Die Signale des Körpers lesen: Wie Tanz Kindern hilft, Grenzen zu setzen
Im Gespräch mit Jana und Nina sowie Mara Atkins, Tanz- und Theaterpädagogin am FELD-Theater für junges Publikum, Berlin
Im Gespräch mit Jana und Nina sowie Mara Atkins, Tanz- und Theaterpädagogin am FELD-Theater für junges Publikum, Berlin
Jana: Unsere Erzieherin in der Ganztagesgruppe an der Schule hat davon erzählt und gesagt, dass sie auch dabei sein würde. Mara kannte ich aus einem anderen Projekt. Deshalb wollte ich gerne mitmachen.
Mara Atkins: Uns war wichtig, dass zwei Vertrauenspersonen dabei sind, damit wir auch auffangen können, was an Erlebnissen und Gefühlen hochkommen könnte.
Nina: Dass es etwas mit Tanzen und Bewegung zu tun hat, wusste ich erst nicht, ich dachte, wir reden nur darüber.
Nina: Zu Beginn konnten wir immer fünf Minuten schreiben, was uns bedrückt, man sollte nur den Stift beim Schreiben nicht absetzen.
Jana: Das war cool, nicht darauf hören zu müssen, was ich schreiben soll, wie in der Schule, und zu schreiben, was ich wollte, ohne nachzudenken.
Nina: Dann muss man nicht mehr alles im Kopf tragen, wenn man es aufschreibt.
Mara Atkins: Wir haben das „Leerschreiben“ genannt.
Jana: Eine andere Übung war „Durch den Raum führen“. Eine Person hatte die Augen zu und jemand anderes hat sie an den Schulterblättern gefasst und geführt. Vorher musste man fragen: „Ist es okay, wenn ich dich anfasse?“ Die Person, die führte, durfte nichts Verletzendes machen, zum Beispiel die andere Person gegen eine Wand führen. Die geführte Person musste vertrauen.
Nina: Gelenkt zu werden, war ein bisschen komisch und gruselig, weil man ja nicht wusste, wohin es geht. Ich habe mich glücklich gefühlt, wenn ich selbst eine andere Person geführt habe.
Jana: Ja, da fühlt man sich verantwortungsvoll, weil man das Vertrauen der anderen Person hat. Einmal waren wir auch alle eine Puppe, die jeder bewegen konnte. Das war anstrengend und lustig.
Nina: Aber es war auch komisch und ungewohnt, eine Person so bewegen zu können, dass ich bestimme, was die andere Person macht.
Mara Atkins: Der Gedanke hinter diesen und anderen Übungen ist, ein Gefühl oder ein Erlebnis nicht nur kognitiv zu bearbeiten, sondern es im Körper zu spüren. Zum Beispiel: Jemand kommt mir entgegen, wenn wir uns durch den Raum bewegen– wie fühlt sich das an? Oder: An welchem Platz im Raum sagt der Bauch, dass sich das sicher anfühlt – egal, ob der sichere Ort unter dem Tisch ist oder in einer Ecke. Es geht darum, sich immer wieder neu auf den eigenen Körper zu beziehen und diese Information nutzen zu können, um sich selbst zu schützen.
Nina: Ich habe herausgefunden, dass ich nicht laut schreien kann.
Mara Atkins: Dein Schrei war versteckt, den mussten wir erst suchen, aber als wir ihn gefunden hatten, wurdest du ganz laut. Man muss üben, „Nein“ zu sagen oder „Stopp“, und dafür braucht man den Körper.
Nina: Es wurde auch immer Musik gespielt, da konnten wir uns bewegen, wie wir wollten. Daher weiß ich, dass ich tanzen kann. Wenn ich vorher auf einem Geburtstag war und wir sollten zum Beispiel Stopp-Tanzen, dann war mir das immer ein bisschen peinlich. Die meisten anderen Mädchen gehen zu einer Tanzschule und können das viel besser, aber bei Mara habe ich gelernt, dass ich das einfach machen kann und mich dafür nicht schämen muss.
Mara Atkins: Bei Tanz- und Theaterpädagogik geht es immer auch darum, in Bewegung zu bleiben, damit Gedanken und Gefühle sich nicht festsetzen können, wenn sie aufkommen.
Jana: Ich würde jetzt nicht sagen, dass es bei Jungs gar nicht vorkommt, die Chance ist vielleicht geringer, dennoch kann ich es mir zum Beispiel vorstellen, dass ein erwachsener Mann einen Jungen anfasst.
Nina: Ich selbst habe mich wohler bei den Mädchen gefühlt, als wenn ich das in einer gemischten Gruppe gemacht hätte. Zum Beispiel hat einmal ein Mädchen etwas erzählt, von dem sie nicht wollte, dass es weitergegeben wird.
Jana: Das hätte man in einer größeren Gruppe auch nicht erzählen können. Das war krass, was ihr da passiert ist, ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass es wirklich Menschen gibt, die so etwas machen würden.
Mara Atkins: Für die Jungen stand anhand von anderen Beispielen, über die wir gesprochen und praktisch gearbeitet haben, nicht nur die Frage im Raum, warum Leute das machen, sondern auch: Warum sind es oft Männer? Das war ein schweres Thema für sie als Heranwachsende in einem männlich gelesen Körper.
Nina: Wenn ich auf meinem Schulweg aus dem Haus raus gehe, sind es drei Minuten bis zur nächsten Ecke. Außer mir ist nie jemand auf dem Weg. Man kommt bei einem Park vorbei, da sind manchmal betrunkene Leute. Deswegen gucke ich immer so fünf, sechs Mal hinter mich, ob jemand hinter mir ist. Einmal hat ein Betrunkener laut auf den Zaun zum Park geklopft, als ich vorbeigegangen bin, das hat mir Angst gemacht.
Jana: Auf meinem Schulweg ist ein Sportplatz, dort sind Leute, die konsumieren Drogen. Dort mag ich nicht vorbeigehen. Die Menschen benehmen sich komisch, weil der Alkohol und die Drogen ja etwas mit ihnen machen. Manchmal kommen welche von ihnen auf meine Straßenseite – dann laufe ich schneller und versuche, mich an andere Menschen anzuschließen.
Jana: Ich weiß jetzt, was ich machen könnte, wenn ich mich bedroht fühle: nach Hilfe rufen oder an andere Menschen anschließen, in ein Geschäft gehen. Man kann auch „Feuer“ schreien, dann hören mehr Menschen zu. Denn es gibt ja auch welche, die sind nicht so nett, die juckt das nicht, wenn ein Kind um Hilfe bittet, aber bei „Feuer“ hören sie hin.
Nina: Ich habe mehr Selbstvertrauen. Das ist wichtig, wenn zum Beispiel jemand auf mich zukommt und mit mir reden will und ich das gerade nicht will, dann braucht man das, um zu sagen: „Ich möchte das nicht und will in Ruhe gelassen werden.“ Oder beispielhaft ausgedacht: Wenn meine Mutter will, dass ich etwas anziehe und ich das nicht will, zum Beispiel, weil ich es nicht schön finde, habe ich gelernt, dass ich es entscheiden soll und nicht sie.
Mara Atkins: Die Botschaft ist: Mein Körper ist meiner. Das haben wir auch am Beispiel von Alltagssituationen thematisiert, etwa, wenn man abends ins Bett gebracht wird, will man auch nicht immer eine Umarmung. Wie sich etwas körperlich anfühlt, kann man auf etwaige Gefahrensituationen übertragen
Nina: Wenn ich im Unrecht stehe, wenn ich mit einem Erwachsenen streite und diskutiere, und ich weiß es nicht besser, dann würde ich mir wünschen, dass die Person mich nicht anschreit, sondern ruhig sagt, was nicht funktioniert.
*Namen von der Redaktion geändert
Text und Interview: Julia Göhring