- Thema
- Prävention und Kindeswohl
- Schlagworte
- Digitalität • Medienbildung • Partizipation • Schutzkonzept
Digitale Räume sind längst zum selbstverständlichen Teil jugendlicher Lebenswelten geworden. Wie können Kulturelle Bildung und Prävention zum Schutz junger Menschen in diesen Räumen zusammengedacht werden, ohne in Alarmismus oder unkritische Euphorie zu verfallen?
Von Christian Grüner
Christian Grüner ist Pädagoge, Mediator, Fachkraft für Prävention und Intervention in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen im Themenfeld Sexualisierte Gewalt sowie Fachkraft zur medienpädagogischen Arbeit.
Zur Relevanz digitaler Räume und Möglichkeiten für junge Menschen
Wir leben in einer medial geprägten Welt und werden täglich auch mit digitalen Inhalten und Geräten konfrontiert, ob im privaten oder beruflichen Kontext, zu unterschiedlichen Tageszeiten und zu verschiedensten Zwecken. Die Nutzung internetfähiger Endgeräte und mittels dieser zugänglicher Daten ist fester Bestandteil unseres Alltags (geworden). Zwangsläufig kommen auch Kinder und Jugendliche regelmäßig mit diesen in Kontakt, ob nun passiv beobachtend oder aktiv nutzend.
Wenn Kinder ganz selbstverständlich mit Smartphone, Tablet und Smart-TV aufwachsen – wir nennen sie ‚digital natives‘, bzw. ‚digital residents‘ – besitzen sie entsprechend weniger Berührungsängste und zeigen sich bereits häufig schon in frühen Jahren (vermeintlich) nutzungskompetent. Wichtig ist hierbei der Unterschied zwischen Nutzungskompetenz (also der Fähigkeit Geräte entsprechend handlungssicher bedienen zu können und um deren Einsatzmöglichkeit zu wissen) und Medienkompetenz (der Fähigkeit sich im digitalen Raum sicher und kompetent zu bewegen und partizipieren zu können).
Eine Übersicht über das Nutzungsverhalten junger Menschen findet sich in vielen Studien, doch was ihnen allen gemeinsam ist, ist die Erkenntnis, dass Kinder und Jugendliche bereits sehr früh sowie häufig Zugang zu mobilen Endgeräten und somit digitalen Inhalten haben.
Potenziale und Chancen aus Sicht junger Menschen
Doch was bringt diese digitale Spielwiese mit sich, das sie so attraktiv und reizvoll macht? Faktisch alles! Gemäß des Triple-A-Enginge-Modells nach Cooper (vgl. Cooper 1998) besticht das Internet durch seine (vermeintliche) Anonymität, Bezahlbarkeit und gute Verfügbarkeit. Ob soziale Kontakte, gesellschaftliche Teilhabe, Wissensaneignung, Alltagshilfen, Ausleben kreativer Impulse, Spiele oder einfach nur Unterhaltung und Beschallung – quasi immer erreichbar liefert die digitale Welt verlässlich ab.
Junge Menschen finden hier einen Raum, in dem sie an ihrem Selbstbild arbeiten, ihre Identität formen und Lebensmodelle erproben können – und das ohne die Kontrolle erwachsener Menschen. Sie können in Rollen schlüpfen, sich ausprobieren und soziale Kontakte knüpfen bzw. pflegen und somit zentralen Aufgaben der jugendlichen Entwicklung nachkommen. In selbstgewählten Schutzräumen und Settings können sie sich sensibilisieren und bilden, eben auch zu möglicherweise schambehafteten, persönlichen oder intimen Themen. Musik, Videos und Bilder stehen kostenfrei zur ständigen Verfügung . Aus der Sichtweise junger Menschen finden sich diese in einem modernen Schlaraffenland wieder.
Den Ist-Zustand anerkennen
Gleichwohl als erste Reaktion erwachsener und begleitender Menschen oft ein erhobener Zeigefinger mit einhergehender Warnung vor Gefahren und Risiken auftaucht, muss grundsätzlich und ganz neutral anerkannt werden, welche enorme Bedeutung der digitale Raum für junge Menschen hat. Diese Tatsache nicht entsprechend zu registrieren und wertzuschätzen, bedeutet die Augen vor der Lebenswelt junger Menschen zu verschließen bzw. diese abzuwerten. Ob jene Begeisterung und Bedeutung (emotional) nachvollzogen werden kann, ist hierbei nicht das zentrale Thema. Doch in (Arbeits-)Beziehung mit Jugendlichen zu kommen, erfordert die Offenheit ihre Themen und Interessen zu erfahren und aufzugreifen.
Oder, um es in den Worten einer jugendlichen Teilnehmerin eines Workshops zu formulieren: „Ist doch egal, ob ich denke, dass es gut ist, dass wir von Medien umgeben sind. Es ist jetzt halt so!“
Die Angst vor dem Unbekannten oder die Potenziale des Unbekannten?
Prävention soll an dieser Stelle zum einen als Primärprävention verstanden werden, zum anderen ist es wichtig, in gleicher Weise Maßnahmen der Tertiärprävention mit einzubeziehen. Sie soll also so gedacht sein, dass die Chance auf das Eintreten schädigender Folgen bereits im Vorfeld minimiert werden soll und ebenso bei doch stattfindenden Situationen ein Lerneffekt erfolgt, der die Wahrscheinlichkeit eines erneuten Auftretens reduzieren kann.
Zentrale Begriffe der Schutz- und Präventionsarbeit im Kontext (sexualisierter) Gewalt
Prävention umfasst Maßnahmen, die in einer Einrichtung oder Institution ergriffen werden, um (sexualisierte) Gewalt zu verhindern, zu erkennen und zu beenden. Dabei lässt sich zwischen Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention unterscheiden.
Die vorbeugenden Maßnahmen werden der Primärprävention zugeordnet.
Die Sekundärprävention bezieht sich auf das Erkennen von (sexualisierter) Gewalt und die Intervention, also das sensible Eingreifen und Beenden.
Die Tertiärprävention bezeichnet die Nachsorge, also die Unterstützung aller Betroffenen und die Aufarbeitung mit dem Ziel, weitere Taten zu verhindern.
So vielfältige Möglichkeiten digitale Räume mit sich bringen, so vielfältig sind auch die Risiken, die sich für junge Menschen ergeben können. Mit Blick auf das Themenfeld sexualisierte Gewalt geht es häufig um Cyber-Grooming, Konfrontation mit altersunangemessenen Inhalten wie Pornografie oder im Zuge von non-konsensuellem Sexting sowie strafrechtlich relevanten Bild- und Videoaufnahmen. Problematische Kontaktaufnahmen, Manipulationen und Abhängigkeiten entstehen so schnell, dass sie in der jeweiligen Situation oft nur schwer erkenntlich sind. Ein fehlendes Wissen über Normen und Recht im digitalen Raum kommt erschwerend hinzu.
Präventive Ansätze in digitalen Räumen
Ein ganz zentraler Aspekt ist die Tatsache, dass wir nicht mehr zwischen einer Online-Lebenswelt und einer Offline-Lebenswelt differenzieren können, da beide stark miteinander verbunden sind. Und genau hier gilt es auch in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen anzusetzen. Die Dinge, die digital erlebt werden, hinterlassen analog Gefühle, Reaktionen und Eindrücke. Mediennutzer*innen müssen darin gestärkt werden eben diese realen Emotionen wahrzunehmen, ernst zu nehmen und entsprechende Schlüsse zu ziehen. Ein schlechtes Bauchgefühl bei unangenehmen Chatverläufen ist eben auch ein Warnsignal für digitale soziale Interaktionen. Zweifel, ob ich Informationen und Persönliches von mir preisgeben sollte, ist im Analogen wie im Digitalen spürbar und ein Hinweis.
Folglich muss Prävention für digitale Räume nicht neu erfunden, sondern transferiert werden können. Natürlich sind die Vielfalt, Frequenz und Intensität des Auftretens gefahrbringender Situationen online um ein Vielfaches höher bzw. komplexer, doch unterscheiden sich die dahinterstehenden Dynamiken und Bedürfnisse meist nicht von denen der analogen Welt.
Anforderungen an Erwachsene und begleitende Menschen
All das berücksichtigt, ergibt sich eine Situation, in der sich Menschen, welche Kinder und Jugendliche begleiten und ihre Entwicklung fördern dürfen, über folgende Dinge bewusst sein müssen: Im Austausch und der Arbeit mit jungen Menschen können und dürfen digitale Themen und Aspekte, die nicht ausschließlich online existieren, sondern sich gegenseitig bedingen, nicht ausgeklammert und ignoriert werden. Sie müssen mindestens berücksichtigt und mitgedacht, besser noch aktiv thematisiert und in Projekte integriert werden. Gleichwohl dies für die Praxis nicht bedeutet, dass Angebote nur noch mit Zuhilfenahme smarter Geräte oder digitalen Contents stattfinden sollen. Man muss man sich jedoch im Klaren sein, dass Online-Inhalte und -erlebnisse nicht nur Potenziale mit sich bringen, sondern auch schlichtweg allgegenwärtig sind.
Folglich benötigt es eine gute Portion Offenheit und die Bereitschaft, sich auf neue Impulse einzulassen, die unter Umständen nicht den eigenen Vorstellungen und Planungen entsprechen. Ein Interesse an Lebenswelten und Interessensgebieten junger Menschen, mit denen man in Kontakt kommt und arbeitet, ist gleichermaßen nötig wie förderlich. Das bedeutet nicht, dass man binnen kürzester Zeit zum Fachmenschen für jugendlichen Medienkonsum avancieren muss. Eher, dass man interpersonelle Räume zum Austausch in Bezug auf Medieninhalte schaffen sollte, die gerne auch von den jungen Menschen selbst gefüllt werden dürfen.
Ganz konkret kann man sich beispielsweise erkundigen, welche zuletzt gesehenen Videos oder Fotos zum aktuellen Thema, welches man bearbeitet, passen. Auch die Frage nach inspirierendem Gesehenen wird vermutlich zu medialem Content führen. Natürlich ist es auch möglich die Kinder und Jugendlichen zu fragen, ob Clips, Audios oder Bilder in den aktuellen Prozess mit eingebunden werden können. Die Anforderungen an Fachkräfte sind hierbei folglich weniger das (Be-)Lehren oder Qualifizieren, sondern die gemeinsame Auseinandersetzung und Signalisieren eines Angebots der Besprechbarkeit.
Partizipation digital denken
Wie bereits erwähnt, besteht eine fundamentale Aufgabe darin, bereits Vorhandenes und Bekanntes auf digitale Räume zu übertragen. Das bezieht sich auch auf den Aspekt der Partizipation von Teilnehmer*innen sowie die Frage, wie diese smart gelingen kann.
Beginnend bei einer Kultur der Teilhabe bieten digitale Tools gute und leicht umsetzbare Möglichkeiten, konkrete Fragestellungen bearbeiten zu lassen und Sichtweisen abzufragen. Das kann sich inhaltlich auf grundlegende Themen beziehen wie ein gemeinsames Erarbeiten von Regeln oder eines Verhaltenskodexes bis hin zu einem digitalen Kummerkasten, der eine anonyme, niedrigschwellige Feedback-Möglichkeit eröffnet. Kostenfreie Tools , wie beispielsweise Flinga, Padlet oder Mentimeter, sind dafür ausreichend vorhanden, auch in kostenfreien Versionen, und können über Links oder QR-Zugangscodes geteilt werden.
Mut zur Lücke
Natürlich muss nun nicht alles digitalisiert werden. Auch stellt dies keine Voraussetzung dar, um gut, kreativ und auf Augenhöhe mit jungen Menschen arbeiten zu können. Gleichwohl ermöglichen uns Online-Tools und smarte Geräte eine angenehme und vielfältige Erweiterung der bestehenden Methoden und Arbeitsweisen, die junge Menschen oft einfach besser abholen und darüber hinaus noch die Prozesse der Fachkräfte vereinfachen und ergänzen können.
Digitale Aspekte im Schutzkonzept mitgedacht
Vom Grundgedanken ausgehend, dass die Intention des Schutzkonzeptes darin liegt, einen Beitrag zum Kinder- und Jugendschutz zu leisten, sowie Situationen, in denen das Kindeswohl gefährdet werden könnte, zu minimieren, wird nach den bisherigen Ausführungen deutlich, dass dies nur mit einer guten Mischung aus analogen Ansätzen und digitalen Komponenten gelingen kann. Infolgedessen muss auch ein institutionelles Schutzkonzept genau diese Überlegungen bedienen und darf digitale Aspekte nicht ausklammern. Das meint nicht, dass bestehende Konzepte ad acta gelegt werden sollten, sondern auf ihre Tauglichkeit hin überprüft gehören, ob sie diesen Ansprüchen gerecht werden. Ist dies nicht der Fall, lohnt sich eine Überarbeitung mit der Fragestellung, wie bestehende Punkte um den Blickwinkel auf digitale Inhalte erweitert werden können.
Eine große Herausforderung liegt häufig darin, dass sich auch in der Praxis bisher noch zu selten mit diesen Themen auseinandergesetzt und Digitalität in der täglichen Arbeit ausgeklammert wurde. Doch was im ersten Moment strapazierend bis überfordernd wirken mag, lässt sich letztlich mit etwas Kreativität unkompliziert lösen.
Risiko- und Potenzialanalyse
Bei der Überlegung nach potenziellen den Kinder- und Jugendschutz gefährdenden Räumen sowie Abläufen ist der Schritt weg von rein analogen Gegebenheiten zu Online-Umgebungen naheliegend und leicht gehbar.
Die Fragestellungen, wo sich Teilnehmer*innen unwohl fühlen oder gar in problematischen Situationen wiederfinden könnten, werden nun auch auf Begegnungen und Interaktionen in virtuellen Welten gedacht:
- Wie findet Kommunikation zwischen Gleichaltrigen statt?
- Wo treffen junge Menschen dort auf Erwachsene, möglicherweise ja sogar Unterrichtende?
- Welche altersunangemessenen oder problematischen Inhalte können unter Umständen auf Geräten der Einrichtung konsumiert werden? […]
Doch auch die Frage nach Potenzialen ist sich zu stellen:
- Wo und wie können Kinder und Jugendliche mit dem Einsatz mobiler Endgeräte gestärkt und informiert werden?
- Wie kann Einsatz dieser gezielt zu den bereits erwähnten präventiven Ansätzen führen? […]
Verhaltenskodex
Ähnlich verhält es sich mit der Digitalisierung des Verhaltenskodex‘. Analog zu einer Grundhaltung, in der die Arbeit gegenüber Kindern und Jugendlichen beschrieben und verbindlich festgehalten wird, muss auch eine Positionierung zu Digitalem erarbeitet und eingenommen werden. Wie wird die Einbindung virtueller Inhalte in Angeboten bewertet? Ist die Verwendung von Social Media gewinnbringend? Und was geschieht mit mobilen Endgeräten während der Zeit eines Workshops?
Fazit
Um junge Menschen auch weiterhin gut begleiten und begeistern zu können, braucht es neben bewährten Angeboten und Praxen auch den Mut, sich auf neue Herangehensweisen und Inhalte einzulassen. Mit Verschlossenheit und Ablehnung darauf zu reagieren sowie die mittlerweile selbstverständliche Digitalität des Alltags junger Menschen nicht anzuerkennen und in die gemeinsame Arbeit zu integrieren, bedeutet die Ablehnung jugendlicher Realitäten.
Gleichwohl es möglicherweise ein Mehr an Flexibilität sowie das Eingeständnis bedeutet, unter Umständen von der Lehrenden- in eine Lernenden-Rolle wechseln zu müssen, sollte das enorme Potenzial digitaler Inhalte als Benefit angenommen werden. Digitale Aspekte können durch ihre Vielfalt einen bereichernden Beitrag zu Prozessen der Kulturellen Bildung leisten. Diese Chance sollte mit einer Portion Mut und Offenheit ergriffen werden.
Mit Verschlossenheit und Ablehnung darauf zu reagieren sowie die mittlerweile selbstverständliche Digitalität des Alltags junger Menschen nicht anzuerkennen und in die gemeinsame Arbeit zu integrieren, bedeutet die Ablehnung jugendlicher Realitäten.