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Ein Schutzkonzept für ein Theaterfestival entsteht nicht von allein 
Interview

Ein Schutzkonzept für ein Theaterfestival entsteht nicht von allein 

Im Gespräch mit Valerie Eichmann, Kinder- und Jugendtheaterzentrum (KJTZ) und ASSITEJ e.V. 

veröffentlicht:
Thema
Prävention und Kindeswohl
Schlagworte
Prävention und Kindeswohl • Schutzkonzept
Valerie Eichmann

Schutz entsteht dort, wo junge Menschen mitgestalten: Im Interview erklärt Valerie Eichmann, wie die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen bei der Entwicklung eines Schutzkonzepts sie stärkt, sichere Räume schafft und sexualisierter Gewalt präventiv begegnet.

Valerie Eichmann ist Referentin für Kinder- und Jugendbeteiligung beim Kinder- und Jugendtheaterzentrum in der Bundesrepublik Deutschland unter Trägerschaft von ASSITEJ e. V. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit ist es, Beteiligungsformate mit und für Kinder und Jugendliche zu entwickeln, damit sie beim bundesweiten „AUGENBLICK MAL!“‒ Festival des Theaters für junges Publikum mitgestalten können. 

Ein Schutzkonzept entsteht nicht von allein. Wieso ist es wichtig, Kinderschutz gerade jetzt zu verankern?  

Die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen ist für uns ein wachsendes und strukturveränderndes Aufgabenfeld geworden. Wir wollen, dass junge Menschen an Kultur teilhaben, ihre Perspektiven einbringen können und all das in einem sicheren Umfeld passiert. Ein partizipativ entwickeltes Schutzkonzept ist daher folgerichtig und ein Instrument, um präventiv, transparent und im Ernstfall sicher zu handeln.

Durch die Förderung von „Start2Act“ können wir jetzt auch unser Schutzkonzept sowie ein Rahmenschutzkonzept für Kinder- und Jugendtheater entwickeln. 

Bei Ihrer Arbeit stehen junge Menschen im Mittelpunkt. Wie verbinden Sie die Themen Beteiligung mit dem Thema Schutz vor sexualisierter Gewalt?   

Beteiligung stärkt Selbstwirksamkeit, Selbstvertrauen und die Fähigkeit, eigene und die Grenzen anderer zu erkennen und zu benennen. All das sind Schutzfaktoren gegen sexualisierte Gewalt. Deswegen ist es wichtig, junge Menschen zu empowern, ihre eigene Meinung mitzuteilen und Grenzen zu kommunizieren. Gleichzeitig darf Schutz nicht allein auf der individuellen Ebene ansetzen: Es ist ebenso wichtig, dass Fachkräfte lernen, die Grenzen junger Menschen wahrzunehmen und zu respektieren, auch wenn sie nicht ausdrücklich von ihnen formuliert werden.  

Bei der Erarbeitung des Schutzkonzepts gemeinsam mit den beteiligten Gruppen haben wir das Potenzial der Darstellenden Künste für junges Publikum genutzt: theater- und tanzpädagogische Übungen, ästhetische Erfahrungen sowie die Reflexion des Gesehenen und Erlebten. Ein Highlight war der Selbstbehauptungsworkshop mit Mitgliedern der Jugendgruppe, denn ein lautes „Nein“ muss geübt sein.  

Unser Ziel bei der Gestaltung von Beteiligungsprozessen ist, diese von Anfang an adultismuskritisch, sicher und transparent zu gestalten. Mit der Entwicklung des Schutzkonzeptes kam die Enttabuisierung des Themas sexualisierte Gewalt hinzu und eine interne Vertrauensstelle, die unabhängig von den Anleiter*innen der Gruppen kontaktiert werden kann. So entsteht ein Raum, in dem sowohl das Empowerment von jungen Menschen als auch die Verantwortung der Institution zusammengedacht werden.  

Ihr Schutzkonzept entsteht parallel zu Ihrer Festival- und Beteiligungsarbeit. Wieso ist es wichtig, dass es im laufenden Betrieb entwickelt wird?   

Wir hatten das Glück, dass die Phase der Entwicklung des Schutzkonzeptes kurz vor dem Festival „AUGENBLICK MAL! 2025“ begonnen hat, bei dem eine Kinder- und eine Jugendgruppe beteiligt war. Vor allem bei der Risiko- und Potenzialanalyse wurden die Teilnehmer*innen der Gruppen eingebunden und Gefahrenpotenziale identifiziert, die Erwachsene weniger als solche wahrnehmen. Zum Beispiel möchten wir unsere räumlichen Gegebenheiten bewusst gestalten. Dazu gehört, die gemütlichen Ecken mit großen Kissen zu überdenken. Sie laden zwar zum Entspannen ein, können jedoch auch Unbehagen auslösen. Ebenso wollen wir enge Räume wie Aufzüge oder gedrängte Situationen beim Theatereinlass vermeiden, etwa durch klare Wegeleitungen oder die Möglichkeit eines früheren Einlasses.   

Besonders wertvoll für unsere Arbeit war die direkte Beteiligung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, die alle das gleiche Festival besucht hatten. Durch den Austausch ihrer unterschiedlichen Wahrnehmungen und Erfahrungen konnten wir viele verschiedene Perspektiven einbeziehen. Unser Ziel war es, das Schutzkonzept praxisnah zu entwickeln – so, dass es den realen Gegebenheiten entspricht und von allen Mitarbeiter*innen unserer Organisation mitgetragen wird.  

Kann ein Schutzkonzept jemals wirklich ‚fertig‘ sein? Wie arbeiten Sie mit dem Thema weiter?  

(K)Ein Ende in Sicht?! Dieser Satz fällt mir zur Frage ein. Es ist ein bestärkendes Gefühl zu wissen, dass unsere Organisation über ein Schutzkonzept für Kinder und Jugendliche vor sexualisierter Gewalt verfügt. Dieses Konzept soll vor allem präventiv wirken. Es führt zu größerer Sensibilität für Orte und Situationen, bringt Handlungssicherheit und damit Schutz. Gleichzeitig wissen wir, dass die Auseinandersetzung mit Kinderschutz ein anhaltender Prozess ist, dem wir uns als lernende Organisation verpflichtet fühlen.  

In Workshops, Gesprächen und bei den Entwurfsfassungen haben wir uns mit Themen des Schutzkonzepts auseinandergesetzt und wir können sagen, dass wir geschlossen dahinterstehen. Für die Öffentlichkeit wird es auf unserer Website zu finden. Neue Mitarbeiter*innen und Honorarkräfte, neue Jugendliche, neue Ehrenamtliche, neue Kinder und Sorgeberechtigte – alle müssen zu Beginn ihrer Zusammenarbeit mit uns informiert und sensibilisiert sein.

Vor dem nächsten „AUGENBLICK MAL!“-Festival wird eine interne Arbeitsgruppe prüfen, welche Inhalte weiterhin Bestand haben und wo Überarbeitungen notwendig sind. Danach ist die Überarbeitung alle zwei Jahre geplant.

Das Gespräch ist im Rahmen des Programms „Start2Act“ der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ) entstanden. Das Programm unterstützt Träger der Kulturellen Bildung bei der Prävention sexualisierter Gewalt. „Start2Act“ wird finanziert von der Europäischen Union.

Im Gespräch mit BKJ-Mitglied:

Logo ASSITEJ

Die ASSITEJ Bundesrepublik Deutschland hat rund 500 Mitglieder in ganz Deutschland, die sich für die Darstellenden Künste für junges Publikum engagieren. In sechs regionalen Arbeitskreisen arbeiten die Mitglieder eng zusammen, gestalten Festivals und sind Ansprechpartner der Kultur- und Bildungspolitik in den Ländern. Die Association Internationale du Theatre pour l’Enfance et la Jeunesse (Internationale Vereinigung des Theaters für Kinder und Jugendliche) ist weltweit aktiv. Die ASSITEJ Deutschland ist Träger des Kinder- und Jugendtheaterzentrums in der Bundesrepublik Deutschland (KJTZ).

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