Each one teach one: Peer-to-Peer als partizipativer Ansatz
Inklusives Hip-Hop-Projekt TALK, adis e. V., Tübingen/Reutlingen
Inklusives Hip-Hop-Projekt TALK, adis e. V., Tübingen/Reutlingen
In einer Schulung zum Kinder- und Jugendschutz geht es gerade um Verhaltenstipps für heikle Situationen. Wieder draußen schauen sich die teilnehmenden Mitarbeiter*innen und jugendlichen Peer-to-Peer-Coaches vom TALK-Projekt fragend an. „Uns war schnell klar: Diese Tipps müssen wir für uns anpassen“, sagt Maria Kechaja. „In bestimmten Situationen die Polizei zu rufen, ist für Jugendliche mit Rassismuserfahrungen nicht immer eine gute Lösung.“
In bestimmten Situationen die Polizei zu rufen, ist für Jugendliche mit Rassismuserfahrungen nicht immer eine gute Lösung.
Maria Kechaja, Empowerment-Coach
Maria Kechaja ist Empowerment-Coach und koordiniert das Projekt TALK für den Verein adis. Hier lernen junge Menschen im Alter von 14 bis 27 Jahren ihre Erfahrungen mit Diskriminierung kreativ im Rap oder Hip-Hop-Tanz auszudrücken und zu verarbeiten. Sie werden dabei begleitet und ermutigt von professionell ausgebildeten Menschen wie Maria Kechaja oder der ehemaligen Tanzcoachin und Mitbegründerin Teresa Ceran. Sie lernen es aber auch von gleichaltrigen ausgebildeten Peer-to-Peer-Coaches.
„Die Idee des Peer-to-Peer-Coachings kam von den Jugendlichen selbst“, berichtet Maria Kechaja. Das Prinzip heißt „each one teach one“ und meint, dass man sich gegenseitig etwas beibringt, nicht nur Skills wie Texten im Rap oder Schritte im Hip-Hop-Tanz, sondern auch Respekt und Umgang mit schmerzvollen Erfahrungen.
Nach und nach übernehmen ehemalige Teilnehmer*innen zunächst als Co-Coaches und später als Coaches Verantwortung, bis sie zu zweit eigenständig einen Workshop leiten. Die professionellen Coaches führen sie in Themen wie künstlerische Didaktik, aber auch Projektplanung oder Finanzierung ein und beteiligen sie an wichtigen Entscheidungen. „Für uns erwachsene Coaches bedeutet das, uns selbst nicht allzu wichtig zu nehmen“, beschreibt Maria Kechaja. Auch die Jugendlichen müssen in ihre Rolle hineinwachsen. Es sei für sie ungewohnt, dass Fehler erlaubt sind und sie dafür nicht verurteilt werden. Der Effekt: Das Selbstbewusstsein wächst. Rap-Co-Coach Lenzio ist selbst erstaunt: „Ich hätte nie gedacht, dass ich anderen etwas vermitteln kann.“
Es ist dann auch eine der Peer-Coaches, die vorschlägt: „Wir brauchen dringend ein passendes Schutzkonzept.“ Ein Schutzkonzept, das passt, stellt die besondere Verletzlichkeit der Jugendlichen in den Mittelpunkt. Denn für die Teilnehmer*innen, die mehrfach von Diskriminierung aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft, einer Behinderung, sexueller Orientierung oder ihres Geschlechts betroffen sind, sind sexuelle Belästigung, Übergriffe und Gewalt oft zusätzlicher alltäglicher Teil ihrer Lebenswelt. BIPoC-Mädchen beispielsweise werden exotisiert und erhalten „extrem ekelhafte“ Nachrichten von Männern, darunter auch Dickpics, wie Maria Kechaja erzählt. Auch Missbrauch und Vergewaltigung kommen immer wieder vor. Jungen mit zugeschriebenen oder tatsächlichen migrantischen Wurzeln fühlen sich, ausgelöst durch Medienberichte wie nach der Kölner Silvesternacht, unter Generalverdacht der Täterschaft gestellt.
Um die Erfahrungen und Bedürfnisse der Jugendlichen zum Kern eines diskriminierungskritischen Schutzkonzeptes zu machen, hat das Team den gesamten Prozess der Erarbeitung partizipativ angelegt. In mehreren Klausuren befassten sich zunächst das gesamte Team, Teilnehmer*innen und Peer-Coaches mit den Schutzkonzepten anderer Einrichtungen. „Wir haben dann auch über eigene Erfahrungen erzählt“, berichtet Teresa Ceran. Dabei seien unglaublich viele Beispiele hochgekommen.
Wir wollen in die Tiefe gehen und alle Stimmen zu Wort kommen lassen.
Maria Kechaja, Empowerment-Coach
„Für die gemeinsame Arbeit am Schutzkonzept ist außerdem hilfreich, dass die Peer Coaches – anders als wir selbst – die Perspektiven der Teilnehmer*innen, der Co-Coaches und der Coaches aus eigener Erfahrung kennen“, sagt Maria Kechaja. Alle Aspekte sollen nun auch in das Schutzkonzept einfließen. Das braucht Zeit. Zeit, die sich die Beteiligten nehmen wollen: „Wir wollen in die Tiefe gehen und alle Stimmen zu Wort kommen lassen.“
Dass die Jugendlichen offen nicht nur über ihre Diskriminierungserfahrungen, sondern auch über ihre schmerzvollen Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt erzählen, hat mit den gewachsenen vertrauensvollen Beziehungen untereinander im Projekt zu tun: Die Rap- und Hip-Hop-Tanzworkshops laufen über ein ganzes Jahr lang. „Wir geben viel Raum zum Sprechen. Bei den wöchentlichen Meetings beispielsweise kann jede*r von den ‚Top‘- und ‚Flop‘-Erfahrungen der Woche berichten. So kommen viele Erlebnisse auf den Tisch“, erzählt Teresa Ceran.
Es erfordere viel Fingerspitzengefühl, sensibel mit den teilweise traumatischen Erfahrungen umzugehen, um nicht alte Wunden aufzureißen. Die Coaches bieten den betroffenen Jugendlichen Einzelgespräche an, sie können aber auch die Erlebnisse mit den anderen in der Gruppe teilen oder künstlerisch in Form von Rap-Texten oder Hip-Hop-Moves bearbeiten. Entscheiden tun diese selbst, alles ist erlaubt. Wer den kreativen Weg wählt, wird ermutigt, die eigene künstlerische Stimme zu finden, um Erfahrungen auszudrücken.
So entsteht zwischen den Teilnehmer*innen, den professionellen Coaches und den Peer-Coaches ein Vertrauensverhältnis, das manche mit dem in einer Wunschfamilie vergleichen, die sie oft zu Hause nicht haben.
Ein Schutzkonzept in derart vertrauensvollen Strukturen brauche viel ehrliche Selbstreflexion. Das gelte sowohl in der Bestandsaufnahme der Fallstricke wie auch der Stärken, erklärt Maria Kechaja. In familienähnlichen „nahen“ Strukturen beispielsweise sei es manchmal viel schwieriger, eigene Grenzen zu spüren und diese gegenüber der Vertrauensperson zu äußern, etwa wenn man körperlich berührt werde.
Der Umgang mit Nähe und Distanz sei auch für die Peer-to-Peer-Coaches nicht immer einfach, wenn es zum Beispiel darum gehe, mit den anderen im Club zu feiern oder Freundschaften zu schließen. „Hier haben wir gemeinsam Verhaltensregeln aufgestellt, an die sich jede*r halten muss“, beschreibt Maria Kechaja.
Ehrlich gemeinte Partizipation bedeutet für die Koordinatorin Maria Kechaja und Mitbegründerin Teresa Ceran, Macht und Verantwortung an Peer-to-Peer-Coaches und Teilnehmer*innen abzugeben. „Die Stimmung ist anders, wenn ich im Raum bin. Ich ziehe mich bewusst zurück, selbst wenn sie zunächst möchten, dass ich bleibe. So entsteht ein Raum, in dem sie wirklich eigenständig Verantwortung übernehmen lernen“, sagt Teresa Ceran.
„Hierarchien und Macht können nun mal Machtgefälle und Gewalt fördern“, ergänzt Maria Kechaja. Deshalb sollten kulturelle Organisationen ehrlich reflektieren, wie partizipativ sie überhaupt aufgestellt sind. Nur wer bereit sei, sich selbst und seine Hierarchien grundsätzlich in Frage zu stellen, könne Prozesse wirklich partizipativ gestalten.
Text: Christina Budde