähigkeit, Arbeitsmarktintegration, Skills und „Preparedness“ treten stärker in den Vordergrund.
Problematisch ist nicht, dass non-formale und Kulturelle Bildung auch diese und ähnliche Kompetenzen fördert. Kritisch wird es, wenn die erwarteten Wirkungen immer enger definiert und zur Voraussetzung für politische Legitimation und Förderung werden. Dann droht Jugendpolitik Aufgaben mitzuerfüllen, die eigentlich in andere Politikfelder gehören. Krisenvorsorge, Gesundheit oder Arbeitsmarktpolitik sind wichtige Aufgaben – sie sollten aber nicht zulasten der Mittel und Freiräume gehen, die für Jugendarbeit und internationale Begegnung gedacht sind. Das ist auch eine Frage der Generationengerechtigkeit. Wenn offene Bildungs- und Begegnungsräume immer stärker an vorgegebene Wirkungsziele gebunden werden, wird der heutigen Generation etwas entzogen, das für frühere Generationen selbstverständlicher war: die Möglichkeit, sich zu bilden, ohne schon vorher wissen zu müssen, wozu das gesellschaftlich nützlich sein soll.
Problematisch ist nicht, dass non-formale und Kulturelle Bildung auch diese und ähnliche Kompetenzen fördert. Kritisch wird es, wenn die erwarteten Wirkungen immer enger definiert und zur Voraussetzung für politische Legitimation und Förderung werden.
Kathrin König, Referentin für Kulturelle Bildung International, BKJ
Für mich liegt der Unterschied weniger in der Wirkung als in der Reihenfolge. Kulturelle Bildung kann Resilienz, Demokratiekompetenz und gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern – aber diese Wirkungen entstehen idealerweise aus offenen Bildungsprozessen heraus. Problematisch wird es, wenn solche Ziele vorab gesetzt werden und Kulturelle Bildung zum Mittel wird, um sie zu erreichen. Genau deshalb hat die BKJ schon 2023 gefordert, „Erasmus+ Jugend“ müsse Trägern mehr Freiheit bei der inhaltlichen und formalen Ausgestaltung geben und politisch gesetzte Prioritäten reduzieren.
Hinzu kommt die symbolische Bedeutung: Erasmus+ steht wie kaum ein anderes Programm für die europäische Idee von Begegnung, Verständigung und Zusammenwachsen. Wenn sich dieses Leitbild stark in Richtung Krisenvorsorge, Abwehrbereitschaft und sicherheitspolitischer Nützlichkeit verschiebt, verändert sich auch die Erzählung davon, wofür Europa junge Menschen zusammenbringt.
Erasmus+ bleibt formal freiwillig. Für die Kulturelle Bildung bedeutet Freiwilligkeit aber mehr als die Entscheidung, überhaupt teilzunehmen. Sie heißt auch, dass junge Menschen mitbestimmen können, welche Themen wichtig werden und was aus einer Begegnung entsteht. Wenn das gewünschte Ergebnis politisch bereits feststeht, wird dieser Handlungsspielraum kleiner. Die Teilnahme bleibt dann freiwillig, der Bildungsprozess selbst aber weniger offen – und damit geht ein wesentlicher Teil dessen verloren, was Kulturelle Bildung ausmacht.
Europäische Jugendprogramme sollten Begegnung und non-formale Bildung ermöglichen, ohne sie von vornherein an konkrete Verwertungsanforderungen zu knüpfen. Junge Menschen brauchen Raum, eigene Themen einzubringen und den Verlauf einer Begegnung mitzugestalten. Gerade die Kompetenzen, die in internationalen Erfahrungen entstehen, sind sehr individuell und lassen sich kaum vollständig vorhersehen. Darin liegt für mich eine besondere Stärke von Erasmus+: Es war immer auch ein Ausdruck von Vertrauen, solche offenen Prozesse zu finanzieren. Diese Offenheit sollten wir nicht aus Sorge vor Krisen immer weiter verengen. Sonst drohen genau die Freiräume zu verschwinden, in denen junge Menschen Selbstständigkeit, Orientierung und echte Begegnung erfahren können.
Ja, diese Gefahr gibt es. Wir brauchen Wirkungsargumente, um politische Unterstützung für Kulturelle Bildung zu gewinnen. Aber wir sollten den Eigenwert kultureller und ästhetischer Erfahrungen dabei nicht unsichtbar machen. Wirkung ist nicht dasselbe wie Wirkungsziel. Gerade Freiwilligkeit erinnert uns daran: Bildungsprozesse entfalten ihre Stärke oft dort, wo Menschen sich aus eigenem Antrieb auf etwas einlassen und das Ergebnis nicht schon vorher feststeht.