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Position

Kulturelle Bildung an und mit Schulen − Jetzt erst recht!

Diskussionspapier

18.06.20

Mehr denn je brauchen Kinder und Jugendliche gerade heute kulturelle Kinder- und Jugendbildung – in der Schule, neben der Schule und v. a. in größtmöglicher Vielfalt. Und stärker denn je sind gesamtgesellschaftliche Anstrengungen für mehr Bildungsgerechtigkeit gefordert.

Die Auswirkungen der Corona-Krise auf die junge Generation werden noch langfristig wirken und haben erhebliche strukturelle Probleme an der Schnittstelle zwischen Bildungs-, Jugend- und Kulturarbeit aufgezeigt.

Der Fachausschuss Kooperationen und Bildungslandschaften der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ) nimmt dies zum Anlass, in einem Diskussionspapier für eine grundlegend neue kooperative Verankerung Kultureller Bildung im schulischen Umfeld einzutreten.

Kinder und Jugendliche brauchen Kulturelle Bildung – gerade jetzt! Die Corona-Krise ist eine Chance, Kooperationen neu zu denken und in Bildungsangebote nachhaltig zu investieren.

Massiver Eingriff in den Alltag und die Rechte von Kindern und Jugendlichen

Für Kinder und Jugendliche waren die letzten Monate ein massiver Eingriff in ihren Alltag und in ihre Teilhabe- und Bildungschancen: Sie wurden über Wochen zu vollständiger Isolation von Freund*innen und Teilen der Familie aufgefordert, fast alle bisherigen Freizeitaktivitäten mussten eingestellt werden. In dieser für alle herausfordernden Situation fanden die Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen nur wenig Beachtung, über sie wurde in erster Linie als zu Unterrichtende gesprochen oder insofern, als fehlende Betreuung ihre Eltern von der Arbeit abhielt.

Gerade in psychisch belastenden Zeiten sind Angebote Kultureller Bildung essentiell. Kinder und Jugendliche brauchen Plattformen des Austauschs und der Verarbeitung, sie brauchen Ausdrucksmöglichkeiten und andere Zugänge, gedankliche Freiräume und kreativen Ausgleich. Persönlichkeitsbildung im Krisenhorizont kann und muss über den Tag hinaustragen: Aushalten von Ungewissheit, Souveränität und Haltung lernt man nicht allein im Modus des Notabiturs. Kulturelle Bildung verfügt über Themen, Methoden und Ressourcen (u. a. kleine Gruppen, flexible Strukturen, Hybridangebote), die das Potenzial haben, Bildung als nachhaltigen Wirkimpuls krisenfest zu fundieren.

Großer Mangel an Angeboten Kultureller Bildung

Fast drei Monate waren alle Schulen, Kultur-, Jugend- und Bildungseinrichtungen in Deutschland aufgrund der behördlichen Anordnungen in der Corona-Krise geschlossen bzw. Präsenzangebote nicht möglich. Jetzt öffnen diese Einrichtungen und Angebote schrittweise wieder. In den Schulen ersetzt eine Kombination aus Präsenzunterricht und Distanzlernen – wahrscheinlich bis in das neue Schuljahr hinein – die bisherigen Modelle.

Viele Schulen haben sich im Bemühen, den Umfang der Aufgaben zu reduzieren und ein Grundangebot aufrechtzuerhalten, in dieser Zeit und auch jetzt auf die sogenannten Kernfächer beschränkt. Angebote der Kulturellen Bildung und damit Angebote, sich mit dem eigenen Erleben auf anderer Ebene auseinanderzusetzen, wurden kaum vorgehalten, weder im Rahmen der künstlerischen Schulfächer noch durch die Kooperation mit außerschulischen Partner*innen.

Bundesweit haben in dieser Zeit die außerschulischen Träger versucht, Kontakte zu Kindern und Jugendlichen aufrechtzuerhalten oder erstmals anzubahnen – beispielsweise durch digitale kulturelle Bildungsangebote, die als Brücken in den wiederkehrenden Alltag angelegt waren, teils durch Angebote, die eine Bereicherung des aktuellen Alltags darstellen sollten. Hierin wurde viel Potenzial sichtbar und freigelegt. Diese Angebote erreichen bis heute aber nur einen Teil der Kinder und Jugendlichen.

Es erfolgte zudem in der Regel keine Abstimmung zwischen schulischen und außerschulischen Aktivitäten, um Erfahrungen auszutauschen und Ressourcen wirkungsvoll für Kinder und Jugendliche einzusetzen.

Wie Schule jetzt von Kultureller Bildung profitieren kann

Es ist davon auszugehen, dass sich die Situation der Schulen und außerschulischen Träger und auch die Situation von jungen Menschen und ihren Familien in näherer Zukunft nicht wieder normalisieren wird. Daher müssen jetzt die Planungen beginnen, wie Schule und Freizeitangebote im kommenden Schuljahr anders gestaltet werden können. Das bedeutet, das Zusammenwirken der Träger von Bildung, Erziehung und Betreuung (neu) zu justieren und vorhandene Erfahrungen mit Kooperation und Vernetzung zu nutzen. Ziel dabei ist, dass alle Kinder und Jugendlichen die Bildungsangebote erhalten, die sie brauchen, unterstützen und ihren Interessen entsprechen:

  • Dabei muss Kulturelle Bildung von Anfang an als fester Bestandteil mitgedacht werden – als künstlerische Fächer und im Unterricht anderer Fächer, aber auch durch außerunterrichtliche Angebote. So können Kulturorte und -angebote beispielsweise eine Alternative sein an den Tagen bzw. zu den Zeiten, an denen Lerngruppen nicht in die Schule können.
  • Kooperationspartner*innen aus der Kulturellen Bildung können alleine oder mit schulischen Lehrkräften gemeinsam Angebote entwickeln und/oder umsetzen, die analoge und digitale Elemente kombinieren.
  • Träger der Kulturellen Bildung können dabei unterstützen, dass zusätzliche Angebote für diejenigen Kinder und Jugendliche geschaffen werden, die besonders von Benachteiligungen betroffen sind, um sie individuell zu unterstützen oder beispielsweise mit selbstständigem bzw. digitalem Lernen vertraut zu machen.
  • Sollte sich die Situation der Schulen erneut ändern, kann die Kulturelle Bildung darauf flexibel reagieren und die Angebote können dann entweder – wo nötig – wieder komplett in den digitalen Raum wandern oder – wo möglich – im persönlichen Kontakt fortgeführt werden.

Potenziale Kultureller Bildung für Kinderrechte und gegen Verregelung

Kulturelle Bildung kann Plattformen schaffen, um Teilhabe sowie Freiräume und Partizipation für Kinder und Jugendliche zu ermöglichen: Wir stehen vor der Frage, ob es einen Rollback in Richtung Verregelung, Fremdbestimmung und Pädagogisierung des Alltags von Kindern und Jugendlichen durch Erwachsene geben wird oder neue Wege gefunden werden. Hier können Träger Kultureller Bildung gemeinsam mit Schulen und weiteren Partnern in der Bildungslandschaft Konzepte entwickeln, die Kinder und Jugendliche konsequent an den Planungen und Umsetzungen beteiligen und echte, gleichberechtigte Bildungspartnerschaften eingehen. Das breite Spektrum außerschulischer Träger und Angebote der kulturellen Kinder- und Jugendbildung bietet die Gewähr für passgenaue Konzepte – in der Balance zwischen verlässlichen Angebotsstrukturen und der notwendigen Nichtpädagogisierung.

Jetzt gemeinsam Verantwortung übernehmen!

Die Corona-Krise hat Strukturschwächen freigelegt, deren Überwindung nach der Krise neue Ansätze und Allianzen ermöglicht, aber auch erfordert. Dies birgt in vielen Bereichen die Chance zur neuen und besseren Gestaltung. Dabei kommt folgenden Akteuren und Prozessen eine Schlüsselrolle zu:

Räume nutzbar machen
Schule öffnen bedeutet auch, ihre Räume für außerschulische Partner zu öffnen – für koedukative Konzepte am Vormittag und/oder für Fachkräfte und Träger am Nachmittag. Außerschulische Träger sollten nicht nur über die Schulpläne informiert werden, sondern mit ihnen gemeinsam sollten Angebote für die Lücken verabredet werden.

Vernetzungsstrukturen aktivieren
Lokale, kommunale und regionale Bildungsnetzwerke und -büros existieren vielfach – sie sollten gemeinsame pandemie-bedingte Konzepte entwickeln und dafür die Strukturen außerschulischer Kultureller Bildung ebenso wie Schulen in ihrer gesamten Vielfalt einbinden.

Ressortübergreifend denken und handeln
Öffnungs- und Schließungskonzepte erfolgen in der Regel ressort- und einrichtungsspezifisch. Für eine gemeinsame Strategie bedarf es einer verlässlichen und systematischen Abstimmung zwischen den für Kinder und Jugendlichen relevanten Fachämtern und -behörden untereinander sowie mit den zivilgesellschaftlichen Akteur*innen.

Bildungsgerechtigkeit fördern
Damit auch Kulturelle Bildung mehr zur Teilhabe beitragen kann, braucht es ein entsprechendes Bewusstsein und Handeln bei den Trägern selbst, aber auch eine gezielte Finanzierung solcher Anstrengungen.

Kurz- und mittelfristig, aber auch nachhaltig handeln
Bildung ist eines der zentralen Zukunftsthemen. Die Voraussetzung für Innovation und Wirksamkeit sind qualifizierte Fachkräfte, eine passende Infrastruktur sowie gezielte Entwicklungsimpulse.  

 

Kinder und Jugendliche brauchen Kulturelle Bildung – gerade jetzt! Die Corona-Krise ist eine Chance, Kooperationen neu zu denken und in Bildungsangebote nachhaltig zu investieren.

 

(c) (BKJ-Standard für geschütze WB-Inhalte)

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Zitiervorschlag

BKJ: Kulturelle Bildung an und mit Schulen − Jetzt erst recht!
https://www.bkj.de/kulturelle-schulentwicklung/wissensbasis/beitrag/kulturelle-bildung-an-und-mit-schulen-jetzt-erst-recht/
Remscheid und Berlin, .

    BKJ-Inhalt

    Typo: 366

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    Ihre Ansprechpartnerin
    Kerstin Hübner

    Leitung Kooperation, Bildung, Innovation

    Fon: +49 (0) 30 - 48 48 60 - 38Mail: huebner@bkj.de

     

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