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Eine Bühne für das, was die Kinder mitbringen
Aus der Praxis

Eine Bühne für das, was die Kinder mitbringen

Musiktheatergruppe an der Grundschule Nordstraße, Bremen-Walle

veröffentlicht:
Thema
Teilhabe
Schlagworte
Demokratie • Kinderrechte • Prävention und Kindeswohl
Werner Hackbarth

Ansässig in Bremen-Walle, das laut verschiedener Statistiken einer der ärmsten Stadtteile in Deutschland ist, findet sich einmal pro Woche die Theater-AG an der Nordstraße zusammen. Die Teilnahme hängt nicht davon ab, wie voll der Kühlschrank zu Hause ist. Es geht um Zusammenhalt und darum, den Kindern aus dem Quartier eine Stimme zu geben.

Etwa 50 Kinder sitzen im Kreis auf dem Boden und klatschen in die Hände. Im Rhythmus nennt jedes Kind zweimal seinen Namen, stellt sich vor, wird von den anderen Kindern begrüßt. Für manche ist das leicht, für andere eine kleine Mutprobe. Die Vier- bis Zwölfjährigen treffen sich hier einmal in der Woche, um gemeinsam Theater zu spielen. Für viele Kinder aus Bremen-Walle und dem benachbarten Gröpelingen ist dieses Begrüßungsritual mehr als ein Spiel. Es ist ein Ort, an dem sie gesehen werden.

Was im kleinen Rahmen begann, hat sich mittlerweile zu einer festen Größe etabliert: die Musiktheatergruppe in den Räumlichkeiten der Grundschule an der Nordstraße. Vor 2014 kamen meist nur Verwandte oder Nachbar*innen zu den Aufführungen, maximal 20 bis 25 Kinder spielten mit. „Damals leitete ich die Gruppe allein“, erinnert sich Theaterpädagogin Angelika Hofner, die das Projekt ins Leben gerufen hat. Unterstützung kam gelegentlich von einem Elternteil oder einer Praktikantin.

Mit der Förderung aus dem Künste öffnen Welten-Programm der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ) änderte sich Vieles. Künstler*innen, Theater- und Tanzpädagog*innen konnten regelmäßig mitarbeiten, mithilfe der Bündnispartner konnten noch mehr Kinder erreicht werden. Die Gruppe wuchs.

Seit der Corona-Pandemie 2020 hat sich darüber hinaus eine Theatergruppe aus ehemaligen Theaterkindern gebildet. Sie spielen nicht nur selbst, sondern helfen auch in der Theater-AG der jüngeren Kinder aus, arbeiten zum Beispiel im Tandem mit Theaterpädagog*innen mit den Kindern. „Sie sind große Vorbilder“, beobachtet Mirjam Dirks, die seit 2014 Regie führt, „die Kleinen bewundern die Großen und sind ihnen sehr nah.“ Kleine wie große Kinder profitieren von der unterstützenden und fürsorglichen Verbindung.

Wo Kinderarmut sichtbar wird

Bremen gilt als ärmstes Bundesland Deutschlands: Fast jede dritte Person ist laut dem Landesverband Bremen des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband hier von Armut betroffen. In die Theatergruppe kommen Kinder aus Bremen-Walle und Gröpelingen, laut verschiedener Statistiken eines der ärmsten Stadtteile in Deutschland und in den Medien als „Problemviertel“ verschrien.

Wie unterschiedlich die Voraussetzungen für die teilnehmenden Kinder sind, zeigt sich deutlich, erzählt Angelika Hofner. Einige kommen nachmittags hungrig zu den Proben, obwohl sie bereits zu Hause waren. Dass es vor Ort etwas zu essen gibt, hebe Laune und Motivation. Es habe schon mehrfach den Fall gegeben, dass bei einer Familie der Strom abgeschaltet worden ist, weil die Familie die Rechnungen nicht bezahlen konnte. Auch andere Kinder aus der Gruppe konnten von solchen Sorgen berichten. „Solche Themen bringen wir auf die Bühne. Es nimmt dem Ganzen die Scham und wir bemerken, dass es die Kinder entlastet, darüber zu reden.“

Solche Themen bringen wir auf die Bühne. Es nimmt dem Ganzen die Scham und wir bemerken, dass es die Kinder entlastet, darüber zu reden.

Angelika Hofner, Leiterin des Theaterprojektes

Theater als Spiegel der natürlichen Lebensbedingungen

Lehrer*innen der kooperierenden Grundschule werden ermutigt auch Sprachanfänger*innen in die AG zu schicken. „Ihnen kann nichts Besseres passieren als Theater“, meint die Projektleiterin. In der Bewegung, im Tanz, im sprachlichen Wechsel von Flüstern und Schreien lernen sie ganz spielerisch sich auszudrücken.

Ob Migrationserfahrungen, Altersunterschiede oder unterschiedliche sozioökonomische Hintergründe: Die große Heterogenität ist eine wahnsinnige Chance für die Gruppe, weiß Angelika Hofner aus 35 Jahren Theaterprojekt-Erfahrung. Es herrsche weniger Konkurrenz untereinander und sei gleichzeitig ein Spiegel der natürlichen Lebensbedingungen. Damit unterscheidet sich die Theater-AG als Raum, wo Kinder und Jugendliche ihre Themen frei anbringen dürfen und in der Improvisation gestalten, erheblich von dem Setting einer Schulklasse, in der alle Kinder die gleiche Leistung trotz unterschiedlicher Voraussetzungen erfüllen müssen.  

Eine jugendliche Person auf einer Theaterbühne mit bunten Tüchern.
Copyright: Gebhard Hofner
Jugendliche performen auf einer Bühne.
Copyright: Gebhard Hofner
Copyright: Werner Hackbarth
Gebhard Hofner

Was das Theater bewirkt, zeigt sich leise und doch sehr deutlich. Schüchterne Kinder werden selbstsicherer, widersprechen, fordern ein, übernehmen Verantwortung. Auf der Bühne präsentieren sie dann, was sie gelernt haben. Auch bei Jugendlichen ist diese Wirkung zu sehen: „Ich habe von einer ehemaligen Teilnehmerin gehört, dass sie sich keine Sorgen vor ihrem Bewerbungsgespräch für einen Ausbildungsplatz gemacht habe. Sie könne reden und sich präsentieren, das habe sie beim Theater gelernt“, erzählt Angelika Hofner. Auch von den Eltern habe sie schon positive Rückmeldungen erhalten: „Eine fast 16-jährige Theaterteilnehmerin bat um ein Gespräch mit ihren Eltern, weil sie sich zu Hause nicht gesehen fühlte. Nach ein paar Stunden bedankten wir uns alle vier für das schöne Gespräch.“

Für die Theater-AG an der Nordstraße gehören die Aufführungen essenziell dazu und sind gleichzeitig Aushängeschild für ihren Stadtteil. „Wir wollen die Stigmatisierung unseres Viertels aufheben und vernetzen uns seit gut einem Jahr mit den Theaterschaffenden im Bremer Westen“, berichtet Mirjam Dirks. Mit Besuchen in anderen Bremer Stadtteilen, Theatern und Teilnahmen an Theaterfestivals präsentiert sich die Gruppe nicht nur selbstbewusst, sondern verdeutlicht: „Auch bei uns in Walle und Gröpelingen findet Kultur statt!“

Auch wenn die Theater-AG bereits Krisen, wie die Corona-Pandemie überstanden hat, sorgt sich die Theaterpädagogin um die Zukunft: „Wir wünschen uns mehr Planungssicherheit“, sagt sie, „nicht aus Bequemlichkeit, sondern für die Kinder.“ Orte, wie diese sind für einige der Kinder aus Bremen Gröpelingen mehr als ein Hobby, sondern Halt, Stimme und Bühne zugleich.

Text: Nina Hennecken

Weitere Infos zum Musiktheaterprojekt

Förderung

Die Theater-AG an der Nordstraße wird gefördert im Programm „Künste öffnen Welten“ der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ) im Rahmen des Gesamtprogramms „Kultur macht stark“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

Bündnispartner