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Eintritt frei für kulturelle Teilhabe – auf Finnisch
Aus der Praxis

Eintritt frei für kulturelle Teilhabe – auf Finnisch

Kultur- und Bildungsprogramm Art Testers, Finnland

veröffentlicht:
Thema
Teilhabe
Schlagworte
Kinderrechte • Schule
Jugendliche Personen stehen vor einem großen Foto auf dem ein Wald zu sehen ist.
Art Testers | Sanna Krook

Kulturelle Teilhabe in Finnland ist ungleich verteilt und stark abhängig von sozioökonomischen und geografischen Faktoren. Welche Strategie es im Land gibt, Kultur in den Alltag junger Menschen zu integrieren und Angebote zugänglich, statt nur verfügbar zu machen, zeigt der Beitrag.

„Zu laute Töne und ansonsten auch schlecht!“, findet eine 14-jährige Person. „Besonders spannend, weil ich auch Musik mache“, schreibt eine andere. „Es war wirklich gut, und es kam mir vor, als wäre nur eine halbe Stunde vergangen, obwohl es länger war.“

Auch wenn das Feedback über das Game Music Collective in Helsinki unterschiedlich ausfällt: Dass die Teenager sich überhaupt eine Meinung über die Aufführung bilden können, liegt zu großen Teilen an dem finnischen Kultur- und Bildungsprogramm Art Testers. Es ermöglicht allen Schüler*innen der 8. Klassen in Finnland zwei Kunst- und Kulturereignisse pro Jahr zu besuchen.

Kulturelle Teilhabe in Finnland ist ungleich verteilt. Ähnlich wie in Deutschland hängt sie stark von dem sozioökonomischen Status der Eltern und dem Wohnort von Kindern und Jugendlichen ab. Eine Vielzahl an Studien zeigt durchgängig, dass Kinder und Jugendliche aus Familien mit hohem Bildungsniveau und höherem Einkommen deutlich häufiger an künstlerischen und kulturellen Aktivitäten teilnehmen als jene aus Haushalten mit geringerem Einkommen oder niedrigerem Bildungsgrad. Der Hintergrund der Eltern beeinflusst nicht nur, was sich Familien leisten können, sondern auch, wie sie kulturelle Erfahrungen bewerten und priorisieren, sodass sich Gewohnheiten über Generationen hinweg fortsetzen.

In ländlichen Regionen, abseits der großen Metropolen wie Helsinki, fehlen oft die nötigen Einrichtungen. Während Städte über Theater, Orchester, Museen und vielfältige Angebote der Kulturellen Bildung verfügen, gibt es in vielen ländlichen Regionen nur wenige oder gar keine Kultureinrichtungen, was die Teilhabe unabhängig von dem Interesse der Familie einschränkt. Vor diesem Hintergrund ist 2017 – zum 100. Jahrestag der finnischen Unabhängigkeit – auf Initiative der entstanden, das allen Achtklässler*innen im Land, unabhängig von Einkommen, Wohnort oder kulturellem Hintergrund Kunst und Kultur zugänglich machen soll. Eine weitere Stiftung, die Schwedische Kulturstiftung in Finnland, schloss sich der Initiative früh an.

Wenn Kulturelle Bildung in den Schulalltag eingebettet ist, ist sie ein normaler Teil des Aufwachsens und kein Privileg.

Joonas Keskinen, Projektleiter Art Testers

„Natürlich können zwei Besuche im Jahr nicht alle Ungleichheiten auflösen, aber sie können die Hemmschwelle senken und Wege eröffnen, Kultur angeleitet und in einem sicheren Setting zu erfahren und selbst kulturell tätig werden zu wollen“, erklärt Programmleiter Joonas Keskinen. Für viele Schüler*innen sei der Schulbesuch die einzige Möglichkeit, Kunst vor Ort und in einem professionellen Rahmen zu erleben: „Wenn Kulturelle Bildung in den Schulalltag eingebettet ist, ist sie ein normaler Teil des Aufwachsens und kein Privileg.“  Gleichzeitig bietet die Schule eine bereits bestehende Infrastruktur, die alle jungen Menschen gleichermaßen erreicht. „Viele Jugendliche berichten, dass schulische Kulturbesuche ihr Verständnis davon, was Kunst sein kann, erweitert und ihr Vertrauen im Umgang mit kulturellen Räumen gestärkt haben“, erzählt Joonas Keskinen.

Pflichtteilnahme als sichere Begegnung mit Kunst und Kultur?

In einer verpflichtenden Teilnahme sieht der Programmleiter ein wirksames Instrument für Chancengleichheit und zur Überwindung von sozioökonomischen Unterschieden. „Niemand wird aufgrund von Einkommen, Bildungsstand der Eltern, ländlicher Isolation oder Berührungsängsten mit Kunst und Kultur ausgeschlossen“, beschreibt Joonas Keskinen.

Gleichzeitig bringt die Pflichtteilnahme auch Herausforderungen mit sich: Junge Menschen sind keine homogene Gruppe, ihre Interessen und kulturellen Kompetenzen unterscheiden sich stark. Es sei unmöglich, dabei auf jedes Kind einzeln einzugehen. Umso wichtiger, dass es im Anschluss an die Besuche noch ein pädagogisches Begleitprogramm gibt, damit sich die Schüler*innen gemeinsam mit den Kulturvermittler*innen austauschen können. Dass die Angebote breit zugänglich sind und vor allem jugendgerecht, ist im Programm „Art Testers“ wichtig, beschreibt der Programmleiter.

In Finnland wird die Kulturelle Bildung vom Ministerium für Bildung und Kultur gesteuert, jedoch auf lokaler Ebene von den Gemeinden und Schulen umgesetzt, was zu erheblichen regionalen Unterschieden führt. Die zentrale Koordination für die Museums- und Konzertbesuche der Schulen wird von Art Testers deshalb selbst übernommen. Das Programmteam organisiert finnlandweit die Kulturbesuche, auch die Fahrt für die Schüler*innen und die Tickets gehören dazu. Die Kultureinrichtungen wiederum entwickeln altersgerechte Inhalte und bereiten Lehrmaterial für die Schulen vor.

Art Testers hat sich als ein wichtiger Zugang für Kultureinrichtungen herausgestellt, um junge Menschen anzusprechen und versteht sich in einer stark überalterten finnischen Gesellschaft als Brückenbauer zu jüngeren Generationen, wie Joonas Keskinen beschreibt. Das Programm erhält jährlich Zehntausende von Rückmeldungen Jugendlicher und ist damit gleichzeitig eines der größten kontinuierlichen Befragungsinstrumente im finnischen Kulturbereich. 

Folie des Befragungstools von Art Testers mit Text: How did the Art make you feel? 34% happy, 15% wired up, 14% peaceful, 12% who cares, 10% confused
Das Programm erhält jährlich Zehntausende von Rückmeldungen Jugendlicher. Art Testers

Dieses systematisierte Feedback der Jugendlichen bestärkt nicht nur die jungen Menschen aktiv, eigene Positionen zu entwickeln und Haltungen zur Kunst zu entwickeln. Dank der Datensätze haben auch die Kultureinrichtungen die Chance, ein tieferes Verständnis für eine jüngere Zielgruppe zu entwickeln und herauszufinden, wie junge Menschen auf unterschiedliche künstlerische Ansätze reagieren. „Eine wichtige Grundlage, um auch andere Angebote Kultureller Bildung für Kinder und Jugendliche zu konzipieren“, bemerkt Joonas Keskinen.

Zugänge zu Kultureller Bildung ermöglichen

Für Fachkräfte der Kulturellen Bildung in Deutschland kann das Programm wertvolle Einblicke liefern: Zum einen ermöglicht Schule, alle Kinder und Jugendlichen unabhängig vom Elternhaus zu erreichen und kann so Zugänge zu Kultureller Bildung ermöglichen. Zum anderen zeigt es, dass die Kooperation und der enge Austausch mit anderen Bildungseinrichtungen und Akteuren der Kulturellen Bildung dabei unterstützen können, Ressourcen zu sparen und qualitativ hochwertige und altersgerechte Inhalte zu konzipieren.

Sollte kulturelle Teilhabe also verpflichtend sein? Joonas Keskinen findet: „In einem Kontext, in dem das Ziel darin besteht, strukturelle Ungleichheiten zu verringern und kulturelle Rechte für alle Kinder umzusetzen, ist ein verpflichtendes, schulbasiertes Modell möglicherweise der einzige Weg, um gleichen Zugang sicherzustellen.“ Freiwilligkeit privilegiere tendenziell bereits privilegierte Gruppen.

„Kulturelle Teilhabe sollte als gemeinsame gesellschaftliche Verantwortung behandelt werden“, sagt Joonas Keskinen. „Politisch gesehen stelle ich mir langfristige Strukturen vor, in denen Bildung, Kultur, Sozialdienste, Unternehmen und Gemeinden zusammenarbeiten, um Teilhabe über die gesamte Lebensspanne zu fördern.“

Die Finanzierung bleibt ein Unsicherheitsfaktor. Derzeit arbeiten die Programmverantwortlichen daran, ArtTesters ab 2027 einen festen Platz im finnischen Staatshaushalt zu sichern. Art Testers wurde über den größten Teil seiner Laufzeit ausschließlich von zwei privaten Stiftungen getragen, die zwischen 2017 und 2027 insgesamt etwa 56 Millionen Euro in das Programm investiert haben. Staatliche Beiträge spielten bislang nur eine geringe Rolle: Bis 2024 deckte der Staat rund 16 Prozent des Gesamtbudgets. „Die Stiftungen werden ihre Förderung 2027 einstellen. Ohne ein langfristiges öffentliches Finanzierungsmodell kann das Programm danach nicht in der bisherigen Form fortgeführt werden“, erklärt der Programmleiter.

Kunst und Kultur entmystifizieren 

Anstatt kulturelles Wissen oder bestimmte Fähigkeiten vorauszusetzen, definiert das Programm kulturelle Teilhabe über gleichen Zugang, persönliche Erfahrung, emotionale Reaktion und kritische Reflexion. „Die Verantwortung, kulturelle Teilhabe zu ermöglichen, wird von den Familien genommen, und so zu einem normalen, gemeinsamen Bestandteil des Aufwachsens, statt zu einer Aktivität, die nur jenen vorbehalten ist, die über die wirtschaftlichen oder logistischen Mittel verfügen“, beschreibt Joonas Keskinen. Es sollte ein gesamtgesellschaftliches Ziel sein, bestehenden Ungleichheiten entgegenzuwirken und hochwertige kulturelle Erfahrungen für alle zu ermöglichen.

Text: Nina Hennecken