- Thema
- Bildungslandschaften
- Schlagworte
- Kommunales Bildungsmanagement • Kooperation
Antje Materna ist Projektleiterin für die Fachstelle Kulturelle Bildung im kommunalen Bildungsmanagement der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ).
Dritte Orte als strategische Ressource für Bildung und Inklusion
Dritte Orte sind in den letzten Jahren zunehmend in den Fokus kommunaler Entwicklungsstrategien gerückt. Mit ihnen verbindet sich die Hoffnung, Bildungs- und Teilhabechancen unter den Bedingungen wachsender sozialer Ungleichheiten, des demografischen Wandels und der zunehmenden Heterogenität der Bevölkerung neu zu gestalten. Dritte Orte haben in der Tat das Potenzial, gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen, Gemeinschaft zu stärken und lebensbegleitende Bildung jenseits formaler Institutionen neu zu denken. Für Kommunen stellt sich somit die Frage, wie Dritte Orte strategisch genutzt und weiterentwickelt werden können, um teilhabeorientierte Bildungslandschaften auf Basis eines weiten Inklusionsverständnisses zu stärken.
Das Konzept der Dritten Orte
Doch was sind Dritte Orte eigentlich? Der Begriff geht zurück auf den amerikanischen Soziologen Ray Oldenburg, der in den 1980er Jahren Dritte Orte als Räume beschrieb, die jenseits von Wohnort (Erster Ort) und Arbeitsplatz (Zweiter Ort) liegen. Oldenburg verstand Dritte Orte als „home away from home“ – öffentliche Treffpunkte des Alltags, wie etwa Cafés, Buchläden, Bars oder Friseursalons, in denen Menschen informell zusammenkommen, sich austauschen und Gemeinschaft erfahren. Sie zeichnen sich durch ihre gute Erreichbarkeit aus, durch soziale Offenheit, eine hierarchiearme Atmosphäre sowie Kommunikation als zentraler Aktivität. Über ihre Funktion als informelle Treffpunkte hinaus haben Dritte Orte somit eine gesellschaftliche Bedeutung: Sie können das Gemeinschaftsgefühl stärken, soziale Beziehungen fördern und lokale Resilienz gegenüber sozialen und politischen Herausforderungen erhöhen, indem sie demokratische Aushandlungsprozesse ermöglichen.
Während Oldenburgs Ansatz ursprünglich urbane Kontexte adressierte, wird das Konzept heute weiter gefasst. Seit den 2020er Jahren greifen Kommunen und Förderprogramme in Deutschland verstärkt auf die Idee der Dritten Orte zurück, um soziale Infrastruktur zu stärken und auf veränderte Bildungsbedarfe zu reagieren – auch und gerade in ländlichen Regionen. Bibliotheken, Kulturzentren, Quartierstreffs oder auch leerstehende Gebäude, öffentliche Plätze und multifunktionale Dorfzentren werden gezielt als Dritte Orte weiterentwickelt. Dabei geht es nicht allein um Aufenthaltsqualität, sondern um Orte, die Lernen, Begegnung und Mitgestaltung verbinden.
Zunehmend werden Dritte Orte auch mit dem Konzept der Sozialen Orte verknüpft. Nach Claudia Neu sind Soziale Orte gemeinschaftlich nutzbare Räume mit geringen Zugangsbarrieren. Dort können Menschen geplant oder spontan zusammenkommen. Sie sind Kommunikationsorte, an denen man sich über Generationen- und Milieugrenzen hinweg kennenlernen und soziale Bindungen verstärken kann.
Auch können sie Orte der Verhandlung, Konfliktaushandlung und Zukunftsgestaltung sein. Soziale Orte entstehen im Zusammenwirken von kommunaler Verwaltung, Zivilgesellschaft und lokaler Wirtschaft. Sie reagieren häufig auf den Verlust sozialer Infrastruktur und entfalten zugleich neue Bindekräfte. Soziale Orte stehen für eine „Kunst des Möglichen auf lokaler Ebene“, die mit begrenzten Ressourcen viel bewirken kann. Gerade in ländlichen oder strukturschwachen Regionen können sie zu zentralen Ankerpunkten der Regionalentwicklung werden.
Potenziale Dritter Orte für Bildung und Inklusion
In einer erweiterten Begriffsdefinition müssen Dritte Orte nicht unbedingt physisch existierende Räume sein. Alles, was Kommunikation und Vernetzung ermöglicht, was Freiräume für neue Ideen, Kreativität und soziale Innovation ermöglicht, kann als Dritter Ort bezeichnet werden. Sie bieten besondere Potenziale für Bildung über alle Lebensphasen hinweg. Als sozial offene Bildungsräume außerhalb von Institutionsgrenzen, die immer wieder neu und immer wieder anders sind, wo Bestehendes in Frage gestellt, Neues ausprobiert und Fehler gemacht werden können, sind sie unverzichtbar und heute vielleicht sogar wichtiger denn je (vgl. Wimmer 2021: 14). Dritte Orte bieten Lerngelegenheiten jenseits von Lehrplänen, ermöglichen generationenübergreifendes Lernen und stärken Selbstwirksamkeit durch Mitgestaltung. Nonformale und informelle Kulturelle Bildung sowie Demokratiebildung finden genau an diesen Orten statt.
Für Kommunen sind Dritte Orte daher relevant für Fragen der Bildungsgerechtigkeit, struktureller Ungleichheit und Inklusion. Deutschland verfügt über ein historisch gewachsenes, selektives Bildungssystem, das im Spannungsverhältnis steht zum Anspruch, Bildung für alle zugänglich und inklusiv zu gestalten. Zugänglichkeit bedeutet dabei mehr als bauliche Barrierefreiheit und Inklusion mehr als die Integration einzelner Gruppen in bestehende Strukturen. Zugänge zu Bildung sind durch eine Vielzahl von Faktoren, wie etwa Sprache, soziale Herkunft, Behinderung, Alter oder Geschlecht geprägt und begrenzt. Es ist daher unerlässlich, die unterschiedlichen Heterogenitätsdimensionen miteinander zu verschränken und im Zusammenhang zu betrachten. Inklusion ist somit kein technischer Prozess, sondern ein gesellschaftlicher Aushandlungsraum, der Machtverhältnisse, Zugänge und Teilhabechancen sichtbar macht sowie neu verhandelt (vgl. Falkenstörfer 2025: 35).
Dritte Orte können diese Aushandlungs- und Erprobungsräume sein. Mit ihrer sozialen Offenheit, der Möglichkeit für vielfältige Nutzungen und Mitgestaltung, können sie physische, kulturelle und kommunikative Barrieren insbesondere für marginalisierte Gruppen abbauen. Sie können auf die Bedürfnisse und Interessen der Menschen eingehen, die sie nutzen und dadurch Zugehörigkeitsgefühl und gesellschaftliche Teilhabe fördern. Sie können Räume sein, in denen bestehende Exklusionsmechanismen des Bildungssystems in Frage gestellt und neu verhandelt werden.
Bedingungsfaktoren und kommunale Gestaltung
Dritte Orte entstehen jedoch weder im luftleeren Raum noch sind sie per se inklusive Bildungsorte. Räume und Orte sind nicht neutral: Sie sind sozial produziert und reproduzieren bestehende Ungleichheiten durch ihre Gestaltung, ihre Programme oder implizite Zugangshürden (vgl. Löw 2001). Sie können Teilhabe daher ebenso ermöglichen wie ausschließen. Entscheidend ist daher nicht allein das Vorhandensein eines Ortes, sondern seine bewusste Entwicklung und Gestaltung. Das inklusive Potenzial Dritter Orte entfaltet sich erst durch das gezielte Zusammenspiel von Raum, engagierten Akteur*innen, Nutzer*innen, Ressourcen, unterstützenden Rahmenbedingungen und langfristigen Perspektiven.
Kommunen kommt bei der Entwicklung Dritter Orte eine Schlüsselrolle zu. Sie können strategisch Rahmenbedingungen schaffen, indem sie öffentliche Infrastrukturen sichern, partizipative Prozesse ermöglichen, finanzielle wie strukturelle Freiräume gewähren sowie Kooperationen zwischen Verwaltung, Zivilgesellschaft und Wirtschaft fördern. Statt kurzfristiger Projektlogiken ist dabei ein langfristiger Prozessansatz, der Zeit, Ressourcen und Offenheit in Verwaltung und Politik erfordert, entscheidend. Denn Dritte Orte entwickeln sich nicht gegen öffentliche Strukturen, sondern mit ihnen (vgl. Neu 2020: 201).
Dritte Orte als Katalysatoren für Bildung und Inklusion
Inklusion, als Partizipations-, Mitwirkungs- und Zugangsrecht, mitsamt dem Recht auf Bildung, ist kein Zustand, sondern ein Prozess und kontinuierliche Aufgabe. Um Inklusion also zu entwickeln, muss die grundlegende Umgestaltung des Bildungssystems zu einer inklusiven Bildungslandschaft im Mittelpunkt stehen. Ebenso wie Inklusion ein Prozess ist, können auch Dritte Orte keinen idealen Zustand von Inklusion herstellen. Dennoch können sie als Katalysatoren für eine inklusivere Bildungslandschaft wirken und einen substanziellen Beitrag zu ihrer Gestaltung leisten. Sie sind ausgerichtet auf die Bedarfe mehrerer Gruppen und zielen auf Teilhabe sowie gemeinschaftliche Gestaltung. Sie bieten Freiräume für Kreativität, fördern soziale Innovationen, freiwilliges Engagement und lebensbegleitendes Lernen. Wenn Kommunen Dritte Orte strategisch einbinden und bewusst inklusiv gestalten, ermöglichen sie Austausch, erweitern Zugänge, stärken den sozialen Zusammenhalt und gestalten Bildung als gemeinschaftliche Aufgabe gerechter.
Der Beitrag ist erstveröffentlicht in „Dritte Orte – Wege inklusiver kommunaler Bildungsentwicklung“ der REAB Niedersachsen/Transferagentur Niedersachsen e. V. (2026).