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Den Ganztag schafft niemand alleine: Ein Plädoyer für kinderbasierte Angebote, Kooperation und Netzwerk
Interview

Den Ganztag schafft niemand alleine: Ein Plädoyer für kinderbasierte Angebote, Kooperation und Netzwerk

Im Gespräch mit Dr.in Judith Adamczyk, AWO Bundesverband e. V.

veröffentlicht:
Thema
Schule
Schlagworte
Ganztag • Schule

Ganztagsausbau funktioniert nicht ohne eine Vielzahl unterschiedlicher Akteure. Im Gespräch erklärt Dr.in Judith Adamczyk, warum Netzwerke im Ganztag aktiv gestaltet werden müssen – und warum die Kinderperspektive dabei immer im Mittelpunkt steht.

Dr.in Judith Adamczyk ist Referentin für Bildung und Erziehung und Tageseinrichtungen für Kinder beim AWO Bundesverband e. V.

Was macht für Sie einen guten Ganztag aus?

Bei der AWO setzen wir uns für Teilhabe, Partizipation und einer selbstbestimmten und eigenverantwortlichen Entwicklung ein. Daher ist für uns auch im Ganztag wichtig, dass die Kinderperspektive eingenommen wird. Ein guter Ganztag lebt davon, dass wir uns überlegen: Was benötigen Kinder, wie muss der Ganztag kinderrechtebasiert ausgestaltet werden? Wir wissen aus der Forschung der letzten Jahre, was sich Kinder wünschen – und das geht einher mit dem, was sich auch Fachkräfte wünschen. Sie wollen Zeit für die pädagogische Arbeit mit den Kindern haben. Die Kinder wollen gleichzeitig stabile Beziehungen mit ihren Bezugspersonen, aber auch Zeit mit ihren Freund*innen. Und wir wissen, dass ein guter Ganztag am Sozialraum der Kinder orientiert sein sollte: In welchem Umfeld bewegt sich ein Kind? Welche Angebote gibt es in diesem Umfeld? Wie sieht es mit Naturerkundung aus? Wenn wir dann noch daran denken, dass Schule auch als Lebensort für die Kinder angesehen werden soll, mit entsprechenden Rahmenbedingungen – genug Personal, klarer Koordination, ausreichend Räumen, einem Mittagessen, das unter angemessenen Bedingungen stattfindet – dann hätten wir schon viel gewonnen.

Ein guter Ganztag lebt davon, dass wir uns überlegen: Was benötigen Kinder?

Dr.in Judith Adamczyk

Wen erreicht der Ganztag bisher – und wen nicht?

Wir wissen, dass die Teilhabe am Ganztag noch sehr ungleich verteilt ist. Kinder aus bildungsbenachteiligten Familien erhalten seltener einen Platz oder setzen ihren Bedarf seltener durch – dabei würden genau diese Kinder am häufigsten von guten Angeboten profitieren, sowohl was schulische Leistung als auch soziale Teilhabe angeht. Als AWO haben wir uns deshalb auf den Weg gemacht, das Thema Armutssensibilität im Ganztag stärker zu positionieren. Wir haben dazu eine Ergänzungsstudie in Auftrag gegeben, die zeigt: Gute Ganztagsangebote, die einen armutssensiblen Blick haben, werden von Familien in benachteiligten Lebenslagen als echtes Unterstützungssystem wahrgenommen. Der Ganztag kann ein Lebensort sein – nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Familie als Ganzes. Wenn mein Kind gefördert und betreut wird, wenn die Familie zeitliche Ressourcen bekommt, um der Erwerbstätigkeit oder Weiterbildung nachzugehen, und wenn sie weiß, da ist ein Ort, der uns auffängt – dann stärkt das auch gesellschaftliche Teilhabe und letztendlich Demokratie.

Die AWO ist selbst Träger vieler Ganztagsangebote. Was verändert der Rechtsanspruch für Sie als Verband konkret?

Wir müssen uns als Träger neu aufstellen. Ich glaube, wir sind alle in der Verantwortung, diesen Ganztag jetzt neu zu gestalten − gemeinsam. Die entscheidende Frage ist: Wer verantwortet den ganzen Tag? Welche Kooperationspartner müssen an Bord geholt werden, welche Netzwerke müssen festgelegt, bearbeitet und gelebt werden? Die Position, die wir als AWO einnehmen, ist, dass wir die Lobby für die Kinder und die Stimme für die Ganztagsangebote sind, also für die Mitarbeiter*innen, für die Träger. Das heißt, wir wollen die Bildungsbedingungen verbessern und einen gesamtgesellschaftlichen Blick einnehmen – und das auf allen Ebenen: Bundesebene, Länderebene, kommunale Ebene und letztendlich vor Ort, in der jeweiligen Schule oder im jeweiligen Hort. Wir als Wohlfahrtsverband sind in der Verantwortung, auf all diesen Ebenen einen guten, Ganztag entweder auszugestalten oder zu fordern.

Wie organisieren Sie diese Arbeit über so viele Ebenen hinweg?

Über Wissensvermittlung: Auf Bundesebene haben wir Arbeitskreise und Netzwerktagungen, wo wir länderübergreifend die Kolleg*innen aus unterschiedlichen Systemen zusammenbekommen. Auf Landesebene laufen dieselben Diskussionen nochmal gezielter mit den Ministerien. Und vor Ort finden gemeinsame Treffen statt. Dabei sind wir natürlich nicht alleine als AWO – wir sind im Netzwerk mit anderen Wohlfahrtsverbänden oder mit den Gewerkschaften. Ich habe das Gefühl, dass diese Netzwerke mehr und mehr in die Fläche kommen. In den Ländern haben sich Serviceagenturen und Unterstützungssysteme gebildet, die die Qualitätsentwicklung im Ganztag begleiten. Das ist eine gute Entwicklung.

Was braucht es, damit Netzwerke stabil bleiben?

Netzwerke agieren nicht einfach so vor sich hin – sie müssen bearbeitet werden, und da stehen Menschen dahinter, da steht Zeit dahinter. Wir kommen alle nicht umhin, in Netzwerken zu arbeiten, weil niemand den Ganztag alleine schafft, weder vor Ort noch als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Und gleichzeitig fehlt es manchmal an Zeit und an finanziellen Mitteln, um Netzwerke arbeitsfähig und stabil zu halten. Was wir im Ganztag ganz oft gespiegelt bekommen: Wenn guter Ganztag gelingt, dann ist er oft stark von Einzelpersonen abhängig – zum Beispiel einer Schulleitung, die das wirklich gut machen möchte. Das verdient Anerkennung, ist aber ein extrem anfälliges Konstrukt. Was passiert, wenn diese Person ausfällt oder wechselt? Deswegen müssen wir uns überlegen, wie wir Netzwerke stabil halten, indem wir Kooperationen gesetzlich verankern und mit Ressourcen stützen. Also zum Beispiel Zeitfenster schaffen, damit Fachkräfte im Ganztag die Möglichkeit haben, in Netzwerken zu arbeiten und zu schauen, was an der Schule nebenan passiert.

Wir kommen alle nicht umhin, in Netzwerken zu arbeiten, weil niemand den Ganztag alleine schafft, weder vor Ort noch als gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Dr.in Judith Adamczyk

Welchen Stellenwert hat Kulturelle Bildung im Ganztag aus Ihrer Sicht?

Kulturelle Angebote sind im Ganztag ganz wesentlich, insbesondere wenn wir die Kinderperspektive einnehmen. Tanz, Chor, Musik, Theater – das sind Themen, die bei Kindern sehr gut ankommen und gerne gewählt werden. Den Stellenwert müssen wir gar nicht diskutieren, der wird von allen gesehen. Und gleichzeitig befinden wir uns in einer Art Konkurrenzsituation verschiedener Felder: Wir haben Sportangebote, die im Ganztag agieren wollen. Wir haben schulische Angelegenheiten wie Hausaufgaben oder Förderangebote. Und in diese Gemengelage muss auch die Kulturelle Bildung eingeordnet werden. Das kann nur vor Ort gelöst werden, und genau da setzen Netzwerke und Kooperationen an: Was ist da? Welche Personen sind da? Welche Angebote können eingespeist werden? Das muss von der jeweiligen Schule und vom jeweiligen Anbieter gemeinsam erarbeitet werden.

Was empfehlen Sie kleineren Trägern oder externen Partnern aus der Kulturellen Bildung konkret?

Vernetzung vor Ort schaffen! Schauen Sie, wo Sie gut andocken können mit Ihren Themen. Die Serviceagenturen in den jeweiligen Ländern können da ein Anknüpfungspunkt sein, oder kommunale Verbünde. Nicht nur am eigenen Standort bleiben, sondern wirklich schauen: Welche Partner habe ich hier? Mit wem kann ich arbeiten? Und dann die Verbindung mit dem Schulteam, der Schulleitung suchen, um gemeinsam zu überlegen, welche Angebote konzipiert werden können, was es dafür braucht und wie das in die Schulentwicklung einfließen kann. Wir müssen auch noch stärker schauen, wie wir Ganztagsangebote in die kommunale Bedarfsplanung integrieren und als festen Bestandteil sehen. Das ist ein wichtiger Hebel.

Interview: Ann-Christine Pilder