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- Kommunales Bildungsmanagement • Kooperation • Ländliche Räume
Dominik Eichhorn ist Bereichsleiter Kooperation und Bildung der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ).
Sabrina Schleicher ist Referentin in der Fachstelle Kulturelle Bildung für kommunales Bildungsmanagement der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ).
Kulturelle Bildung ermöglicht politische und kulturelle Beteiligung. Sie fördert kreative Ausdrucksformen, stärkt soziale Kompetenzen und ermöglicht allen Menschen, ihre Umwelt aktiv mitzugestalten. Sie unterstützt insbesondere „junge Menschen dabei, Kritikfähigkeit, Selbstbewusstsein, Toleranz und Verantwortungsbereitschaft zu entwickeln“ (BKJ 2015/2020: 5). Gerade in ländlichen Räumen ist es herausfordernd, solche Bildungsangebote für alle Kinder und Jugendlichen gleichsam zugänglich zu machen. Wenn Kultureinrichtungen und Angebote der Kulturellen Bildung weit verstreut und mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur schwer erreichbar sind, haben oft nur jene einen Zugang, deren Eltern bzw. private Netzwerke über die zeitlichen und finanziellen Ressourcen verfügen, die Kinder und Jugendlichen zu den Angeboten zu bringen. Eine nachhaltige Integration Kultureller Bildung in die lokalen Bildungslandschaften kann dafür sorgen, diesen Herausforderungen zu begegnen. Die bildungspolitische Herausforderung der letzten und kommenden Jahre, der nahende Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung, könnte hierbei ein katalysierender Moment werden.
Ganztag als Raum für Bildungs- und Teilhabegerechtigkeit
Der Ausbau von Ganztagsschulen zielt darauf ab, mehr Bildungsgerechtigkeit zu erlangen und die Chancenungleichheit zu reduzieren. Für Kommunen in ländlichen Räumen eröffnet eine strukturelle Einbindung von Kultureller Bildung in Ganztagskonzepten besondere Potenziale: für die Schulen und die Schüler*innen, für diejenigen, die sich vor Ort für Kulturelle Bildung engagieren, genauso wie für die Bildungslandschaft und die Engagierten. Wie der Datenreport „Zivilgesellschaft und Bildung. Bürgerschaftliches Engagement in kommunalen Bildungslandschaften“ (Priemer et al. 2024) zeigt, ist Zivilgesellschaft ein besonders wichtiger Bildungsakteur: Über 50 Prozent der zivilgesellschaftlichen Organisationen bieten Lern- und Bildungsangebote an (ebd.: 12), von denen 38 Prozent im Bereich Kultureller Bildung angesiedelt sind (ebd.: 13). Diese Akteure in den Ganztagsausbau einzubinden, erweitert die Angebotsmöglichkeiten gerade in ländlichen Räumen enorm.
Schlüsselrolle der Kommunen beim Ausbau kultureller Ganztagsbildung
Kommunen nehmen sowohl als Partner bei der Entwicklung von Ganztagskonzepten als auch bei der Gestaltung von Bildungslandschaften eine Schlüsselrolle ein. Sie agieren an der Schnittstelle zwischen Schule, Ganztagsträger und außerschulischem Bildungspartner und haben die Möglichkeit, Netzwerke aufzubauen und Kooperationen zu unterstützen. Dass diese Stärkung der lokalen Netzwerke mit einem Fokus auf den Ganztag gelingen kann, haben viele Kommunen für sich erkannt. Durch ihre Gestaltungskraft im Bereich der Bildung haben sie in ihren Bildungslandschaften „ein großes Potenzial, Ganztag auch unabhängig von schul- oder hortzentrierten Modellen zu gestalten“ und „sozialräumlich, lebensweltlich und an den Interessen junger Menschen orientiert“ (BKJ 2023: 78) zu denken. Der Ganztag stellt dabei eine fruchtbare Kooperationsfläche mit unterschiedlichsten Akteuren Kultureller Bildung dar.
Kulturelle Bildung bringt spezifische Mehrwerte für den Ganztag mit sich: Angebote Kultureller Bildung erweitern das Spektrum an Bildungsangeboten um kreative, künstlerische und mediale Ausdrucksformen, die schulisch oft nicht abgedeckt werden können. Die Einbindung Kultureller Bildung ermöglicht zudem die Nutzung außerschulischer Lernorte und verankert kulturelle Institutionen im Alltag junger Menschen. So werden die Angebote auch für jene zugänglich,
die etwa aufgrund eingeschränkter Mobilität ausgeschlossen wären.
Ganz gleich wie Kooperationen im Ganztag umgesetzt werden, sollte die Kommune darauf achten, beide Seiten „in ein produktives und offenes Miteinander zu bringen“, (BKJ 2015/2020: 23f) ohne die jeweiligen Stärken und Besonderheiten von schulischer und außerschulischer Bildung aus dem Blick zu verlieren: „Es ist entscheidend, dass kulturelle Bildungsangebote auf Augenhöhe mit schulischen Lerninhalten stehen und die Träger Kultureller Bildung ihre Expertise in die Ganztagsgestaltung einbringen können“ (Eichhorn 2024: 12). Hierbei gilt es „Angebotsmöglichkeiten für nicht-hierarchische, ergebnisoffene Prozesse einzubinden und den Spagat zwischen Schul-Nähe und Schul-Abgrenzung im Ganztag zum Gelingen zu bringen“ (BKJ et al. 2022:2). Die Moderation und Steuerung durch die Kommunen sind wichtig, „um die Qualität der Angebote strukturell zu verankern. Die gegenseitige Wertschätzung, gemeinsame Bildungsziele, Transparenz, die Öffnung in den Sozialraum, die Verankerung der Kooperationen auf Leitungsebene und Diversitätsbewusstsein sind nur einige Gelingensbedingungen“ (Eichhorn 2024: 14).
Schritte zur erfolgreichen Verankerung Kultureller Bildung im Ganztag
Für Kommunen, die Kulturelle Bildung im Ganztag verankern wollen, empfiehlt sich ein strukturiertes Vorgehen. Nach einer Bestandsaufnahme der lokalen Bedarfe müssen für alle Akteure verbindliche Kooperationsstrukturen geschaffen werden. Als Basis sollte ein gemeinsames Verständnis Kultureller Bildung erarbeitet werden. Wichtige Schritte sind regelmäßige Netzwerktreffen, das Bereitstellen einer kommunalen Ansprechperson für das gesamte Netzwerk Kultureller Bildung vor Ort sowie die Bündelung und Bereitstellung von Ressourcen. Wer partizipativ Leitlinien für die Umsetzung qualitativer kultureller Bildungsangebote im Ganztag diskutiert hat, kann Herausforderungen begegnen und seine Konzepte erfolgreich weiterentwickeln. Wichtig ist es, dass jede Seite mit ihren Perspektiven auf Kulturelle Bildung ernstgenommen wird, und dass auch die Förderung der Kulturellen Bildung jenseits von Schule mitgedacht wird. „Dazu gehören kulturpädagogische Projektgruppen und Initiativen, wie Rockbands oder Theaterfestivals, Jugendzentren mit kulturellem Schwerpunkt, Kulturvereine, soziokulturelle Zentren, Musik- und Jugendkunstschulen sowie Einrichtungen der Hochkultur wie Opernhäuser und Stadttheater” (Hübner 2019: 184f).
Potenziale des Ganztagsausbaus mit Kultureller Bildung
Die Einbindung von Angeboten non-formaler Kultureller Bildung in die Ganztagskonzepte birgt für Kommunen in ländlichen Räumen vielfältige Vorteile: Ganztägige Schulkonzepte mit hochwertigen kulturellen und weiteren Bildungsangeboten sind für Familien attraktiv und beeinflussen, wo Familien leben wollen. Ein solcher Standortvorteil kann die gesamte Bildungslandschaft aufwerten und ist gerade in ländlichen Räumen, die mit demografischen Herausforderungen konfrontiert sind, bedeutsam. Kommunen können ihren Auftrag, Bildungsungleichheiten abzubauen und Teilhabemöglichkeiten zu erweitern, einlösen. Zudem eröffnet die Einbindung der lokalen Kulturakteure in den Ganztag den Kommunen neue Möglichkeiten, um ihr Netzwerk und die Kooperationspraxis für Kulturelle Bildung in der Bildungslandschaft auszubauen.
Auch für Schulen ist der Ganztagsausbau mit Kultureller Bildung ein Gewinn: „Angesichts des Fachkräftemangels kann die Expertise der vielfältigen Akteure der Kulturellen Bildung wertvolle Impulse für die Gestaltung von Ganztagsangeboten liefern“ (Eichhorn 2024: 13). Auf Kooperationen mit außerschulischen Kulturakteuren zu setzen, bedeutet „künstlerische, kulturelle und mediale Praktiken im Ganztag“ anbieten zu können, „die niemand im Kollegium anbieten kann“ (BKJ 2023: 20). Durch Kooperationen mit dem örtlichen Theater, Musikschule und Kunstverein entstehen kreative Nachmittagsangebote wie Theater-AGs, Hip-Hop-Workshops oder Graffiti-Projekte für junge Menschen, die nicht nur Teilhabe fördern, sondern auch soziale Kompetenzen und Selbstbewusstsein stärken. Werden in den Konzepten auch außerschulische Lernorte mitgedacht, erweitert dies „das Raumangebot der Schulen und macht Kinder und Jugendliche mit den kulturellen Einrichtungen […] an ihrem Wohnort vertraut“ (ebd.: 21).
Für die Akteure der Kulturellen Bildung bieten Ganztagskooperationen die Chance, viele Kinder und Jugendliche zu erreichen, was gerade in ländlichen Räumen mit eingeschränkter Mobilität von großer Bedeutung ist. Zivilgesellschaftliche Bildungsorganisationen kooperieren mit „Schulen und Kommunalverwaltungen vor allem, um gemeinsame Ziele besser zu erreichen und Projekte umzusetzen, die allein nicht realisierbar wären. Der Zugang zu Zielgruppen ist ein zentraler Grund für Kooperationen, insbesondere mit Schulen (76%). Zudem wird durch die Zusammenarbeit die öffentliche Wahrnehmung verbessert, besonders in Kooperationen mit Schulen (61%) und Kommunalverwaltungen (55%). Weitere Vorteile sind die Nutzung von Räumlichkeiten und der Zugang zu Wissen und Informationen“ (Priemer et al. 2024: 29).
Fazit
Durch die gezielte Förderung von Kooperationen mit Akteuren Kultureller Bildung im Ganztag können Kommunen im ländlichen Raum ihre Attraktivität als Bildungsstandort steigern, kulturelle Vielfalt fördern und einen wichtigen Beitrag zur ganzheitlichen Bildung und Persönlichkeitsentwicklung der jungen Menschen in ihrer Gemeinde leisten. Der Ausbau von Ganztagskonzepten mit Kultureller Bildung wird damit zu einem zentralen Element kommunaler Bildungslandschaften, in denen sich formale und non-formale Bildungsprozesse gegenseitig befruchten und stärken. Es ist jedoch wichtig, dass auch weiterhin die Strukturen Kultureller Bildung außerhalb des Ganztages durch die Kommunen gestärkt und finanziell abgesichert werden. „Dies entspricht auch dem im SGB VIII verankerten Gedanken der Pluralität von Angeboten und Trägern und v. a. dem Wunsch- und Wahlrecht. Gelingende Ganztagsbildung findet auch statt, wenn junge Menschen für sich selbstorganisiert entscheiden, ihre Zeit bewusst außerhalb der Schule, z. B. in den Angeboten der Kinder- und Jugendarbeit, zu verbringen“ (BKJ et al. 2022: 3).
Dieser Beitrag ist erstveröffentlicht in „Guter Ganztag für alle überall. Kommunale Steuerungsmöglichkeiten“ (2026) der REAB Niedersachsen/Transferinitiative für kommunales Bildungsmanagement.
Literatur
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